Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/roboter-maschine-stiehlt-mensch-die-show-1802-132677.html    Veröffentlicht: 09.02.2018 11:12    Kurz-URL: https://glm.io/132677

Olympische Spiele

Maschine stiehlt Mensch die Show

Die Veranstalter von Olympia 2018 sprechen von den Roboterspielen von Pyeongchang. Das Event soll auch die Interaktion zwischen Mensch und Maschine in den Mittelpunkt stellen. Einiges könnte zukunftsweisend sein.

Einmal dieses Feuer zu tragen ist der Traum unzähliger Sportfans. Jedes Mal bewerben sich etliche Begeisterte um einen Moment als Fackelträger, sobald die olympische Flamme ihre lange Reise vom vorigen Veranstaltungsort zum nächsten zurücklegt. Doch diesmal, auf dem Weg ins südkoreanische Pyeongchang, waren die Sekunden des Ruhms noch schwieriger zu kriegen als sonst. Zwei Träger stahlen allen anderen die Show: Sie heißen Hubo und FX-2 und dürften sich weder um ihren Job gerissen noch Stolz verspürt haben. Sie sind zwei von vielen Vorzeigerobotern Südkoreas.

Wenn Pyeongchang vom 9. bis 25. Februar die Olympischen Winterspiele veranstaltet, zeigt sich Südkorea für zwei Wochen nicht nur als Zentrum der Sportwelt. Die Organisatoren wollen sich auch als Zentrum der Roboterwelt inszenieren. Jenseits der maschinellen Fackelträger stehen, laufen, springen und fahren 85 Roboter über das olympische Gelände. Sie sollen den menschlichen Besuchern einerseits den Aufenthalt erleichtern, ihnen andererseits imponieren. Und so einen Blick in eine mögliche Zukunft bieten, in der Roboter ziemlich nah am Menschen sind - nicht nur, aber auch im Sport.

Am Rande der olympischen Skipisten wird etwa erstmals ein Turnier im Skispringen zwischen acht Entwicklerteams ausgetragen. Die Athleten haben zwei Beine und Bretter an den Füßen, allerdings keine Angst vorm Absprung. Der Sieger dieser Roboterolympiade in Pyeongchang kann, wie auch die Gewinner in den Wettbewerben menschlicher Athleten, in triumphaler Pose abgebildet werden - von den Kameras und auch von einem Zeichenroboter, der mit vier Tintenarten und mehr als 1.000 Farbtönen bis zu 20 Meter hohe Wandgemälde schaffen wird. In unmittelbarer Nähe schwimmen Fische in einem Aquarium, die wie Kois oder Seebrassen aussehen, bis zu fünf Meter tief abtauchen können, sich allerdings nicht durch ihre Kiemen orientieren, sondern durch einen Algorithmus. Von solchen Spielereien gibt es in Pyeongchang diverse.

Ein weißes tigerartiges Geschöpf, das aussieht wie das Olympiamaskottchen Soohorang, erklärt Besuchern den Weg, funktioniert durch Spracherkennung auf vier Sprachen. Ähnlich ist das Erlebnis an Seouls internationalem Flughafen Incheon, wo den Reisenden Roboter auf Rollen mit Flachbildschirmgesicht vom Technikkonzern LG zu den Gates und Ausgängen führen. Auch die Putzkräfte sind teilweise schlaue Maschinen, die sich danach richten, wo gerade nicht viel los ist, und dort für saubere Fußböden sorgen.

Das alles passiert nicht seit gestern, und längst nicht alles wird bloß zur Belustigung gebaut. Kaum ein Land investiert mehr in die Forschung zur Interaktion zwischen Mensch und Maschine sowie in Automatisierungsprozesse allgemein als Südkorea. Im Jahr 2016 setzten koreanische Hersteller mit 41.000 Stück nach China die meisten Roboter weltweit ab. Der Anteil der Roboter an industrieller Produktion ist höher als in jedem anderen Land. Laut dem Innovationsindex des Nachrichtenunternehmens Bloomberg ist Südkorea seit einigen Jahren auch die innovativste Volkswirtschaft der Welt.

Der humanoide Fackelträger Hubo etwa, entwickelt vom Ingenieur Oh Jun-ho am Forschungsinstitut KAIST (Korean Advanced Institute of Science and Technology), gilt als der derzeit beste Rettungsroboter der Welt. 2015 stach er bei einem Wettbewerb des US-Verteidigungsministeriums Bewerber aus den Hightechländern USA und Japan aus, weil er mit seinen Orang-Utan-Armen und Rollschuhfüßen schneller über Stock und Stein fahren und Zielobjekte aufsammeln kann als jedes andere Modell. Außerdem ist Hubo intelligent: Er verlässt sich nicht hundertprozentig auf die Steuerungsanweisungen der menschlichen Benutzer, sondern setzt sich darüber hinweg, sobald er anhand eigener Beobachtungen meint, die nötige Route besser zu verstehen. Mit seiner Größe von 1,80 Metern kann Hubo seinen Kopf um 180 Grad drehen, sodass er in eine Richtung fährt, während er sich woandershin orientiert.

Nicht nur in Katastrophensituationen, fürchten indes einige Forscher, könnten Roboter kontraproduktiv sein, weil sie zu vielen Menschen unheimlich erschienen. Allerdings ist dies keine Notwendigkeit. Während etwa in Deutschland eine Abneigung gegenüber humanoiden Maschinen üblich ist, kann von der koreanischen Gesellschaft nicht das gleiche behauptet werden. Roboter sieht man hier meist als Helfer, auch als Kumpanen an, kaum als Bedrohung. Das Zutrauen hat auch historische Gründe. In der animistisch geprägten Ideengeschichte Koreas haben wiederholt nichtmenschliche Wesen Gutes mit menschlichen Eigenschaften getan. Dies, so hört man in Südkorea immer wieder, könnten grundsätzlich auch Roboter leisten. So wird Hubo derzeit über ein ausgelagertes Unternehmen kommerzialisiert und soll als Assistent im Alltag dienen können.

"Die Olympischen Spiele sind die große Möglichkeit für uns, vielen Menschen auf der Welt zu zeigen, wie nützlich Roboter für unsere Leben sein können", sagt der Ingenieur Oh Jung-ho, der während Olympia das koreanische Roboterteam anführt. Wenn das Feuer in Pyeongchang erlischt, hofft Oh, werde vieles vom Neuen bleiben. Roboter sollen dabei helfen, schwer zu erledigende Pflegeaufgaben in der schnell alternden koreanischen Gesellschaft zu übernehmen, aber auch die streng abgesicherte Grenze zu Nordkorea bewachen. Für die Robotik im Land, anders als für die Sportler und ihre Fans, ist Olympia kein Höhepunkt, höchstens ein Meilenstein.  (fli)


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