Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/dreamhack-zocken-bis-der-schlaf-kommt-1801-132448.html    Veröffentlicht: 29.01.2018 15:31    Kurz-URL: https://glm.io/132448

Dreamhack

Zocken, bis der Schlaf kommt

Ob Pubg, Minecraft oder Rocket League: Am Wochenende haben sich Spielefans in Leipzig getroffen, um ganz ihrem Hobby zu frönen. Mit einer riesigen LAN-Party, E-Sport-Turnieren und Cosplay sorgen die Veranstalter für Festival-Atmosphäre. Doch es gibt auch Kritik.

In der abgedunkelten Halle schimmern Monitore. Die Stimmen der Spieler klingen gedämpft, viele tragen Kopfhörer, nur manchmal dringt ein Triumphschrei von irgendwoher. Durch die Mitte führt ein hell erleuchteter Weg, über den ständig ein paar Besucher schlendern, um dann in eine der vielen Gassen abzubiegen. "Es ist wie ein Familientreffen", schwärmt Sandra, die mit anderen Spielern in einem lichterkettenbehängten Partyzelt zockt. Auf der Seitenwand prangen der Schriftzug "Team Fabulous" und ein Wappen mit Einhorn, davor steht eine aufblasbare Einhorn-Badeinsel. Team Fabulous und Ogarsports teilen sich das Zelt. "Wir spielen alles bunt gemischt", sagt Sandra. "Zum Beispiel Pubg, Diablo 3 und ARK. Oder auch Minecraft und Rocket League."

Die LAN-Party ist fester Bestandteil der Dreamhack Leipzig. Das Festival mit dem Schwerpunkt E-Sport kommt ursprünglich aus Schweden, inzwischen finden unter der Marke vergleichbare Events in mehreren Ländern statt. Die Dreamhack Leipzig debütierte 2016 und hat ihre Besucherzahl seitdem kontinuierlich gesteigert. Bei ihrer nunmehr dritten Auflage strömten am vergangenen Wochenende rund 18.500 Besucher in die Messehallen - gut 3.000 mehr als im Jahr davor. Allein 1.700 nahmen an Deutschlands größter LAN-Party teil und schleppten dafür teils ihre komplette Gaming-Ausrüstung nach Leipzig. Die meisten Besucher kamen hierher, um diverse E-Sport-Turniere zu verfolgen und neue Spielehardware zu begutachten - beides in Halle 5, der sogenannten DreamExpo.

Kein kölnübliches Gedränge

Dort herrscht an diesem Wochenende denn auch eine ganz andere Stimmung als auf der benachbarten LAN-Party. Die E-Sport-Bühnen und Messestände erinnern ein wenig an die Gamescom, nur dass es hier kaum zum kölnüblichen Gedränge kommt. Besucher verfolgen gebannt die Wettbewerbe oder spielen selbst an den Ständen von Dreamhack-Mitausrichter Schenker Technologies (XMG) oder Herstellern wie Asus (Republic of Gamers) oder MSI. Dazwischen stehen Imbissbuden, es riecht nach Bratwurst, Pommes und Crêpe.

Merchandise-Händler preisen ihr Sortiment an, Media Markt hat gleich einen ganzen VR-Truck in der Halle geparkt. Amazon lässt Besucher im Bällebad nach Preisen tauchen, sein Streamingableger Twitch versammelt Internetprominenz in einer Lounge. Sony ist als einziger klassischer Publisher vor Ort und sorgt mit dem Playstation Masters auch für eine schmale Konsolenpräsenz, die Dreamhack wird allerdings klar von hochgerüsteten Spiele-PCs dominiert. Der Samstagnachmittag gehört derweil den Cosplayern.

Für Fans von Independent Games gibt es auf der Dreamhack einen eigenen Bereich. Allerdings tummeln sich in der Indieville gerade mal fünf Aussteller - kein Vergleich zur Indie Arena, die auf der Gamescom 2017 gut 1.000 m² belegt. Einer der Dreamhack-Aussteller ist Byterockers' Games: Das Berliner Studio präsentiert hier die Betaversion seines Jump 'n' Runs Gellybreak, das im Herbst für Nintendo Switch erscheinen soll. Neben Gellybreak entwickelt die Firma derzeit unter anderem den Titel Vrog für Playstation VR, verrät Geschäftsführer Martin Knauf. Marketing-Manager Maik Reichelt findet, man habe "die Dreamhack in den letzten Jahren als tolle Veranstaltung hochgezogen". Nur ein paar mehr Indie-Kollegen hätte sich Reichelt vor Ort gewünscht.

Gesamtpreisgeld von 230.000 US-Dollar

Das Hauptaugenmerk der Veranstalter liegt allerdings auf anderen Dingen. Zum Beispiel darauf, den Besuchern ein attraktives E-Sport-Programm zu bieten. Sechs internationale E-Sport-Turniere finden dieses Jahr auf der Dreamhack Leipzig statt - mit einem Gesamtpreisgeld von 230.000 US-Dollar. Besonders viel Aufmerksamkeit erhalten die World Championship Series in Starcraft 2 und die Dreamhack Open im Autoballspiel Rocket League: Beide bieten bombastische Arenen und recht gut besetzte Teilnehmerfelder. Für die Pokémon Regional Championships haben die Veranstalter sogar einen separaten Hallenteil eingerichtet.

Etwas kleiner nehmen sich da schon das Turnier Win the Winter (Hearthstone), der ROG League of Legends Cup und die Sony-eigenen Playstation Masters, unter anderem mit Fifa und Gran Turismo Sport, aus. In jedem Fall geben die Veranstalter ihr Bestes: Als beim LoL-Cup Vernetzungsprobleme auftauchen, überbrücken die Kommentatoren das Warten mit beeindruckender Fachsimpelei - eine gute halbe Stunde lang.

Die Liste zeigt: Ganz große internationale Turniere sind in Leipzig nicht dabei. "Die Dreamhack ist ein Festival und soll ein Festival bleiben", sagt Silvana Kürschner, die Zentralbereichsleiterin Geschäftsentwicklung der Leipziger Messe. "Wir werden kein Turnierveranstalter wie die ESL, bei der es um sehr hohe Preisgelder geht." Natürlich biete die Dreamhack sehr gute E-Sport-Turniere, so Kürschner. Man achte darauf, dass Topteams am Start seien. "'Festival' bedeutet aber auch, dass man als Zuschauer selbst spielen und sich beteiligen kann. Wir werden die Vielfalt definitiv nicht aufgeben."

Ungünstig für E-Sport-Touristen?

Anderer Meinung ist da Niklas Timmermann. Der 1. Vizepräsident des kürzlich gegründeten eSportbund Deutschland (ESBD) ist dieses Jahr für einen Wirtschaftskongress auf der Messe. "Falls die Dreamhack Leipzig keine größeren Turniere veranstaltet, wird der E-Sport-Tourismus - über den schließlich auch Geld verdient wird - einfach ausbleiben", warnt Timmermann. Er gibt zu bedenken, dass der klassische E-Sport-Fan zwischen 16 und 36 Jahre alt sei: "Das Hauptproblem bei Schülern und Studenten ist Geld. Sie überlegen sich zweimal, ob sie nach Leipzig fahren. Köln ist für viele wesentlich besser zu erreichen."

Timmermann empfiehlt den Dreamhack-Veranstaltern, einen Mehrwert zu bieten - zum Beispiel durch mehr E-Sport-Idole vor Ort. "Die spielen aber nun mal in großen Teams, und große Teams fahren nur auf solche Events, wenn ein entsprechendes Preisgeld geboten wird - oder wenn es kein Konkurrenz-Event gibt." Am Dreamhack-Wochenende habe es mit dem Dota Major und dem CS: Go Major gleich zwei große Konkurrenzveranstaltungen gegeben. Aus Timmermanns Sicht zieht das zu viel Aufmerksamkeit von der Dreamhack Leipzig ab.

Kaufkräftige Zielgruppe

Silvana Kürschner will darauf achten, "dass die Dreamhack sehr organisch wächst. Für uns steht die Turniervielfalt im Vordergrund". Auch ein Vergleich mit der Gamescom sei nicht sinnvoll, sagt Kürschner weiter: "Die Dreamhack Leipzig ist ein E-Sport-Festival, das kompetitive Gaming steht im Vordergrund." Natürlich könne man darüber nachdenken, die Dreamhack auch für Besucher unter 16 Jahren freizugeben; die LAN-Party ist für Besucher ab 18. Allerdings richten die Hardwareaussteller der Dreamhack ihr Marketing bis jetzt auf eine ältere und auch sehr kaufkräftige Zielgruppe aus. "Die Besucherzahl ist im Endeffekt nicht entscheidend, sondern die Zufriedenheit der Besucher", sagt Kürschner.

Robert Schenker vom Messe-Mitorganisator Schenker Technologies pflichtet ihr bei: "Hier hat man alles sehr konzentriert in einer Halle. Das Publikum ist sehr entspannt, weil es hier Raum und viele Angebote hat. Viele Besucher haben einen Festivalpass, sind drei Tage da und müssen nicht alles innerhalb von sechs Stunden erledigen." Als Aussteller habe man zwar sehr viel weniger Kundenkontakte als etwa auf der Gamescom. "Dafür sind die Kontakte hier aber sehr viel intensiver", sagt Schenker. Simon Koschel vom Live-Streaming-Portal Twitch bringt die Qualität der Dreamhack Leipzig ganz gut auf den Punkt: "Wir als Twitch können uns auf unsere Partner konzentrieren. Und unsere Partner auf ihre Community."

Viele neue Bekanntschaften

Die Teilnehmer der Leipziger LAN-Party sind ohnehin glücklich. Sie zocken im LAN über Steam, Battle.net oder Uplay - und machen dabei neue Bekanntschaften. "Im Internet trifft man zwar auch coole Leute", sagt Andreas von Ogarsports. "Sie aber persönlich kennenzulernen, ist nochmal was anderes". Genau auf diesen Community-Effekt baut die Dreamhack Leipzig.

Alle paar Stunden finden im LAN auch Turniere mit Preisgeldern statt. Die mitgebrachten Schlafsäcke und Feldbetten kommen eher selten zum Einsatz. "Es wird definitiv nicht viel geschlafen", erzählt Sandra. "Wir halten uns mit Energy Drinks, Bewegung und kurzen Power Naps fit." Dauerzocker sollten sich den 15. bis 17. Februar 2019 freihalten - dann findet in Leipzig die nächste Dreamhack statt.  (afe)


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