Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/matthias-maurer-ein-astronaut-taucht-unter-1801-132068.html    Veröffentlicht: 16.01.2018 12:02    Kurz-URL: https://glm.io/132068

Matthias Maurer

Ein Astronaut taucht unter

Der Astronaut als Aquanaut: In seiner Ausbildung war Matthias Maurer viel unter Wasser. Uns hat er erzählt, warum, wo er am liebsten hinfliegen möchte und welche Raumfahrt-Missionen für ernsthafte Raumfahrer nicht infrage kommen.

Wasser ist knapp im Weltraum. Auf dem Mars und auf dem Mond soll es welches geben, in gefrorener Form. Aber sonst ist es auf den beiden Himmelskörpern, die potenziell das Ziel künftiger bemannter Raumfahrtmissionen sind, ziemlich trocken. Trotzdem geht der angehende deutsche Astronaut Matthias Maurer beruflich baden. Unter Wasser übt Maurer das Arbeiten in der Schwerelosigkeit, simuliert den Einsatz auf dem Mars - und träumt vom Leben auf der Mondstation.

Astronauten seien heute nicht mehr die harten Testpiloten aus den Anfangsjahren, sagt der 47-Jährige im Gespräch mit Golem.de im Astronautenzentrum der europäischen Raumfahrtagentur Esa in Köln. Piloten würden noch gebraucht, aber gefragt seien andere Qualifikationen: "Als Astronaut muss man ein gewisses Multitalent für viele Sachen sein": Teamplayer und interkulturell geschult. Außerdem muss man mehrere Sprachen beherrschen und vor allem wissenschaftlich arbeiten. "Und dann ist natürlich der Weltraum das letzte große Abenteuer", schwärmt er. "Diese Kombination, die gibt es eigentlich nur für Astronauten. Von daher war für mich die Sache klar: Ich möchte versuchen, Astronaut zu werden."

Den Gedanken hatte Maurer schon vor Beginn des Studiums. Statt für Luft- und Raumfahrttechnik entschied er sich schließlich jedoch für Materialwissenschaft und Werkstofftechnik - was sich auch in der Raumfahrt verwerten lässt. Während des Studiums in Saarbrücken, Leeds, Nancy und Barcelona habe er immer wieder mal nach einer Karriere als Astronaut geschielt, aber feststellen müssen, "dass die Esa eigentlich fast nie offene Plätze für den Beruf Astronaut hat", erzählt er im Gespräch, das wir in einem Trainingsmodell der ISS führen. Wir sitzen im Modul Harmony. Es verbindet das europäische Modul Columbus, das japanische Modul Kibo und das US-Modul Destiny miteinander. Außerdem sind dort die Schlafkabinen von vier Astronauten untergebracht.

Die Esa suchte Astronauten

Bis zu jenem Tag, als die Raumfahrtagentur einen öffentlichen Aufruf startet. Da ist Maurer knapp 38 Jahre alt, hat sein Studium abgeschlossen, mit Bestnote promoviert, ist einmal um die Welt gereist und arbeitet bei einem Medizintechnikunternehmen. "Als ich 2008 im Fernsehen in den Nachrichten gesehen habe, die Esa sucht Astronauten, da war mir sofort klar: Das ist genau mein Ding."

Aber nicht nur seines: Knapp 8.500 Bewerbungen bekommt die Esa. Weiterzukommen ist also erst einmal Glücksache - und Maurer hat Glück und gehört zu den 1.200, die in die nächste Runde kommen. Er übersteht sie und fünf weitere. Die letzte Runde findet im Mai 2009 beim Esa-Generaldirektor, damals noch Jean-Jacques Dordain, in Paris statt. Maurer ist einer von zehn, die alle Tests bestanden haben. Aber: Es gibt nur sechs Plätze für Flüge zur ISS, deshalb werden nur sechs Astronauten ausgebildet. Die vier anderen kommen auf eine Warteliste - darunter Maurer.

Bei der Esa zu arbeiten, ist auch eine Art Astronautentraining

2010 fängt er an, bei der Esa zu arbeiten und beginnt auf diese Weise schon einmal mit dem Lernen. "In der Arbeit konnte ich dann das Handwerk lernen, was ein Astronaut oben macht, aber aus der Bodensicht.", erzählt Maurer. Wegen der Verlängerung der ISS-Missionen werden aber weitere Raumflüge nötig, weshalb Dordain ihn 2015 fragt, ob er noch Interesse habe. "Da war die Sache natürlich klar", sagt Maurer. "Was für eine Frage!"

Statt hoch hinaus geht es in der Ausbildung häufig nach unten - ins Wasser.

Meeresforschung für den Mars

Etwa zehn Kilometer vor der Küste Floridas befindet sich in 20 Meter Tiefe die Tauchstation Aquarius, die die Nasa seit einigen Jahren nutzt, um die Probanden auf den Aufenthalt im Weltraum vorzubereiten.

2016 hätten sie zu sechst 16 Tage in der Station verbracht, erzählt Maurer, in ähnlicher Enge, wie sie auch auf der ISS herrscht. Unter diesen vergleichbaren Bedingungen gingen die Astronauten dann ihrer Arbeit in dem gleichen durchgetakteten Tagesablauf nach, der auch auf der Station eingehalten werden muss.

Die Anweisungen waren unklar

Dieses Training hat auch direkte Auswirkungen auf aktuelle ISS-Missionen: So sollten Maurer und seine Kollegen Experimente prüfen, die für ISS geplant waren. Dabei stellten sie etwa fest, dass eine DNA-Analyse in der 50-seitigen Anleitung so unklar beschrieben war, dass nur die Hälfte von ihnen es schaffte, den Versuch durchzuführen. Also wurde das Protokoll verbessert und mit der veränderten Version konnte die Analyse erfolgreich durchgeführt werden.

Selbst Außenbordeinsätze, kurz EVA (Extra-Vehicular Activity) genannt, standen auf dem Programm, Sie dienten gleich in doppelter Hinsicht der Wissenschaft. Geübt wurde, auf dem Mars Proben zu sammeln. Das Problem dabei ist die Zeitverzögerung: Ein Signal vom Mars zur Erde braucht gut 20 Minuten. Fragt ein Marsforscher also das Team auf der Erde, ob er einen Stein einsammeln soll, wartet er fast eine Dreiviertelstunde auf eine Antwort.

Was tun auf dem Meeresgrund?

Die Frage war, wie sich diese Zeit nutzen lässt. "Stehe ich rum und gucke den Stein an, verbrauche ich wertvollen Sauerstoff. Ich habe vermutlich nur für sechs Stunden Sauerstoff dabei und muss gucken, dass ich die sechs Stunden auf dem Mars möglichst effizient nutze", beschreibt Maurer die Anforderung.

Eine mögliche Lösung, die sie erprobten, war, Proben zu markieren, sie zu filmen und erste Daten zu erfassen. Die Informationen schickten sie zum Kontrollzentrum, das dann bestimmte, welche Proben eingesammelt werden sollten, von welchen noch einige weitere Messungen durchgeführt werden sollten, ohne sie aufzusammeln und welche uninteressant waren. Das erledigte dann das andere Team am folgenden Tag.

Astronauten untersuchen Korallen

"Dadurch konnten wir sehr effizient Proben einsammeln", sagt Maurer. Das waren aber keine Steine, sondern Korallen. "Vorher im Klassenraum wurde uns genau gezeigt: Die und die Korallen müsst ihr identifizieren und dann Proben nehmen." Diese mussten dann konserviert werden, wie das auch auf dem Mars gemacht werden soll: "Dort wollen wir ja auch Proben sammeln und gucken, ob es dort Leben gibt. Ich muss die Probe dann verpacken und konservieren, ohne sie anfassen, damit nachher nicht das Leben, was Matthias an den Händen hatte, da draufklebt."

Ziel war es, das Korallensterben zu untersuchen, das große Auswirkungen auf die Nahrungskette im Meer hat. Dazu gehörte auch, eine Korallenfarm aufzubauen, um zu testen, wie die verschiedenen Korallenarten auf die Erwärmung und die Zunahme des Säuregehalts des Meeres reagieren. "Das war 100 Prozent Wissenschaft, die wir gemacht haben", fasst Maurer die EVA auf dem Meeresgrund zusammen. "Das Verfahren ist für uns Astronauten 1:1 das gleiche."

Jetzt, zum Ende seiner Ausbildung, geht es für Maurer erneut unter Wasser. Diesmal übt er dort Außeneinsätze.

Raumfahrt wird immer internationaler

Dieser Tage macht sich Maurer auf den Weg in den US-Bundesstaat Texas, um tauchen zu gehen. Er wird im Neutral Buoyancy Laboratory (NBL), einer Einrichtung der US-Raumfahrtbehörde Nasa, für Außenarbeiten an der ISS üben. Das Training für die Arbeit an der Außenhaut der Raumstation ist eines der letzten, die Maurer in seiner Ausbildung durchläuft. Wasser eigne sich, um Schwerelosigkeit zu simulieren, sagt Maurer. "Man muss das Arbeiten in Schwerelosigkeit erst einmal neu erlernen. Wenn ich einen Knopf drücke, drücke ich nicht den Knopf, sondern der Knopf drückt mich. Oder ich drehe eine Schraube und eigentlich drehe ich die Schraube nicht, sondern ich drehe mich." Daher müsse man mit einer Hand oder einem Fuß in einer dafür vorgesehenen Halterung für die nötige Stabilität sorgen, bevor das Werkzeug angesetzt wird.

Seit 2015 ist Maurer acht Stunden am Tag im Dienste der Esa unterwegs. Unterrichtsgegenstand sind die Grundlagen der Raumfahrt: Wie ist die Station aufgebaut, wie funktionieren ihre einzelnen Systeme, welche Aufgaben erwarten die Astronauten?" Das heißt: Jedes Detail, was einen Weltraumflug betrifft, wird durchgesprochen, vom Groben bis hin zu einem ganz spezifischen Teil."

Wie wird die ISS repariert?

Erst findet das alles in der Theorie statt. Dann müssen die angehenden Astronauten das Gelernte in Mockups wie dem in Köln anwenden. Dort üben sie beispielsweise, den Handschuhkasten, die Microgravity Science Glovebox, im Columbus-Modul zu bedienen, in der wissenschaftliche Experimente durchgeführt werden. Oder sie gehen bestimmte Prozeduren Schritt für Schritt durch. Das sind vorgegebene Handlungsabläufe, nach denen ein System, das nicht funktioniert, wieder in Gang gebracht wird, etwa eines der Systeme im Harmony-Modul, die die Station mit Luft, Elektrizität und Wasser versorgen.

Hinzu kommen körperliches Training, darunter verschiedene Überlebenstrainings, etwa in winterlichen Gebieten oder auf See, Sprachausbildung in Englisch, Russisch und Chinesisch sowie interkulturelles Training - Raumfahrt wird ja heute nicht mehr auf nationaler, sondern auf internationaler Basis betrieben.

Die Esa kooperiert mit der chinesischen Raumfahrtagentur

Ein wichtiger neuer Akteur ist China. 2015 haben die Esa und die China National Space Administration eine Zusammenarbeit vereinbart. Das eröffnet europäischen Raumfahrern neue Möglichkeiten: Die Chinesen bauen eine eigene Weltraumstation, die 2022 fertig sein soll. 2023 könnten erstmals auch europäische Astronauten zur Besatzung gehören - und Maurer könnte einer von ihnen sein.

Er hat bereits mit den chinesischen Kollegen trainiert, beim Überlebenstraining auf See. Zwar landen die russischen Sojus-Kapseln, mit denen die Astronauten von der ISS zur Erde zurückkehren, meist irgendwo in der kasachischen Steppe, doch die Sojus kann außerplanmäßig einmal im Wasser aufsetzen, das ist schon vorgekommen. Deshalb sei es wichtig zu wissen, was dann zu tun ist, sagt Maurer.

Das gemeinsame Hochseetraining war eine Premiere: "Im Sommer war ich einer der ersten ausländischen Astronauten, die überhaupt jemals in China gemeinsam mit chinesischen Astronauten trainiert haben", sagt Maurer. Vielleicht wird er ja nicht nur der erste, der mit ihnen trainiert, sondern auch der erste, der mit ihnen fliegt.

Traumziel Mond

Noch liegt der Fokus auf näheren Zielen - sprich: der ISS. In diesem Jahr fliegt Alexander Gerst auf die Station, als erster deutscher Kommandant. Matthias Maurer wird ihm als Kollege frühestens 2020 folgen. Denn bevor er fliegt, muss er eine weitere Ausbildung durchlaufen, das missionsspezifische Training, das noch einmal etwa zwei Jahre dauert. Die Entscheidung fällt voraussichtlich in Kürze. "Ich bin nicht der einzige der auf diesen Flug hofft", sagt Maurer. "Wenn es nicht 2020 wird, dann wird es vermutlich 2021 oder 2022. Aber in diesen zwei Jahren - 2020 bis 22 - sollte sicher ein Flug drin sein."

Sollte es mit der ISS doch nicht klappen, hat Maurer noch andere, neue Möglichkeiten - nicht nur die erwähnte chinesische Raumstation. Auch die Nasa hat einiges vor: Sie will nach knapp 50 Jahren wieder Richtung Mond fliegen. Anfang der 2020er-Jahre soll die Kapsel Orion erstmals den Mond umrunden.

Außerdem plant die Nasa den Aufbau von Deep Space Gateway, einer Raumstation in einer Mondumlaufbahn. 2023 könnte sie bezugsfertig sein - und Maurer wäre gern einer der Bewohner "Ich denke, der Mond steht ziemlich hoch im Kurs", sagt er. "Aber nicht nur bei mir, sondern bei allen Astronauten."

Die Sicherheit ist gewährleistet

Ob er mit einer staatlichen Gesellschaft oder einem privaten Unternehmen wie SpaceX fliegt, spielt dabei keine Rolle. Da letztere im Auftrag der Nasa zur ISS fliegen, müssen sie die gleichen Sicherheitsstandards wie die Nasa bieten.

Was für Maurer indes "definitiv nicht" infrage kommt, ist das 2013 gegründete Projekt Mars One, das Kolonisten auf den Mars bringen will. "Mars One, das heißt: ein Flug ohne Rückkehrticket. Das ist komplett ausgeschlossen. Das ist für jeden vernünftigen Astronauten ausgeschlossen", sagt er. "Astronauten braucht man dazu, um die Erfahrung zu teilen. Deswegen müssen sie auch wieder sicher zurückfliegen zur Erde."  (wp)


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