Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/samsung-gear-sport-im-test-die-schlaue-sportuhr-1712-131432.html    Veröffentlicht: 01.12.2017 09:00    Kurz-URL: https://glm.io/131432

Samsung Gear Sport im Test

Die schlaue Sportuhr

Durchdachte Bedienung, schicke Zifferblätter und ungewöhnliche Funktionen: Samsung hat in seiner Gear Sport viele für Fitness- und Outdoorfans sinnvolle Ideen untergebracht. Ausgerechnet bei einigen Basisfunktionen besteht aber noch Optimierungsbedarf.

"Glückwünsch, das war ein perfekter Spaziergang": Mit diesem Lob habe ich nicht gerechnet. Gerade erst habe ich zum ersten Mal mit der Samsung Gear Sport am Handgelenk den Hund in einem kleinen Rundkurs im Kiez ausgeführt. Trainings an der Sport Gear habe ich davor nicht ausgewählt, auch keine Aktivität gestartet. Trotzdem hat mich das Wearable direkt nach der Rückkehr in die Redaktion mit einem kurzen Vibrieren auf das Lob auf dem Zifferblatt aufmerksam gemacht.

Wie das genau funktioniert hat, ist mir bis jetzt nicht im Detail klar. Hat die Sportuhr das WLAN wiedererkannt oder ohne mein Zutun die GPS-Signale ausgewertet? Mal von möglichen Datenschutzproblemen abgesehen: Ich war von so viel Aufmerksamkeit spontan beeindruckt - zumal ich sonst keine Sportuhr kenne, die ähnlich mitdenkt und mich einfach mal so für eine Aktivität lobt.

Es gibt noch ein paar ähnlich ungewöhnliche Extras der Gear Sport - auch wenn Nutzer keine ständigen Überraschungen erwarten sollten. Nett finde ich eine Aufforderung zu einer Runde Bürosport zwischendurch, wenn die Uhr eine kräftigere Bewegung nach einer längeren Zeit auf dem Bürostuhl registriert. Dann animiert sie mich, indem sie (korrekt) eine Torsodrehung vermeldet - und will dann gleich weitermachen.

Die Gear Sport ist in Samsungs Portfolio das Wearable, das am ehesten für fitnessorientierte Nutzer gedacht ist. Die Uhr misst die Herzfrequenz über zwei LEDs am Handgelenk, zählt Schritte und schätzt auf Basis der Bewegungen den Kalorienverbrauch. Sie wertet Schlafdaten und per GPS-Modus auch sportliche Aktivitäten aus.

Zugleich ist sie eine echte Smartwatch, die mehr kann als im Ansatz vergleichbare Geräte von Garmin oder Fitbit. Es gibt einen App Store, in dem neben simplen Spielen und Weltzeituhren ein paar ungewöhnliche Anwendungen zu finden sind. Mein (schräger) Favorit ist eine App von Sanifair, mit der ich 25 Mal an den Autobahnraststätten der Firma kostenlos auf die Toilette gehen könnte - was über den NFC-Chip kontrolliert wird.

Bei vielen der nativ installierten Anwendungen fällt auf, dass sich Samsung Gedanken um die Funktionen gemacht hat. Nur als eines von vielen Beispielen nenne ich mal die Wetter-App: Sie zeigt immer auch die aktuelle UV-Belastung an, nennt gut sichtbar und in klaren Worten die Temperatur im Vergleich zu gestern (so blöd es klingen mag: das ist praktisch) und die aktuelle gefühlte Temperatur.

Nachahmenswert ist auch die Aufbereitung der Information, wie lange der Akku noch hält. Im Standardmodus entsprechen 100 Prozent laut der Gear Sport einer Laufzeit von genau 2 Tagen, 2 Stunden und 50 Minuten. Das gilt allerdings nur, solange ich den GPS-Modus nicht verwende, der pro Stunde rund 13 Prozent vom Akku abknapst. Trotzdem kann ich mit der Info etwas anfangen.

Bis zu 34 Tage im Nur-Uhr-Modus

Im Energiesparmodus (Display wechselt vom Farb- in den Schwarzweißmodus, es gibt als Smartfunktionen nur noch Anrufinfos, Nachrichten und Benachrichtigen, WLAN ist aus, generell weniger Leistung) soll der Akku rund 5 Tage, 20 Stunden und 29 Minuten halten. Im Nur-Uhr-Modus reicht die Energie den Angaben zufolge für 34 Tage und 45 Minuten. Dann bekomme ich auf dem Bildschirm allerdings nur die Zeit angezeigt, ohne Sekunden und Datum.

Im Standardmodus gibt es dafür einige toll gemachte Zifferblätter mit knalligen Farben - trotzdem wird es bei direkter Sonneneinstrahlung mit dem Ablesen etwas schwierig. Normalerweise ist das Display deaktiviert, die typische Handdrehung weckt es zuverlässig auf. Nervig: Falls das mal nicht klappt, kann ich die Uhr nicht etwa durch eine Berührung des Touchscreens aufwecken, wie ich es intuitiv sogar nach Tagen noch gemacht habe, sondern muss an der Lünette drehen oder eine der beiden seitlichen Tasten drücken.

Davon abgesehen ist die Bedienung der Gear Sport eine Freude: Viele Aktionen kann ich auf unterschiedliche Art mit Kombinationen aus Wischen und Tippen plus eben der Lünette und den Tasten bewerkstelligen. Die Uhr reagiert sehr schnell, alles sieht klasse aus und wirkt durchdacht. Nur einige sehr kleine Schriften haben mich gestört.

Leider schwächelt die Gear Sport in ihrer Kernkompetenz: beim Sport. Am meisten stört mich das seltsame Verhalten beim Suchen der GPS-Signale. Wenn ich etwa eine Radtour starte, wird zwar nach einem Signal gesucht - aber dass dieses auch gefunden wird, habe ich nie erlebt. Das dafür zuständige Symbol bleibt im Suchen-Zustand, bis das Display ausgeht und die Uhr zum Hauptbildschirm zurückkehrt. Wenn ich dagegen einfach auf Start tippe, wird der Anfang der Tour nicht aufgezeichnet. Ich habe es trotz mehrerer Versuche nicht geschafft, GPS-Routendaten etwa für den Anfang einer Laufrunde aufzuzeichnen. Geschwindigkeit und Distanz werden merkwürdigerweise trotzdem von Anfang an auf dem Zifferblatt angezeigt.

Auch nicht glücklich bin ich mit der Messung der Herzfrequenz. Die Werte gleichen erst dann denen anderer Messergeräte, wenn ich die Sport Gear brutal fest anziehe. Sobald sie auch nur ein bisschen locker sitzt, gibt es immer wieder mal Ausreißer nach oben - statt 145 zeigt sie etwa einen 160er-Puls an. Dazu kommen etwas zu unübersichtliche Zifferblätter, außerdem wird die Darstellung der Pulswerte auf merkwürdige Art aktualisiert, so dass ich immer zweimal hingucken muss.

Gut gefallen mir die anschließende Aufbereitung der Trainingsdaten auf der Uhr selbst sowie die große Auswahl an verfügbaren Sportarten. Selbst Hula Hoop, Drachenfliegen und Schneeschuhwandern sind mit im Angebot. Fürs Archiv ist diese Vielfalt sehr positiv.

Im Inneren der Gear Sport arbeitet laut Hersteller ein Dual-Core-Prozessor mit einer Taktrate von 1 GHz. Der eingebaute Flash-Speicher ist 4 GByte groß, der Arbeitsspeicher 768 MByte. Die Gear Sport unterstützt WLAN nach 802.11b/g/n, Bluetooth läuft in der Version 4.2. Ein NFC-Chip für Samsung Pay ist zwar verbaut, er wird aber bislang nicht unterstützt und auch nicht beworben.

Verfügbarkeit und Fazit

Beim Display handelt es sich um einen 1,2 Zoll großen Super-Amoled-Touchscreen mit einer Auflösung von 360 x 360 Pixeln, als Betriebssystem kommt Tizen zum Einsatz. Die Gear Sport ist nur mit einem per Bluetooth gekoppelten Smartphone sinnvoll zu verwenden. Dazu müssen zwei Apps installiert sein, die für Android und iOS verfügbar sind: eine namens Gear S, in der allgemeine Einstellungen vorgenommen werden, und die den Zugang etwa zum App Store enthält.

Und eine namens Samsung Health, in der ich meine Trainings- und Trackerdaten auswerten kann. Beide sind mir zu einfach gehalten - mir fehlen weitergehende Möglichkeiten etwa zur langfristigen Auswertung von Sport- und Gesundheitsdaten. Ein Portal im Web, wie es beispielsweise Garmin mit Connect bietet, gibt es nicht. Unter Android lassen sich Sportdaten immerhin mit Strava synchronisieren, unter iOS funktioniert das gar nicht. Unter iOS gab es außerdem immer wieder kleinere technische Probleme - etwa dass das Aktualisieren von Apps fast immer mit einer Fehlermeldung abgebrochen wurde. Außerdem wichtig: Die Apps funktionieren unter iOS nur mit einem iPhone, aber nicht mit einem iPad. Dort lassen sie sich zwar installieren, aber nicht ausführen.

Auch ohne die Apps lassen sich MP3-Songs relativ unkompliziert von einem PC mit Browser auf die Uhr übertragen. Alternativ können Nutzer ihre Spotify-Wiedergabelisten vom Smartphone auf der Gear Sport nutzten, um sie auch ohne Internetverbindung oder Smartphone offline etwa mit Bluetooth-Kopfhörern zu verwenden. Wer mag, kann die Gear Sport auch als Fernbedienung für Power-Point-Präsentationen auf einem Computer verwenden, solange dieser über Samsung Connect gekoppelt ist.

Die Samsung Gear Sport ist in einer dunkelblauen und einer schwarzen Version für rund 350 Euro erhältlich; der Verpackung liegen zwei unterschiedlich lange Armbänder bei. Alternativ lässt sich jedes handelsübliche 20-mm-Band mit dem Wearable verwenden. Das sehr gut verarbeitete, deutlich an das Design der Luxusuhrenmarke Officine Panerai erinnernde Stahlgehäuse ist etwa 13 mm dick, 43 mm breit und 50 mm hoch (mit Anstößen). Das Gesamtgewicht mit dem kürzeren Kunststoffband liegt bei 65 Gramm. Laut Samsung bieten die Dichtungen der Uhr einen Wasserschutz bis 5 bar nach ISO-Standard 22810. Damit sei sie für den Einsatz unter der Dusche und im flachen Wasser geeignet, aber nicht für Aktivitäten wie Springen ins Becken, Sporttauchen, Wasserski oder Ähnliches mit hoher Geschwindigkeit, und auch nicht für Aktivitäten in tiefem Wasser.

Fazit

Die Gear Sport macht Spaß! Es gibt nur wenige andere Sportuhren, bei denen das Rumspielen an Drehlünette, Touchscreen und Drückern so viel Freude bereitet. Das Wearable sorgt mit seinen vielen Menüs, Auswertungen und Anzeigen etwa in langen Meetings mit Smartphone-Verbot für nahezu vollwertige Ersatzbeschäftigung. Mir gefällt vor allem die Lünette mit ihren satt einrastenden Klickpunkten - da macht sogar das Navigieren beim Sport mit Handschuhen viel Freude. Überhaupt hinterlassen Haptik und Verarbeitung einen erstklassigen und sehr hochwertigen Eindruck.

Wer in erster Linie eine Fitnessuhr sucht, wird mit der Gear Sport aber nur bedingt glücklich sein. Die Anzeigen beim Training sind mir zu unübersichtlich und viele Schriften zu klein. Schwerer noch wiegt das seltsame Verhalten des GPS-Moduls, das bei mir nie die ganze Strecke aufgezeichnet hat. Auch die teils starken Ausschläge bei der Messung der Herzfrequenz, sobald die Uhr nicht sehr fest sitzt, kommen mir im Vergleich zu anderen Wearables zu ausgeprägt vor.

Grundsätzlich stört mich, dass Samsung kein Webportal hat. Die Auswertung und Archivierung über die App genügt mir langfristig nicht. Die App ist mir zu unübersichtlich, eine Anbindung an andere Plattformen speziell unter iOS erst gar nicht vorgesehen. Das ist für mich ein Ausschlusskriterium. Wer nur gelegentlich eine Runde läuft oder radelt und Android verwendet, kann dem sonst gelungenen Wearable aber eine Chance geben.  (ps)


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