Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/paperino-im-interview-am-ende-ist-es-nicht-so-schwer-wie-es-aussieht-1803-133145.html    Veröffentlicht: 21.03.2018 12:00    Kurz-URL: https://glm.io/133145

Paperino im Interview

"Am Ende ist es nicht so schwer, wie es aussieht"

Die Macher des kleinen E-Paper-Displays Paperino erzählen, wie sie auf die Idee gekommen sind und wie sie mit nur 6.000 US-Dollar durch Crowdfunding die Produktion finanzieren konnten.

Die E-Paper-Platine Paperino ist ein interessantes Konzept. Das kleine Display lässt sich programmieren, kann diverse Informationen anzeigen und soll in autarken Systemen per Batterie oder auch per Solarenergie betrieben werden können. Im Vergleich zu anderen Systemen dieser Art ist es mit 30 Euro preisgünstig und der Touchsensor kann als Eingabemethode genutzt werden.

Das Produkt gibt es mittlerweile bei diversen Anbietern zu kaufen, darunter Croud Supply Watterott und Mouser. Golem.de haben die Gründer Elektroingenieure Markus Jahn und Robert Poser erzählt, wie sie auf das Projekt gekommen sind, was man mit ihrer Platine basteln kann und auf welche unerwarteten Hürden sie auf dem Weg zur Auslieferung gestoßen sind.

Golem.de: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, mit Paperino E-Paper-Displays zu bauen?

Markus Jahn: Eines vorweg: Wir sind gar kein Unternehmen. Paperino ist ein reines Freizeitprojekt von uns beiden. Wir machen das also formal nebenberuflich. Hauptberuflich haben wir einen Job bei Plastic Logic, einem Unternehmen, das E-Paper-Displays herstellt.

Das Projekt ist entstanden, weil Robert solch ein Display selbst brauchte. Er wollte ein Particle Photon - eine Arduino-Platine - mit Plastic-Logic-Displays verbinden. Das ist jedoch nicht ohne weiteres möglich, da diese Produkte eher auf den B2B-Bereich ausgelegt sind und sich nicht direkt an Maker richten. Diese Brücke wollten wir mit unserem Projekt schaffen.

Golem.de: Und was können wir genau mit Ihrer Platine machen?

Robert Poser: Unser Beitrag ist es, neben bereits vorhandenen OLED- und LCD-Displays eben ein kleines Display mit E-Paper-Technik beizusteuern - mit dem Charme, den E-Paper-Displays auch haben. Was man am Ende damit macht, ist vom Kunden abhängig. Paperino hat auch bereits einen Temperatur- und Beschleunigungssensor integriert.

Golem.de: Was lässt sich denn zum Beispiel damit bauen?

Jahn: Robert hat sich zu Hause an die Haustür ein kleines E-Paper-Display mit einem Controller angebaut, das ihm das Wetter und den Weg zur Arbeit über Google Maps live abruft und ihm Fragen beantwortet: Wie viel Verkehr ist heute? Regnet es gerade? Kann ich mit dem Fahrrad fahren oder nicht?

Durch die recht stromsparende E-Paper-Technik haben wir an eher autarke batteriebetriebene oder sogar solarbetriebene Projekte gedacht, die sich unsere Kunden etwa in den Garten stellen können, um eine Wetterstation zu bauen.

Golem.de: Was brauchen Bastler außer dem Display noch für so eine Wetterstation?

Poser: Man braucht auf jeden Fall einen Mikrocontroller. Den kann man auch zusammen mit dem Paperino kaufen oder seinen eigenen nehmen, wenn er passt. Dann hängt es davon ab, was man damit noch machen will. Jedoch reichen diese zwei Komponenten aus, um das System zum Leben zu erwecken.

Auf dem Raspberry Pi nur über Umwege nutzbar

Golem.de: Kann man einen Raspberry Pi mit Paperino verbinden?

Poser: Momentan funktioniert das mit der Paperino Library nur über Umwege. Diese ist in der Wiring-Sprache geschrieben, einer in der Programmiersprache C geschriebenen Bibliothek speziell für Arduino. Es gibt aber bei der Cloud-Plattform Particle zum Beispiel die Möglichkeit, Arduino-Code auf Raspberry Pi laufen zu lassen.

Jahn: Unser Projekt ist außerdem Open Source. Wer technisch versiert genug ist, kann sich also gerne unsere auf Github veröffentlichte Library nehmen und als Linux-Treiber auf den Raspberry Pi portieren.

Golem.de: Das ist schon mal eine gute Nachricht für Arduino-Bastler. Wird es denn in Zukunft auch andere Displaygrößen als 1,1 Zoll geben - etwa 10 oder 7 Zoll?

Poser: Wir sind am Überlegen, das zu machen, allerdings in kleinen Schritten - 10 Zoll wäre schon ein sehr großer Schritt. Unser Ansatz war es, das System so einfach wie möglich zu halten. Und der nächste Schritt wäre erst einmal, statt eines 1-Zoll- 2-Zoll-, 3-Zoll- und 4-Zoll-Displays zu bauen.

Golem.de: Welche Vorkenntnisse sind nötig, um Paperino zu verwenden?

Poser: Es war wirklich das Ziel, dass man mit acht Zeilen Hallo-Welt-Code das Board erst einmal zum Laufen kriegt. Und dann haben wir auf dem Entwicklerportal Github für die allerersten Schritte weitere Beispiele hochgeladen. Das ist eine Art Tutorial, in dem man lernt, wie beispielsweise Graustufen eingestellt werden und was es für Update-Modi beim E-Paper-Display gibt.

Golem.de: Was sind die Schritte vom Konzept bis zum fertigen Produkt? Welche Hürden müssen genommen werden?

Jahn: Dadurch, dass wir ja bereits mit E-Paper-Displays gearbeitet haben, hatten wir natürlich ein gewisses Vorwissen. Allerdings hatten wir keine Ressourcen, auf die andere nicht auch hätten zugreifen können. Die Displays kommen mit einer Referenzschaltung. Der erste Schritt ist es also, erst einmal diese mit einem Mikrocontroller nachzubauen und zu schauen, ob das Display überhaupt geschaltet werden kann. Von diesem krude handgelöteten und gesteckten Aufbau sind wir dann Schritt für Schritt zum fertigen Produkt gekommen.

Golem.de: Und die Hersteller dafür findet man wahrscheinlich in China, oder?

Jahn: Klar, die Bestückung der Leiterplatten haben wir in China machen lassen. Wir hatten erst vor, das selbst per Hand zu machen und hatten einen Prototyp mit zehn Stück laufen, neun davon funktionsfähig. Wir haben dann gemerkt: Mit 90 Prozent Ausbeute und der Zeit, die wir dafür gebraucht haben, ist das wohl nicht machbar.

Daher haben wir unsere Daten dem Partnerunternehmen PCBway geschickt. Das hat dann von der Materialbeschaffung bis zur fertigen Platine alle Schritte übernommen. Wir mussten nur noch unsere Displays einkleben und Funktionstests durchführen.

Golem.de: Das klingt ja nicht unüberwindbar schwierig. Gab es denn Probleme wie beispielsweise eine Sprachbarriere?

Jahn: Die Kommunikation lief über E-Mail. Das ging schnell und unsere chinesischen Partner haben eigentlich immer alles verstanden. Klar musste man manche Sachen anders formulieren, aber auf Englisch ging das eigentlich recht gut.

Probleme hatten wir eher am Ende, wenn es beispielsweise um den Zoll ging. Das sind Dinge, an die man anfangs nicht denkt: Da muss Zoll gezahlt, dort eine Einfuhrumsatzsteuer abgegeben werden. Das ist eine Falle, in die man relativ schnell tappen kann.

Golem.de: Auf der Crowdfunding-Plattform Crowd Supply haben Sie für Paperino etwa 6.000 US-Dollar gesammelt. War es schwer, die Crowdfunding-Finanzierung zu bekommen?

Jahn: Am Ende ist es nicht so schwer, wie es aussieht! Das lag bei uns auch an der Crowdfunding-Seite Crowd Supply, die sich von anderen Crowdfunding-Seiten wie Kickstarter unterscheidet. Die Plattform ist speziell nur auf Hardwareprojekte ausgelegt. Daher wird genau unsere Zielgruppe angesprochen und nicht jeder, wie bei Kickstarter. Wir wurden von ihnen außerdem unterstützt. Wir haben eine Art Mentor zur Seite gestellt bekommen.

Wir mussten uns mit unserem Prototyp bewerben. Vor dem Start einer Kampagne durchläuft man diesen Prozess. Am Ende wurde uns auch die große Aufgabe abgenommen, alle einzelnen Pakete an die Backer zu liefern. Das ist eines der großen Probleme, das wir bei fehlgeschlagenen Projekten herauslesen - dass der Aufwand der Lieferung unterschätzt wird.

Golem.de: Aber das Crowd Supply möchte mit Sicherheit auch einen Anteil am Gewinn oder eine Pauschale erhalten?

Jahn: Ganz genau. Sie behalten sich auch eine bestimmte Zeit lang das Recht vor, das Produkt exklusiv verkaufen zu dürfen. Danach kann man es selbst auch über andere Kanäle vertreiben.

Golem.de: Haben Sie neben der Crowdfinanzierung noch weiteres Geld für die Entwicklung des Paperino aufwenden müssen?

Jahn: Es kommt darauf an, wie man das betrachtet. Der reine Produktionsrahmen zum Schluss war kostendeckend. Es musste am Anfang noch ein wenig Geld für die Entwicklung investiert werden.

Was außer Acht gelassen werden sollte, wenn man nicht ganz schlechte Laune haben will, ist die Arbeitszeit. Unter deren Berücksichtigung kämen wir auf keinen Fall auf eine positive Bilanz. Das ist auch der Grund, warum wir das von vornherein als Hobbyprojekt deklariert haben.

Vom Konzept bis zum Produkt in einem Jahr

Golem.de: Wie viele Stunden haben Sie denn mit dem Projekt verbracht?

Paperino: Das ist schwer zu sagen. Wir haben ungefähr ein Jahr vor der Crowdfunding-Kampagne mit dem Prototyping angefangen - in der Freizeit neben dem Job.

Golem.de: Dann sind Sie mit Sicherheit stolz auf das Ergebnis. Aber sehen Sie auch Makel?

Jahn: Immer! Wenn wir keine Makel mehr sehen würden, dann hätten wir ja keinen Antrieb mehr. Es gibt immer etwas, das man ein bisschen kleiner oder kostengünstiger machen kann. Aber insgesamt ist das Ergebnis eine runde Sache. Weitere Verbesserungen wären eigentlich schon Over Engineering.

Golem.de: Wie viele Kunden haben Sie außerhalb des Crowdfundings schon erreicht?

Poser: Über das Crowdfunding hatten wir etwa 250 Kunden. Seitdem sind es etwa 100 weitere. Was man da nicht vergessen darf, ist, dass Crowdfunding nicht nur eine Finanzierungsmöglichkeit, sondern eine sehr gute Werbemöglichkeit ist.

Jahn: Allerdings ist das eine Sache, die wir unterschätzt haben: Onlinemarketing macht sehr viel Arbeit, auch wenn wir nur einmal am Tag einen Tweet absetzen. Das dauert länger als gedacht. Und wenn wir uns danach die Zahlen anschauen, wie viele Leute tatsächlich auf den Link geklickt haben, ist das recht schnell sehr ernüchternd.

Golem.de: Nach einer schnellen Google-Suche finden wir größtenteils News-Artikel zu dem Produkt. Sie sagten gerade, Twitter ist eine gute Werbemöglichkeit. Auf welchen Plattformen platzieren Sie ihr Produkt noch?

Jahn Wir haben beispielsweise einen Artikel in der Make, einer Zeitschrift des Verlags Heinz Heise, veröffentlicht. Außerdem haben wir eine eigene Github-Seite und auf Hackaday.io haben wir eine Art Tagebuch unseres Prozesses erstellt. Aber ansonsten war es das - keine große eigene Webseite oder einen Onlineshop.

Golem.de: Viele andere Projekte werden nicht pünktlich fertig, weil unerwartete Probleme auftauchen. War das bei Ihnen auch so?

Jahn: Eigentlich nicht! Da sind wir auch recht froh drüber, da wir unseren Terminplan bis zur Auslieferung recht eng gesetzt haben. Da gab es auch Diskussionen zwischen uns. Ich war der Meinung, dass wir doch einen Monat Puffer einbauen sollten, falls etwas schiefläuft. Wir haben persönlich auch sehr viel über fehlgeschlagene und verzögerte Projekte gelesen. Daher sind wir stolz darauf, dass wir zu den unter 50 Prozent der Teams gehören, die wirklich auch pünktlich ausliefern konnten.

Golem.de: Planen Sie weitere Projekte?

Poser: Wir haben anderthalb Projekte: Zum einen führen wir Paperino weiter und wollen etwas größere Displays anbieten. Vom zweiten Projekt können wir jetzt noch nicht zu viel verraten. Es geht aber im Prinzip darum, dass die E-Paper-Displays auch biegbar sind, da sie aus einem Substrat statt Glas bestehen. In dieser Richtung wollen wir auf jeden Fall auch was machen.

Golem.de:Vielen Dank für das interessante Gespräch!  (on)


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