Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/erneuerbare-energien-der-heimakku-als-baustein-in-der-energiewende-1804-133360.html    Veröffentlicht: 05.04.2018 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/133360

Erneuerbare Energien

Der Heimakku als Baustein in der Energiewende

Solarstrom an Netzbetreiber zu verkaufen, lohnt sich nicht mehr. Ein Heimakku zum Eigenverbrauch ist die bessere Alternative. Diese Speicher könnten helfen, Schwankungen im Stromnetz durch Elektroautos und erneuerbare Energiequellen auszugleichen.

Die Nachfrage nach Lithium-Ionen-Akkus dürfte in den kommenden Jahren noch stärker zunehmen. Daran ist das Elektroauto nur indirekt beteiligt. Wer in Deutschland Strom per Photovoltaikzellen erzeugt, erhält für die Einspeisung ins Netz eine EEG-Vergütung. Doch die Subvention laut Erneuerbare-Energie-Gesetz ist in den vergangenen Jahren von über 50 auf 12 Cent pro Kilowattstunde gesunken. Da ergibt es wenig Sinn, tagsüber Strom für 12 Cent zu verkaufen, um ihn nach Sonnenuntergang für über 30 Cent vom Stromanbieter zu erwerben. Die Lösung ist ein Heimspeicher in Form eines großen Lithium-Ionen-Akkus.

Tesla etwa bietet ein Powerpack für den gewerblichen und eine Powerwall für den privaten Bereich an. Tagsüber, wenn wenig Strom im Haushalt benötigt wird, speichert der Akku die Energie. "An einem guten Sommertag ist die Powerwall innerhalb von vier Stunden voll", sagt Thomas Ottillinger. Sein Tesla-Akku fasst 13,5 kWh aus der Photovoltaikanlage auf dem Dach. Die Solarzellen sind in Richtung Süden ausgerichtet, doch auf dem Toskana-Dach hat Ottilinger auch die Ost- und West-Seite mit Panelen bedeckt. "So erzeuge ich im Sommer bis 21 Uhr Energie", sagt Ottilinger.

Solarzellen erzeugen auch im Februar Strom

Sein Haus steht im Raum Augsburg. Selbst im Winter erzeugt die Anlage nennenswerte Strommengen. Im Februar waren es 251 kWh und damit circa 60 Euro Ersparnis auf die Stromrechnung. Ottilinger verkauft im Hauptberuf Benzin und Diesel. Für ihn kein Widerspruch. "Ich wollte mich nicht von Energielieferungen abhängig machen", begründet er seine Entscheidung für die Solarzellen.

2012 hat er das Einfamilienhaus gebaut und im vergangenen Sommer die Powerwall 2 installiert. Die kostet in der Anschaffung 6.200 Euro. Ein Wechselrichter, der aus dem Gleichstrom der Solarzellen Wechselstrom für das Hausnetz macht, ist bereits in der Powerwall enthalten. Hinzu kommen 570 Euro für ein sogenanntes Energy Gateway und durchschnittlich 1.700 Euro Installationskosten. Die Familie benötigt rund 13.000 kWh Strom pro Jahr, was zum größten Teil an der Wärmepumpe liegt, die das Haus beheizt. Ottillingers Ziel ist es, 70 Prozent der benötigten Energie durch die Kombination der Solarzellen (9,99 kWp Leistung) und der Speicherbatterie abzudecken. "Da verändert sich schon dein Nutzungsverhalten", sagt der Energiemanager. Anfänglich schaue man hundert Mal pro Tag auf die App, die den Stromfluss anzeige. Dann beginne man den Einsatz von Waschmaschine und Trockner anders, eben nach der Wettervorhersage, zu planen.

In Europa wurden 22.400 Heimakkus im ersten Halbjahr 2017 verkauft. Davon entfallen 75 Prozent auf Deutschland. Neuere Zahlen liegen noch nicht vor. Das Marktforschungsunternehmen EuPD Research aus Bonn ermittelt die Zahlen über Fragebögen bei den jeweiligen Anbietern. Danach hält Sonnen im Oberallgäu mit 23 Prozent Marktanteil Platz eins in Deutschland, gefolgt vom Osnabrücker Unternehmen E3/DC und dem südkoreanischen Batteriehersteller LG Chem. Tesla taucht in den Top Ten vom vergangenen Jahr weder in den Deutschland- noch in den Europa-Zahlen auf. Das kann daran liegen, dass viele Hausbesitzer erst die Verfügbarkeit der zweiten Powerwall im Sommer 2017 abgewartet haben. Genauere Absatzzahlen kommuniziert auch Tesla nicht.

Schröder war früher bei Tesla

Konkurrent Sonnen ist da schon anders - dort wird gern über das Geschäft gesprochen. Philipp Schröder, Geschäftsführer für Vertrieb und Marketing, ist im Markt kein Unbekannter. Der 35-Jährige hat bereits für diverse Erneuerbare-Energie-Unternehmen gearbeitet. Zwei Jahre lang führte er für Tesla die Geschäfte in Deutschland und Österreich. Nach seiner Rückkehr zu Sonnenbatterie hat sich das Unternehmen aus dem bayerischen Wildpoldsried wegen der internationalen Ausrichtung in Sonnen umbenannt.

Sonnen bietet Lithium-Eisenphosphat-Akkus mit Speicherkapazitäten von 4 bis 16 kWh zu Preisen ab 4.000 Euro an. Inzwischen sind weltweit 30.000 Akkus installiert und sowohl mit Solarzellen als auch Wärmepumpen und Blockheizkraftwerken verbunden. Dabei laufen die Informationen über sämtliche Energieflüsse in der Sonnen-Leitwarte zusammen. "Wir vernetzen Tausende Nutzer und Erzeuger von erneuerbaren Energien in unserer Sonnen-Community", sagt Schröder.

Intelligente Netzsteuerung und Akkus

Bläst in Norddeutschland der Wind, werden in Süddeutschland Sonnenbatterien gefüllt. So schafft das System einen Ausgleich bei größeren Energieschwankungen im Netz von Kooperationspartner Tennet. Sonnen verwendet dazu eine von IBM entwickelte Blockchain-Lösung auf Basis des Hyperledger Fabric. Die Blockchain sorgt für Transparenz und Überprüfbarkeit aller Transaktionen zwischen den Marktteilnehmern.

Das niederländische Unternehmen Tennet betreibt 22.000 km Hochspannungsleitungen und beliefert 41 Millionen Endverbraucher. In Deutschland ist Tennet der einzige Übertragungsnetzbetreiber, der von der dänischen Grenze und den Windparks in der Nordsee Strom bis zur österreichischen Grenze transportiert.

Bei kräftigem Wind wird mehr Strom produziert als nötig

Doch der Netzausbau stockt und es kommt immer öfter zu Transportengpässen. Das liegt auch an den vielen dezentralen Einspeisungen erneuerbarer Energien. Bläst der Wind kräftig oder scheint die Sonne von einem wolkenlosen Himmel, gibt es mehr Angebot als Nachfrage. Windräder werden aus dem Wind gedreht, Strom wird mit negativen Preisen ans Ausland "verschenkt" und trotz Überproduktion erhalten die Kleinproduzenten ihre Einspeisevergütung. Für derartige Maßnahmen musste Tennet 2016 insgesamt 800 Millionen Euro aufwenden. Kosten, die sich durch eine intelligente Netzsteuerung reduzieren lassen.

Hier kommt das Elektroauto ins Spiel: Der Akku im Fahrzeugboden wird ebenfalls für den Ausgleich genutzt. Den ersten 1.000 Kunden des Tarifs Sonnen-Flat 8000 schenkt das Unternehmen eine Wallbox mit Typ-2-Stecker im Wert von 1.400 Euro. Dazu muss allerdings ein Sonnen-Akku mit 12 kWh installiert werden. Hinzu kommen 30 Euro pro Monat für den Strom. Insgesamt 8.000 kWh sind inklusive.

Für ein Einfamilienhaus kalkuliert Sonnen mit 5.000 kWh, so dass 3.000 kWh für das Elektroauto oder umgerechnet 15.000 km Fahrleistung verbleiben. Rund 70 Prozent der Energie dürfte der Kunde mit seinen Solarzellen erzeugen. Somit entfallen die 360 Euro pro Jahr auf die aus der Gemeinschaft bezogenen rund 2.400 kWh. Mit 0,15 Euro pro Kilowattstunde ein unschlagbarer Preis. Wichtiger ist aber das gute Gewissen, für einen Ausgleich im Stromnetz zu sorgen und mit "grünem" Strom das Auto zu bewegen.

Intelligenter Lademodus verhindert Stromausfälle

In der Sonnen-App wählt der Fahrer eines Elektroautos seine gewünschte Abfahrtszeit. Mit dem Smart Mode errechnet die Software anhand von Wettervorhersagen und dem aktuellen Verbrauch im Haus, wann die Ladung des Autoakkus beginnen muss. Reicht die Eigenproduktion nicht aus, wird Strom aus der Sonnen-Gemeinschaft bezogen. "Der intelligente Lademodus verhindert Überlastungen oder sogar Blackouts im örtlichen Stromnetz, falls zu viele Elektroautos zeitgleich geladen werden", sagt Schröder. Obwohl er Erfahrung in der Elektroautobranche hat, will er selber keine Fahrzeuge bauen. Doch auf dem diesjährigen Autosalon zeigte Sonnen gemeinsam mit GFG Style und Envision das Konzeptfahrzeug Sibylla, das mit dem Sonnen-Charger geladen wird.

Das Elektroauto kommt auch an anderer Stelle ins Spiel. Die Heimspeicher sind aufgrund ihrer gleichmäßigen Ladezyklen perfekt für ein zweites Akku-Leben. Renault beispielsweise liefert gebrauchte Akkus an den britischen Anbieter Powervault. Sonnen verwendet nur fabrikneue Akkus. Ob Tesla Akku-Rückläufer verwendet, ist nicht bekannt. Noch dürfte die Zahl gering sein, denn die Energiespeicher versehen rund acht Jahre ihren Dienst im Fahrzeugboden.

Ein Netzspeicher aus gebrauchten Autoakkus

Auch Mercedes-Benz Energy nutzt nur neue Akkumulatoren vom Tochterunternehmen Accumotive. Rückläufer aus Daimler-Elektroautos starten ihr zweites Leben im westfälischen Lünen. Dort, auf dem Gelände des Entsorgungsspezialisten Remondis, steht ein 13 MWh großer Batteriespeicher mit rund 1.000 Akkus. Er gleicht Schwankungen im Stromnetz aus. Für eine stationäre Nutzung dürften sie noch rund zehn Jahre zu gebrauchen sein. Danach übernimmt Remondis die Demontage der Module und recycelt die Rohstoffe. Auch BMW nutzt die Rückläufer aus seinem i3 für die gewerblichen Stromspeicher im Hamburger Hafen und im eigenen Leipziger Werk.

Die Akkus haben keinen großen Wartungsaufwand und sind somit perfekt für den Einsatz in Privathaushalten. Thomas Ottilinger hatte mit seiner Powerwall 2 bislang keine Probleme. Einmal sei einer der beiden Wechselrichter ausgefallen, doch den habe der Tesla-Service-Mann gleich am nächsten Tag ausgetauscht. Heute ist er froh über die Entscheidung, den 125 kg schweren Akku im Keller unter der Garage und nicht im Wohnbereich montiert zu haben, so der Hausbesitzer: "Denn die Powerwall gibt dauerhaft ein leichtes Geräusch von sich."  (dku)


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