Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/elektroauto-war-es-das-tesla-1712-131757.html    Veröffentlicht: 29.12.2017 12:02    Kurz-URL: https://glm.io/131757

Elektroauto

War es das, Tesla?

2017 hat Tesla mit dem Semi und dem neuen Roadster zwei neue Elektroautos vorgestellt und seine Fans begeistert. Doch die Markteinführung des sehnlich erwarteten Model 3 ging eher schief. Verzettelt sich Chef Elon Musk mit seinen anderen Projekten?

2017 sollte das Schicksalsjahr werden für Tesla und für die Elektroautobranche, so wurde es von Tesla und den Medien gleichermaßen vollmundig vorhergesagt. Das Model 3, Teslas erstes erschwingliches Auto, sollte nicht nur endlich den wirtschaftlichen Durchbruch für das gehypte Unternehmen aus Kalifornien bringen, sondern für die ganze, gar nicht so neue Branche weltweit gleich mit. Beides ist jedoch ausgeblieben. Die traditionellen Hersteller holen auf, haben auf der Automobilausstellung in Frankfurt Prototypen vorgestellt und Produkteinführungen für die nähere und mittlere Zukunft angekündigt. Doch bei Tesla stockte die Produktion und die Unternehmenszahlen sinken. Grund zur Sorge?

In der ersten Jahreshälfte sah noch alles gut aus: 2016 war mit einem Bestellrekord zu Ende gegangen, das Produktionsziel für das letzte Quartal erreicht worden, wenn auch nicht alle Autos wie geplant ausgeliefert werden konnten. Im Januar kündigte Tesla einen Vertrag mit dem Aalener Unternehmen SHW, der ein Volumen von 100 Millionen Euro hatte. Dabei ging es darum, den Zeitplan für sein erstes erschwingliches Elektroauto zu sichern, das für 2017 angekündigt worden war. SHW habe "nötige Performance- und Qualitätsstandards leider nicht eingehalten", Tesla müsse da "rigoros vorgehen".

Im März suchte Tesla neue Investoren - und fand einen finanzkräftigen: Der chinesische Internetkonzern Tencent übernahm einen Anteil von fünf Prozent und zahlte dafür 1,78 Milliarden US-Dollar. Genug Geld, um in die Produktion von Model 3 einzusteigen.

Im April 2017 war die Tesla-Aktie mehr als 300 US-Dollar wert und der Elektroautohersteller der wertvollste Automobilkonzern der USA.

Die ersten Model 3 werden ausgeliefert

Ende Juli übergab der stolze Chef mit großem Brimborium die ersten 3er-Teslas an die jubelnden Kunden. Dreißig Stück, zusammengebaut weitgehend in Handarbeit und nicht, wie der Chef immer gern ankündigt, von der Maschine, die die Maschine baut.

Die Maschine allerdings, da war Elon Musk sicher, würde anlaufen. Immerhin musste noch eine gute halbe Million Bestellungen vom Model 3 abgearbeitet werden. Geplant war, bis Ende des dritten Quartals 1.500 Fahrzeuge zu bauen, bis Ende des Jahres sollten 5.000 Autos in der Woche aus der Fabrik kommen. Dieses Modell ist Musk besonders wichtig.

Das Model 3 verbrennt Geld

Das neue Auto ist für Musk so etwas wie der Markenkern von Tesla. "Es war nie unser Ziel, teure Wagen zu bauen", sagte Musk, als er den Käufern die ersten Model 3 aushändigte. Das Auto kostet in der Grundausstattung 35.000 US-Dollar, viel weniger als der Roadster, das Model S und das Model X. Es ist damit das erste Elektroauto des Herstellers, das für eine breitere Käuferschicht erschwinglich ist, und das Interesse ist groß: Wenige Tage nach der Vorstellung im April 2016 hatte Tesla über 275.000 Reservierungen für das Model 3. Für die Reservierung mussten Interessenten 1.000 US-Dollar hinterlegen.

Die Vorgänger seien so teuer ausgefallen, weil die Produktion so kostspielig gewesen sei. Beim Model 3 habe Tesla auf aufwendige Details verzichtet, wie etwa die versenkbaren Türgriffe des Model S oder die besonders gestalteten Flügeltüren des Model X. "Es gibt in dem Auto nichts, was dort nicht unbedingt sein muss", sagte Musk.

Alles dorthin zu bringen, wo es sein muss, erwies sich für Tesla allerdings als schwierig. Anders als geplant, rollten nur wenige Fahrzeuge aus der Fabrik: bis Ende September magere 260 Stück. Im Oktober kamen noch einmal etwa 180 hinzu.

"Wir verbrennen Geld, als gäbe es kein Morgen"

Der Grund für die Produktionsprobleme bei Teslas Model 3 ist die Fertigung der Akkus, der Schuldige ist Panasonic: Das japanische Unternehmen baut die Zellen in Teslas Akkufabrik, der Gigafactory. Sie werden dann zu Akkupaketen kombiniert. Wie das Auto selbst sollen auch die Stromspeicher automatisch gebaut werden.

Allerdings schaffte es die Anlage nicht, die Zellen richtig in die Pakete einzusetzen. Die Zellen hätten deshalb Arbeiter von Hand einsetzen müssen, sagte Panasonic-Chef Kazuhiro Tsuga Ende Oktober. Sitzen die Zellen zu dicht aufeinander, kann das Akkupack erhitzen und Feuer fangen. Das Problem werde bald behoben, betonte Tsuga, ging aber nicht darauf, wie schnell "bald" sei.

Die Akkufertigung ist ein neuralgischer Punkt: Ohne die Akkus aus der Gigafactory "verbrennen wir Geld, als wenn es kein Morgen gäbe". Das könne Tesla ruinieren, sagte Musk zu Ashlee Vance, dem Autor der Biografie Elon Musk: Tesla, Paypal, SpaceX: Wie Elon Musk die Welt verändert. Der Chef persönlich nahm die Sache in die Hand.

Elon Musk, der Zampano

Anfang Oktober 2017 quartierte Musk sich in der Gigafactory ein, um die Produktion selbst zu überwachen - nicht ohne das publikumswirksam auf den Social-Media-Kanälen zu inszenieren, inklusive Grillabenden auf dem Dach der Fabrik.

Aber ist Elon Musk ein Genie oder ein Blender, ein Tausendsassa oder ein Schlawiner? Der Chef ist der Dreh- und Angelpunkt des Unternehmens. Seine charismatische Persönlichkeit hat sicher einen bedeutenden Anteil am Erfolg des kalifornischen Elektroautoherstellers. Aber er versteht es auch, sich selbst zu zelebrieren - und verspricht manchmal mehr, als er dann halten kann, wie etwa bei den Produktionszahlen des Model 3.

Seine Anhänger verehren ihn wie Apple-Fans einst Steve Jobs. Einige würden sich vor lauter Begeisterung glatt das Tesla-Logo auf die Stirn tätowieren lassen, sagte ein Informant dem Spiegel. Mit seinem bei Kunden so erfolgreichen Model 3 hat Tesla die traditionsreichen Automobilkonzerne in puncto Elektromobilität aufgerüttelt. Viele in der Branche mögen den Newcomer zunächst belächelt oder nicht ernst genommen haben. Jetzt lächelt keiner mehr - zumindest keiner, der ernst genommen werden will.

Und Tesla ist nicht Musks einziger Spielplatz: Er leitet auch das Raumfahrtunternehmen SpaceX, das in diesem Jahr Marktführer im Bereich Raumfahrt ist und die ganze Branche durcheinandergewirbelt hat: SpaceX schoss in diesem Jahr 18 Mal eine Rakete ins All, so oft wie kein anderer staatlicher oder privater Akteur in der Raumfahrt.

Zwei solche Unternehmen zu leiten, sollte eigentlich ausreichend Arbeit sein - zumal Musk nicht dazu neigt, Aufgaben zu delegieren. Er behält die Fäden lieber in der Hand. Doch er kommt immer wieder mit neuen Projekten an.

Elon Musk erfindet Verkehrsmittel der Zukunft

2013 stellte er ein Konzept für den Hyperloop vor, ein neuartiges Verkehrsmittel, das in einer Röhre mit einem starken Unterdruck verkehren soll. Ohne Reibung und Luftwiderstand soll der Hyperloop Geschwindigkeiten von 1.200 Kilometern pro Stunde erreichen.

Damals hatte Musk noch ein Einsehen und lehnte die Umsetzung ab: Er sei mit Tesla und SpaceX beschäftigt genug, beschied er. Anfang dieses Jahres hatte er die nächste Idee für ein Verkehrsmittel der Zukunft: Weil ihn Staus nerven, kam er auf die Idee, ein unterirdisches Transportnetz für Autos aufzubauen. Die Fahrzeuge sollen per Fahrstuhl in den Untergrund transportiert und von einem elektrisch angetriebenen Transportwagen mit hoher Geschwindigkeit ans Ziel gebracht werden. Dort hebt ein Aufzug das Auto wieder an die Oberfläche.

Gleich wurde das Unternehmen The Boring Company gegründet und eine Tunnelbohrmaschine angeschafft, um unter dem Gelände von SpaceX die ersten Grabungstests zu unternehmen. Ein Prototyp des Transportvehikels wurde im Mai vorgeführt, der erste Autofahrstuhl im Juli.

Musk plant ein Tunnelsystem unter Los Angeles

Die ersten Genehmigungen für Grabungen unter öffentlichem Grund in den US-Bundesstaaten Kalifornien und Maryland gab es im Herbst. Im heimischen Kalifornien will The Boring Company zunächst den Tunnel unter dem eigenen Firmengelände erweitern. Musk plant aber schon ein ganzes Tunnelsystem unter Los Angeles. In Maryland wird ab Januar gebuddelt.

Nicht einmal vom Hyperloop lässt Musk die Finger: SpaceX veranstaltet seit 2015 Hyperloop-Pod-Wettbewerbe und hat dafür sogar eigens eine Röhre gebaut. Beim ersten und beim zweiten Wettbewerb war das Team der Technischen Universität München erfolgreich. Musk sicherte sich gleich die Rechte am Konzept von der Kapsel. Er könnte es brauchen: Er plant einen Hyperloop von New York nach Washington.

Was noch? Musk will mit The Boring Company an einer Ausschreibung für den Bau und Betrieb eines oberirdisches Nahverkehrssystems in Chicago teilnehmen. Tesla hat diverse große Netzspeicher eingerichtet - in Kalifornien, auf einer der Hawaii-Inseln sowie im vom Wirbelsturm verwüsteten Puerto Rico.

Alle diese Aktivitäten werden von den Medien seit Jahren mit einer Mischung aus Skepsis und Bewunderung begleitet. Als die Produktionsprobleme von Teslas Model 3 in der zweiten Jahreshälfte 2017 den Tausendsassa Musk und sein Unternehmen zu beuteln begannen, mischte sich eine Portion Häme in die Berichterstattung.

Tesla in der Krise?

Immerhin halte Musk "zur Abwechslung mal ein Versprechen", titelte Die Welt, als Musk wie geplant einen riesigen Netzspeicher in Australien übergab. Musk hatte gewettet, er werde den Speicher in 100 Tagen nach Vertragsabschluss bauen. Falls nicht, übernehme Tesla die Kosten - rund 50 Millionen US-Dollar. Das klang dramatischer, als es war: Als der Vertrag mit dem australischen Bundesstaat Ende September unterzeichnet wurde, war schon ein nicht unerheblicher Teil der Anlage fertig, so dass die Anlage fristgemäß übergeben werden konnte - und Musk seine Aufmerksamkeit bekam.

Ansonsten beherrschte das Wort Krise die Schlagzeilen im Zusammenhang mit Tesla. "Längst haben sich die Analysten und Investoren daran gewöhnt, dass Tesla Wachstumsziele nicht erreicht oder noch mehr Verluste einfährt als erwartet", schrieb die Welt Ende November. Analysten raten sogar schon vom Kauf der Tesla-Aktie ab. "Erst haben sie Elon Musk hochgejubelt. Jetzt lassen die Anleger die Aktien seines Elektroautobauers Tesla wie heiße Kartoffeln fallen", kommentierte die Berliner Zeitung. Die dpa schrieb: "Einem Superstar des Silicon Valley bläst der Gegenwind ins Gesicht."

Tatsächlich sind die Zahlen nicht gut: Im dritten Quartal 2017 konnte Tesla zwar den Umsatz steigern, sogar um 30 Prozent. Das galt aber auch für die Verluste: Sie betrugen 619 Millionen US-Dollar, so viel wie nie zuvor in einem Quartal. Im dritten Quartal 2016 hatte Tesla noch ein Plus von 22 Millionen Dollar ausgewiesen. 480.000 US-Dollar, so haben Kollegen der US-Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg kürzlich ausgerechnet, verliere Tesla - in der Stunde!

Tesla steht unter Druck

Tesla - und damit Musk - steht unter Druck. Und den bekommen andere zu spüren, darunter offenbar die Mitarbeiter des Unternehmens. Im Herbst kündigte Tesla wegen mangelnder Leistung gleich mehreren Hundert Mitarbeitern und zog sich damit den Unmut der United Auto Workers (UAW) zu: Die einflussreiche Gewerkschaft warf Tesla vor, das Argument, nicht die nötige Leistung erbracht zu haben, sei ein Vorwand. In Wirklichkeit habe das Unternehmen Gewerkschaftssympathisanten loswerden und Aktivitäten der Gewerkschaft verhindern wollen. Die UAW reichte eine Beschwerde gegen Tesla bei der US-Bundesbehörde National Labor Relations Board (NLRB) ein.

Der Druck wird wohl kurzfristig nicht geringer werden: Als Erstes, so hat es Musk versprochen, will Tesla die Probleme bei der Fertigung der Akkupacks lösen und das Model 3 aus der "Produktionshölle" befreien. Bis März 2018 sollen dann die geplanten 5.000 Model 3 wöchentlich gebaut werden.

Ist ein Scheitern von Tesla zu befürchten? Das Jahr hat gezeigt, dass auch ein hochgejubeltes Start-up aus Kalifornien über ganz irdische Probleme stolpern kann - und auch der Tag von Elon Musk nur 24 Stunden hat. Dass Tesla daran zugrunde geht, ist aber nicht zu erwarten.

Tesla hat im November neben den Negativschlagzeilen auch Erfolge gehabt: Das Unternehmen stellte zwei neue Modelle vor. Den elektrischen Sattelschlepper, den Musk 2016 in seinem sogenannten Masterplan Teil 2 angekündigt hatte, präsentierte Tesla Mitte November. Bei dem Termin überraschte Musk mit einem weiteren Auto: einem neuen Roadster, dem Nachfolger des ersten Autos von Tesla.

Musk hat auch schon früher Durchhaltewillen bewiesen, als die erste Falcon-Raketen von SpaceX eine nach der anderen vom Himmel fielen. Er wird auch jetzt durchhalten. Etwas mehr Fokussierung wäre dabei allerdings sicher nicht schlecht.  (wp)


Verwandte Artikel:
Tesla: Model 3 soll 2018 nicht mehr nach Deutschland kommen   
(13.02.2018, https://glm.io/132728 )
Elektroauto: Teslas Probleme mit dem Model 3 sind nicht gelöst   
(04.01.2018, https://glm.io/131951 )
Probefahrt: Daimler demoliert Tesla-Mietwagen   
(04.12.2017, https://glm.io/131462 )
Elektrosportwagen: Tesla Roadster 2 beschleunigt in 2 Sekunden auf Tempo 100   
(17.11.2017, https://glm.io/131201 )
Elon Musk: Tesla will 100.000 Elektro-Lkw pro Jahr bauen   
(09.02.2018, https://glm.io/132675 )

© 1997–2019 Golem.de, https://www.golem.de/