Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/smartphones-2017-einmal-das-schoene-blaue-bitte-1712-131731.html    Veröffentlicht: 31.12.2017 09:00    Kurz-URL: https://glm.io/131731

Smartphones

Einmal das schöne Blaue, bitte!

Gleiche Leistung, gleiche Funktionen: Den Smartphone-Herstellern fällt nichts Neues mehr ein. Das erschwert Kunden die Wahl und wirft die Frage auf, was wir für 2018 überhaupt noch erwarten können.

Zehn Jahre, nachdem Apple mit dem iPhone eine ganze Branche in Umtriebigkeit versetzt hat, scheint deren Innovationskraft am Ende zu sein. Ob man nun 350 oder 700 Euro für ein Gerät ausgegeben hat, ist auf den ersten Blick oft kaum noch zu erkennen. Fast jedes Smartphone hat ein um die 5,5 Zoll großes Display, mindestens Full-HD, eine gute Kamera mit mindestens 12 Megapixeln, Fingerabdrucksensor, Snapdragon-Prozessor und Android 7. Auch bei der täglichen Nutzung sind Unterschiede nicht unbedingt auszumachen. War's das jetzt?

Kunden entscheiden sich für ein neues Gerät meist anhand des Preises oder der Marke statt anhand bestimmter Funktionen, denn auch hier fällt die Unterscheidung schwer. Im Jahr 2017 bauen fast alle Hersteller Displays im Format 2:1 ein, was zwar nett ausschaut, aber keinen Vorteil im Vergleich zum bisherigen 16:9-Format bringt.

Die Prozessoren der Topgeräte haben ähnliche Parameter (außer bei den neuen iPhones) und bringen im Alltag in etwa den gleichen Nutzen, sei es im Einsteiger-, Mittelklasse- oder Topbereich - inklusive der neuen iPhones. Für iPhone-Nutzer mag das iPhone X eine Offenbarung gewesen sein, viele der technischen Eigenschaften sind Nutzern anderer Systeme allerdings schon länger bekannt. Wobei man Apple zugestehen muss, einige bekannte Funktionen wie die Gesichtserkennung verbessert zu haben.

Fingerabdrucksensoren gehören mittlerweile in fast allen Preisklassen zum Standard, auch eine Entsperrung per Gesichtserkennung ist nichts grundlegend Neues. Das Gleiche gilt für die Dual-Kameras: Das Konzept findet sich mittlerweile bei nahezu jedem Hersteller, lediglich Sony scheint den Trend verschlafen zu haben.

Nur Huawei wagt Versprechen, hält sie aber nicht

Bezeichnend ist auch, dass Google es mit seinen beiden neuen Pixel-2-Smartphones nicht geschafft hat, sich als Hersteller von Android von der Masse abzusetzen. Die beiden Geräte gehören zwar von der Hardware zu den aktuell besten Smartphones - ein Oneplus 5T, ein Samsung Galaxy S8 oder ein HTC U11 können aber das Gleiche.

Huawei hat es immerhin versucht: Mit dem Mate 10 Pro stellte der chinesische Hersteller das erste Smartphone mit Neural Processing Unit vor, also einem Prozessor, der für Aufgaben im Bereich künstlicher Intelligenz gedacht ist. Das neue Smartphone wie auch die kommenden Huawei-Geräte sollen dem Nutzer Arbeit abnehmen, indem sie quasi intelligent reagieren.

Ein vollmundiges Versprechen - geliefert hat Huawei bisher allerdings noch nicht viel. Alles, was wir beim Mate 10 Pro von der KI bemerken, ist eine Objekterkennung in der Kamera-App. Was diese dann letztlich macht, können wir nicht ausmachen. Immerhin muss man Huawei zugutehalten, dass es den ersten Schritt gewagt hat - anders als Google, dessen KI-Bemühungen bisher keinen Weg in Hardware gefunden haben. Allerdings gibt es noch deutlich Luft nach oben.

Die Entwicklung bei den Smartphones erinnert uns an eine andere Produktkategorie: Notebooks.

Ist die Entwicklung abgeschlossen?

Auch bei Notebooks sind neue Modelle meistens nur schneller und kompakter gebaut, die grundlegende Konstruktion unterscheidet sich nicht. Die Entwicklung an sich ist beendet: Ein Laptop ist ein Laptop, der ein Display, eine SSD, Arbeitsspeicher und einen dem Preis angemessenen Chip hat. Anders als bei Smartphones gibt es bei Notebooks aber wenigstens noch interessante Ausnahmegeräte, beispielsweise im Covertible- und 2-in-1-Bereich oder auch bei Gaming-Notebooks. Etwas Vergleichbares hat Razer zwar mit seinem ersten Smartphone versucht, überzeugt hat uns das in Bezug auf den Gaming-Aspekt aber nicht.

Ist für 2018 Spannenderes zu erwarten?

Sicherlich werden wir eine weitere Einbindung von künstlicher Intelligenz sehen. Abzuwarten bleibt, wie sehr sich dies auf den tatsächlichen Nutzungsalltag auswirkt. Hersteller wie Google, Samsung und Huawei reden bereits länger von KI-Anwendungen, mehr als verschiedene Formen der Bilderkennung sind für den Nutzer aber bisher eigentlich nicht herausgekommen. Zu hoffen wäre, dass die Hersteller 2018 ihre "intelligenten" Funktionen zu wirklich intelligenten machen.

So wäre es für Nutzer eine Erleichterung, wenn sich alltägliche Funktionen des Smartphones von selbst regeln würden - beispielsweise die Aktivierung und Deaktivierung von WLAN, Bluetooth und GPS oder die Akkuverwaltung. Sony hat bei seinen Smartphones damit bereits ohne KI experimentiert, hier gibt es für Nutzer lohnendes Verbesserungspotenzial.

Ein anderes Innovationsfeld könnten 2018 die Displays der Geräte sein: Schön wäre es, wenn wir endlich das erste flexible Smartphone sehen, also ein Gerät mit biegbarem Display. Allerdings sollte auch dies eher Hoffnung als Erwartung sein: Verschiedene Hersteller laborieren bereits länger mit diesem Konzept herum und bisher ist noch kein fertiges Produkt dabei entstanden. So haben sowohl LG als auch Samsung bereits im Jahr 2016 und früher Konzepte für falt- oder biegbare Smartphones und Wearables vorgestellt, bisher aber noch nichts Derartiges veröffentlichen können.

Das Jahr 2018 wird zeigen, ob wir uns mit einer gewissen Monotonie beim Thema Smartphone abfinden müssen - oder ob die Hersteller uns doch noch überraschen können. Möglicherweise wollen Nutzer auch schlicht ein flüssig laufendes Smartphone mit guter Kamera und gutem Display ohne viel Schnickschnack - oder etwas ganz anderes.

Hersteller anderer Gerätegattungen haben sich in diesem Jahr auf dem Markt positioniert und wollen das Smartphone als ständigen Begleiter ablösen. Sie setzen auf Sprachsteuerung. Während die sogenannten Hearables, kleine Geräte, die Nutzer sich ins Ohr stecken können, noch relativ am Anfang stehen, können smarte Lautsprecher bereits jetzt viele Dinge übernehmen, die wir momentan zu Hause mit Smartphones erledigen - beispielsweise das Abfragen des Wetterberichtes und aktueller Nachrichten oder die Steuerung von Smart-Home-Komponenten. Wer Innovationen sehen möchte, sollte sich im kommenden Jahr wahrscheinlich lieber in diesen Gerätegruppen als im Smartphonebereich umschauen.  (tk)


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