Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/eroiy-eigene-kryptowaehrung-soll-erotikbranche-auf-touren-bringen-1803-133051.html    Veröffentlicht: 01.03.2018 12:04    Kurz-URL: https://glm.io/133051

Eroiy

Eigene Kryptowährung soll Erotikbranche auf Touren bringen

Die in Panama angesiedelte Firma Eroiy plant, 1,2 Milliarden Einheiten einer gleichnamigen Kryptowährung auszugeben. Sie sollen als anonyme Möglichkeit zum Bezahlen für Erotikangebote im Internet dienen und die Industrie beflügeln.

Der Hype um Kryptowährungen ist trotz der Kursschwankungen von Bitcoin, Ethereum und Ripple kaum zu bremsen. Beinahe täglich kündigen Startups oder etablierte Firmen ein Initial Coin Offering (ICO) an. Dahinter steckt der Versuch einer Schwarmfinanzierung über die Ausgabe eigener Tokens, die in der Regel auf der dezentralen Datenbanktechnik Blockchain basieren. Diese Tokens können nachher in Einheiten der Kryptowährung gewandelt werden. Auch Vertreter der Erotikbranche wollen in diesem lukrativen, von vielen Erlösfantasien getriebenen Markt mitmischen und die eigene Industrie mit Hilfe einer angeblich anonymen Bezahlform nach vorn bringen. Denn anders als oft angenommen ist bezahlen mit Bitcoin nicht anonym, sondern nur pseudonym.

Hinter der Initiative steht die Firma Eroiy, die über eine Briefkastenadresse in Panama verfügt und diese als Hauptsitz angibt. Das operative Geschäft, das der Schweizer Unternehmer und Investor Markus Steffen leitet, soll über dessen Heimatland laufen. Dort befindet sich aktuell eine eigene Eroiy GmbH in Gründung. Das Unternehmen will zwei Milliarden Einheiten der Kryptowährung auf Basis des Blockchain-Protokolls NEM (New Economy Movement) generieren. NEM wird selbst auch als eigene virtuelle Währung gehandelt und lag im Januar mit einer Marktkapitalisierung von ungefähr neun Milliarden US-Dollar auf Rang 8 der einschlägigen Zahlungsmittel.

1,2 Milliarden oder 60 Prozent der Eroiy-Token will die Firma über ein gerade auslaufendes Pre-ICO mit einem "Bonus von 25 Prozent" sowie ein sich anschließendes, vollständiges Initial Coin Offering bis Ende März ausgeben und dabei selbst Milliarden US-Dollar kassieren. Bis zum 28. Februar 2018 haben die Unternehmer in der ersten der beiden geplanten Finanzierungsrunden bereits rund 13,6 Millionen US-Dollar gesammelt.

Das Geld aus dem virtuellen Börsengang soll zu 50 Prozent in die IT-Fortentwicklung sowie jeweils zu 10 Prozent in Marketing und die allgemeine Markteroberung fließen. Als weitere Finanzposten sind Arbeiten an der Blockchain-Umgebung, Lizenzierung und Regulierungsanforderungen, Löhne und Gehälter, Forschung und Entwicklung sowie soziale Netzwerke vorgesehen.

E-Wallet-Technik stammt von NEM

Für die Anonymität der Kryptocoins und einen hohen Datenschutz soll laut dem Eroiy-Whitepaper eine spezielle E-Wallet sorgen. Im Wesentlichen wollen die Entwickler dabei die Kennung für den Nutzer und die virtuelle Geldbörse von einer Transaktion trennen, indem sie eine gesonderte Schicht zwischen die Wallet und den entsprechenden Blockchain-Eintrag legen. Auf diese Weise soll es nicht mehr möglich sein nachzuvollziehen, welcher Nutzer welche Güter, Apps oder Dienstleistungen erstanden hat.

Aus technologischer Sicht werde dabei eine Transaktion ausschließlich mit einer Wallet verknüpft, heißt es in dem Papier. Ein Nutzer müsse daher nicht mit seinen persönlichen Daten identifiziert werden, sondern nur sein Passwort und eine Code-Nummer für die Bezahlanwendung eingeben. Letztere werde auf Basis der anonymen und nichtidentifizierbaren E-Wallet-Adresse erzeugt. Bisher biete ein anderes Bezahlsystem im Markt für "Erwachsenenunterhaltung" vergleichbare Vorteile an. Die elektronische Eroiy-Geldbörse gewähre besseren Datenschutz sowie mehr Vertraulichkeit als Kreditkarten, digitale Bezahllösungen wie Paypal und andere Kryptowährungen.

Wer nun denkt, dass es sich bei der E-Wallet um eine bahnbrechende Innovation handelt, täuscht sich. Man nutze schlicht die bereits bestehende Geldbörsenlösung von NEM, erklärte Eroiy-PR-Direktor Walter Hasenclever Golem.de. Die Arbeit des Startups aus der Erotikbranche stecke mehr "in der Einbindung als Paymentprovider". Überhaupt weist die Webseite des Unternehmens nur zwei Mitarbeiter der Berliner IT-Agentur Floove.de als Programmierer für die Blockchain und als Leiter IT-Management aus. Hauptpartner für die Infrastrukturentwicklung ist laut dem Eroiy-Sprecher die daneben gelistete Firma CPI Technologies.

Entwicklungskosten unbekannt, Partner vorhanden

Da das eigene Team noch nicht ausreiche, "greifen wir derzeit zusätzlich auf rund 20 Entwickler direkt bei NEM zurück und arbeiten hier sehr eng zusammen", führt Hasenclever aus. Die technische Basis für das Währungsprojekt stehe im Großen und Ganzen. "Wir gehen davon aus, zum Ende des ICOs Ende März den Großteil geschafft zu haben", sagt der PR-Mann. Danach starte die Implementierung bei den Partnern, was sicherlich noch einiges an Zeit und Aufwand kosten werde. Angaben über die bisher getätigten Entwicklungsausgaben könne er derzeit nicht machen.

Einige Kooperationspartner, die Eroiy in ihre Unternehmensstrategie einbinden wollen, hat das Unternehmen nach eigenen Angaben bereits gefunden. Als künftige Akzeptanzstellen weist es knapp 25 Online-Anbieter mit teils klingenden Namen wie Amarotic, Fundorado, Orgazmik, Porno.de, CamasutraVR, NewbieNudes.com, MyFetishLive, Nakedsword oder X-Check aus. Dazu kommen knapp zehn "Kompetenzpartner" und mit AVN, Payout, Xbiz und Ynot drei "Medienpartner". Abgeschlossen hat die Firma ferner Vereinbarungen zur Zusammenarbeit mit Erotikmessen wie der Eurowebtainment auf Mallorca oder der Venus in Berlin.

Direkt beworben werden soll der Eroiy auch durch Chatgruppen und andere Social-Media-Apps für das mobile Internet, das einen der wichtigsten Bereiche für Online-Abrechnungen darstelle. Generell hat sich das schillernde Unternehmen vorgenommen, "die Erotik-Industrie wach zu küssen" und einige Branchenprobleme anzugehen. So trübten vor allem "befürchteter Datenmissbrauch aufseiten der Endkunden und hohes Rückbuchungsrisiko für Anbieter" die Euphorie im Geschäft mit der Lust. Auch das "schwierige Image" der Branche sorge häufig für Probleme mit Banken.

Aufsichtsbehörden warnen bei ICOs vor Abzocke

Diese Probleme will Eroiy mit der neuen Zahlungsmethode beheben und "dem gesamten Markt mehr Anonymität, Vertrauen und Entwicklungsoptionen" verleihen. Die Firma verweist darauf, dass die Erotikindustrie schon einigen Techniktrends wie der DVD oder Online-Videos zu einer größeren Verbreitung verholfen habe.

Noch ist die skizzierte Kryptowährung aber nicht das Megathema in der Branche. Der selbsternannte "Pornoanwalt" Marko Dörre etwa, der auch zu Rechtsfragen aus der Szene bloggt, hat vom Eroiy noch nichts gehört. "In jüngster Zeit verliere ich den Überblick über die vielen ICOs", sagte er Golem.de. "Meines Erachtens wird in der Regel versucht, schnelles Geld zu machen." Beste Anonymität biete nach wie vor Bargeld.

Die Bankenaufsicht Bafin verwies bereits im November auf erhebliche Risiken bei der Beteiligung an Schwarmfinanzierungen mit Kryptowährungstokens. Bei Initial Coin Offerings handle es sich um "höchst spekulative Investments". Die US-Wertpapieraufsicht SEC ließ wenig später erstmals ein ICO vom Markt nehmen und das Vermögen der dahinterstehenden Firma PlexCorps einfrieren. Der Vorwurf lautete, dass das Startup betrügerisch bis zu 15 Millionen US-Dollar gesammelt habe.

Eroiy schließt laut dem Whitepaper Bürger aus den USA, aus China und Singapur von vornherein vom eigenen Beteiligungsprojekt aus. Auch von den USA sanktionierte Länder wie Iran, Nordkorea, Kuba, Syrien oder Sudan blieben "wegen bestimmter Präzedenzfälle" außen vor, lässt Hasenclever durchblicken. Die Gesetze seien in diesen Staaten "so restriktiv und aufdringlich, dass Bitcoin und andere Kryptowährungen streng reguliert werden". Die Eroiy-Macher glaubten trotzdem generell daran, "dass jeder in der Welt von unserem erotischen Ökosystem profitieren kann". So bezeichnen die Autoren des Whitepapers chinesische Unternehmen als späteren potenziellen Zielmarkt, da die Konsumenten in China verstärkt nach bequemen, schnellen und kosteneffizienten Bezahlmethoden suchten.  (skr)


Verwandte Artikel:
Border-Gateway-Protokoll: Angriff auf AWS-Server führt zu Ether-Diebstahl   
(25.04.2018, https://glm.io/134049 )
Antminer E3: Bitmains ASIC für Ethereum kommt Mitte Juli 2018   
(04.04.2018, https://glm.io/133658 )
Chrome: Google verbietet Erweiterungen, die Kryptowährungen schürfen   
(03.04.2018, https://glm.io/133638 )
Atari - Der Film: Bushnell Token sollen Atari-Biopic finanzieren   
(22.03.2018, https://glm.io/133472 )
Supercomputer: Atomwissenschaftler bei Bitcoin-Mining erwischt   
(10.02.2018, https://glm.io/132700 )

© 1997–2018 Golem.de, https://www.golem.de/