Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/metal-gear-survive-im-test-himmelfahrtskommando-ohne-solid-snake-1802-132956.html    Veröffentlicht: 23.02.2018 14:10    Kurz-URL: https://glm.io/132956

Metal Gear Survive im Test

Himmelfahrtskommando ohne Solid Snake

Das erste Metal Gear nach dem Rauswurf von Entwickler Hideo Kojima bietet neben Action in einer düsteren Alternativwelt unter anderem eine merkwürdige Obsession für Essen und Trinken. Frech: Zusätzliche Speicherplätze für die Kampagne kosten in Survive 10 Euro.

Hunger und Übelkeit - und das im ungünstigsten Augenblick! Erst vor einer halben Stunde haben wir ein paar gebratene Rennmäuse und ein Schaf mit ein paar Litern Wasser heruntergespült. Jetzt liefern wir uns eine Schießerei mit Zombies. Leider verschwimmt uns beim Zielen immer wieder der Blick. Und weil wir kein destilliertes Wasser mehr hatten und uns mit unsauberem helfen mussten, übergeben wir uns auch noch alle paar Minuten. Den Kampf gegen die Untoten gewinnen wir in der Kampagne von Metal Gear Survive zwar knapp, aber unmittelbar nach der Schlacht sterben wir an Entkräftung.

Kein Witz: In dem Actionspiel von Konami sind wir vor allem in den ersten paar Stunden intensiv mit der Beschaffung von Essen und Trinken beschäftigt (wesentlich mehr als in Kingdom Come Deliverance übrigens). Dabei hätten wir eigentlich auch so genug zu tun, denn als Söldner der Gruppierung Militaires Sans Frontières sind wir gerade durch ein Wurmloch auf die mysteriöse Welt Dite gesaugt worden.

Survive ist das erste Metal Gear nach dem Rauswurf von Serienschöpfer Hideo Kojima. Das bei Konami produzierte Actionspiel setzt die Reihe nicht fort, sondern ist ein weitgehend unabhängiger Ableger. Den schnauzbärtigen Big Boss (Solid, Snake - je nachdem) bekommen wir nur ganz kurz im langen und serientypisch verworren-komplexen Intro zu sehen. Konkret spielt Survive zwischen dem Prolog Ground Zeroes und dem Hauptspiel The Phantom Pain von Metal Gear Solid 5. Das Aussehen des männlichen oder weiblichen Protagonisten bestimmen wir zu großen Teilen selbst, im Spiel sehen wir unser Alter Ego aus der Rückenansicht.

In der Kampagne von Survive kämpfen wir in offenen Umgebungen darum, wieder durch das Wurmloch in unsere eigene Welt zu gelangen. Unsere Hauptfeinde sind teils riesige Massen an sogenannten Wandelnden, die mit ihrem merkwürdig leuchtenden Mini-Stumpf-Schädel dezent an die Zombies aus The Last of Us erinnern. In Survive sind diese Monster als Kanonenfutter konzipiert: Besondere Angriffsmanöver beherrschen sie nicht. Einen Untoten erledigen wir selbst mit schwachen Waffen fast problemlos. Aber sobald wir zwei Gegner gleichzeitig in unserer Nähe haben, wird die Sache brenzlig.

Den zweiten Kampf in Survive führen wir mit der Beschaffung von Nahrung sowie von Rohstoffen, Ausrüstung und weiteren Extras. Dieses Element spielt in Survive eine sehr große Rolle. Wir müssen Schafe jagen, Blumen sammeln, Tische und Fässer zerlegen, an Werkbänken weiterverarbeiten, unser Basislager verstärken, Waffen bauen, die Gegenstände in Truhen hin- und herschieben und auch sonst viel verwalten. Das nimmt sehr viel Spielzeit in Anspruch und benötigt Einarbeitung: Die zahlreichen Menüs sind unübersichtlich, zumindest anfangs kann das zu Frust führen.

Außerdem sind einige Vorgänge überkompliziert in der Bedienung geraten. Eine Eisentonne müssen wir etwa erst mit einem Angriff zerstören, um dann mehrere Einzelteile nacheinander aufzusammeln - einen "Nehme alles in der Nähe"-Befehl gibt es nicht. Für alle Spieler, die Grinding lieben, dürfte Survive trotz dieser Ärgernisse auf Dauer eines der derzeit besten Spiele sein, zumal es relativ langfristig Bauoptionen zum Freischalten gibt - auch Kochrezepte.

Die Spieldauer der Kampagne schätzen wir im Normalfall auf mindestens 20 Stunden - selbst eine ungefähre Angabe ist hier schwierig, weil es tatsächlich sehr viele Freiheiten im Hinblick auf Zusatzaufgaben und Vorgehensweisen gibt. Der Spielstand wird automatisch gesichert. Wer mehr als einen Charakter anlegen möchte, muss für jeden weiteren Speicherplatz 10 Euro ausgeben - in einem Programm wie Survive finden wir das besonders ärgerlich, weil es für uns eigentlich dazugehört, auch mal mit unterschiedlichen Figuren zu experimentieren.

Verfügbarkeit und Fazit

Survive verwendet die Konami-eigene Fox Engine. Grafikstil und Atmosphäre erinnern deutlich an andere Metal-Gear-Teile. Sehr zeitgemäßig wirkt das Spiel nicht: Schatten und Licht sehen künstlich aus, statt Fernsicht gibt es eine merkwürdige "Wolke" im Hintergrund, die Animationen wirken teils unbeholfen. Uns lag nur die fertige Playstation-4-Version vor, die PC-Fassung (Systemanforderungen) soll unter anderem deutlich besseres Ambient Occlusion Shadowing bieten.

Die Kampagne ist nur mit Onlineverbindung spielbar, auf andere menschliche Spieler trifft man allerdings nicht. Das einzige Multiplayerelement ist ein Coop-Modus, bei dem bis zu vier Spieler gemeinsam gegen deutlich stärkere Zombies in Missionen kämpfen - also nicht in der offenen Kampagnenwelt.

Metal Gear Survive ist für Windows-PC, Xbox One und Playstation 4 für rund 40 Euro erhältlich. Die Sprachausgabe erfolgt in Japanisch oder Englisch, dazu gibt es ausschaltbare Untertitel in Deutsch und einer Reihe weiterer Sprachen. Für die kommenden Wochen soll es per Download weitere kostenlose Inhalte geben, unter anderem ist für März 2018 ein weiterer Modus für Coop geplant.

Neben den kaufbaren Extra-Savegame-Plätzen gibt es noch eine Reihe weiterer Mikrotransaktionen, die aber sehr dezent im Spiel untergebracht und nicht auffällig beworben werden. Von der USK hat das Programm eine Freigabe ab 16 Jahren erhalten.

Fazit

Grafikstil und Aufmachung von Survive erinnern anfangs an die Glanzzeiten von Metal Gear - aber nach und nach entpuppt sich das neue Spiel nur als mittelgutes Survivalgame. In den ersten Stunden fanden wir es spannend, die vielen relativ komplexen Spielsysteme kennenzulernen und in der fremden Welt zu überleben. Später hat uns die langatmige Jagd nach Essen, Trinken und sonstigem Material eher genervt.

Vor allem das mit den Nahrungsmitteln ist in dieser Form absurd. Unser Alter Ego verputzt ein ganzes Schaf, um eine halbe Stunde später vor Hunger zu sterben? Es macht wenig Spaß, ständig nach zerlegbaren Tieren zu suchen, gewaltige Massen an Wasser zu horten oder all die anderen Rohstoffe aufzutreiben und zu verwalten.

Das ist schade, denn die offene Welt von Survive kann zwar nicht mit aktuellen Spitzenspielen mithalten, sie bietet aber genug interessante Ecken zum Erforschen. Gut gefallen uns auch einige der Kämpfe. Es gibt zwar sehr viele Standardsituationen, aber auch immer wieder größere Gefechte, in denen wir taktisch geschickt unsere Ausrüstung einsetzen müssen, um nicht überrannt zu werden.

Einen merkwürdig zwiespältigen Eindruck hinterlässt die Handlung. Zwar erinnern viele der absurden Situationen und der überkomplexe Verlauf angenehm an Altmeister Kojima. Allerdings gibt es wenig wirklich geniale Einfälle, irgendwie haben uns die langen Zwischensequenzen kaum gepackt.

Es gäbe noch einiges mehr zu sagen über Survive, etwa zur teils netten und teils künstlichen Grafik, oder zum frechen 10-Euro-Speichersystem. Um es kurz zu machen: An diesem Spiel haben langfristig vor allem leidenschaftliche Fans von Grinding ihre Freude. Das ist zwar auch was - aber von einem Metal Gear erwarten wir viel mehr.  (ps)


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