Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/open-source-unternehmen-startups-sterben-nextcloud-startet-neu-1802-132577.html    Veröffentlicht: 05.02.2018 13:30    Kurz-URL: https://glm.io/132577

Open-Source-Unternehmen

Startups sterben, Nextcloud startet neu

Um das Owncloud-Unternehmen sei es 2016 so schlecht bestellt gewesen, dass es wie viele andere Startups auch hätte sterben können, sagt Projektgründer Frank Karlitschek auf der Fosdem. Dank freier Software und der Community habe die Abspaltung Nextcloud jedoch noch mal von vorn anfangen können.

Ein Konstruktionsfehler und Interessenskonflikte hätten die Kollaborationsplattform Owncloud fast zum Scheitern gebracht. Unternehmensgründer Frank Karlitschek hat auf der Konferenz Fosdem vor mehreren Hundert Open-Source-Enthusiasten erklärt, warum er sein eigenes Projekt und Unternehmen geforkt hat - und wie der Fork Nextcloud das Projekt retten konnte.

Bereits bei der Ankündigung der Nextcloud-Abspaltung vor fast zwei Jahren wurden "strukturelle Probleme" und einige "wirtschaftliche Entscheidungen" des Owncloud-Unternehmens als Gründe für die Trennung angegeben. Was Karlitschek in seinem Vortrag dazu ausführte, erinnerte an das übliche Startup aus dem Silicon Valley. Das Unternehmen wurde in den USA mit Risikokapital gegründet und laut Karlitschek auf "Wachstum und einen Exit" optimiert.

Allein schon aus diesem Aufbau seien Spannungen zwischen Unternehmen und Community entstanden. Unternehmensführung und Community hätten schlicht nicht dieselbe Sprache gesprochen. Beide Seiten hätten zudem unterschiedliche Interessen verfolgt, was die Spannungen weiter erhöht habe. Wegbegleiter aus der KDE-Community hätten sich schon damals skeptisch zu dem Modell geäußert, sagte Karlitschek. Er habe das Problem damals nicht gesehen, müsse sich aber heute eingestehen, dass die Freunde recht gehabt hätten.

Unternehmen gegen Community

So habe die Community etwa versucht, die Software, also das Produkt des Unternehmens, mit vielen verschiedenen Ideen zu erweitern. Es seien Funktionen umgesetzt worden, die nicht zum Label "Enterprise File Sync and Share" passten - das laut Karlitschek die Wirtschaftsberatung Gartner geprägt hat -, etwa ein Kalender und eine Notizverwaltung.

Vergrößert worden sei die Kluft zwischen den Interessen der Community und denen des Unternehmens durch das Open-Core-Geschäftsmodell von Owncloud. So habe das Unternehmen einige proprietäre Enterprise-Erweiterungen erstellt, um diese zu verkaufen. Die Community versuchte aber damals schon, diese als freie Software selbst umzusetzen, was dem Geschäftsmodell des Hauptsponsors schadete und dementsprechend nicht gern gesehen war. Diese und weitere Probleme führten dazu, dass sich zu dem Projekt Beitragende stetig aus der Community entfernten.

Hinzu kamen offenbar persönliche Differenzen, auf die Karlitschek jedoch nicht näher einging. Er bezog auch auf Nachfrage keine Stellung zum Verhältnis zu seinen ehemaligen Partnern bei Owncloud. Darüber hinaus habe das damalige Management das Konzept der Entwicklung freier Software mit einer Community auch nicht richtig verstanden, sagt Karlitschek im Rückblick.

Wenig Kunden in den USA

Das Unternehmen mit Sitz in den USA hatte zudem das Problem, dass es in den USA selbst nur wenige Kunden gewinnen konnte. Der Wunsch, eigene Daten selbst zu sichern und zu schützen, sei in Europa stärker als in den USA, so dass das Unternehmen dort, wo der Kapitalgeber sitzt, nur schwer wachsen konnte. Das habe letztlich auch zu finanziellen Problemen geführt, sagte Karlitschek.

Auch wenn er versucht habe, die genannten Probleme zu beheben, habe er Owncloud nicht in die "richtige Richtung" steuern können. Andere Startups wären an diesem Punkt am Ende gewesen. Nextcloud aber habe dank des freien Codes von vorn anfangen können, um die Fehler zu beheben. Gleichzeitig existiert das Owncloud-Unternehmen und -Projekt dank neuer Investoren weiter.

Echtes Open-Source-Geschäft

Gemeinsam mit seinen Mitstreitern, die wie Karlitschek Owncloud verließen, suchte das Team nach einer langfristigen Perspektive für das Projekt und für ein neues Unternehmen als Sponsor. Einige zugrundeliegende Prinzipien seien bei dem Start von Nextcloud auch viel klarer gewesen als bei Owncloud, sagte Karlitschek auf der Fosdem.

So sollte das Unternehmen unter anderem auf Nachhaltigkeit angelegt sein und auf externes Investment verzichten können und nicht wie bei Owncloud abhängig von einem externen Risikokapitalgeber sein. Anders als beim Open-Core-Modell von Owncloud sollte der gesamte Code Open Source und Beiträge nicht an sogenannte Contributor License Agreements (CLA) gebunden sein. Daraus folgt für Nextcloud ein verteiltes Modell der Urheberschaft, wie etwa auch beim Linux-Kernel. Während also Owncloud jederzeit rechtlich die Möglichkeit hat, den Code proprietär weiter zu lizenzieren, wird das bei Nextcloud explizit unterbunden.

Finanziert werde Nextcloud über Enterprise-Support-Verträge, wie sie auch bei Red Hat, Suse und anderen großen Open-Source-Unternehmen üblich seien. Das Team habe sich dort "inspirieren" lassen. Das Konzept baue darauf, dass Kunden jemanden anrufen könnten, wenn etwas "explodiert" - im besten Fall den Entwickler, der für den betroffenen Code zuständig war.

Kunden verstehen Open Source

Zusätzlich zu diesem Prinzip, das so oder ähnlich auch von Unternehmen mit proprietärer Software genutzt werde, verstünden auch die Nextcloud-Kunden die Vorteile der Open-Source-Software, sagte Karlitschek. Das dürfte an deren Interaktion mit der Community liegen, aber auch einfach nur daran, dass die Nextcloud-Kunden nicht auf proprietäre Lizenzen bestehen und die AGPL schlicht akzeptieren.

Üblicherweise könne ein genutztes proprietäres Softwareprodukt nicht geändert werden, und Änderungswünsche würden insbesondere dann von Softwareanbietern vernachlässigt, wenn diese von kleineren Unternehmen stammten. Dank des freien Codes ließen sich Probleme selbst beheben oder andere damit beauftragen. Ob das dann das Nextcloud-Unternehmen sei oder andere, sei irrelevant und offenbar verstünden die Nextcloud-Kunden das als eigenen Vorteil.

Darüber hinaus sei das Lizenzmodell klar und einfach verständlich, sagte Karlitschek. Die GPL und die AGPL seien von vielen Anwälten und Gerichten inzwischen gut studiert und mehr oder weniger unveränderlich. Bei proprietären Lizenzen sei eine Evaluation dazu, was erlaubt sei und was nicht, vermutlich schwieriger. Außerdem könne jeder Kunde, jeder Nutzer die Software auch weiterverwenden, wenn das derzeitige Entwicklerteam nicht mehr existieren sollte. Auch das ist bei proprietärer Software natürlich nicht so einfach möglich.

All diese Überlegungen ließen laut Karlitschek das Unternehmen nur wenige Monate nach Gründung profitabel werden. Seinen Worten zufolge ist Nextcloud auch weiter auf Erfolgskurs.  (sg)


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