Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/omega-timing-kamera-mit-2-000-x-1-pixeln-sucht-sieger-1801-132268.html    Veröffentlicht: 23.01.2018 12:07    Kurz-URL: https://glm.io/132268

Omega Timing

Kamera mit 2.000 x 1 Pixeln sucht Sieger

Bei den Olympischen Spielen 2018 in Pyeongchang sind 300 Zeitmesser im Einsatz. Golem.de hat sich bei dem Schweizer Unternehmen Omega Timing angesehen, mit welchem Aufwand die Leistungen gemessen werden und welche Auswirkungen neue Sensoren für Sportler haben.

Ein reiselustiger Uhrmachermeister, der sich mit 30 Stoppuhren im Koffer auf den Weg nach Kalifornien machte: Sehr viel mehr Aufwand war nicht nötig, als die Firma Omega bei den Olympischen Sommerspielen von 1932 in Los Angeles erstmals für die Zeitmessung zuständig war. Seitdem hat sich natürlich alles geändert: "In Pyeongchang werden wir 300 Zeitmesser sein, zusammen mit 230 Tonnen Material", erzählt uns Alain Zobrist, Chef von Omega Timing. Schon vor rund einem Jahr seien die ersten Mitarbeiter nach Südkorea gereist, um mit den Aufbauarbeiten zu beginnen.

Omega Timing - die Firma gehört wie der Luxusuhrenhersteller Omega zur Swatch Group - ist seit einigen Jahrzehnten für die Zeitmessung bei den Olympischen Spielen zuständig. Das Unternehmen hat seinen Sitz in einem ruhigen Tal in Nähe der Schweizer Stadt Biel. Wir haben uns ein schnuckeliges Fachwerkhäuschen vorgestellt, aber natürlich arbeiten die rund 450 Mitarbeiter in einem modernen Büro-, Fabrik- und Lagergebäude.

Dort gibt es eine große Halle, in der Dutzende Expeditionskisten mit Ausrüstung stehen: schwere Kabel, Computer, Kameras, Lastkräne, riesige Steckerleisten, Scheinwerfer und mehr. Das Szenario erinnert an einen Hollywoodfilm, etwa den Anfang von Jurassic Park 2, als sich die Expeditionsteilnehmer auf den Trip zur Isla Nublar vorbereiten.

Der Kontrast zum anderen, kleineren Teil des Gebäudes ist entsprechend groß. Dort sieht es aus wie in einer typischen Softwarefirma; Rechner, Server und sonstige IT-Gerätschaften stehen herum. Die Experten bei Omega Timing programmieren fast alle Systeme zur Auswertung der vielen Dutzenden Sportarten für die Winterspiele im südkoreanischen Pyeongchang und bereiten sich natürlich auch schon für die Sommerspiele 2020 in Tokio vor.

Das hat auch Sicherheitsgründe: Omega setzt durchgehend auf eine "geschlossene Infrastruktur - wir kontrollieren das gesamte Umfeld", wie Zobrist sagt. Schließlich könnten Staaten sonst versuchen, ihre Athleten durch digitales Doping der Daten auf das Siegertreppchen zu hieven. Wegen der strengen Sicherheitsmaßnahmen dürfen wir am Firmensitz übrigens nur sehr eingeschränkt fotografieren und Videos aufnehmen. Auch zu technischen Details erzählt die Firma wenig.

Komplettlösung für die Olympischen Spiele

Die Entwickler arbeiten aber nicht nur an Systemen zur Zeiterfassung, mit denen die Zeit vom Abfeuern der Startpistole bis zum Zieleinlauf gemessen wird. "Wir stellen eine End-to-End-Lösung zur Verfügung", sagt Alain Zobrist. "Das heißt, wir machen Zeitmessung, Datenerfassung und kümmern uns um das Management der Daten." Damit ist gemeint, dass Zwischenzeiten bei einem Abfahrtsrennen oder Wertungen der Punktrichter beim Eiskunstlauf so schnell wie möglich im korrekten Format und grafisch ansprechend aufbereitet in die TV-Berichterstattung eingeblendet werden.

Omega hat derartige Einblendungen miterfunden: Das bei den Olympischen Spielen 1964 in Innsbruck verwendete röhrenbasierte Omegascope war das erste Gerät, mit dem etwa bei Liveübertragungen in Echtzeit die fast sofortige Anzeige der Siegerzeit möglich war, indem das Originalbild - vereinfacht gesagt - mit den Ziffern überblendet wurde.

Kernaufgabe der Firma ist aber die eigentliche Zeiterfassung. Diese funktioniert mithilfe einer ebenfalls von Omega Timing selbst entwickelten Kamera, nur das Linsensystem stammt von einem Zulieferer. Die Bilder der Kamera sehen auf den ersten Blick nicht auffällig aus, sie funktioniert aber dramatisch anders als herkömmliche Geräte: Sie verfügt über einen Sensor, der 10.000-mal in der Sekunde ein Foto mit der Auflösung 2.000 x 1 Pixel genau auf der Ziellinie aufnimmt.

Viele Streifen ergeben ein Bild

Diese 1-Pixel-Bilder werden kontinuierlich hintereinandergeschnitten, so dass sich auf den ersten Blick der Eindruck eines normalen Fotos einstellt. Das stimmt aber nur für die Sportler, deren Erscheinung ja scheibchenweise erfasst und dann annähernd korrekt wiedergegeben wird.

Nur dann, wenn ein Körperteil schneller oder langsamer als der Rest ist, gibt es merkwürdige Verzerrungen oder Stauchungen, etwa viel zu lange Schlittschuhe. Der Hintergrund des Bildes wiederum ist gar nicht korrekt wiedergegeben, weil er ja nur aus der Zielmarkierung besteht; bei den meisten Sportarten fällt das aber kaum auf.

Die Schiedsrichter bekommen die gesamte Aufnahme des Zieleinlaufs auf einem Monitor angezeigt. In den meisten Fällen ist ein Richter für einen Sportler zuständig. Wir können den Ablauf selbst ausprobieren: Wie in einem Malprogramm vergrößern wir den Ausschnitt mit dem Sportler, für den wir zuständig sind, legen dann einen Rahmen an den vordersten Pixel seines Schlittschuhs und drücken Enter, worauf die Daten dann weitergeleitet werden.

Drei Sekunden für die Gold-Entscheidung

Bei Olympia gibt es für diesen Prozess eine Vorgabe von drei Sekunden. Den Rest macht die Software automatisch: Sie ermittelt auf Basis der Daten den Sieger und blendet die Platzierungen mit den Zeiten auf den Bildschirmen von Wertungsrichtern und Fernsehzuschauern ein - so ist jedenfalls das ganz grundsätzliche Verfahren, das in der Praxis aber noch über ein paar zusätzliche Optionen für Kontrollen verfügt. Die Sportler können die Daten und die Bilder vom Zieleinlauf anfordern, um sie bei Unstimmigkeiten oder Zweifeln selbst zu überprüfen.

Neben dieser sehr präzisen Zeiterfassung gibt es noch eine Reihe weiterer Systeme, die für möglichst faire Wettkämpfe sorgen sollen, beispielsweise bei der Startpistole: Bei Sportarten, bei denen viele Läufer nebeneinander gleichzeitig losrennen, sind am Startblock kleine Lautsprecher angebracht, aus denen der Schuss der elektronischen Startpistole zu hören ist - der Schall einer echten Pistole käme schließlich nicht gleichzeitig bei allen an. Nicht ganz so groß ist der Aufwand laut Alain Zobrist bei vielen Disziplinen im Eischnelllauf, bei denen nur zwei Athleten antreten. Dort befinden sich links und rechts neben der Bahn zwei Lautsprecher, was offenbar ausreicht.

Diese vielen kleinen, aber für faire Wettkämpfe wichtigen Details sind es, die den Aufwand für Omega Timing so in die Höhe treiben. Die Mitarbeiter der Firma bauen Technik für so unterschiedliche Disziplinen wie Biathlon und Shorttrack, Skicross und Rodeln auf. Mal ist vor allem die Geschwindigkeit gefragt, mal die Trefferquote. Selbst für eine fast künstlerische Sportart wie Eiskunstlauf ist eine aufwendige Technik nötig - schließlich müssen die Wertungen der Richter zuverlässig und schnell gesammelt und aufbereitet werden.

Wer sich nicht nur für die Zeit bis zum Ziel interessiert, sondern während der Wettkämpfe noch mehr Daten sehen möchte, kann von Pyeongchang viel erwarten. Es wird im großen Umfang zusätzliche Informationen und Daten geben, für deren Gewinnung neuartige Sensoren zuständig sind, zu deren genauer Funktionsweise Omega Timing allerdings nichts sagen will. Mit den GPS-Modulen aus Sportuhren für Amateure hat das nichts zu tun - "viel zu ungenau", sagt Zobrist.

Auswirkungen auf Sport und Training

Stattdessen sind etwa am Ski von Skispringern, im Schutzanzug von Hockeyspielern, am Dress von Eiskunstläufern oder am Schuh von Abfahrtsläufern besonders präzise Bewegungssensoren angebracht, deren Daten von Erfassungsgeräten in der Nähe aufgezeichnet und dann entsprechend verarbeitet werden.

Damit sollen wir am TV in bislang nicht gekannter Detailfülle sehen können, wie zum Beispiel die Pirouetten eines Eiskunstlaufs in Teilsequenzen aufgebrochen werden, womit wir sie dann genauer als je zuvor betrachten können, um Bewegungen oder die Technik der Sportler vergleichen zu können.

Mit den Sensoren konnte auch ein Rätsel im Skiabfahrtslauf gelöst werden, das Sportler und Trainer seit Jahrzehnten beschäftigt hat, erklärt Alain Zobrist: Sorgen Sprünge für eine Verkürzung oder für eine Verlängerung der Gesamtzeit? Dank der Sensoren wissen die Athleten nun: "Je kürzer ein Athlet in der Luft ist, desto schneller ist er im Ziel."

Offenlegung: Golem.de hat Omega Timing auf Einladung von Omega besucht. Die Reisekosten wurden zur Gänze von Omega übernommen. Unsere Berichterstattung ist davon nicht beeinflusst und bleibt gewohnt neutral und kritisch. Der Artikel ist, wie alle anderen auf unserem Portal, unabhängig verfasst und unterliegt keinerlei Vorgaben seitens Dritter.  (ps)


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