Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/open-source-jahresrueckblick-2017-die-community-gewinnt-fast-immer-1712-131776.html    Veröffentlicht: 30.12.2017 11:42    Kurz-URL: https://glm.io/131776

Open Source

Die Community gewinnt - fast immer

Egal ob im Linux-Kernel, an den Low-Level-Userspace-Teilen, grafischen Oberflächen, Software von und für Unternehmen oder gar Hardware - am Ende setzt sich die Zusammenarbeit in der Community durch, wie das Jahr 2017 gezeigt hat. Von dieser Regel gibt es aber auch immer wieder Ausnahmen.

Die Grundlage des Open-Source-Konzeptes ist die Community - eine Gemeinschaft, die kollaborativ an Software arbeitet, so verschiedene Interessen bündelt und gegeneinander abwägt sowie letztlich zwar den individuell nötigen Einsatz reduziert, dank der gemeinsamen Anstrengung das Ergebnis für alle dennoch verbessert. Das Jahr 2017 hat die Wirkmächtigkeit der Community in vielen Bereichen der IT bewiesen, auch wenn hier immer noch viele Hindernisse existieren und die Community einen vorläufigen Rückschlag für eines ihrer Prestigeprojekte hinnehmen musste.

Limux scheitert

So schockierte viele Open-Source-Unterstützer zu Jahresbeginn die Nachricht, dass der Münchner Stadtrat mit seiner Fraktionsmehrheit aus CSU und SPD unter Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) das Limux-Projekt rückabwickeln will. Dass dieser Plan zumindest erwogen wurde, hatte sich bereits im Herbst des Vorjahres angedeutet.

Wohl der Druck der Community von außen sorgte zunächst dafür, dass das Ende der Verwendung freier Software in der Münchner Stadtverwaltung doch nicht so plötzlich beschlossen werden konnte wie vielleicht von einigen der Verantwortlichen erhofft. Zunächst entschied der Stadtrat noch, dass die Rückkehr von Linux zu Windows offiziell geprüft werden solle.

An eine Kehrtwende zu dem gefassten Plan und an eine tatsächlich objektive Prüfung wollte zu diesem Zeitpunkt aber kaum noch jemand aus der Community glauben. So fragte sich etwa der Präsident der Free Software Foundation Europe (FSFE), Matthias Kirschner, ob und wodurch die Community zum Scheitern von Limux beigetragen habe - und zwar noch vor der endgültigen Entscheidung gegen Limux in München. Zu dieser und dem damit verbundenen Beginn der Rückmigration zu Windows kam es dann aber wie erwartet etwa einen Monat später.

Als Reaktion darauf plant die FSFE, künftig ihre Kampagnen anders anzugehen. Der Community bleibt nur ein Blick zurück auf die durchaus tragische Geschichte des ambitionierten Projektes sowie ein kritischer Blick nach vorn. Denn ob die Windows-Migration in München wirklich so reibungslos verläuft, wie von den Entscheidern erhofft, ist derzeit nicht absehbar. Und als kleiner Trost für die Community bleibt wohl, dass eine Studie der EU-Kommission den Einsatz von Open-Source-Software für die öffentliche Verwaltung und für Unternehmen empfiehlt.

Community-Arbeit macht Linux besser

Ob und welche Vorteile sich aus einer langanhaltenden Beteiligung an Community-Arbeit für Unternehmen ebenso wie Einzelpersonen und Nutzer ergeben, zeigt immer wieder besonders eindrücklich die Arbeit am Linux-Kernel. Hier gab es aus Community-Sicht in diesem Jahr gleich mehrere Erfolgsmeldungen.

So ist es dem Entwicklerteam für AMDs Grafiktreiber nach anfänglich noch sehr harscher Kritik durch die Community gelungen, den neuen Display-Code so aufzuarbeiten, dass dieser letztlich ohne Kritik von Kernel-Chef Linus Torvalds in den offiziellen Linux-Code aufgenommen wurde. Möglich gemacht hat dies die gut eineinhalb Jahre währende kontinuierliche Zusammenarbeit des AMD-Teams mit den anderen Entwicklern, die am Grafiksubsystem des Linux-Kernels arbeiten.

Darüber hinaus hat der Chip-Hersteller Intel 2017 endlich damit begonnen, offiziell selbst die Pflege für die von dem Unternehmen initiierte Thunderbolt-Technik zu übernehmen. Diese Pflege umfasst die Unterstützung für die Thunderbolt-3-Chips sowie deren Sicherheitskonzept. Das ist zumindest vonseiten Intels auf Druck von Google für dessen Chromebooks entstanden. Doch auch die Community des Linux-Desktops Gnome hat aufbauend auf der Arbeit von Intel eine entsprechende Userspace-Implementierung erstellt, die nicht nur das Sicherheitskonzept von Thunderbolt 3 in Gnome selbst umsetzt, sondern auch leicht eine Wiederverwendung durch andere Communitys ermöglicht.

Dass sich verschiedene Firmen oder auch einzelne Entwickler mit einem gemeinsamen Anliegen letztlich in einer Open-Source-Community zusammenfinden und gemeinsame Interessen verfolgen, ist aber trotz Open-Source-Code nicht immer der Fall. So gibt es mitunter langwährende Spaltungen innerhalb der Community, die teils erst nach Jahren oder Jahrzehnten wieder überwunden werden können, was das Jahr 2017 ebenfalls zeigt.

Community statt Trennung

Eine dieser Abspaltungen, die von Nutzern wie Entwicklern und einer breiteren Community als besonders tiefgreifend und schwerwiegend empfunden wurde, war die Aufgabe von Gnome als Standard-Desktop der Linux-Distribution Ubuntu und der Wechsel hin zu der Eigenentwicklung Unity vor etwa sieben Jahren.

Daraus ergab sich unter anderem das technischen Problem, dass Unity und die Gnome-Shell technisch zueinander nicht direkt kompatibel waren. Denn Ubuntu hatte für die Unity-Entwicklung Teile des Gnome-Codes als Fork selbst gepflegt und so die parallele Installation beider Oberflächen stark behindert. Diese Situation hat sich erst nach vielen Jahren Arbeit gebessert.

Verstärkt wurde diese Trennung zum Rest der Linux-Desktop-Community dann auch noch durch das Ubuntu-Projekt Unity 8, das eine konvergente Oberfläche für Mobilbetriebssysteme und Desktops werden sollte. Hier trennte sich Ubuntu auch von dem Gnome-Unterbau und wechselte zu Qt, nutzte dann aber weder die Vorarbeiten von Jolla noch vom KDE-Projekt, die ebenfalls auf Qt setzen.

Außerdem setzte Ubuntu-Sponsor Canonical für Unity 8 auch mit allerlei halbseidenen Argumenten auf den eigenen Displayserver Mir und damit nicht auf die vom Rest der Linux-Community favorisierte Wayland-Technik als Nachfolger für das alte X11-Fenstersystem.

2017 musste Canonical jedoch einsehen, dass diese Alleingänge aus unterschiedlichen Gründen nicht funktionieren. Als Konsequenz wechselte Ubuntu für die Version 17.10 wieder zurück zur aktuellen Version von Gnome als Desktop inklusive der Verwendung von Wayland. Für einen mehr oder weniger reibungslosen Übergang beteiligte sich das Desktop-Team von Ubuntu auch sehr eng mit der Entwickler-Community von Gnome an den dafür notwendigen Arbeiten.

Community schafft Einheits-API für Wayland

Noch kann aber nicht jeder Linux-Nutzer Wayland nutzen. Das liegt vor allem am proprietären Nvidia-Treiber, der das von der Linux-Community favorisierte API zur dafür notwendigen Speicherverwaltung nicht unterstützt. Nvidia setzt hier seit drei Jahren auf eine eigene Entwicklung auf Basis der EGL-Streams.

Zwar gibt es Versuche, zumindest die Gnome-Shell dazu kompatibel zu machen, diese sind bisher aber nicht endgültig umgesetzt. Außerdem verweigern die Entwickler anderer Desktops und grafischer Oberflächen die Unterstützung für Nvidias Lösung. Wohl auch deshalb arbeitet Nvidia seit 2016 gemeinsam mit der Community an einer neuen Lösung für die Speicherverwaltung.

Diese ist nun so weit gereift, dass der zuständige Nvidia-Angestellte und -Entwickler James Jones die restliche Community darum bittet, die Prototyp-Implementierung weiter zu verbessern und diese dadurch langfristig für alle Beteiligten einsetzbar zu machen. Dazu gehört möglicherweise auch die Verwendung in Android oder anderen spezialisierten Embedded-Varianten von Linux.

Enterprise-Community für Android-Pflege

Von der Umsetzung dieser API in Android ist Google jedoch noch weit entfernt, und das Unternehmen muss zunächst auch noch völlig andere Probleme mit seiner eigenen Community aus OEM-Herstellern lösen. Denn diese versorgen ihre Geräte oft nicht mit Updates oder gar Upgrades auf neue Versionen. Abhilfe schaffen soll hier das Projekt Treble.

Dafür verändert aber nicht Google selbst den Aufbau von Android und gibt dies an seine Lizenznehmer weiter. Vielmehr sorgen die Beteiligten über das Industriekonsortium Linaro auch für eine vergleichsweise sehr lange Kernel-Pflege von sechs Jahren. Zudem soll über die Initiative erreicht werden, dass alle Android-Geräte auf einem einheitlichen Kernel basieren.

Ob damit auch das derzeitige Sicherheitsproblem des Android-Ökosystems gelöst werden kann, wird sich wohl erst in einigen Jahren zeigen. Dass Community-Projekte aber auch strategisch angelegt sind und einen langen Atem haben müssen, zeigte sich auch an anderen Projekten.

Community überwindet Fehler

Ausdauer zu beweisen, heißt hierbei aber nicht nur, über Jahre hinweg im Voraus zu planen, sondern manchmal auch einfach nur, dranzubleiben. Ein gutes Beispiel hierfür ist etwa der "Albtraum"-Bug in Intel-CPUs, auf den das Debian-Projekt hingewiesen hat.

Nicht nur war der Fehler an sich unter bestimmten Umständen schwerwiegend, auch die Umsetzung von Updates dafür gestaltet sich schwierig. Vor allem die Arbeit zum Finden des eigentlichen Auslösers des Fehlers in dem Microcode bestimmter CPUs kostete die Community Durchhaltevermögen und auch einiges an Nerven.

Verschlüsselung von, mit, für, gegen die Community

Wohl ebenso nervenaufreibend, aber leider nicht nur auf einige Wochen beschränkt, ist der Versuch, endlich TLS 1.3. fertigzustellen. Die neue Version der Transportverschlüsselung hätte eigentlich längst fertig sein sollen. Doch auch 2017 versuchten einige Unternehmen, den Standard aktiv zu schwächen. Öffentlich dazu äußern wollte sich aber kaum jemand.

In einem sehr ungewöhnlichen Schritt hat Cisco sogar beschrieben, wie TLS 1.3 die Verwendung seiner eigenen Sicherheitsprodukte verhindert. Dabei ist es aber eher so, dass eben jene Produkte, die als Middleboxen bezeichnet werden, die Einführung von TLS 1.3 verzögern. Die TLS-Community musste deshalb sogar eine Masquerade als Hack einführen, um an den kaputten Middleboxen vorbei zu kommen.

Doch selbst das hilft nicht in alle Fällen, so dass nun Google für Chrome dazu übergeht, explizit Schuldige zu benennen, deren Produkte Verbindungsabbrüche bei TLS 1.3 verursachen. Die Community baut also verstärkt Druck auf, um endlich TLS 1.3 veröffentlichen zu können. Ob dies aber tatsächlich 2018 geschieht, scheint angesichts einiger Unwägbarkeiten immer noch nicht sicher. Und ähnliche Diskussionen werden sich für das Quic-Protokoll wohl auch wiederholen.

RISC-V auf dem Weg der Welteroberung

Wesentlich bessere Nachrichten gibt es aus der RISC-V-Community. Die gleichnamige freie CPU-Architektur samt Befehlssatz soll zu der dominierenden Architektur werden, wie Entwickler Arun Thomas auf der Fosdem zu Beginn des Jahres sagte.

Davon ist RISC-V zwar noch weit entfernt, allerdings hat die Community den Software-Support mit den Kernel-Patches und mit den für Frühjahr 2018 erwarteten Glibc-Patches bereits so weit umgesetzt, dass Linux-Distributionen wie Debian oder Fedora vermutlich schon in wenigen Monaten stabile Ports ihrer Systeme für die freie Architektur bereitstellen wollen.

Dass die Vision der vorherrschenden Architektur nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, sondern tatsächlich nachvollziehbar erscheint, liegt unter anderem an einer Ankündigung von Western Digital. Die Storage-Spezialisten wollen langfristig 2 Milliarden RISC-V-Kerne pro Jahr mit ihren Geräten vertreiben. Ähnliche Vorhaben werden wohl auch von Google, Nvidia sowie Samsung und anderen umgesetzt.

Bis das vorgegebene Ziel erreicht ist, werden wohl zwar noch einige Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte vergehen. An RISC-V zeigt sich aber, dass sich das Open-Source-Konzept samt tat- und finanzkräftiger Community nun auch in der Hardware-Entwicklung durchsetzt. Das wäre vor etwa zehn Jahren nur schwer vorstellbar gewesen. Immerhin gilt die Hardware-Industrie historisch als extrem konservativ und vor allem als Verfechter proprietärer Technik. Eine konstante Community-Arbeit scheint das aber nun endlich aufzubrechen.  (sg)


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