Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/netzbetreiber-5g-kommt-endlich-in-die-umsetzungsphase-1803-133310.html    Veröffentlicht: 15.03.2018 10:33    Kurz-URL: https://glm.io/133310

Netzbetreiber

5G kommt endlich in die Umsetzungsphase

Huawei plant ein Terminal im Home-Router-Format, 5G Fixed Wireless der Telekom könnte bald folgen, Ericsson zeigt Anwendungsfälle, Nokia macht Feldversuche: 5G kommt voran. Wir haben mit den großen Netzausrüstern darüber gesprochen.

Der Mobile Word Congress in Barcelona ist immer ein Ort von Marketinggeschwätz aus unzähligen Lautsprechern über eine bessere Welt für alle. Diesmal haben Netzausrüster für 5G wieder versprochen, was sie auch schon für 3G und 4G ankündigten - und die Welt nicht viel besser, aber die Netzbetreiber und ihre Ausrüster noch reicher machte. Das war aber nicht alles: 2018 war der weltweite Branchentreff endlich auch ein Ort, um erste Anwendungen der neuen Technik zu sehen und frühe Erfahrungen auszutauschen: 5G soll 2018 endlich Realität werden - trotz hoher Vorgaben.

"Insgesamt bestätigte die Messe 2018, dass 5G sich in die Phase der globalen Realisierung bewegt", sagte Huaweis Deutschland Senior Technology Expert Michael Lemke im Gespräch mit Golem.de. Der Netzwerkausrüster wird neben den Netzprodukten zum Ende 2018 vermarktungsfähiges Terminal im Home-Router-Format (CPE) vorstellen. "Entsprechende öffentliche Ankündigungen durch unsere Kunden bestätigen diese Richtung", sagte Lemke. Auch Stefan Koetz, Vorsitzender der Geschäftsführung der Ericsson Deutschland, betonte, es gehe nunmehr tatsächlich um die 5G-Einführung und damit verbundene realitätsnahe Anwendungsfälle. Und Volker Held, fürs 5G-Marketing bei Nokia zuständig, sieht 5G global betrachtet schneller in die Netze kommen als erwartet.

Mit 5G stünde auch für Deutschland eine weitere Technologie zur Verfügung, die eine Alternative zum Glasfaservergraben für die letzten Meter bis in die Haushalte hinein insbesondere im ländlichen Raum darstellen könne, erklärte Lemke. Der neue Mobilfunkstandard soll 10 GBit/s, bei einigen Anwendungen sogar 20 GBit/s, eine sehr niedrige Latenzzeit von weniger als einer Millisekunde und hohe Verfügbarkeit ermöglichen.

5G: Keine bessere Welt für alle

Die Deutsche Telekom hat auf dem MWC angekündigt, 5G als Fixed Wireless Access für die Überwindung der letzten Meile für Industrieapplikationen und für mehr Kapazität einzusetzen. Da Huawei einer der wichtigsten Partner der Telekom ist, könnte ein Angebot für 5G Fixed Wireless der Telekom schon bald kommen. Das bringt wahrscheinlich sehr leistungsfähige Fixed-Wireless-Zugänge, die aber Fiber To The Home (FTTH) nicht ersetzen können, da Funk ein Shared Medium ist, auch auf der letzten Meile.

Die Fortschritte bei 5G kämen nicht überraschend, sagt Lemke. Im vergangenen Dezember habe die Normierungsinstanz 3GPP die Voraussetzung dafür geschaffen, als sie sich auf einen Standard dafür einigte: die auf 5G New Radio basierende sogenannte 5G-Non-Standalone-Variante, nach der sich heute existierende LTE-Netze mit den neuen 5G-NR-Technologien aufrüsten lassen. Mit speziellem Fokus auf die Erweiterungen für die mobilen Breitbanddienste könnten nun auf der Basis des 3GPP-Release-15-Standards kommerzielle Produkte entwickelt werden. Das nächste Release sei von außerordentlicher Bedeutung für die Vervollständigung der 5G-Vision, sagt Lemke, denn damit würden die wesentlichen Nutzungsszenarien im Bereich hochverfügbarer Datenübertragung bei geringsten Verzögerungen adressiert.

"Die Hauptrichtung der 5G-Netzprodukte im Basisstationsumfeld sind die fortgeschrittenen Massive-MIMO-Antennenprodukte, die wir in den Bereichen der EU-5G-Pionierbänder für den Markt bereithalten, also im C-Band und im Millimeterwellenbereich bei 26 GHz", erklärte Lemke. Huawei nutze die Technik bereits für LTE-Einsatzfälle unterhalb 6-GHz-Spektren, sie könne auf den Standard 5G NR aufgerüstet werden. Ergänzt um die Ankündigung von 5G-Chipsets für Smartphones für 2019 seien alle Voraussetzungen für die Evolution der heutigen Netze hin zu 5G vorhanden.

Mit der 5G-Ankündigung für das Lampsite-Inhouse-Produktangebot von Huawei seien die ersten Schritte für Einsätze in Einkaufszentren und anderen öffentlichen Bereichen gemacht. International fänden erste 5G-Netzaufrüstungen ab 2018 statt, große 5G-Netz-Rollouts seien erst 2020 zu erwarten.

Ericsson und Nokia sind die anderen beiden Netzausrüster, die wie Huawei jeweils riesige Stände in Barcelona aufbauen ließen.

Ericsson zeigt neue Formfaktoren

Auch Ericsson hat die ersten großen Schritte hin zur Realisierung der 5G-Technologie genommen. Das zeige das erste große Testnetz mit rund 100 5G-Sites in Pyeongchang, das beeindruckende Ergebnisse erzielt habe, sagte Stefan Koetz, Vorsitzender der Geschäftsführung der Ericsson Deutschland, Golem.de.

In Europa habe Swisscom eine Einführung von 5G in der Schweiz noch in diesem Jahr bestätigt. Gemeinsam mit Swisscom demonstrierte Ericsson auf dem diesjährigen MWC die praktische Anwendung. "Was die Anwendungsfälle anbelangt, haben wir durch die gemeinsame Network-Slicing-Demonstration mit unserem Kunden Swisscom veranschaulicht, wie 5G Endkunden und Unternehmen gleichzeitig bereichern kann", sagte Koetz. Mit Hilfe einer Netzarchitektur sei am Beispiel eines Zuges unter anderem Low-Latency-Videoübertragung aus dem Lokführerstand, sicherheitskritische Kommunikation zur Zugkoordinierung und Endkunden-Mobilfunk abgebildet worden. Außerdem wurde eine Edge-Computing basierte 'smarte' Sortiermaschine und die Arbeit des Automotive Edge Computing Consortiums demonstriert.

Einige neue Produkte wurden gezeigt. "Mit der Einführung von Street-Macro-Funkeinheiten ist meinen Ericsson-Kollegen sicherlich auch eine Überraschung gelungen, die insbesondere im urbanen Raum zusätzliche Möglichkeiten schafft." Die für Städte gebauten Street-Macro-Funkmodule sollen sich an Gebäuden installieren lassen und trotz geringer Abmessungen genug Leistung bieten, um die Netzabdeckung zu gewährleisten. Daneben habe das 5G Radio Dot für Indoor-Versorgung mit 5G Aufmerksamkeit erregt. Der 5G Radio Dot soll sich schnell installieren lassen und im mittleren 5G-Frequenzband bei 3 bis 6 GHz Datenübertragungsraten von bis zu 2 GBit pro Sekunde unterstützen.

Mobile Endgeräte fehlen noch

Was 5G allerdings bisher noch fehlt, sind mobile Endgeräte. "Die zeitnahe Bildung des 5G-Eco-Systems, insbesondere auf der vielschichtigen Endgeräteseite, ist eine der nächsten Herausforderungen", erklärte Koetz. Aus dem Geschäft ist Ericsson vor langem ausgestiegen. Nokia dagegen arbeitet bereits an Hardware für 5G. Volker Held, fürs 5G-Marketing bei Nokia zuständig, sieht 5G global betrachtet schon früher als von der Branche erwartet in die Netze kommen. "Die Leitmärkte werden wohl in Nordamerika und Asien zu finden sein", sagte er Golem.de.

Es würden bereits größere 5G-Feldversuche in realen Umgebungen durchgeführt, die zeigten, was ein 5G-Netz vermöge, welche Anwendungen möglich seien, und wie sich das Netz in der Realität verhalte. Das sei wichtig für die kommerzielle Nutzung. Nokia habe im Februar 2018 zusammen mit KT und Intel den ersten größeren Feldversuch in Südkorea mit Anwendungen wie 360-Grad-Video oder sogenanntes Time Sliced Video durchgeführt, bei dem der Nutzer aus verschiedenen Videostreams und Perspektiven frei wählen könne.

"Hardware ist wieder in"

Dabei setzt Nokia auf künstliche Intelligenz. "Artifical Intelligence und Machine Learning werden als essentielle Technologien für das Management von 5G-Netzen angesehen. Das heißt, die Netze werden sich selbstständig auf die sich ständig ändernden Verkehrsanforderungen einstellen können, um so die Netzqualität und -auslastung spürbar zu verbessern. Auf dem MWC gab es hier erste Lösungen zu sehen", erklärte der 5G-Experte. Hardware sei wieder "in", denn 5G werde mehr als ein Software-Update der bestehenden Infrastruktur sein. Um die für den Massenrollout nötige Leistung, Kapazität und Effizienz bereitzustellen, sei neue Hochleistungshardware sowohl bei den Antennen als auch der Basisstation nötig.

Für 2018 ist also einiges im Bereich 5G zu erwarten. Die Versprechungen der Ausrüster zu erheblich höheren Datenraten in dem neuen Netz sollen sich genauso erfüllen wie die Ankündigungen zu niedrigen Latenzzeiten. Wenn die Netzbetreiber tatsächlich das neue Netz mit dem nötigen finanziellen Einsatz flächendeckend aufbauen, wird beeindruckende Technik für die Menschheit verfügbar - zumindest für die, die sie sich leisten können.  (asa)


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