Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/kingdom-come-deliverance-im-test-mittelalter-speicherschnaps-und-klirrende-klingen-1802-132725.html    Veröffentlicht: 13.02.2018 09:06    Kurz-URL: https://glm.io/132725

Kingdom Come Deliverance im Test

Mittelalter, Speicherschnaps und klirrende Klingen

Komplexe Schwertkämpfe, historisch halbwegs korrekte Figuren und Schauplätze: Auch ohne Drachen und Magie bietet Kingdom Come Deliverance ein spannendes Abenteuer. Etwas Zauberkraft gibt es dann aber doch - zusätzlich zur Superspezialfähigkeit "Speicherstand laden".

Verdammt, die Dorfwache hat uns erwischt! Gerade haben wir zusammen mit unserem Kumpel Fritz und ein paar weiteren Freunden das frisch geweißelte Haus unseres Nachbarn mit Dung beworfen, weil er unseren König Wenzel 4. beleidigt hat. Und schon laufen wir bei der Flucht dem örtlichen Wachmann in die Arme. Zum Glück drückt der beide Augen zu und lässt uns ziehen - ihm ist der Streit um den umstrittenen Regenten, den viele schlicht "Wenzel der Faule" nennen, nicht so wichtig. Hauptsache, im Örtchen Skalitz herrscht Ruhe!

Über dem Dorf thront die Burg des lokalen Adligen, direkt darunter ist die Schmiede von unserem Herrn Papa. In Kingdom Come Deliverance übernehmen wir die Rolle von Heinrich, der zu Spielbeginn im Auftrag seines Vaters ein paar Gegenstände besorgen soll und sich dabei auf Konfrontationskurs zu seinem Mitbürger begibt.

Kurz nach dem Auftakt des Action-Adventures geht die halbwegs heile Welt vollständig in die Brüche. Die Armee des feindlichen Sigismund von Ungarn fällt über das Dorf her, dabei kommen unter anderem die Eltern von Heinrich ums Leben. Seine Aufgabe: Er muss Vater und Mutter rächen, ein wertvolles Schwert wiederbeschaffen und ganz allgemein für das Gute kämpfen.

Das macht er - im einigermaßen detailgetreu - nachgebildeten 15. Jahrhundert in einer Region namens Sasau im Südosten von Böhmen - etwa 40 Kilometer südöstlich von Prag, wo das Entwicklerstudio Warhorse seinen Firmensitz hat. Das Gelände und viele der Gebäude sind ungefähr den lokalen Gegebenheiten nachempfunden, soweit wir das im Vergleich mit Bildern aus dem Internet feststellen konnten. Den historischen Hintergrund lernen wir im Intro sowie in einer Art Ingame-Lexikon kennen, in dem wir auch viel über das Mittelalter an sich erfahren.

Eine der Herausforderungen für Spieler von Kingdom Come Deliverance liegt darin, die Regeln in dieser mittelalterlichen Welt zu lernen. Dabei geht es nicht nur darum, Freund von Feind zu unterscheiden, sondern auch um die Gameplaymechaniken. Eine von vielen Sachen, die das Spiel anders macht als die meisten vergleichbaren Titel, sind echte Tagesabläufe von computergesteuerten Personen.

Beispielsweise tafeln ein Fürst und seine Gemahlin nur zu bestimmten Zeiten am Esstisch, wo wir sie abfangen und ein unter Umständen wichtiges Gespräch mit ihnen führen können. Kingdom verrät uns im Normalfall nichts zu den Abläufen an den unterschiedlichen Orten. Wir müssen selbst herausfinden, wer sich wann und wo befindet - im Grunde geht das nur durch sehr langes Beobachten oder durch Glück. Falls wir den Lösungsweg, den uns Fürst und Fürstin aufzeigen, nicht finden, müssen wir uns etwas anderes einfallen lassen.

Erst mal einen Snack einwerfen!

Ob es in Kingdom Come Deliverance tote Enden gibt, an denen wir nicht weiterkommen, ist uns nicht endgültig klar. Wir haben an ein paar Stellen aktiv versucht, alle Lösungswege zu sabotieren, aber irgendwie wäre es dann doch gegangen. Teils hätte das aber wesentlich schlechtere Ausrüstung bedeutet, weniger Vorräte oder einen längeren Echtzeitfußmarsch statt der schnellen Reise per Pferd.

Es gibt viele aus dem echten Leben übernommene Details, die Kingdom vergleichsweise komplex und damit im einzigen Schwierigkeitsgrad durchaus herausfordernd machen. So müssen wir regelmäßig schlafen und auf genug zu essen achten. Es reicht aber nicht, Äpfel oder Brot ins Inventar zu packen und regelmäßig zu verspeisen: Nahrung verdirbt innerhalb weniger Tage, den jeweiligen Frischegerad erfahren wir in der Beschreibung. Falls wir uns eine Lebensmittelvergiftung zuziehen, sind unsere Vitalwerte eine Zeitlang spürbar gesenkt.

In Kingdom gibt es keine klassische Magie, die uns das Leben erleichtern könnte. Das Spiel will "echtes" Mittelalter bieten, nicht Fantasy. Ein paar an Zaubersprüche erinnernde Elemente gibt es aber doch: Mit dem "Trank des Nachtfalken" können wir im Dunklen sehen; mit "Ringelblumen-Aufguss" heilen wir binnen einer Minute leichte Wunden oder die Auswirkungen eines Katers.

Der wichtigste derartige Gegenstand ist aber der "Retterschnaps", mit dem wir manuell einen Spielstand anlegen können. Das klingt banal, ist es aber nicht: Kingdom speichert den Fortschritt nur an bestimmten Stellen automatisch, diese liegen jedoch teils eine Stunde oder länger auseinander. Um auf PC oder Konsole ein manuelles Savegame anzulegen, benötigen wir im Inventar den "Retterschnaps", den wir im Verlauf der Handlung oder gegen Geld beim Händler bekommen - allzu üppig sind die Vorräte aber nie.

Wer das Spiel nicht absolut ohne Tricksereien durchspielen möchte, kann mit den Savegames auch mal ein paar Sachen ausprobieren, etwa einen Angriff auf einen bestimmten Gegner oder unterschiedliche Antworten auf einen der Dialoge. Kingdom nimmt unsere Entscheidungen sehr ernst, einen zweiten Versuch haben wir normalerweise nicht. Das ist zwar einerseits interessant, aber nicht immer können wir früh genug abschätzen, ob die gewählte Vorgehensweise wirklich unseren Absichten entspricht.

Das gilt auch für den Ausbau der Charakterwerte von Hauptfigur Heinrich. Der junge Mann ist zumindest anfangs alles andere als ein Elite-Ritter: Als Sohn des Schmieds hat er nie kämpfen gelernt, bei seinen ersten Schwerthieben in einer Zwischensequenz blamiert er sich. Seine Werte bauen wir durch Übung zur Meisterschaft aus: Wenn er etwa viel kämpft, steigen Stärke und Agilität schneller, als wenn er oft das Gespräch sucht.

Im Verlauf der Handlung stehen die Kämpfe gar nicht so sehr im Mittelpunkt, Kingdom spielt sich über weite Strecken wie ein Adventure: Wir suchen Gegenstände, überbringen Objekte oder Nachrichten, stehlen oder kaufen Ausrüstung und führen viele Gespräche. Ganz vermeiden können wir die Auseinandersetzungen mit Schwert oder Pfeil und Bogen aber nicht. Vor allem die Schwertkämpfe sind relativ komplex: Wir können nicht nur aus unterschiedlichen Richtungen zuschlagen und zustechen, sondern auch blockieren, ausweichen und parieren.

Kampf mit Handicap

Wie das genau funktioniert, lernen wir in gut gemachten Tutorials innerhalb der Kampagne. Trotz viel Übung sind wir mit der Schwertsteuerung aber nicht so richtig warm geworden: Wir finden, dass die Eingaben oft mit einer zu langen, nicht nachvollziehbaren Verzögerung erfolgen, so dass der Ausgang der Kämpfe zum Teil Glückssache ist. Nur gegen einfache Feinde, etwa Banditen auf der Straße, ist uns der Sieg nach kurzer Übung sicher - Gefechte mit Rittern haben uns wenig Spaß gemacht. Etwas weniger frustrierend ist übrigens die Steuerung per Gamepad. Bei der Kombi aus Tastatur und Maus am PC wird es besonders fummelig.

Eine große Stärke von Kingdom ist die schöne, stimmig in Szene gesetzte Welt. Die ist zwar nicht mal annähernd so groß wie in Assassin's Creed Origins und auch technisch längst nicht so imposant, bietet aber dennoch viel zu entdecken und Spielspaß für ein paar Dutzend Stunden. Wir können sowohl der Haupthandlung folgen als auch Nebenmissionen erledigen, etwa Schulden für unseren Vater eintreiben oder nach einem verschollenen Ring suchen. Nach und nach klappern wir so eine Reihe von Burgen und ein Kloster ab, die Geschichte wird immer wieder von sehenswerten und teils minutenlangen Zwischensequenzen vorangetrieben.

Zum Test lag uns das auf der Cryengine basierende Spiel für Windows-PC und Playstation 4 vor. Bei beiden Versionen hatten wir keine technischen Probleme wie Abstürze, aber sehr ähnliche und teils noch massive Bugs bei der Audioabmischung. Teils waren die Sprecher in Zwischensequenzen fast nicht zu hören, ein paar Szenen weiter gab es wieder die ursprünglich eingestellte Lautstärke. Dazu kommen in Dialogen oft Fehler bei der Synchronisation zwischen dem Gesagten und den Lippenbewegungen sowie bei Animationen. Heinrich etwa winkt oft an völlig unpassenden Stellen beschwichtigend mit der Hand, was sehr merkwürdig aussieht.

Ein paarmal sind wir außerdem Leitern nicht mehr hochgekommen oder zwischen Gegenständen steckengeblieben, was im besten Fall durch eine Schnellreise und im schlechtesten nur durch das Laden des letzten Savegames behoben werden konnte.

Die Systemanforderungen sind relativ niedrig: Laut Warhorse müssen PC-Spieler mindestens einen Rechner mit einer CPU vom Typ Intel Core i5 2500K mit 3.3GHz oder AMD Phenom II X4 940 besitzen, dazu kommen 6 GByte RAM. Als Grafikkarte muss eine Nvidia Geforce GTX 660 oder AMD Radeon HD 7870 vorhanden sein.

Für die maximalen Einstellungen empfiehlt das Studio einen Intel Core i7 3770 mit 3,4 GHz oder einen AMD FX-8350 mit 4 GHz. Der Speicher sollte 8 GByte haben, die Grafikkarte eine Nvidia Geforce GTX 1060 oder eine AMD Radeon RX 580 sein. In jedem Fall benötigt Kingdom rund 30 GByte auf der Festplatte, als Betriebssystem genügt die 64-Bit-Version von Windows 7.

Auf der Xbox One X wird Kingdom Come Deliverance in der Auflösung 1440p (2.560 x 1.440 Pixel) berechnet. Außerdem soll das Programm auf der X über die "qualitativ hochwertigste globale Beleuchtung verfügen sowie über mehr und schönere Schatten, bessere Lichteffekte und eine größere Fernsicht", so Hersteller Warhorse.

Auf der Playstation 4 Pro wird das Programm in einer Auflösung von 1080p berechnet (1.920 x 1.080 Pixel), die globale Beleuchtung ist nach Angaben des Studios etwas weniger aufwendig als auf der Xbox One X. Auf den Standardversionen von Xbox One und Playstation 4 wird Kingdom in einer Auflösung von 900p (1.600 x 900 Pixel) berechnet - und dann, wie alle Versionen, auf die Auflösung des Monitors skaliert, in den meisten Fällen also auf 1080p. Die Bildraten liegt auf allen Konsolen bei rund 30 fps, HDR unterstützt Kingdom Come Deliverance nicht.

Verfügbarkeit und Fazit

Kingdom Come Deliverance ist ab dem 13. Februar 2018 für Windows-PC (rund 50 Euro) und für die genannten Konsolen (jeweils rund 60 Euro) verfügbar. Die Qualität der deutschen Sprachausgabe ist gut, alternativ lässt sich die englische Tonspur einstellen; tschechische Sprachausgabe ist nicht aktivierbar. Einen Multiplayermodus gibt es nicht, ebenso keine Mikrotransaktionen. Von der USK hat das Programm eine Freigabe ab 16 Jahren erhalten.

Fazit

Es hat ganz schön lange gedauert, bis wir uns nach Spielstart in das Mittelalter von Kingdom Come Deliverance hineingefunden haben. Das Tempo ist niedriger als in den gewohnten Fantasy-Abenteuern, wir müssen Nebensächlichkeiten wie Nahrung und Schlaf im Auge behalten und auf den Tagesverlauf von anderen Personen achten. Fehler lassen sich kaum ausbügeln - und wer ständig zum Savegame greift, wird mit langen Wiederholungen bestraft.

Diese Feinheiten machen aber auch den Reiz von Kingdom aus: In seinen besten Momenten bietet es eine relativ glaubwürdige Welt, in der Geduld, Ideen und ein Blick für Details gefragt sind. In anderen Spielen knacken wir eine verschlossene Schatzkiste einfach so. Hier prüfen wir lieber alle paar Augenblicke, ob sich eine Wache nähert und echter Ärger droht - das ist spannend!

Die abwechslungsreichen Missionen und der Fokus auf das Lösen von Rätseln gefallen uns, aber die Kämpfe sorgen für Frust. Selbst nach viel Übung und dem erfolgreichen Absolvieren der Trainingseinheiten machen uns die Schwertgefechte wenig Spaß. Unsere Eingaben werden arg schwammig und mit zu viel Verzögerung ausgeführt, so dass wir selten das Gefühl haben, planvoll agieren zu können.

Ärgerlich finden wir auch die vielen kleinen technischen Probleme bei der Audioabmischung, die Massen an unpassenden Animationen, fehlende Lippensynchronität in Dialogen und ähnliche Stimmungskiller. Hier sollten die Entwickler unbedingt schnell nachbessern.

Dennoch: Die spannende Handlung und die interessante Welt können für viele Stunden faszinieren. Spieler sollten sich aber im Klaren darüber sein, dass eine gewisse Einarbeitung und Frusttoleranz nötig sind - das gehört im Mittelalter wohl mit dazu.

 (ps)


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