Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/snet-in-kuba-ein-internet-mit-billigroutern-und-ohne-porno-1801-131945.html    Veröffentlicht: 04.01.2018 09:14    Kurz-URL: https://glm.io/131945

Snet in Kuba

Ein Internet mit Billigroutern und ohne Porno

Die Nutzung des Internets in Kuba ist schwierig und exorbitant teuer. Forscher untersuchten nun erstmals das selbstgestrickte Internet in der Hauptstadt Havanna.

Verglichen mit Kuba kann selbst Deutschland stolz auf seine schnellen Internetanschlüsse sein. Die Karibikinsel verfügt über eine durchschnittliche Bandbreite von 572 Bit pro Sekunde, ein Festnetzzugang kostet je nach Bandbreite mehr als das durchschnittliche Einkommen. Kein Wunder, dass die Kubaner einige sehr spezielle Methoden entwickelt haben, um trotz dieser Einschränkungen Daten auszutauschen und elektronisch miteinander zu kommunizieren. Die Forscher Eduardo Pujol und Will Scott berichteten auf dem diesjährigen Kongress des Chaos Computer Clubs in Leipzig, wie das weltweit wohl größte isolierte Computernetz in Kubas Hauptstadt Havanna, das sogenannte Snet, aufgebaut ist.

Die Probleme des Internets in Kuba hängen mit verschiedenen Faktoren zusammen. Zum einen gebe es aufgrund der politischen Spannungen mit den USA lediglich eine einzige Glasfaserleitung für die Insel, die Santiago de Cuba im Südosten des Landes mit Venezuela verbinde, sagten die beiden Forscher. Zum anderen setze die staatliche Telefongesellschaft Etecsa vor allem auf Wi-Fi-Hotspots, statt die einzelnen Gebäude mit Festnetz auszustatten.

Surfen für einen Dollar pro Stunde

Zwar gibt es in Kuba inzwischen auch ein Mobilfunknetz, doch dessen Nutzung ist ebenfalls extrem teuer. So bezahlen Nutzer des E-Mail-Dienstes Nauta einen Peso Convertible (CUC) pro Megabyte an übertragenen Daten. Dabei entspricht ein CUC einem US-Dollar. Der durchschnittliche Monatslohn im Staatssektor liegt bei etwas mehr als 30 US-Dollar im Monat. Für Touristen bietet Digicel einen Volumentarif von 100 MByte für 25 US-Dollar an. Das sei immerhin noch deutlich billiger als die 200 US-Dollar der Mitbewerber, schreibt das Unternehmen.



Doch auch die staatlichen WLAN-Zugänge sind alles andere als billig. Derzeit kostet das Surfen im internationalen Internet einen US-Dollar pro Stunde. Bei seiner Markteinführung kostete der Dienst noch 4,50 US-Dollar pro Stunde. Billiger sind die privaten Internetanschlüsse zu Hause. Allerdings gibt es bislang nur wenige Hundert DSL-Anschlüsse landesweit, in den kommenden Jahren sollen 38.000 hinzukommen. Eine Leitung für 1 MBit/s kostet 15 US-Dollar und erlaubt 30 Stunden kostenloses Surfen pro Monat. Zugänge für bis zu 4 MBit/s kosten 70 US-Dollar. Nach Ablauf des 30-Stunden-Kontingents kostet jede weitere Stunde ebenfalls einen US-Dollar.

Wochenpaket als Alternative

Kein Wunder, dass die Kubaner alternative Zugänge zu Daten entwickelt haben. Dazu zählt neben dem selbstgestrickten Snet auch das sogenannte El Paquete semanal, das Wochenpaket. Auf einem Datenträger von einem Terabyte werden jede Woche neue Fernsehserien, Filme, Musikdateien oder auch Anwendungsprogramme aufgezeichnet und im Land vertrieben. Je nach Bedarf werden diese wieder auf kleinere Datensticks verteilt.

Das aktuelle Paket vom 1. Januar 2018 enthält 15.429 Dateien in 1.501 Ordnern und umfasst 916 GByte. Der Bedarf besteht auch deshalb, weil Satellitenempfang verboten ist. Die kubanische Regierung toleriert das Wochenpaket unter anderem, weil dort keine regierungskritischen Inhalte oder pornografisches Material verbreitet werden. Inzwischen gibt es sogar Überlegungen von Google, diese Art der Informationsweitergabe zu standardisieren. Allerdings lassen sich viele Anwendungen nur mit vernetzten Computern ermöglichen.

Erstmalige Analyse des Snet

Nach Angaben von Pujol und Scott entwickelte sich das Snet (Street Network) im Jahr 2011, indem kleinere Nachbarschaftsnetze verknüpft wurden, die für Computerspiele im Mehrspielermodus und für Filesharing aufgebaut worden waren. Im vergangenen April und Mai sei zum ersten Mal versucht worden, die Besonderheiten des Netzes mit seinen inzwischen rund 100.000 Nutzern in der Hauptstadt Havanna zu analysieren. Die Forscher von Universitäten aus Michigan, Colorado und Kuba hatten ihre Ergebnisse bereits auf der Internet Measurement Conference im November 2017 in London präsentiert (PDF).

Demnach betreiben Hunderte von Teilzeit-Administratoren die verteilten Netze, die Namen wie Habana Net, Playa oder Wifinet tragen. Verknüpft werden sie durch sogenannte Pillars (Säulen), die meist über WLAN-Richtfunkantennen miteinander kommunizieren. Die Säulen sind wiederum mit den Knoten der einzelnen Netze verbunden. Während ein einzelner Knoten per WLAN und Ethernet bis zu 200 Nutzer verbinde, könnten an einer Säule Dutzende regionaler Knoten angeschlossen sein. Nach Angaben der Administratoren ist jede Säule mindestens mit zwei anderen Säulen verbunden.

Keine Hardware teurer als 100 US-Dollar

Die Hardware ist den Forschern zufolge sehr günstig. Es seien keine Geräte gefunden worden, die in den USA mehr als 100 US-Dollar kosteten, sagte Scott. Allerdings müssten die Nutzer in Kuba in der Regel das Doppelte dafür bezahlen. Für die Säulen würden typischerweise Nanostations von Ubiquity Networks verwendet, für die Knoten Mikrotik-Router wie der SXT Lite5. Als Server dienten in der Regel Desktoprechner oder Laptops.

Der Analyse zufolge verwendet das Snet nur private IP-Adressen nach RFC 1918. Während die meisten Dienste über ihre IP-Adresse direkt zu erreichen seien, sei neuerdings auch eine DNS-Infrastruktur mit dem Suffix .snet aufgebaut worden. Die Messungen im Snet hätten mehrfach Routingschleifen ergeben. Nach Ansicht der Forscher sind diese Schleifen ein Symptom dafür, dass das OSPF-Routing und die manuelle Koordinierung zwischen den Säulen an ihre Grenzen stießen. Es sei zu erwarten, dass sich die Probleme bei einer zunehmenden Größe und Komplexität des Netzes verschärften.

Bis zu 250 MBit

Immerhin schafft das Snet eine durchschnittliche Übertragungsrate von 120 MBit/s, mit Spitzenwerten von 250 MBit. Datenintensive FTP-Anwendungen, um beispielsweise das Wochenpaket herunterzuladen, sind demnach von 3 Uhr morgens bis zum Mittag begrenzt. Außerhalb dieser Zeit seien FTP-Dienste auf 1 KBit pro Sekunde gedrosselt.

Die Forscher zeigten sich beeindruckt von der Fülle der Dienste und Inhalte im kubanischen Snet. Es gebe eine Reihe florierender Chaträume, Foren und Informationsquellen wie Wikipedia oder Onlinekurse von Coursera. Thematisch widmeten sich viele Seiten Spielethemen. Allein die Wifinet-Foren, ein interner Nachrichtenkanal, habe rund 56.000 Nutzer. Ein eigenes Entwicklernetz für Open-Source-Software, Netlab, habe sogar eine Suchmaschine für das Snet, Carola, entwickelt. Die am häufigsten verlinkte externe Seite sei der Kleinanzeigendienst Revolico.com. Doch warum stört sich die Regierung nicht an dem unregulierten Treiben im Snet?

Software bis zu acht Jahre veraltet

Das hängt sicherlich mit den selbst auferlegten Einschränkungen zusammen. So verbietet das Netz Habana Este (Ost-Havanna) die Nutzung, wenn sie die innere Ordnung, die Sicherheit des Landes oder Stabilität des kubanischen Staates verletzt. Verboten sind demnach Internetdienste, Radio- und Fernsehdienste, Pornografie, kommerzielle Angebote sowie alle anderen illegalen Dienste in Kuba. Bei Verstößen droht ein zeitweiliger oder gar dauerhafter Ausschluss aus dem Netz. Entsprechende Netze gibt es den Forschern zufolge inzwischen auch in anderen kubanischen Städten wie Santiago de Cuba, Pinar del Río oder Cienfuegos. Es gibt jedoch auch Berichte, wonach ein Spielernetzwerk in Pinar del Río von den Behörden verboten wurde.

Neben den limitierten Inhalten habe das Snet auch mit einigen Problemen zu kämpfen, die für das sonstige Internet eher untypisch seien, sagen die Forscher. Vor allem die Sicherheit sei vergleichsweise sehr schwach ausgeprägt. Es gebe nur sehr wenige verschlüsselte Dienste per HTTPS oder eine zentrale Zertifizierungsstelle im Snet, so dass alle Zertifikate selbst ausgestellt seien. Da der rechtliche Status von verschlüsselter Kommunikation in Kuba unklar sei, verzichteten die meisten Administratoren auf die Implementierung von TLS.

Stromschläger gegen Router-Diebstahl

Ebenfalls problematisch: Da es keinen internen E-Mail-Dienst gibt, fehlt bei den meisten Diensten eine Möglichkeit, ein vergessenes Passwort wiederherzustellen. Wegen der geringen Internetkonnektivität sei die meiste Software veraltet, teilweise seit acht Jahren nicht mehr aktualisiert. Dennoch könne Malware nicht viel ausrichten, sagte Pujol. In der Tat: Phishing-Trojaner für Onlinebanking dürften in Kuba wenig Aussicht auf Erfolg haben.

Für die Sicherung und den Ausbau des Netzes gibt es einige besondere Herausforderungen. So sei das genutzte 5-GHz-Band in Kuba sehr stark verrauscht, da die anderen Frequenzbereiche für Privatnutzer nicht zur Verfügung stünden. Aufgrund der finanziellen Einschränkungen sei es den Betreibern kaum möglich, die einzelnen Unternetze mit höheren Bandbreiten zu verbinden. Um den Diebstahl der WLAN-Sender zu verhindern, hätten Administratoren die Geräte zum Teil in Gehäusen versteckt, die unter Spannung stünden. Ein Streit zwischen zwei Administratoren hätte jüngst dazu geführt, dass zwei Netze nicht mehr miteinander verbunden gewesen seien, berichtete Pujol.

Nach Ansicht der Forscher ist das künftige Schicksal des Snet unklar. In ihrem Bericht zeigten sie sich "verhalten optimistisch", was die Zukunft des Netzes betrifft. Jüngst kündigte die staatliche Telefongesellschaft Etecsa an, in diesem Jahr das mobile Internet auf der Insel über E-Mail-Dienste hinaus einzuführen. Solange Etecsa aber die Breitbandversorgung nicht forciert und die Kosten so hoch bleiben, dürften der Bedarf für das Snet und das Wochenpaket sicher bestehen bleiben.  (fg)


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