Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/indiegames-rundschau-zwischen-fake-news-und-mountainbiken-1803-133338.html    Veröffentlicht: 19.03.2018 09:17    Kurz-URL: https://glm.io/133338

Indiegames-Rundschau

Zwischen Fake News und Mountainbiken

Mit dem Mountainbike auf den Trail oder mit Fake News in den Abgrund? Unter den Indiegames der vergangenen Wochen sind Sportspiele wie Descenders, aber auch Stoff zum Nachdenken über Politik.

Im Frühling 2018 sind besonders starke Indiegames erschienen, die ebenso bemerkenswerte andere Titel überstrahlt haben: Kingdom Come Deliverance (Test auf Golem.de) ist ein unabhängig produziertes Spiel und so etwas wie der erste Bestseller und auch das weitaus kleinere Into the Breach (Test auf Golem.de) begeistert Kritiker und Spieler. Wir haben unsere Aufmerksamkeit auch anderen Indiegames geschenkt - Mitbürger bespitzelt, Rattenmenschen bekämpft, eine Kirsche gejagt, uns Berge hinabgestürzt und am Lagerfeuer Geschichten erzählt.

Descenders: halsbrecherische Bergabfahrten

Mit halsbrecherischer Geschwindigkeit auf dem Mountainbike talwärts zu rasen, ist mittlerweile fast ein Massensport. Wer's etwas weniger gefährlich will, kann sich in Descenders virtuell aufs Rad setzen und sich darüber freuen, dass sich endlich ein Spiel des jahrelang im Medium verwaisten Sportgeräts annimmt. Und das mit Stil und dem nötigen Geschwindigkeitsrausch: Wie man sich hier zu passender Musik den Abhang hinunterstürzt, sorgt auch ohne Verletzungsgefahr für Adrenalinausschüttung.

Die Kurse werden prozedural generiert. Wettereffekte sowie Tag- und Nachtwechselsorgen gemeinsam mit den Kursen für Vielfalt. Descenders radelt geschickt auf dem Grat zwischen Arcade und (relativem) Realismusanspruch; allzu absurde Tricks und Sprungmanöver bestraft die Physik mit schmerzhaft aussehenden Stürzen. Trotz Early Access ist Descenders schon jetzt eine Empfehlung für Freunde des rasanten Bergabfahrens, die finale Version soll 2018 erscheinen.

Erhältlich für Windows-PC, MacOS und Linux, rund 23 Euro (Early Access)

Orwel und Warhammer Vermintide 2



Orwell - Ignorance is Strength: brandaktueller Politthriller

Vor zwei Jahren zeigte das Hamburger Studio Osmotic mit seinem Überwachungsthriller Orwell, dass politische Themen wie Überwachungsstaat und gläserne Bürger sich in Spielmechaniken umwandeln lassen; 2017 gab es dafür den Deutschen Computerspielpreis für das "Beste Serious Game". Ignorance is Strength ist der aus dem Roman 1984 entlehnte Untertitel der soeben veröffentlichten zweiten Staffel der Reihe, und diesmal sind Fake News das Leitmotiv.

Wieder sind Spieler als Mitarbeiter der zentralen Überwachungsbehörde eines fiktiven Staates mit der Auswertung und Einordnung der digitalen Spuren verdächtiger Mitbürger beschäftigt. Doch in der komplexen Handlung um Flüchtlinge und Terror im Nachbarstaat spielt (Des-)Information durch gezieltes Streuen und Eindämmen falscher und manipulativer Nachrichten eine zentrale Rolle.

Wie im Vorgänger entfaltet das minimalistische Adventure vor der schlichten Bedienungsoberfläche der Überwachungssoftware dank vieler Details, interessanter moralischer Dilemmas und geschickt eingestreuter Audio-Elemente eine dichte Atmosphäre. Das dritte und finale Kapitel von Ignorance is Strength erscheint dieser Tage. Nicht nur für Freunde des Vorgängers ist auch dieser Ausflug eine ganz nahe Parallelwelt absolut empfehlenswert.

Erhältlich für Windows-PC, MacOS und Linux, rund 10 Euro

Warhammer - Vermintide 2: Fantasy-Koop-Gemetzel in Hochglanz

Für das Warhammer-Universum sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Spiele auch kleiner Studios erschienen, mit dem zweiten Teil des Koop-Shooters Vermintide hat der schwedische Entwickler Fatshark nun offenbar einen Nerv getroffen: Schon kurz nach dem Erscheinen tummeln sich über eine halbe Million Spieler im Koop-Gemetzel in der Tradition von Left 4 Dead, in dem allerdings dem Nahkampf eine größere Rolle zukommt als im Zombie-Vorbild.

Statt der untoten Gefahr steht man im Viererteam einer Menge mutierter intelligenter Rattenmenschen und anderen finsteren Dark-Fantasy-Monstern gegenüber. In den recht groß und beeindruckend gestalteten Missionen ist Teamwork essentiell. Die fünf Charakterklassen spielen sich in jeweils drei verschiedenen Spezialisierungen angenehm unterschiedlich. Ein Upgrade-System mit Unlocks und neuen Items gibt es natürlich auch. Vermintide 2 ist blutig, schnell und teilweise spektakulär - eine tolle Alternative zum Militär-Einerlei vieler Multiplayershooter.

Erhältlich für Windows-PC, rund 28 Euro

Chuchel, Water like Wine und Deep rock Galactic



Chuchel: Slapstick für jedes Alter

Das Brünner Studio Amanita Design ist Freunden schräger Point-and-Click-Abenteuer seit Jahren ein Begriff. Nach der Samorost-Reihe, Machinarium und Botanicula sorgt nun das aktuelle Spiel Chuchel für gute Laune. In der Figur eines undefinierbaren schwarzpelzigen Wollknäuels mit orangem Hut sind Spieler auf der nicht enden wollenden Jagd nach einer leckeren Kirsche. Das Feuerwerk an kleinen und großen Slapstick-Gags, das ganz ohne Worte gezündet wird, sucht wirklich seinesgleichen.

Neben meist recht logischen, manchmal bizarr verqueren Rätseln warten an Arcadeklassikern angelehnte Minispiele in 30 kurzen Episoden, die an die großen absurden Klassiker tschechischer Animationskunst erinnern. Chuchel ist ein großer Spaß mit hinreißender Präsentation; ein Spiel, das man auch gemeinsam mit jungen Kindern mit großem Vergnügen in kleinen Häppchen ansehen kann. Erwachsene haben natürlich ebenso ihre Freude daran.

Erhältlich für Windows-PC und MacOs, rund 10 Euro

Where the Water tastes like Wine: Geschichtenerzählen am Americana-Roadtrip

Wer Gefallen an den modernen Mythen wie American Gods von Neil Gaimans hat, findet in diesem Indiegame einen faszinierenden Roadtrip in eine Welt sich ständig wandelnder Geschichten. Als geheimnisvoller, fluchbeladener Landstreicher durchstreifen Spieler die USA der 1930er Jahre und sammeln dabei gruselige, traurige, herzerwärmende und lustige Geschichten, urbane Legenden und moderne Mythenfragmente, um sie dann am Lagerfeuer weiterzuerzählen.

Zugegeben: Die Wanderung durch die riesigen USA ist trotz hinreißenden Americana-Soundtracks für Ungeduldige etwas zu gemächlich und besondere spielerische Herausforderungen sucht man vergeblich. Trotzdem ist Where the Water tastes like Wine ein gelungenes Experiment in Sachen Erzählen im Videospiel: Wie sich die von uns gesammelten und immer wieder weitererzählten Geschichten im Lauf des Spiels wandeln und weiterentwickeln, ist durchaus unterhaltsam, und die Präsentation mit prominenten Sprechern - unter anderem Sting - ist atmosphärisch gelungen.

Erhältlich für Windows-PC, MacOS und Linux, rund 20 Euro

Außerdem: Zwerge im Weltraum und Pixel-Hardcore

Noch einmal Early Access: In Deep Rock Galactic (Windows-PC, rund 23 Euro im Early Access) wagen sich bis zu vier Weltraumzwerge in unterirdische Höhlen, um dort gegen außerirdische Monster zu kämpfen und wertvolle Erze und Edelmetalle zu schürfen. Der Koop-Shooter sieht dank dynamischer Beleuchtung und stilvollem Low-Poly-Look schick aus und motiviert auch langfristig mit verschiedenen Charakterklassen und zufallsgenerierten Missionszielen. Wie bei allen Multiplayerspielen gilt: Wer seine eigenen Freunde mitbringt, hat am meisten Spaß.

Nach vier Jahren hat hingegen der Rogue-like-Plattformer Vagante (Windows-PC, MacOS und Linux, rund 13 Euro) den Early Access verlassen und erfreut nun vor allem Hardcore-Freunde auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Was wie eine erweiterte Version des All-time-Klassikers Spelunky aussieht, ist ein komplexes, aber tatsächlich hammerhartes Action-Rogue-like mit sympathisch minimalistischem Style und sehr, sehr großem Wiederspielwert - wenn man gewillt ist, die Lernkurve zu meistern. Unentschlossene können sich dankenswerterweise zuerst an einer Demo versuchen.  (rs)


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