Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/2-minuten-counter-gegen-schwarzfahrer-das-sekundengenaue-handyticket-ist-moeglich-1712-131574.html    Veröffentlicht: 11.12.2017 12:12    Kurz-URL: https://glm.io/131574

2-Minuten-Counter gegen Schwarzfahrer

Das sekundengenaue Handyticket ist möglich

Seit vor kurzem der 2-Minuten-Counter für Handytickets in der Öffentlichkeit aufgefallen ist, gab es viele Hinweise, dass bundesweit Besitzer gültiger Fahrausweise unberechtigt als ÖPNV- Schwarzfahrer eingestuft wurden. Die Verkehrsbetriebe könnten das leicht lösen.

Als wir kürzlich über die 2-Minuten-Regel für Handytickets im ÖPNV berichteten, war die Resonanz noch größer als erwartet. Wie enorm das Leserinteresse am öffentlichen Personennahverkehr ist, hatte uns schon unsere E-Ticket-Geschichte (Der Fehler liegt im System) ahnen lassen. Inzwischen haben wir recherchiert: Kunden müssen ihren Onlinefahrschein nicht zwei Minuten vor Fahrtantritt kaufen. Die 2-Minuten-Regel existiert nicht, auch wenn manche Verkehrsbetriebe und -Verbünde anderes kommuniziert haben.

Der Counter neben dem Handyticket, der zwei Minuten hochzählt, dient ausschließlich zur Orientierung für das Kontrollpersonal und soll ihm helfen, Ticket-Nachlöser aufzuspüren. Er hat aber keine Bedeutung, wenn das Ticket rechtzeitig und im Sinne der Beförderungsbedingungen gekauft wurde. Das hat uns die Hansecom bestätigt, die für das Produkt Handyticket Deutschland verantwortlich ist. Das Handyticket ist demnach ab erfolgreichem Kauf gültig.

Das widerspricht Erfahrungen, die uns mehrere Leser über unser Forum, soziale Medien und E-Mails mitgeteilt haben. Viele dieser Nutzer, die ihr Ticket weniger als zwei Minuten vor Abfahrt gelöst hatten und "erwischt" wurden, wurden von den Kontrolleuren immerhin nur ermahnt. Oft erhielten sie den Tipp, vor dem Einsteigen zwei Minuten zu warten. Auch Verkehrsbetriebe sprechen in offiziellen Aussagen von der Regel: Die Sprecherin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) sagte etwa dem Tagesspiegel, dass die 2-Minuten-Regel gelte, die Kontrolleure aber zur Kulanz angehalten würden.

Dabei ist nicht zu vergessen, dass Schwarzfahren, genau genommen die Beförderungserschleichung, eine Straftat ist. Gerade bei Straftaten müssen Missverständnisse von vornherein möglichst ausgeschlossen werden. Das Konzept der Kulanz dürfte es dabei eigentlich nicht geben. Ein Kunde, der sich korrekt verhält, darf nicht als Straftäter eingestuft werden.

VBB und BVG bemühen sich um schnelle Klärung

Kurz nach den Berichten über die Regel wurden allerdings sowohl der übergeordnete Verkehrsverbund Berlin Brandenburg (VBB) als auch die für ihre frechen Tweets bekannte BVG-Kampagne aktiv. Der VBB bemühte sich sichtlich um Klarstellung und wurde selbst auf unserer Facebook-Seite aktiv. Zudem passte er seine Dokumentation an und stellte klar: Der Counter ist nur eine Orientierung für das Kontrollpersonal. Die BVG-Kampagne und die BVG U-Bahn bemühten sich ebenfalls um Klarstellung mithilfe zahlreicher Tweets und betonen, dass das Ticket unabhängig vom Counter ab Kauf gültig ist.

Nur die Dresdener Verkehrsbetriebe (DVB) rieten Fahrgästen über Twitter, nach dem Kauf eines Handytickets zwei Minuten mit dem Einsteigen zu warten. Alle anderen Verkehrsbetriebe haben unseres Wissens nach korrekte Informationen erteilt, nämlich dass der Counter nicht die Gültigkeit des Tickets bestimmt.

Dafür wurden wir auf einen Fall aus dem Jahr 2015 aufmerksam. Im Gebiet des Rhein-Main-Verkehrsverbunds (RMV), der schon durch ein schlechtes E-Ticket-System aufgefallen ist, wurde ein Fahrgast mit einem 109 Sekunden zuvor gekauften Ticket erwischt und wegen der fehlenden 11 Sekunden als Schwarzfahrer beschuldigt. Auch das war natürlich nicht korrekt, wie der RMV später zugab. Doch einfacher wird es dadurch nicht.

Wo die falsche Interpretation des 2-Minuten-Counters herkommt, lässt sich bisher nicht sagen. Viele Anwender wunderten sich aber, was dieser Counter soll. So dürfte es auch Kontrolleure geben, die keine Interpretationshilfe bekamen und sich selbst einen Reim auf den hochzählenden Counter machten. Wenn schon Pressesprecher falsche Aussagen machen, dann wundert es nicht, dass einzelne Kontrolleure den Counter fehlinterpretieren und fälschlicherweise auf das Hochzählen auf zwei Minuten pochen. Das verselbstständigte sich dann offenbar bundesweit. Dazu kommt, dass durchaus Sonderregelungen gelten, die das Handyticket benachteiligen.

Handyticket-Sonderregeln und Ausnahmen

Gegenüber dem Papierticket hat das Handyticket eine deutliche Einschränkung. Keinesfalls darf ein Kunde das Handyticket im Fahrzeug kaufen. Das gilt auch für Straßenbahnen und Busse, in denen der Kauf von Papierfahrausweisen in vielen Städten seit mehr als 100 Jahren erlaubt ist. Als Resultat ist das moderne Ticket meist ein paar Minuten kürzer nutzbar - wer bar oder mit Karte am Automaten im Zug kauft, ist im Vorteil.

Ein Handyticket gilt etwa in der Straßenbahn auch dann nicht, wenn der Fahrgast zuvor vergeblich versucht hat, am Automaten ein Papierticket zu kaufen und beispielsweise sein Geld dort nicht angenommen wurde. In einem solchen Fall muss er aussteigen, einen Handy-Fahrausweis kaufen und dann weiterfahren. So unpraktisch und kundenunfreundlich das klingt: Die Verkehrsbetriebe und -verbünde sehen das in ihren Regeln so vor.

Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen, die der Vollständigkeit halber genannt werden sollen. In Straßenbahnsystemen, die als U-Bahnen vermarktet werden, meist erkennbar an Blinkern und Bremsleuchten, ist manchmal ebenfalls der Kauf von Papierfahrkarten im Fahrzeug nicht erlaubt. Möglich sind auch Ausnahmen von den Ausnahmen.

Wie die Stuttgarter Zeitung berichtet gilt bei den SSB (Stuttgarter Straßenbahnen), die Teil des Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart (VVS) sind, zwar auch der Kauf vor Betreten des Fahrzeuges. In einer sehr speziellen Konstellation darf das Handyticket jedoch auch im Fahrzeug gekauft werden: Wer einen Zonenwechsel durchführt, der darf bereits während der Fahrt ein Ticket kaufen.

Das widerspricht aber einer Aussage der SSB, welche die Stuttgarter Zeitung zitiert: "Das mobile Ticket muss auf jeden Fall vor Fahrtantritt komplett aufs Smartphone geladen werden". Das wiederum entspricht auch den Beförderungsbedingungen des SSB (PDF). Wir haben zumindest keine Ausnahmeregelung für den Zonenwechsel gefunden. Allerdings gehört der VVS auch nicht zu den Verbünden, mit denen wir in der Praxis vertraut sind. In dem Regelchaos sind Fehler jedenfalls programmiert.

In Bremen wird das Anschlussticket als Handyticket nicht mit dieser Ausnahme gehandhabt. Die Stadt gehört zu den Gebieten, in denen laut einem unserer Leser Fahrgäste mit einem weniger als zwei Minuten alten Handyticket zu Schwarzfahrern erklärt werden. Laut der FAQ gilt hier: Der Fahrausweis muss vor Fahrantritt heruntergeladen worden sein. Wer seine Reisepläne ändert, muss für den Erwerb des Handytickets für den Anschluss unterwegs das Fahrzeug verlassen. Das gilt natürlich auch für Fahrgäste, die unterwegs in die erste Klasse wechseln wollen, etwa um der überfüllten zweiten Wagenklasse zu entkommen. Der Zuschlag darf nicht in der zweiten Klasse mit dem Handy gekauft werden.

Die PDF-Tarifbestimmungen betonen das noch einmal explizit für die Zuschlag-Tickets. Wer dagegen verstößt, dem droht ein Straf- oder Bußgeldverfahren. Es stellt sich natürlich die Frage, ob das kontrollierbar ist oder kontrolliert wird.

Ein sekundengenaues Ticket wäre eine Teillösung

Die Verwirrung um den 2-Minuten-Counter wäre leicht zu beheben. Doch die Verkehrsbetriebe gehen damit offensichtlich fahrlässig um. Aufgrund technischer Eigenschaften der Validierung der Tickets ist uns klar, dass der Ticket-Server sekundengenau arbeitet. Die Verkehrsbetriebe verteilen trotzdem die Tickets mitunter nur mit der Minutenanzeige.

Laut Hansecom obliegt es dem Verkehrsunternehmen, eine sekundengenaue Ticket-Ausstellung zu erlauben. Die Verbünde und Unternehmen haben also die technischen Mittel, entschieden sich aber dennoch für den leicht falsch interpretierbaren 2-Minuten-Counter. Mit einem sekundengenauen Ticket erübrigt sich der Counter, denn das Ticket beweist mit dem Zeitstempel selbst, ob es rechtzeitig gekauft wurde.

Hansecom alias Handyticket Deutschland sieht sich hier nicht in der Verantwortung als Software-Dienstleister. Auch für die Bedeutung und Interpretation der Fahrscheine fühlt sich das Unternehmen nicht verantwortlich. Das ist an sich gut nachvollziehbar, schließlich arbeitet Hansecom nur im Auftrag. Trotzdem wird hier ein Problem ersichtlich, dass in Deutschland mit Onlinetickets schon länger vorherrscht.

Zwar sind E-Ticket Deutschland und das mittlerweile zehn Jahre alte Handyticket Deutschland in sehr großen Teilen des Landes gültig. Doch die Regularien, die Dokumentation und damit auch die Ausbildung folgen lokalen Regeln, so dass es zwangsläufig zu neuen Fehlern kommen muss, die nur in diesen modernen Systemen auftreten. Für Fahrgäste heißt das: Lieber ziemlich genau informieren, bevor sie vom Papier- aufs Handyticket umsteigen.  (ase)


Verwandte Artikel:
Nextticket mit Preisberechnung: VRR testet Handy-Ticket mit manuellem Check-out   
(01.03.2018, https://glm.io/133070 )
Handy-Ticket in Berlin: BVG will Check-in/Be-out-System in Bussen testen   
(06.12.2017, https://glm.io/131518 )
VBB: Schwarzfahrer trotz Handy-Ticket   
(30.11.2017, https://glm.io/131397 )
E-Ticket: Deutschland schafft die Papierfahrscheine ab   
(06.01.2017, https://glm.io/125444 )
Umwandlung zum Hintergrundsystem: Touch-&-Travel-Ticket wird eingestellt   
(21.03.2016, https://glm.io/119895 )

© 1997–2021 Golem.de, https://www.golem.de/