Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/schufa-eintrag-kleinganoven-ueberforderte-hotlines-und-ein-einfaches-konto-1804-133251.html    Veröffentlicht: 23.04.2018 12:04    Kurz-URL: https://glm.io/133251

Kontoeröffnung

Kleinganoven, überforderte Hotlines und ein einfaches Konto

Ein Konto zu eröffnen könnte so einfach sein, isses aber nicht immer. Ein Trauerspiel in drei Akten über gefälschte Verträge und deren Folgen bei der Schufa - und die Tatsache, dass man auf eine Noreply-E-Mail nicht antworten kann.

Nur noch schnell unterschreiben und den Ausweis vorzeigen. Das Post-Ident für mein neues Konto habe ich hinter mir und in ein paar Tagen sollte die Kontoeröffnung erledigt sein. Ein ganz normaler Vorgang, mag man sich denken, und das ist doch sicherlich keinen Artikel wert. Doch das Abenteuer, zu diesem Konto zu kommen, ist ein aufregender Dreiakter. In den Hauptrollen: Kleinganoven, kafkaeske Bürokratie, überforderte Hotlines und eine privatwirtschaftliche Firma, mit der ich keinen Vertrag habe, die aber mit mir Geld verdient: die Schufa.

1. Akt: Ich will doch nur ein Konto

Im November des Jahres 2017 ist klar, dass ich mich selbstständig machen werde. Ich gehe unter die seriösen Unternehmensberater - also nicht KPMG, EY, Accenture und wie sie alle heißen - und werde mein Wissen an kleine Firmen weitergeben. Seriös bin ich schon dadurch, dass ich weiterhin Hoodies tragen werde und mich eben nicht in einen Anzug quetsche, der genau nichts darüber sagt, was ich kann oder nicht kann (außer einen Anzug zu tragen). Ich tue, was man halt so tut, um seine Geschäfte starten zu können: Gewerbe anmelden, Domain registrieren, Steuernummer beantragen und natürlich ein Konto eröffnen. Nach ein wenig Recherche entscheide ich mich für eine Bank, die einen Online-Beantragungsprozess hat. Klick, tipp, klick, klick, tipp, tipp. Warten.

Abgelehnt. Huch! Was ist hier los? Aufgrund der Erfahrungen aus meiner Zeit als Bankkaufmann habe ich schon nach wenigen Sekunden eine Idee: Irgendetwas in der Schufa könnte mir die Möglichkeit dieses Kontos verhageln. Die Schufa ist eine sogenannte Auskunftei und sammelt Daten über fast jeden Menschen, der mindestens ein Konto hat. Was es mit diesen Daten auf sich hat? Nun, das ist noch nicht ganz klar. Klar ist auch nicht, ob die Bank mein Konto wirklich aufgrund meines Schufa-Eintrags abgelehnt hat. Dabei können noch viele weitere Faktoren eine Rolle gespielt haben, aber meine Branchenerfahrung deutet so stark in diese Richtung, dass ich gar nicht erst bei der Bank nachfrage. Ich überprüfe zunächst, was die Schufa über mich gespeichert hat. Auf ihrer Webseite steht sehr genau, wie ich meine Daten kostenfrei abrufen kann, es braucht nur einen Brief. Den schicke ich ab und Mitte Dezember kommt die Antwort.

Auf mehreren eng bedruckten Seiten mit Informationen über meinen jetzigen und den vorherigen Wohnort, einer langen Liste von Einträgen bei der Schufa und einer Auflistung, wie die Schufa bei bestimmten Anfrageverfahren antworten würde, kann ich nun suchen, was mir das Konto versaut haben könnte. Ich weiß, dass ich dort seit einiger Zeit einen Negativeintrag habe, doch ich hatte bisher trotzdem keine Schwierigkeiten bei Finanzgeschäften. Ich vermute also, dass da noch etwas anderes ist.

Da der jährliche Kongress des Chaos Computer Club naht, ich eine Firma hochzuziehen habe und ich mittlerweile ein - wenn man das überhaupt so nennen darf - Konto woanders habe, lasse ich den Brief aber erst mal liegen. Ich nehme mir fest vor, mir das noch genauer anzusehen, denn ich will dieses echte, richtige, schöne und komfortable Konto. Eines, bei dem ich kein Problem habe, den Namen auszusprechen und nicht dabei im Boden versinke.

Weihnachten, Kongress und Silvester ziehen ins Land, der neue Kalender hängt an der Wand und der Ablagestapel winselt laut. Beim Abarbeiten des Stapels fällt mir auch wieder dieser Brief in die Hände und er wandert von diesem Stapel auf den Wohnzimmertisch, irgendwann habe ich sicherlich Zeit, ihn genauer anzusehen.

Handyverträge, die ich nicht abgeschlossen habe

Im Januar habe ich Zeit, mir die Eigenauskunft der Schufa genauer anzuschauen. Ich breite die Seiten vor mir auf dem Tisch aus und beginne zu lesen: Konto, Kreditkarte, mein Internetzugang, mein Mobilfunkvertrag, zwei Abfragen eines großen Versandhändlers, sechs Anfragen von Telefónica, fünf Verträge mit Telefónica, eine Anfrage von Mobilcom-Debitel, die Anfrage nach dem abgelehnten Konto, uralter Ratenkredit, der alte Negativeintrag. Sieht ja erst einmal ganz gut aus. Wait. What? Telefónica? Ich bin da seit über zehn Jahren nicht mehr Kunde gewesen.

Die Schufa speichert Daten, die ihre Vertragspartner übermitteln, so dass laufende Verträge mit Zahlungsverpflichtungen im Regelfall bei der Schufa gespeichert sind, und berechnet daraus einen Scorewert, der den Kunden der Schufa sagt, wie wahrscheinlich es ist, dass die Zahlungsverpflichtungen bedient werden. Mehrere Handyverträge drücken den Score wohl ganz schön nach unten, was den Vertragspartnern der Schufa - unter anderem Banken, Versandhändler, Telefonunternehmen - sagt, dass ich eher wahrscheinlich nicht in der Lage bin, meine Verbindlichkeiten zu bezahlen. Da könnte er also sein, der Grund dafür, dass ich mein Konto nicht eröffnen konnte. Aber was mach ich jetzt? Keine Ahnung. Zum Glück erwarte ich für nachmittags eine Freundin zum Kaffeetrinken, die Anwältin ist, spezialisiert auf Datenschutz. Sie rät mir, einfach mal bei Telefónica anzurufen.

2. Akt: Ich habe kein Konto bei der Berliner Sparkasse

Die Telefónica vertreibt ihr Mobilfunkangebot unter zwei Markennamen: O2 und E-Plus. Direkt bei Telefónica gibt es keinen Kundenservice und ich bin mir sicher, dass ich nicht den Empfang einer Konzernzentrale anzurufen brauche. Ich entscheide mich für O2 und rufe dort an. Meine Freundin, die Anwältin, hört über den Lautsprecher mit - natürlich informieren wir den Sercivemitarbeiter am Telefon darüber.

"Guten Tag, ich habe hier eine Schufa-Auskunft und demnach habe ich bei Ihnen Mobilfunk- und Handyratenkaufverträge und weiß nix davon!" Eine sehr freundliche Dame am anderen Ende der Leitung hört sich mein Anliegen an. "Herr Urbach, wo wohnen Sie denn?" Ich gebe meine Adresse durch. "Haben Sie ein Konto bei der Berliner Sparkasse?" Nein, habe ich nicht. "Herr Urbach, legen Sie jetzt am besten auf und schreiben Sie eine Anzeige wegen Betruges und senden Sie uns diese in Kopie an diese E-Mail-Adresse". Ich mache große Augen und die Dame am anderen Ende der Leitung klingt, als ob sie diese Art von Gespräch öfters führen müsste. Ich hatte mich schon gewundert, warum sie mich bei der Schilderung meines Problems nicht unterbrochen hatte. "Wenn wir die Anzeige vorliegen haben, können wir den Vertrag stilllegen und Ihnen bestätigen, dass wir keine Forderungen gegen Sie haben." Es ist wohl ein ganz normaler Vorgang, dass ein leicht aufgebrachter Mensch (ich) der Hotline erzählt, dass da ein Vertrag ist, von dem der Mensch nichts weiß.

Wie gut, dass man die Anzeige online stellen kann und dafür die Couch nicht mehr verlassen muss. Ich fülle das Formular aus und sende das PDF wie gefordert an Telefónica. Man könnte meinen, jetzt sei alles erledigt, oder? Es ist nicht ganz so einfach. Der Eintrag ist ja noch bei der Schufa gespeichert und ich entscheide mich, dort anzurufen. Ernüchterung. Der freundliche Mensch bei der Schufa kann oder will mir nicht helfen. Die falsch gemeldeten Daten müsse der Vertragspartner der Schufa korrigieren lassen - also in diesem Fall Telefónica.

Ich verweise auf meinen Anspruch nach Bundesdatenschutzgesetz, dass falsch gespeicherte Daten von der datenspeichernden Stelle korrigiert werden müssen. Der Schufa-Mensch sagt, dass ich ja gar nicht der Vertragspartner sei. Mein Einwand, dass mir das scheißegal ist, weil die Schufa nun mal falsche Daten über mich gespeichert hat, ist ihm nach meinem Eindruck auch scheißegal. Sie seien ja ihren Vertragspartnern verpflichtet und nicht der Person, über die sie Daten speichern.

Atmen. Erst einmal atmen. Über Twitter erfahre ich, dass die Schufa eine Abteilung für Identitätsdiebstahl hat und man über ein Formular genau solche Fälle ausfüllen kann, damit das bearbeitet wird. Genau das mache ich nun, drucke Papier aus, Ausweiskopien und packe alles in einen Umschlag. Ein paar Tage später bekomme ich einen Brief von Telefónica, in dem mir bestätigt wird, dass das Unternehmen aus den Verträgen, die ich nicht abgeschlossen habe, keine Ansprüche gegen mich hat oder haben wird. Da bin ich jetzt also erst einmal raus.

Da ist noch was von Mobilcom Debitel

Der nächste Brief ist von der Schufa mit der Bitte, die Anzeige, deren Aktenzeichen und Polizeidienststelle ich bereits auf dem Antrag mitgeteilt habe, unbedingt einzusenden. Auch gerne per E-Mail. Ich tue dies und ein paar Tage später erhalte ich die Bestätigung der eingerichteten Übermittlungssperre und die Information, dass jetzt bei einer Anfrage zu meinen Daten ein Anruf auf meine Mobilfunknummer erfolgt, um nachzufragen, ob die Anfrage legitim ist. Noch einmal zehn Tage später bekomme ich eine neue Schufa-Auskunft: Die Telefónica-Einträge sind weg, aber der von Mobilcom Debitel nicht.

Der Eintrag soll auch weg, denn ich erinnere ich mich noch an die Zeit, als jede Anfrage für einen Kredit bei einer Bank den Score schlechter machte. Konditionen zu vergleichen führte also dazu, dass gerade diese immer schlechter wurden und dann das beste Angebot auch wieder schlechter wurde, da sich der Score aufgrund der Fragen verschlechtert hatte. Mittlerweile verändern Konditionsanfragen den Score nicht mehr, ich will den falschen Eintrag aber trotzdem lieber löschen lassen. Ich rufe bei der Schufa an: Wenn die Anfrage unberechtigt war, muss ich mit Mobilcom klären, dass die Anfrage entfernt wird.

3. Akt: Nachspiel

Mobilcom Debitel zu erreichen, ist gar nicht so leicht. Es gibt keine allgemeine E-Mail-Adresse und ich bin mir sicher, dass eine E-Mail-Adresse, die mit impressum@ anfängt, nicht zum Ziel führt. Die Kundenhotline verlangt von mir die Eingabe einer Kundennummer, die ich nicht habe, und dasselbe verlangt auch das Kontaktformular. So stelle ich mir Nicht-Kundenservice vor. Mir bleiben also Brief oder Anruf bei der Neukundenhotline. Ich entscheide mich für letzteres und lande in einem Callcenter. Ich schildere mein Anliegen und die sehr freundliche Dame weist mich an, mein Anliegen an eine E-Mail-Adresse zu senden.

Ich schildere also per Mail den Hergang und mein Anliegen: "Ich bitte Sie, Ihre Schufa-Anfrage vom 19.10.2017 bei der Schufa löschen zu lassen." Ein paar Tage später erhalte ich innerhalb von vier Stunden zwei Anrufe von zwei verschiedenen Sachbearbeitern. Meine Anfrage werde herumgereicht und man wisse nicht, was zu tun sei. Ich schildere jeweils noch einmal mein Anliegen. Man werde sich darum kümmern. Ich erhalte zwei Tage später eine E-Mail. Die Antwort bezieht sich nicht auf mein Anliegen, sondern man teilt mir mit, dass der Vertrag via Internet gestellt und "bereits storniert bzw. abgelehnt" worden sei. Ich würde gerne darauf antworten, aber die Mail kommt von noreply@md.com. In der Fußzeile steht, dass man über das Kontaktformular antworten solle. Ich kann es aber nicht benutzen, da ich keine Kundennummer habe.

Ich rufe wieder bei der Verkaufshotline an, weil ich davon ausgehe, dass die Abteilung, die ich angeschrieben habe, einfach die Falsche war. Ich erhalte eine andere E-Mail-Adresse, sende meine Anfrage erneut, packe auch die erste Antwort dazu und erkläre, dass diese Antwort nicht befriedigend war.

Ein paar Tage später bekomme ich einen Brief. Knapp teilt man mir mit, dass die Anfrage bei der Schufa gelöscht sei. Ich kann das leider nicht überprüfen, ich habe keinen aktuellen Datenbestand vorliegen und weigere mich, dafür Geld zu bezahlen. Es sind insgesamt sechs Wochen ins Land gezogen, seit ich den Brief der Schufa genauer angesehen habe. Die Berliner Polizei hat die Anzeige immer noch nicht bearbeitet. Ich versuche es noch einmal, weil ich weiterhin dieses schöne Konto haben möchte. Da ich ja Identitätsschutz habe, sollte mein Telefon klingeln. Klick, tipp, klick, klick, tipp, tipp. Wieder eine automatische Überprüfung der Bonität und ... mein Telefon klingelt nicht. Darüber mache ich mir ein andermal Gedanken, denn ich muss schnell zur Post, ein Post-Ident machen.

Nachtrag vom 26. April 2018, 17:53 Uhr

Nach Hinweisen der Schufa, für die wir uns bedanken, haben wir den Artikel an einigen Stellen angepasst.  (su)


Verwandte Artikel:
Openschufa: Reverse-Engineering der Schufa geplant   
(15.02.2018, https://glm.io/132791 )
Datenskandal: Bundesregierung erwägt strenge Facebook-Regulierung   
(26.04.2018, https://glm.io/134078 )
EU-Datenschutzverordnung: Instagram ermöglicht Nutzern umfassenden Datendownload   
(25.04.2018, https://glm.io/134048 )
RSA 2018: Sicherheitskonferenz mit Datenleck   
(21.04.2018, https://glm.io/133980 )
Deutsche Telekom: Gericht bestätigt Stopp von Vorratsdatenspeicherung   
(20.04.2018, https://glm.io/133975 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/