Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/age-of-empires-definitive-edition-test-trotz-neuem-look-zu-rueckstaendig-1802-132837.html    Veröffentlicht: 19.02.2018 09:01    Kurz-URL: https://glm.io/132837

Age of Empires Definitive Edition Test

Trotz neuem Look zu rückständig

Am liebsten würde Microsoft PC-Spieler einfach mit einem beherzten "Wololo" dazu bekehren, die Definitive Edition von Age of Empires zu kaufen. Am Ende versuchen sie es mit neuer Grafik. Wir finden aber, das reicht nicht. Selbst Nostalgiker sollten sich den Kauf gut überlegen.

Den Test für das Remaster des Echtzeitstrategie-Klassikers Age of Empires beginnen wir mit der Suche nach Synonymen für das Wort "zurückgeblieben". Und so sehr das Nostalgikern auch wehtun mag, nahezu alle Synonyme passen auf die eine oder andere Art auf die Definitive Edition von Age of Empires.

Inhaltlich haben die Entwickler von Forgotten Empires wenig bis gar nichts geändert: Käufer der Definitive Edition erhalten das klassische Age of Empires, in dem Spieler eines von sechzehn Völkern in traditioneller Genre-Art von der Altsteinzeit über die Jungsteinzeit und Bronzezeit in die Eisenzeit führen. Als Ressourcen müssen Nahrung, Holz, Steine und Gold gesammelt werden. Die Einheiten umfassen neben Arbeitern vornehmlich Infanterie, Kavallerie und erste simple Belagerungswaffen.

Vom Spieldesign kupferte Age of Empires 1997 stark bei den damaligen Genre-Meilensteinen Warcraft und Command & Conquer ab. Alle, die sich für die historischen Details, den atmosphärischen Soundtrack und die anderen Eigenschaften interessieren, die Age of Empires Kultstatus eingebracht haben, erfahren darüber mehr in unserer Folge Golem retro_. Für diesen Test werden wir sie nicht wiederholen, sondern wollen uns auf die vorliegende Version fokussieren.

Inhaltlich gleichen sich die Versionen von 1997 und 2018 auf erstaunliche Art und Weise. Im Test sind wir auf die identischen Stärken und Schwächen gestoßen. Die Definitive Edition ist atmosphärisch gut gelungen und bietet bei der Spieltiefe und den Entscheidungen des Spielers den gleichen Umfang. Neben Multiplayer-Modi über das Internet (jetzt Xbox Live) und LAN bringt sie auch den komplexen Editor und die Solokampagnen inklusive aller Verbesserungen der Erweiterung Rise of Rome mit.

Alte Engine, neu gerendert

Die Grafik von Age of Empires Definitive Edition wirkt auf den ersten Blick vielleicht nicht sehr modern. Im Direktvergleich ist aber schnell zu erkennen, dass die Entwickler hier einiges verbessert haben. Die Sprites und 2D-Einheiten bewegen sich in der Neuauflage deutlich flüssiger über die Landschaften. Drehungen werden nicht mehr in 8, sondern 32 Animationsstufen umgesetzt.

Das Spiel unterstützt Auflösungen bis zu 3.840 x 2.160 Pixeln. Dadurch sind neue Details bei den Gebäuden erkennbar, zum Beispiel Blumentöpfe beim Dorfzentrum oder individuelle Früchte auf dem Marktplatz. Die imposanteste optische Neuerung dürften aber die Zerstörungs- und Todesanimationen sein. Die Weltwunder zerfallen zum Beispiel in Tausende Einzelteile, nachdem ihre Lebensanzeige von genügend Einheiten auf 0 dezimiert wurde.

Bei den Optionen gibt sich die Definitive Edition von Age of Empires ähnlich spartanisch wie die Ur-Fassung. Ungläubig haben wir uns an den Kopf gefasst, als wir realisierten, dass die Entwickler Spieler noch nicht einmal die Auflösung manuell ändern lassen. Die Definitive Edition läuft stets in der Auflösung des Desktops. Das hat zur Folge, dass Spieler mit weniger leistungsstarken Grafikkarten, aber einem hochauflösenden Display zuerst die Desktop-Auflösung heruntersetzen müssen. Das wird einige Nutzer von 4K-Laptops stören.

Das wäre natürlich nicht so schlimm, wenn das neue Age of Empires stets flüssig liefe, wie man es von einem alten Spiel auf modernen PCs eigentlich hätte erwarten können. In der aktuellen Fassung 4994 bringt die Definitive Edition aber selbst einen Core i7-Haswell im Zusammenspiel mit einer Nvidia Geforce 980 Ti und 16 GByte RAM an seine Grenzen. Das liegt primär am neuen Zoom-Feature.

Ein krasser Zoom und trotzdem keine Übersicht

Für die Anpassung der Grafik an das eigene System gibt es nur vier Regler, die die Effekte Bloom, Anti-Aliasing, schwarzer Nebel und Wolken abschaltbar machen. Auf die Performance hat die Einstellung der Detailstufe am meisten Einfluss. Hier wird die Auflösung der Sprites festgelegt. Sie kann auf 1x, 2x und 4x gesetzt werden. 1x gibt die geringste Detailstufe, sprich weniger grafische Details und mehr Unschärfe, aber im Gegenzug einen sehr umfangreichen Zoom-Modus.

Über das Mausrad können Spieler fast eine komplette mittelgroße Karte in der QHD-Auflösung 2.560 x 1.440 Pixel laufen lassen. So beeindruckend dieses Feature beim ersten Ausprobieren sein mag, praktikabel ist es nicht. Denn die Einheiten auf große Entfernung noch auszumachen, ist unmöglich. Außerdem fällt die Bildrate auf 20 Bilder pro Sekunde. Grafikfehler im Nebel des Krieges treten häufig auf.

Detailstufe 4x rendert die Grafik dagegen sehr hoch aufgelöst und ermöglicht es, Einheiten und Gebäude sehr nah und bildschirmfüllend zu betrachten. Das Zoom-Feature ist hier aber sehr begrenzt und wir fühlen uns stets zu nah an der Grafik.

Für den Test haben wir daher die meiste Zeit auf der mittleren Detailstufe 2x gespielt. Sie bietet den idealen Kompromiss aus Übersicht und Details.

Neue Knöpfe für Strategen

Das Bau-Menü ist in der Definitive Edition nicht mehr verschachtelt. Stattdessen werden alle verfügbaren Bauoptionen direkt am unteren linken Bildschirmrand dargestellt. Die neuen Standard-Hotkeys entsprechen der linken Tastatur-Hälfte.

Den wichtigsten neuen Knopf gibt es am oberen Bildschirmrand. Dort können wir über eine Schaltfläche zum nächsten untätigen Arbeiter springen.

Gerne würde wir von weiteren Standardfunktionen berichten, die es in die Definitive Edition geschafft haben. Aber das Programm bietet weder die Formationen des direkten Nachfolgers, noch einen Patrouillieren-Befehl oder simple Anweisungen wie "Defensiv" und "Offensiv".

Steinzeit-Strategie ohne Verkehrsregelung

Die künstliche Intelligenz wurde in wenigen Punkten verbessert: Arbeiter beginnen nun automatisch mit dem Abbau von Ressourcen nach der Fertigstellung eines Lagers oder Kornspeichers. Mit einem Rechtsklick werden Felder nach dem Abarbeiten erneut angebaut und Kampfeinheiten können über Farm-Felder laufen. Abseits davon verhalten sich alle Einheiten noch genauso dumm wie damals.

Wenn etwas an Age of Empires nervig ist, dann ist es die schlechte automatische Wegfindung. Die uns sogar noch schlechter als im Original vorkommt. Immer wieder verhakten sich Kampfeinheiten nach der Landung an einer Küste ineinander und ließen sich nicht mehr entknoten. Im Zufalls-Spiel hat es der Computergegner wiederholt geschafft, seine eigenen Arbeiter in einem Waldstück zu verkeilen, wo wir sie mit einem Bogenschützen genüsslich einen nach dem anderen töten konnten.

Selbst wenn man bei den fehlenden Formationen aufgrund des "wilderen" Szenarios ein Auge zudrücken will: Der hohe Anteil an Mikromanagement beim Bewegen größerer Armeen unterhält maximal Profi-Spieler. Die Einheiten bewegen sich einmal zusammengefasst stets im gleichen Abstand zueinander über die Karte. Möchte man einen Priester hinter den Bogenschützen platzieren, muss der einzeln herausgesucht werden und an seinem neuen Platz stehen bleiben, bevor die Gruppe weiterzieht.

Eine alte Engine, wie die von Age of Empires 1, in diesem Bereich auf ein modernes Level zu heben, wäre sicherlich nicht leicht gewesen. Ob es die Entwickler versucht haben, ist schwer zu sagen. Am Ende stolpert das Remake aber genau an diesem Punkt derart stark, dass es für Spieler, die Dawn of War 3, Starcraft 2 oder selbst Halo Wars gewohnt sind, nahezu unspielbar ist.

An den äußerst aggressiven Computergegnern in der Kampagne (nicht dem Tutorial) hat sich nämlich auch nichts spürbar geändert. Einige Missionen müssen ab der ersten Sekunde auf eine spezifische Art angefangen werden, um den Sieg davontragen zu können. Diese Art der Missionsgestaltung ist heute zu altmodisch.

Neu orchestrierte Klänge

Der Soundtrack liegt in der Originalfassung und einem Remaster vor, das Gleiche gilt für die Sprachsamples der Einheiten. Leider lassen sich die Verbesserungen nicht einzeln zuschalten. Spieler spielen in der Definitive Edition entweder die Classic-Fassung mit dem alten Sound oder die gegenwärtige Version mit neuen Klängen.

Die neuen Arrangements des Soundtracks gefallen uns sehr gut. Sie bieten einen humorvollen Mix aus alten Melodien und spontanen Tempowechseln. Die neuen Sprachsamples hatten es in der Redaktion zugegeben sehr schwer gegen die kultigen Originalsounds.

Verfügbarkeit und Fazit

Age of Empires Definitive Edition ist als Download über den Windows-10-Store für 20 Euro erhältlich. Die Laden-Fassung enthält einen Lizenzschlüssel für den 17 Gigabyte großen Download. Die USK hat das Spiel ab 12 Jahren freigegeben. Für Mehrspieler-Duelle ist kein Xbox-Live-Gold-Abo erforderlich.

Fazit

Microsoft und das Entwicklerstudio Forgotten Empires haben sich für die Definitive Edition von Age of Empires primär auf oberflächliche Dinge wie Grafik und Sound konzentriert. Bei der künstlichen Intelligenz, der Wegfindung und dem Spieldesign haben wir nur marginale Verbesserungen vorgefunden.

Besonders im Bereich der Wegfindung und künstlichen Intelligenz ist Age of Empires unterentwickelt. Ständig bleiben Einheiten irgendwo stecken oder rennen in die völlig verkehrte Richtung. Hier hätten wir uns eigentlich Formationen gewünscht, mindestens aber rudimentäre Befehle erwartet wie "Verteidigen", "Gruppieren" oder "Pa­t­rouil­lie­ren".

Das Resultat sind die gleichen, wirren Kämpfe wie im Klassiker von 1997, in dem ein sehr hohes Maß an Mikromanagement gefragt ist, wenn es darum geht, Einheiten in Sicherheit zu bringen oder strategisch günstig zu platzieren.

Das Genre hat sich aber nicht ohne Grund von diesem Prinzip wegentwickelt und zahlreiche Komfortfunktionen etabliert, die abgesehen vom Knopfdruck "zum nächsten faulen Arbeiter" in der Definitive Edition fehlen.

Das Gleiche gilt für die schwerfällige Kampagne. Die Missionen spielen sich heute mühselig, langatmig und müssen meist auswendig gelernt werden, um den aggressiven Computergegnern Paroli zu bieten.

Dass das Remaster zwar ganz hübsch aussieht, aber ganz schön hardwarehungrig ist, ist nur schwer zu entschuldigen. Das Fehlen der Auflösung im Grafikmenü dürften viele PC-Spieler gar als kleine Frechheit empfinden.

Am Ende hat die Definitive Edition zwar ein weniger muffiges grafisches Gewand und einen etwas klangvolleren Sound als das sehr angestaubte Original. Dennoch werden nur die treuesten Fans viel Freude mit dem Remaster haben, und das auch ausschließlich in Mehrspielergefechten mit Freunden, wo alle auf gleiche Weise mit der Wegfindung kämpfen.

Wir finden, dass der Serienursprung mit mehr Zeit und Feinschliff zumindest mit Age of Empires 2 HD auf Augenhöhe hätte kommen können. Das ist den Entwicklern aber nicht gelungen.  (mw)


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