Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/spielejahr-2017-grimassenkrampf-und-ueberlebenskampf-1712-131684.html    Veröffentlicht: 24.12.2017 11:00    Kurz-URL: https://glm.io/131684

Spielejahr 2017

Grimassenkrampf und Überlebenskampf

Was für ein Spielejahr! 2017 hat mit Resident Evil 7 toll angefangen und dann kräftig zugelegt: Neben starken neuen Teilen von Zelda und Assassin's Creed gab es auch Überraschungen - vor allem natürlich Pubg. Mehrfach viel Ärger hat sich dagegen EA mit Gesichtsanimationen und Schatzkisten einhandelt.

So früh wie 2017 war selten die Rede vom möglichen "Spiel des Jahres": Das am 24. Januar 2017 veröffentlichte Resident Evil 7 (Test auf Golem.de) hat mit seiner Story um die Familie des ebenso biederen wie untoten Halbglatzenträgers Jack Baker für Begeisterung in der Community, aber auch in der Fachpresse gesorgt - da war erstaunlich oft davon die Rede, dass derlei Qualität kaum noch zu überbieten sei.

Außer für eingefleischte Horrorfans dürfen wir jetzt wohl das Fazit ziehen: Noch ein bisschen besser als Resident Evil 7 ging dann doch. 2017 war eines der stärksten Spielejahre seit langem, fast im Monatstakt kamen herausragende neue Games auf den Markt. Zu den besten gehört The Legend of Zelda: Breath of the Wild (Test). Zum einen natürlich, weil die neuen Abenteuer von Hauptfigur Link der Nintendo-Switch-Konsole zu einem phänomenalen Start verholfen haben - im Jahresverlauf konnte der Hersteller mehr als zehn Millionen Stück seiner Hybridkonsole verkaufen.

Zum anderen hat das neue Zelda mit seinen wunderschönen Umgebungen das Genre der Open-World-Games neu definiert: Noch nie zuvor gab es so viel freies und trotzdem sinnvolles Erkunden und das Gefühl, sich in einer lebendigen Welt zu bewegen. Da konnte selbst ein Hochkaräter wie das fast gleichzeitig für die Playstation 4 veröffentlichte, ebenfalls höchst erfolgreiche Horizon Zero Dawn (Test) mit seiner Heldin Aloy, die hinter die Geheimnisse einer Endzeitwelt kommen möchte, nicht ganz mithalten.

Wenig später ging es dann in den Weltraum: Mass Effect Andromeda war wohl eines der am meisten erwarteten Spiele. Die Veröffentlichung geriet aber zum Desaster. Aufsehen erregten primär nicht die durchaus vorhandenen Stärken wie die gelungene Handlung, sondern unnötig blöde Gesichtsausdrücke und Grimassen der Hauptfiguren - die Stimmung in der Community kippte mit Lichtgeschwindigkeit, eilig nachgeschobene Updates konnten wenig retten. Inzwischen ist unklar, ob Entwickler Bioware die einst ruhmreiche Serie überhaupt noch fortführt.

Überraschungserfolg Pubg

Ende März 2017 kam dann ein echter nächster Meilenstein - ohne gleich vom ersten Moment an allzu viel Aufsehen zu erregen: Ein Actionspiel mit dem sperrigen Namen Playerunknown's Battlegrounds (Pubg), als Early Access auf Steam vom nicht wirklich bekannten südkoreanischen Entwicklerstudio Bluehole veröffentlicht. Spieler müssen auf einer Insel kämpfen, Gewinner ist, wer die anderen bis zu 99 Teilnehmer mit egal welchen Mitteln überlebt.

Inzwischen hat Pubg mehr als 24 Millionen Käufer gefunden. Unmittelbar vor Jahresende kam es mit Version 1.0 als letzter der großen Titel auch irgendwie offiziell auf den Markt. Das Spiel hat nicht nur die Community begeistert, sondern auch viele andere Entwickler - sagen wir mal: inspiriert.

Mittlerweile gibt es mehrere andere Actionspiele, die um einen ähnlich gestrickten Battle-Royal-Modus angereichert wurden, etwa Fortnite und Legacy of Discord. Jetzt kann man sich zwar darüber streiten, ob Pubg das Spielprinzip wirklich selbst erfunden hat - aber perfektioniert und vor allem bekannt gemacht hat es den Modus fast im Alleingang.

Einen nicht kleinen Anteil am Erfolg aller dieser Titel dürften die Influencer haben. Wer jetzt an Grippe denkt: Nein, wir reden nicht von Influenza - sondern von denen, die bis vor kurzem noch Youtuber, Streamer oder Let's Player genannt wurden. Viele dieser Influencer haben Pubg live gespielt, kommentiert und damit kräftig zur Verbreitung beigetragen. Trotz nach wie vor hoher Abrufzahlen hatte die Branche 2017 allerdings mit Problemen zu kämpfen: Youtube hat vielen von ihnen - aus unterschiedlichen Gründen - weniger Werbung zugeteilt, so dass die Einnahmen sanken.

In Deutschland kam ein spezielles Problem dazu: Die Landesmedienanstalten forderten von einigen der Szenegrößen eine Rundfunklizenz. Zuerst erwischte es Peter Smits (Pietsmiet), im Sommer 2017 bekam auch Gronkh entsprechende Post. Zwar haben sich Vertreter der Landesmedienanstalten dahingehend geäußert, dass die Rundfunklizenzen in Zeiten von Youtube eigentlich ein Anachronismus seien - aber Gesetz sei nun mal Gesetz.

Nach der Sommerpause und einer mit 350.000 Besuchern wieder sehr gut besuchten Gamescom im August 2017 eröffnete Destiny 2 (Test) im September das große Jahresendgeschäft der Blockbuster - das ein bisschen anders ablief als erwartet. Schon bei Destiny 2 war nämlich aus der Community ein nicht ganz so leises Murren darüber zu hören, dass es trotz Vollpreis auch Kaufinhalte für echtes Geld gibt.

Deutlich lauter wurde das Grummeln dann mit dem eigentlich sehr gelungenen Mittelerde: Schatten des Krieges (Test), in dem die Mikrotransaktionen über Lootboxen noch direkter in die Kampagne eingebunden waren - wo sie eigentlich nichts zu suchen haben. Das gilt übrigens ebenso für das ansonsten grandiose Assassin's Creed Origins (Test), das Spieler wenig später gleichzeitig ins alte Ägypten und in eines der schönsten Spiele bislang überhaupt geschickt hat.

Von Wolfenstein bis Thimbleweed Park...

So richtig sauer war die Community über die Mikrotransaktionen in Star Wars Battlefront 2. Publisher Electronic Arts hatte neben den Lootboxen an sich schlicht noch ein paar weitere Fehler gemacht: So hatten Betatester von Battlefront 2 schon frühzeitig einen Eindruck davon, wie die Mikrotransaktionen funktionieren würden, und konnten zeitig und mit Substanz Kritik üben. Dazu kam, dass es EA einfach übertrieben hatte - und das auch noch in einem Star-Wars-Spiel, wo man sich ohne ständige Erinnerung ans liebe Kleingeld auf die Welt der Sternenkrieger einlassen möchte.

Einen Tag vor der Veröffentlichung machte EA nach dem Proteststurm die Bezahlinhalte kostenlos zugänglich - auf Druck von Disney, wo man wohl einfach genug von den Negativschlagzeilen hatte. Inzwischen beschäftigt sich sogar die Politik mit dem Thema, auch in den USA und Deutschland. Derzeit ist unklar, ob die Mikrotransaktionen in Battlefront 2 wieder aktiviert werden.

Neben den genannten Blockbustern gab es natürlich noch sehr viele kleine, mittelgroße und große Titel, die zu spielen sich lohnt: Etwa das schöne Retroadventure Thimbleweed Park, das spektakulär brutal in Szene gesetzte Wolfenstein 2, Rennspiele wie Project Cars 2 oder Forza Motorsport 7, Fifa 18 oder das gelungene Horror-Actionspiel The Evil Within 2. Es wird spannend sein herausfinden, welches Spiel sich insgesamt im Jahr 2017 am besten verkauft haben wird. Wir tippen mal, dass es Call of Duty erneut schafft - das im Zweiten Weltkrieg angesiedelte WW2 hat zwar in Tests nur mittelprächtig abgeschnitten, aber bislang stimmen die Absatzzahlen wohl.

Kein so tolles Jahr war 2017 für die Fans von neuer Gaming-Hardware. Sie konnten ihr Geld natürlich für die Switch, ansonsten aber nur für neue Grafikkarten von Nvidia oder AMD sowie für die mit viel Aufwand beworbene "leistungsstärkste" Konsole ausgeben, die Xbox One X (Test) von Microsoft. Das Ding hat tatsächlich ordentlich Power, aber so richtig viel anfangen können damit eigentlich nur Besitzer von relativ großen und teuren 4K- und HDR-Bildschirmen - alle anderen spielen auch nicht viel besser als mit der Standardkonsole.

Eher ein Übergangsjahr war 2017 aus Sicht von Virtual- und Augmented-Reality-Interessierten. Grundlegend neue Technologien haben die Hersteller nicht vorgestellt. Langfristig am wichtigsten sind wohl die Angebote rund um das Mixed-Reality-Programm von Microsoft, das aber in der Spieleszene noch nicht recht angekommen zu sein scheint - da liegen Playstation VR, Oculus Rift und HTC Vive nach wie vor vorne.

Ähnlich unaufgeregt verlief das Jahr auch aus Sicht von E-Sport-Fans. Klar, es gab Turniere mit grandiosen Spielen und die Szene wächst weiter. Immerhin konnten Team Liquid, die Gewinner von The International, für ihren Sieg im Sommer 2017 fast elf Millionen US-Dollar einsacken. Aber ganz große Überraschungen oder neue Erfolgsformate waren etwas rarer als in den Jahren zuvor. Das dürfte sich 2018 allerdings ändern - auch, weil Pubg dann ja immer öfter bei größeren Turnieren mit packenden Battle-Royal-Partien aufwarten dürfte.  (ps)


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