Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/chargery-150-kilo-watt-auf-zwei-raedern-1802-132647.html    Veröffentlicht: 12.02.2018 12:04    Kurz-URL: https://glm.io/132647

Chargery

150 Kilo Watt auf drei Rädern

Wenn der Tank des Verbrennerautos leer ist, haben Fahrer noch die Möglichkeit, mit dem Reservekanister an der nächsten Tankstelle Nachschub zu holen. Beim E-Fahrzeug ist das schwierig. Drei Berliner Unternehmer haben eine Idee entwickelt, wie der Strom zum Elektroauto kommt.

Was tun, wenn der Akku leer, die Ladestation aber weit weg ist - so wie es uns im Herbst beinahe in Neuruppin passiert wäre? Hilfe kommt: Das Berliner Startup Chargery hat mobile Akkus im Einsatz, mit denen liegengebliebene Elektroautos wieder flottgemacht werden.

Bleibt jemand mit seinem Elektroauto liegen - was gar nicht so selten vorkommt, wie Philipp Anders, einer der Gründer des Unternehmens, im Gespräch mit Golem.de schildert - rückt ein Radfahrer von Chargery aus, um das Auto zu reaktivieren. Hinter seinem Fahrrad zieht er einen Anhänger, der sozusagen der Reservekanister für das Elektroauto ist: In dem Aufbau steckt ein Dutzend Akkus, mit denen das Elektroauto wieder auf Trab gebracht wird.

Unterwegs mit der Riesenpowerbank

Der Fahrer fährt mit der überdimensionierten Powerbank zum Auto, wobei ihm ein Antrieb im Hänger einen Teil der Tretarbeit abnimmt. Er stellt den Hänger auf dem Bürgersteig ab, sichert ihn und schließt das Auto an. In vier Stunden haben die Akkus, die zusammen eine Kapazität von 24 Kilowattstunden haben, ein E-Auto wie einen BMW i3 oder einen Nissan Leaf geladen. Dann kommt der Chargery-Mitarbeiter wieder angeradelt und bringt den Hänger zurück ins Hauptquartier.

Dort werden die leeren Akkus - hellgrüne Koffer, die an die Verpackung eines Akkuschraubers oder einer Bohrmaschine erinnern - gegen volle ausgetauscht. Das dauert nicht einmal fünf Minuten. Anschließend ist die mobile Ladestation wieder einsatzbereit. Die anderen Akkus werden für den nächsten Einsatz geladen - und zwar mit Ökostrom, wie Anders' Kollege Christian Lang betont: "Uns war es wichtig, dass wir keinen Atomstrom in den Batterien haben, die Elektroautos laden. Damit würde man das Konzept schon etwas ad absurdum führen."

Bentleys brauchen nicht an die Tankstelle

Er war es auch, der die Idee zu dieser Dienstleistung hatte. Vorbild ist der britische Autohersteller Bentley, der in Kooperation mit einer Mineralölgesellschaft anbietet, die Edelkarossen in der Stadt zu betanken und dem Fahrer so die Fahrt zur Tankstelle zu ersparen. "Den Grundgedanken fand ich nicht so schlecht. Aber für Benzin fand ich das ziemlich sinnlos", sagt Lang. Schließlich gebe es genug Tankstellen, anders als Ladesäulen für Elektroautos. Für die sei eine Treibstofflieferung deshalb sinnvoller.

So sei das Konzept für die Chargery entstanden. Bis zum Start dauerte es auch nicht lange: Der erste Prototyp des Anhängers war nach drei Monaten fertig - das war die Aufgabe von Paul Stuke, der für die Technik bei Chargery zuständig ist. Von der Idee bis zum ersten Auftrag sei etwas mehr als ein Dreivierteljahr vergangen, sagt Anders.

Der Fahrradanhänger darf auf dem Bürgersteig stehen

Ein Fahrrad mit Anhänger ist nach Ansicht der Berliner für die Stadt aus mehreren Gründen das geeignete Verkehrsmittel für diesen Service: "Man ist in der Stadt mit dem Fahrrad mit Abstand am schnellsten, es ist nachhaltig, es hat einen coolen Touch und - was auch ein wichtiger Punkt ist: Es ist legal, überall in der Stadt einen Fahrradanhänger abzustellen."

Und diese Lösung ist eleganter als die, die der Auftraggeber sonst bevorzugt.

Strom aus dem Anhänger

Aus Gründen der Praktikabilität arbeitet das Unternehmen derzeit fast ausschließlich für den Carsharing-Dienst Drive Now. Über seine Fahrzeug-Management-Software sieht der Anbieter, welche seiner Elektroautos vom Typ BMW i3s geladen werden müssen. Das Fahrzeug wird dann für die Nutzung gesperrt, damit ein Chargery-Mitarbeiter es laden kann.

Bislang schickt Drive Now einen Dienstleister, der das Elektroauto zur Ladesäule fährt. Oder die Kunden übernehmen das und erhalten dafür Bonusminuten.

Das Auto wird geladen und sauber gemacht

Da ist die Chargery-Lösung eher mit dem Gedanken der Elektromobildiät vereinbar. Zumal das Unternehmen neben dem Laden weitere Dienstleistungen übernimmt, wie im Innenraum zu staubsaugen, das Waschwasser nachzufüllen oder auch mal ein Auto, das im Halteverbot abgestellt wurde, umzusetzen.

Allzu weit darf das Fahrzeug aber nicht vom Unternehmenssitz im Berliner Bezirk Mitte entfernt stehen. Das Operationsgebiet hat einen Durchmesser von etwa 3,5 bis 4 km. In dem Bereich seien auch viele Leihelektroautos unterwegs, sagt Lang. "Gerade Prenzlauer Berg, der Kollwitz-Kiez, ist so ein bisschen der Elektrohotspot."

Der Anhänger hat einen Antrieb

So sind die Fahrer schnell am Einsatzort und müssen sich nicht allzu sehr abstrampeln. Ganz leicht ist der Anhänger nämlich nicht: Er bringt gut 150 kg auf die Waage. Um dem Fahrer die Arbeit etwas zu erleichtern, hat der Anhänger einen eigenen Antrieb, der ähnlich wie der eines Pedelec funktioniert: Er unterstützt in dem Maße, wie der Fahrer in die Pedale tritt. Seit kurzem ist auch ein Pedelec im Einsatz, das, wenn es sich bewährt, den Antrieb im Anhänger ersetzen könnte.

Das Geschäft läuft offensichtlich gut: Die aktuell drei Anhänger seien gut ausgelastet. "Die stehen eigentlich nie hier im Büro, außer wenn wie jetzt mal daran herumgeschraubt wird", erzählt Anders. Da bewähre sich das Konzept mit den Wechselakkus: Der Hänger müsse nicht selbst an die Steckdose. "Wir können einfach schnell die Akkus austauschen und dann das nächste Fahrzeug laden. Das heißt, die Hänger sind eigentlich immer draußen."

Chargery weiß, wo der Anhänger ist

Eine Sorge ist, dass sie wohlbehalten wieder zurückkommen, wenn sie unbeaufsichtigt auf den Berliner Straßen stehen. "Klar, die Angst ist da, dass einer geklaut oder zerstört wird", sagt Anders, "aber davon lassen wir uns nicht abhalten". Zumal die Anhänger sich gegen Diebstahl schützen ließen: Während des Ladens ist das Kabel sowohl am Hänger als auch am Fahrzeug verriegelt, kann also nicht abgekoppelt werden. Der Hänger ist mit einem GPS-Chip ausgestattet, so dass sich seine Position einfach ermitteln lässt. Und auch das obligatorische Fahrradschloss fehlt nicht.

In Neuruppin hätte uns allerdings das Angebot von Chargery nicht viel geholfen. Und das lag nicht nur daran, dass wir zu weit außerhalb des Geschäftsgebiets waren.

Zukunftspläne

Derzeit können Privatkunden die Dienste von Chargery noch nicht in Anspruch nehmen. Ein Grund ist, dass es derzeit nur wenige Fahrzeuge gibt, die die Möglichkeit bieten, dass ein Dritter das Auto mit dem Smartphone öffnen kann. Das ist aber die Voraussetzung, dass das Auto geladen wird, ohne dass der Fahrer dabei vor Ort ist.

Daneben ist die Abrechnung für Privatkunden schwierig. Abgerechnet wird voraussichtlich per Ladevorgang, weshalb der Service sich nur lohnt, wenn der Akku weitgehend leer ist. Das ist auch bei vielen Ladesäulen so, wie uns beim Test des E-Golfs im Herbst auffiel. Gerechter wäre eine Abrechnung nach Kilowattstunden. Doch bei diesem Modell kann es leicht zu Konflikten mit dem Eichgesetz kommen.

Chargery kommt nach Hamburg

2019 wollen die drei Gründer in das Privatkundengeschäft einsteigen. Vorher gibt es aber noch andere Pläne. So will das Unternehmen in diesem Jahr Niederlassungen in Hamburg sowie einer weiteren deutschen Stadt gründen. Für Automobilhersteller ist der Dienst interessant in Städten, in denen es kaum Ladeinfrastruktur gibt, etwa in Rom.

In Berlin soll sich im Laufe des Jahre das Geschäftsgebiet vergrößern, wenn der Akkulieferant Greenpack mit dem Aufbau einer Infrastruktur von Akku-Automaten beginnt. Das sind Ladestationen, an denen Nutzer leere gegen volle Akkus tauschen können. Mit den Akkus sollen sich beispielsweise Pedelecs, Elektroroller oder sogar elektrische Rasenmäher betreiben lassen.

Greenpack plant Akkutauschstationen

Die Tauschstationen sollen beispielsweise auf Supermarktparkplätzen aufgestellt werden. Praktisch auch für Chargery: "Dann müssen wir nicht mehr zu einem zentralen Punkt zurückkehren, sondern können dort die Akkus tauschen", sagt Anders.

Schließlich soll Ende des Jahres der Nachfolger des aktuellen Anhängers fertig sein. Der wird die Ladezeiten deutlich verkürzen. Er ermöglicht das Laden mit Wechsel- und mit Gleichstrom. Mit Wechselstrom soll der Autoakku in etwa einer Stunde, mit Gleichstrom in einer halben Stunde geladen sein.

Apropos Anhänger: Die sind für die Chargery-Gründer die praktikable Lösung für die Gegenwart. Ihre ursprüngliche Idee waren kleine, robotische Ladefahrzeuge. Sie sollten autonom zu den Autos fahren, sich unter diese stellen und den Akku drahtlos per Induktion laden. Für den Moment sei das nicht realistisch, gibt Anders zu. Aber wer weiß: vielleicht irgendwann in der Zukunft? Die Idee hätten sie jedenfalls "immer noch im Hinterkopf". Und ein Patent ist zur Sicherheit schon mal angemeldet.  (wp)


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