Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/falcon-heavy-rakete-gestartet-verrueckte-dinge-werden-wahr-1802-132628.html    Veröffentlicht: 07.02.2018 10:49    Kurz-URL: https://glm.io/132628

Falcon-Heavy-Rakete gestartet

"Verrückte Dinge werden wahr"

Nach einer erfolgreichen Mission spricht Elon Musk über den Flug, die Entwicklung der Falcon Heavy und die weiteren Pläne von SpaceX.

Das private US-Raumfahrtunternehmen hat es geschafft: Die Falcon-Heavy-Rakete ist erfolgreich gestartet - mit einem Tesla-Roadster-Sportwagen an Bord. Ein sichtlich entspannter Unternehmenschef gab noch vor dem Abschluss der Mission, der dritten Zündung der Oberstufe, eine Pressekonferenz. "Ich hatte dieses Bild einer riesigen Explosion auf der Startrampe im Kopf. Mit einem Rad, das die Straße entlanghüpft und einem Tesla-Logo, das irgendwo mit einem Plumps aufschlägt. - Aber zum Glück ist das nicht passiert", sagte Elon Musk. Die Oberstufe zündete in der Nacht erfolgreich. Sie erreichte eine Umlaufbahn um die Sonne, die rund 150 Millionen Kilometer über den Marsorbit hinausgehen und somit den Asteroidengürtel erreichen wird. Musk brachte es auf die Formel: "Verrückte Dinge werden wahr." Wie er in der Pressekonferenz zugab, stand die Entwicklung der Falcon Heavy wenigstens dreimal davor, gestrichen zu werden. Was die vielen Verzögerungen erklärt.

Die Entwicklung hat eine halbe Milliarde gekostet

Die Entwicklung war Musk zufolge wesentlich schwieriger und teurer als gedacht, mehr als eine halbe Milliarde US-Dollar soll sie gekostet haben. Der zentrale Booster musste verstärkt und komplett neu entwickelt werden. Sogar die Seitenbooster brauchten neue Teile wie die großen Gitterflossen aus Titan. Durch die kürzeren Spitzen auf dem Booster waren die Flossen aerodynamisch nicht mehr so effizient wie bei einer normalen Raketenstufe der Falcon 9.

Der Testflug der Falcon Heavy war mit einer Ausnahme ein voller Erfolg. Die beiden Seitenbooster landeten fast gleichzeitig in Florida, mit einer kurzen Verzögerung, die verhindern sollte, dass sich die Landeradarsysteme der beiden Booster gegenseitig störten. Der zentrale Booster prallte aber mit etwa 500 km/h auf die Wasseroberfläche und explodierte 100 m vom Schiff entfernt. Er zerstörte dabei zwei der Motoren des Landeschiffs. "Wenn die Kameras nicht auch zerstört wurden, werden wir die Bilder veröffentlichen."

Ein neues Landemanöver schlug fehl

Es ist die erste fehlgeschlagene Landung einer SpaceX-Raketenstufe seit langer Zeit. Der zentrale Booster der Falcon Heavy benutzte bei diesem Flug ein experimentelles, aber effizienteres Landeverfahren. Es wurde sieben Tage vorher noch beim Start einer Falcon 9 erfolgreich getestet. Dabei werden zur Landung drei Triebwerke benutzt statt nur eins. Das schnellere Bremsmanöver spart Treibstoff.

Aber zwei von drei Triebwerken, die die Stufe für die Landung abbremsen sollten, zündeten nicht. Der Grund soll eine nicht ausreichende Menge an Zündflüssigkeit gewesen sein. Zur Zündung wird in den Merlin-Triebwerken Triethylaluminium mit Triethylboran gemischt. Die Chemikalien entzünden sich dabei durch bloßen Kontakt. Dadurch ist das Triebwerk wiederzündbar, aber nicht beliebig oft.

Der Verlust der Zentralstufe soll dennoch kein großer Verlust für SpaceX sein. Er sollte ohnehin nicht wiederverwendet werden, genauso wie die Seitenbooster, obwohl sie sich in gutem Zustand befinden und wieder flugfähig wären. Die Seitenbooster sind noch auf dem technischen Stand von Block 3 der Falcon-9-Rakete, der zentrale Booster auf dem Stand von Block 4. In Zukunft sollen nur noch Raketenstufen des neuen Block 5 wiederverwendet werden, der in einigen Monaten erstmals fliegen soll. Er soll die endgültige Version der Falcon 9 werden. Ein Block 6 ist nicht vorgesehen.

BFR könnte schon nächstes Jahr kommen

Wenn das neue Landeverfahren zuverlässig funktioniert, ist die Falcon Heavy ähnlich gut wiederverwendbar wie die Falcon 9. Deshalb soll der Start einer Falcon Heavy mit 90 Millionen US-Dollar auch nur wenig mehr kosten als die rund 60 Millionen US-Dollar bei der Falcon 9. Elon Musk hofft, damit auch andere Firmen anzuspornen. "Wenn SpaceX diese Entwicklung mit eigenen Mitteln schafft, dann sollte das andere Firmen veranlassen, ambitioniertere Ziele zu verfolgen. Wir wollen ein Rennen in den Weltraum."

Für den Roadster selbst gibt es keine weiteren Pläne. Nach zwölf Stunden waren die Batterien leer. Er scherzte: "Vielleicht finden ihn eines Tages ein paar Aliens und wundern sich über das Auto. Haben sie das Auto angebetet? Und warum ist da noch ein kleines Auto in dem Auto? Es wird sie völlig verwirren."

Erst sollen Astronauten fliegen, dann die BFR

Abgesehen vom Flug der Falcon Heavy gab Elon Musk auch noch einen Ausblick auf weitere Vorhaben von SpaceX. Denn die Falcon Heavy ist eines von drei Projekten von SpaceX, deren Entwicklung derzeit abgeschlossen wird. Zurzeit liegt der Fokus noch auf der Entwicklung von Dragon Version 2. Das Raumschiff soll Ende dieses Jahres erste Astronauten zur ISS befördern. Der Fokus der Entwicklung bei SpaceX soll jetzt auf die Entwicklung des Raumschiffs der BFR - Big Fucking Rocket - gelegt werden. Erste kurze Testflüge, ähnlich wie bei den Grasshopper-Tests der Falcon-9-Trägerrakete, könnten mit Glück schon nächstes Jahr stattfinden.

Das Raumschiff ist der anspruchsvollste Teil des Vorhabens. Es ist selbst eine Rakete und wäre theoretisch in der Lage, aus eigener Kraft in den Orbit zu gelangen. Vor allem soll es mit Hitzeschutzschilden auch wieder aus dem Orbit zurückkommen können und somit vollständig wiederverwendbar sein. Der erste Flug der vollständigen Rakete, mit erster Stufe und Raumschiff, sei in drei bis vier Jahren vorstellbar.

Es könnte schwieriger werden als erwartet

Dabei sagte Elon Musk im Laufe der Pressekonferenz wenigstens dreimal, dass sich gewisse Entwicklungen als unerwartet schwer herausgestellt hätten: die Falcon Heavy selbst, dann der Druckanzug, den die Puppe im Roadster trägt, und die Wiederverwendung der Nutzlastverkleidungen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er über die BFR in einigen Jahren ganz Ähnliches sagt.

Der Druckanzug ist ein Qualifikationsmodell von SpaceX. SpaceX hat den Anzug selbst entwickelt. Musk hatte das Design des Anzugs im August vergangenen Jahres vorgestellt. Der Anzug ist schlanker als die Raumanzüge, die Astronauten auf dem Transfer zur ISS normalerweise tragen. Die Designer hätten nicht nur darauf geachtet, dass der Anzug funktional sei, sondern auch auf das Aussehen Wert gelegt, sagte Musk. "Es ist eine gefährlich Reise, da will man doch gut aussehen." Diese Kombination zu schaffen, sei nicht unproblematisch gewesen: "Es ist einfach, einen Raumanzug zu entwerfen, der gut aussieht, aber nicht funktioniert. Einen Raumanzug zu entwerfen, der funktioniert und gut aussieht, ist wirklich schwierig."

SpaceX arbeitet auch an einer neuen Nutzlastverkleidung und an ihrer Wiederverwendung. Das Einsammeln der Verkleidung soll innerhalb der nächsten sechs Monate gelingen. Zurzeit gibt es noch Probleme, die Fallschirme zusammen mit der großen, dünnen Verkleidung kontrolliert zu benutzen, die selbst stark vom Wind beeinflusst wird. SpaceX hat ein Schiff eigens dafür gebaut, die Verkleidung im Meer aufzufangen.

Ausgehend von diesen Erfahrungen - und denen der Falcon Heavy selbst - dürfte der Zeitplan von drei bis vier Jahren bis zum ersten Start der BFR wohl zu optimistisch sein. Aber SpaceX hat mit dem erfolgreichen Start der Falcon Heavy wieder einmal bewiesen, dass die Zeitpläne der Entwicklungen von SpaceX zwar nicht immer funktionieren, die Entwicklungen selbst hingegen schon. Ein Grund mehr für andere Raumfahrtunternehmen, die Ankündigungen von SpaceX ernst zu nehmen.  (fwp)


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