Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/cryorig-taku-im-test-der-alu-desktop-mit-dem-holzbein-1803-133303.html    Veröffentlicht: 15.03.2018 12:03    Kurz-URL: https://glm.io/133303

Cryorig Taku im Test

Der Alu-Desktop mit dem Holzbein

Ein Mini-ITX-Gehäuse mit Bildschirm oben drauf und Maus samt Tastatur darunter: Das Cryorig Taku sieht zwar auf dem Schreibtisch hübsch aus, allerdings sind nicht alle Komponenten so wie vom Hersteller vorgesehen einbaubar.

Wenn wir heute von einem Desktop-Rechner sprechen, ist meist ein PC gemeint. Die ursprüngliche Bedeutung aber bezeichnet ein flaches Gehäuse, das auf dem Tisch steht, eben Desktop. Genau ein solches ist das Cryorig Taku - und noch dazu ein ungewöhnliches mit Holzfüßen. Wir finden die Idee gut und sind von der Verarbeitung angetan. Im Detail offenbaren sich aber Schwächen bei der Umsetzung und wir können nicht alle Komponenten unterbringen. Dafür spart das System etwas Platz auf dem Tisch und ist ergonomisch.

Cryorig hat bisher primär Lüfter und Kühler entwickelt - das Team besteht unter anderem aus ehemaligen Mitarbeitern von Prolimatech sowie Thermalright. Mit dem Taku hat der Hersteller über zwei Jahre an einem Gehäuse gearbeitet und dafür auch eine Kickstarter-Kampagne genutzt. Damit erzielte Cryorig zwar nur die Hälfte der gewünschten 100.000 US-Dollar Finanzierungsziel, dennoch hat mittlerweile die Serienproduktion begonnen und das Taku wird als Nischenprodukt verkauft.

Die Idee eines flachen Desktops mit dedizierter Grafikkarte im stabilen Aluminium- oder Stahlgehäuse ist nicht neu, es gibt ein paar grundsätzlich ähnliche Umsetzungen wie das Zaber Sentry. Das Material anderer Modelle, etwa das Fractal Design Node 202 oder das Silverstone Raven, ist eher nicht dafür ausgelegt, ein Display auf sie zu stellen. Und alle haben keine Holzfüße, um Maus und Tastatur unter das Gehäuse zu schieben.

Für das Taku hat sich Cryorig mit Lian Li zusammengetan, einem der bekanntesten Fertiger für Aluminiumgehäuse. Das Taku ist dann auch wie erwartet sehr gut verarbeitet. Es misst 570 x 310 x 142 mm, wobei 65 mm auf die Eichenholzfüße entfallen. Das eigentliche System steckt in einer Schublade, die sich mit leichtem Druck auf die seitlichen Leisten entnehmen lässt. Gedacht ist das Taku für Mini-ITX-Hauptplatinen, ein SFL- oder SFX-L-Netzteil, eine dedizierte Grafikkarte, eine 3,5-Zoll-Festplatte und zwei 3,5-Zoll-SSDs. Cryorig hat einen 92-mm-Lüfter vorinstalliert, der aber nicht notwendig gewesen wäre.

Das Taku hat rechts außen eine I/O-Blende mit zwei USB-3.0-Typ-A-Ports und zwei 3,5-mm-Klinkenanschlüsse. Grundsätzlich steht einem späteren Austausch gegen eine Variante mit USB-C nichts im Weg, da der Anschlussblock modular ausgelegt ist. Links und rechts an der Oberseite befinden sich kleine Schlitze. Die sind dazu gedacht, ein USB-Kabel von der Mainboard-I/O-Blende nach vorne zu legen, um so das Smartphone zu laden. Dummerweise fehlt eine Führung im Inneren. Das Gehäuse soll Monitore bis 15 kg tragen.



Wir haben uns als Mainboard für das B350I Pro AC von MSI entschieden und darauf einen Ryzen 5 1600X (Test) mit einer thermischen Verlustleistung von 95 Watt gepackt. Als Netzteil kommt das SF450 von Corsair zum Einsatz, eines der momentan besten SFX-Modelle am Markt, und eine Radeon RX 480 im Referenzdesign rundet das System ab. Weil die Kabel der meisten kleinen Netzteile wohl zu kurz sind, legt Cryorig eine ATX- und eine 8-Pin-Verlängerung bei, die wir beide auch zwingend für den Zusammenbau verwenden mussten.

Ursprünglich wollten wir das Taku wie in der Anleitung beschrieben mit einer HDD und zwei SSDs bestücken, sind damit aber gescheitert. Auch nach Rücksprache mit Cryorig in Taiwan und dem Austausch einiger Fotos konnten wir nicht alle Komponenten unterbringen: Es mangelt an Zubehör und einige Abstände sind einfach zu knapp.

Drücken, schieben, schrauben

Grundsätzlich ist die Montage selbsterklärend, beginnend mit dem Herausnehmen der Schublade, in der später alle Komponenten sitzen. Links und rechts der Schienen befinden sich kleine Leisten. Kurz drücken, dann können wir die Schublade aus dem Gehäuse ziehen. Nun müssen der HDD- und der SSD-Käfig und die Kabelführung in der Mitte entfernt werden.

Das Mainboard haben wir vorab mit CPU samt Kühler - wir nutzen Cryorigs C7 - und RAM bestückt, es wird in der oberen rechten Ecke verschraubt. Oben links sitzt das Netzteil, dessen Kabel später durch den HDD-Käfig unter der Grafikkarte hindurch zum SSD-Käfig verlaufen und von dort weiter zur Hautplatine. Ohne die von Cryorig beigelegte ATX- und eine 8-Pin-Verlängerung würde das nicht klappen, gerade der ATX-Adapter ist aber ziemlich voluminös, so dass er nicht überall verlegt werden kann.



Für die Festplatte gibt es im Käfig zwei Montageoptionen ohne Entkopplung, die untere halten wir aber entgegen der Anleitung für nutzlos. Die HDD befindet sich direkt über dem Boden der Schublade, weshalb der Abstand zu gering ist, um einen Sata-Stromstecker anzubringen. Montieren wir ihn zuerst und versuchen dann, den Festplattenkäfig zu verschrauben, knickt er gefährlich ab - das wollen wir unserer HDD nicht zumuten, das Risiko eines Defekts ist uns zu groß.

Genauso sieht es beim SSD-Käfig aus: Auch hier ist der untere Montageplatz nutzlos - es sei denn, wir drehen die untere SSD auf den Kopf. So bekommen wir prinzipiell zwei Flash-Drives unter, dann muss allerdings das ATX-Kabel zwischen beiden hindurchgequetscht werden. Laut Cryorig sei das Taku so zu betreiben, auch wenn sich das Blech der Kabelführung unter der Grafikkarte bereits nach oben wölbt oder aber die Stränge den Pixelbeschleuniger fast schon aus der Riser-Card schieben.

Lange Kabel oder Adapter hilfreich

Noch problematischer ist, dass die Länge des einzelnen Sata-Kabels des Corsair SF450 für eine HDD und zwei SSDs zu kurz ist. Selbst für die Festplatte und eine SSD reicht es nicht. Wir haben also testweise das Silverstone SST-SX500-LG verbaut, ein größeres SFX-L-Modell mit längeren Kabeln. Damit klappt der Betrieb der HDD mit einer SSD, es ist aber noch weniger Platz im Gehäuse, um die Kabel zu verstauen.

Cryorig hingegen hat einfach das Molex-Kabel des Corsair SF450 genommen und einen Molex-auf-Sata-Adapter für die Festplatte genutzt. Ein solcher liegt aber weder dem Netzteil noch dem Taku bei, Endkunden müssten also zufälligerweise einen Adapter besitzen oder ihn eben kaufen. Wer generell keine HDD verbauen möchte, kann neben den 2,5-Zoll-SSDs eine M.2-SSD verwenden. Das B350I Pro AC von MSI hat einen Steckplatz auf der Rückseite.

Wir betreiben das Cryorig Taku schlussendlich dann auch so. Zu guter Letzt wird die Grafikkarte per 90-Grad-Riser montiert und mit dem Strom verbunden, dann schieben wird die Schublade zurück ins Gehäuse, wo sie einrastet.

Ergonomischer Arbeitsplatz ist möglich

Ist das Taku final montiert, fällt noch auf, dass dicke Displayport- oder HDMI-Stecker fast mit einer Kante an der Rückseite kollidieren und man zumindest bei der MSI-Platine schlanke Finger benötigt, um RJ45-Kabel wieder abzuziehen. Dafür passen breite mechanische Tastaturen unter das Gehäuse und nehmen keinen Platz auf dem Tisch weg, wenn sie nicht verwendet werden.

Grundsätzlich ist mit dem Taku ein ergonomischer Arbeitsplatz möglich. Die richtige Position des Bildschirms ist aber von dessen Höhenverstellbarkeit, dem Tisch, dem Stuhl und dem Nutzer abhängig. Im Betrieb als Desktop ist das Taku mit den von uns gewählten Komponenten im Leerlauf leise, aber noch hörbar. Unter Last mit Adobe Premiere dringt das Lüfterrauschen nicht durch die Noise-Cancelling-Kopfhörer durch, auch wenn keine Musik läuft.

Verfügbarkeit und Fazit

Cryorig startet den Verkauf des Taku in den kommenden Tagen, je nach Händler wird das Desktop-Gehäuse dann etwa 300 bis 350 Euro kosten.



Fazit

Das Taku ist definitiv ein ungewöhnliches Gehäuse, quasi eine Mischung aus Desktop und Schublade. Die weiße Beschichtung zusammen mit den Holzfüßen heben es von der Konkurrenz ab, die meist schwarz oder silber daherkommt. Umso ärgerlicher finden wir, dass Cryorig bei der Anleitung schlampt und der Nutzer basteln muss, um wenigstens einen Teil der Komponenten unterzubringen.

Uns gefällt das Taku nämlich prinzipiell, da es schick und sauber verarbeitet ist. Die arg umständliche Montage, wenn eine Festplatte sowie eine oder zwei SSDs verbaut werden sollen, nervt aber unnötig und erfordert das richtige Netzteil oder nicht im Lieferumfang enthaltenes Zubehör. Cryorig könnte die Situation entspannen, indem bei einer zweiten Revision die Laufwerkskäfige etwas modifiziert werden und ein Molex-auf-SATA-Adapter beigelegt wird. Selbst dann sind viele Komponenten derart gequetscht, dass wir das auf Dauer für wenig erstrebenswert halten.

Wir sehen das Taku daher als Nischenprodukt, das mit entsprechender Hardwareplanung durchaus seine Käufer finden könnte, weil es einige attraktive Besonderheiten hat. Beispielsweise gibt es die Option, eine M.2-SSD auf das Mainboard zu stecken und eine zusätzliche 2,5-Zoll-SSD per 3,5-Zoll-Rahmen in den Festplattenkäfig zu setzen.  (ms)


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