Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/indiegames-rundschau-krawall-mit-knetmaennchen-und-ein-mann-im-fass-1801-132186.html    Veröffentlicht: 17.01.2018 12:00    Kurz-URL: https://glm.io/132186

Indiegames-Rundschau

Krawall mit Knetmännchen und ein Mann im Fass

Ein Prügelspiel mit Knetkram, dazu ein Rollenspiel von Witcher-Entwicklern und Horror aus Schweden: Die spannenden, unabhängig entwickelten Spiele im Januar 2018 bieten Originelles, Brachiales - und Frustrationstests für Fortgeschrittene.

Genau 7.672 Spiele sind allein auf der Steam-Plattform im Jahr 2017 erschienen - das macht 21 pro Tag. Der überwältigende Großteil davon stammt von unabhängigen Klein- und Kleinststudios. Auch wenn das Ausmaß noch bei weitem nicht jenes in der Mobile-Games-Sparte erreicht hat (allein im App Store von Apple erschienen 2017 fast 42.000 Spiele), ist diese Zahl erschreckend groß. Kein Wunder, dass schon seit Jahren von der Indiepocalypse die Rede ist: Nie war es einfacher, ein Indiegame zu veröffentlichen - und nie schwerer, damit nicht unterzugehen.

Trotz der Masse an uninspirierten, halb fertigen oder schlicht schlechten Spielen, die den Großteil dieser Titel ausmachen, gibt es aber eine verlässlich wachsende Anzahl an Indiespielen, die Zeit und Geld wert sind - auch im Januar 2018.

Seven - Days Long Gone: Rollenspiel mit Bewegungsfreiheit

Wenn sich ehemalige Entwickler der Witcher-Reihe an ein eigenes Rollenspielprojekt machen, darf man gespannt sein. Und tatsächlich gelingt dem polnischen Team IMGN Pro mit Seven - Days Long Gone etwas Originelles: Es bietet mehr Bewegungsfreiheit als jedes isometrische Rollenspiel zuvor. Als Dieb Teriel sind Spieler allein in einer Steampunk-Fantasywelt mit dem Erkunden einer Gefängnisinsel beschäftigt, auf der Intrigen, Kämpfe und rollenspieltypische Missionen warten. Statt auf vorgegebenen Pfaden zu wandern, darf der Meisterdieb als Parkour-Talent allerdings Mauern, Häuser und andere Strukturen erklettern, um sich seinem Ziel anzunähern.

Das ergibt einen Genremix, der ebenso originell wie spannend ist: Neben dem dialoglastigen Rollenspielanteil mit genretypischem Charakterausbau bietet Seven nämlich auch ein Spielerlebnis, wie man es sonst eher von Rundentaktikspielen wie Shadow Tactics oder aber Schleichspielen wie der Thief-Reihe kennt. Trotz manchmal etwas bockiger Kamera und gelegentlich hakeliger Steuerung ist Seven ein sympathischer Rollenspielgeheimtipp.

Erhältlich für Windows-PC. Rund 30 Euro

Gang Beasts, Unforgiving und They Are Billions



Gang Beasts: Knetmännchen im Handgemenge

Es gibt zahllose Kampfspiele, in denen man gegen seine Freunde auf der Couch zur gepflegten virtuellen Schlägerei antreten kann. Nicht viele machen so viel Spaß wie Gang Beasts, das nach längerer Early-Access-Phase vor kurzem final erschienen ist. Als rabiates Knetmännchen kämpfen Spieler darin nicht nur gegen bis zu drei Kontrahenten, sondern auch mit der komplexen Steuerung, die für überraschend realistisches Handgemenge, vor allem aber immer wieder für Heiterkeit sorgt.

Komplizierte Martial-Arts-Akrobatik ist von den recht rustikalen Schlägereien nicht zu erwarten. Doch das physikbasierte Slapstick-Geprügel an wechselnden, mal mehr oder weniger gefährlichen Schauplätzen sieht nicht nur zum Schreien komisch aus, sondern macht nach kurzem Einüben auch höllisch viel Spaß. Gang Beasts ist das perfekte Partyspiel - trotz Online-Spielmodus hat der Kampf vor demselben Bildschirm immer noch den größten Unterhaltungswert.

Erhältlich für Windows-PC, Playstation 4, MacOS und Linux. Rund 20 Euro

Unforgiving - A Northern Hymn: schwedischer Indie-Horror

Im Kino machen kleine Indie-Horrorfilme in Sachen Atmosphäre nicht erst seit dem Erfolg von Blair Witch Project den Hollywoodblockbustern ernstzunehmende Konkurrenz. Bei Spielen experimentieren die Studios schon ebenso lange mit dem Gruseln. Unforgiving - A Northern Hymn ist mit seinen von Untertiteln übersetzten schwedischen Dialogen, seinem sich langsam entwickelnden Schrecken und seiner inhaltlichen Konzentration auf die ansonsten wenig bekannte Gespensterwelt der skandinavischen Folklore ein originelles Gegenstück zum sattsam bekannten, an Hollywood-Klischees geschulten Schock-Horror etwa eines Outlast 2.

Nach einem Autounfall mitten im nächtlichen schwedischen Wald sind Spieler in Gestalt der jungen Linn auf einem atmosphärischen Horrortrip, der von unheimlichen Begegnungen mit Sumpfhexen und riesigen Trollen ebenso lebt wie von sanften Rätseln und tollem Sounddesign. Argen Splatter und Jumpscares am laufenden Band sind nicht zu befürchten, stattdessen ist Unforgiving ein mit etwa drei bis vier Stunden Länge angenehm abwechslungsreiches Stück Grusel in origineller mythologischer Kulisse.

Erhältlich für Windows-PC, knapp 15 Euro

They Are Billions: Zombieapokalypse im Early Access

Early Access ist spätestens seit dem globalen Erfolg von Pubg kein Hindernis mehr für massenhafte Spielerbegeisterung, und auch They Are Billions des spanischen Entwicklerteams Numantian Games stürmt trotz unfertiger Entwicklung aktuell die Charts. Dem Titel folgend stehen Spieler in diesem Echtzeit-Strategiespiel nicht weniger als Milliarden von Zombies gegenüber. Der Ausbau, die Pflege und die Verteidigung der letzten verbliebenen Koloniestädte sind angesichts dieser Übermacht und des herausfordernden Schwierigkeitsgrads keine ganz triviale Aufgabe.

Dank gefälliger Optik, solider Aufbauspielmechanik und überraschend hohem Suchtfaktor konnte das von seinen Machern als "Survival-Echtzeit-Strategie" bezeichnete They Are Billions schon jetzt knapp 400.000 Käufer gewinnen, und die Entwickler versprechen eine finale Veröffentlichung noch für Frühling 2018. Aber schon jetzt ist das unbarmherzige Strategiespiel der Echtzeitstrategie-Tipp des noch jungen Spielejahres.

Erhältlich für Windows-PC, rund 23 Euro

Bennett Foddy und Empires of the Undergrowth



Getting Over It with Bennett Foddy: Sisyphus reloaded

Der Indie-Entwickler Bennett Foddy ist Kennern durch seine originellen Browserspiele QWOP und GIRP bekannt. Mit Getting Over It with Bennett Foddy hat seine Idee vom wirklich, wirklich schweren Spiel eine faszinierende neue Form angenommen. Als nackter Mann in einem eisernen Kessel versucht man sich hier an der Überquerung eines hohen Berges - ausgestattet mit nichts als einem langen Hammer. Wie bei seinen vorigen Spielen ist die Steuerung das zentrale Element, und die kommt ausschließlich mit der Mausbewegung aus.

Was nach absurder Übung in absichtlicher Frustration klingt, stellt schon bald überraschen motivierend sowohl die Geschicklichkeit als auch den Ehrgeiz auf die Probe. Begleitet wird der von zahllosen Rückschlägen gekennzeichnete mühsame Weg nach oben von einem Off-Kommentar von Foddy selbst, der Getting Over It zum fast philosophischen Spiel macht. Über eine halbe Million Downloads auf Steam zeigen, dass Foddy mit seiner Faszination für die Überwindung fast unmenschlicher Herausforderung nicht allein ist. Ein bizarres, aber faszinierendes Phänomen.

Erhältlich für Windows-PC und MacOS, rund 8 Euro

Und sonst?

Mit Empires of the Undergrowth (Windows-PC, MacOS, Linux, im Early Access rund 20 Euro) betreten Spieler eine Welt, die seit Sim Ant aus dem fernen Jahr 1991 im Medium sträflich vernachlässigt wurde: die Welt der Ameisen und Insekten. Im Echtzeit-Strategiespiel sind Spieler in der derzeit noch eher kurzen Kampagne mit dem Ausbau des eigenen Ameisenhügels sowie den Anweisungen der Wissenschaftler aus dem Off beschäftigt - mit etwas Glück wächst Empires of the Undergrowth schon bald zum würdigen Erben von Sim Ant heran.

Das großartige Gorogoa (Windows-PC, iOS, Switch, ab 5 Euro) hat bereits im Mobile-Jahresrückblick einen verdienten Platz unter den besten Spielen 2017 eingenommen, soll aber hier noch einmal auch abseits der Smartphone- und Tablet-Welt Erwähnung finden: Ein originelleres und hübscheres Puzzlespiel hat man nämlich schlichtweg kaum zuvor gesehen.

Zum Abschluss noch ein Verweis auf ein handfesteres Spielerlebnis: Mit dem Multiplayer-Shooter Tannenberg (Windows-PC, MacOS, Linux, im Early Access rund 18 Euro) entführen die Macher des Erster-Weltkrieg-Shooters Verdun erneut an ein ikonisches Schlachtfeld der Geschichte. Der realistische Team-Shooter spielt an der Ostfront des Ersten Weltkriegs und bietet erbitterte Schlachten mit bis zu 64 Mitspielern.  (rs)


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