Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/umruestung-wie-der-elektromotor-in-den-diesel-lkw-kommt-1711-131394.html    Veröffentlicht: 30.11.2017 12:01    Kurz-URL: https://glm.io/131394

Umrüstung

Wie der Elektromotor in den Diesel-Lkw kommt

Es muss nicht immer ein Streetscooter sein: Ein Fahrzeugbauer an der Mosel rüstet konventionelle Diesel-Lkw auf Elektroantrieb um. Golem.de hat sich die automobile Herztransplantation angeschaut.

Der Mercedes-Sprinter, der am Berliner Gendarmenmarkt um die Ecke kommt, fährt für einen Transporter erstaunlich leise. Selbst beim Anfahren ist kein typisches Motorgeräusch zu hören. Beim genauen Hinsehen fällt auf, dass mit dem Transporter der Pin AG irgendetwas nicht stimmt. Statt des Mercedes-Sterns findet sich ein blaues E auf der Motorhaube. An der Rückwand klebt das Schild "Powered by Orten Electric Trucks". Die großen Batteriekästen unter dem Rahmen machen deutlich: Hier fährt offenbar ein konventioneller Lkw, der auf einen Elektroantrieb umgerüstet wurde.

Ist das schon ein Vorgriff auf drohende Dieselfahrverbote? Und wo kommen diese Fahrzeuge her?



Wer die Firma Orten Fahrzeugtechnik besuchen will, muss weit in eine rheinland-pfälzische Region fahren, die nicht gerade für ihre Autoproduktion bekannt ist. Unter der Baustelle für den umstrittenen Hochmoselübergang hindurch geht es zum Firmengelände in den Weinbergen zwischen Wehlen und Bernkastel-Kues. Mit den beiden Moselorten verbinden Kenner eher erstklassige Riesling-Weine. Doch schräg gegenüber der Wehlener Sonnenuhr stehen keine Weintransporter, sondern Dutzende von Lkw mit verschiedenen Aufbauten auf dem Parkplatz. Das mittelständische Unternehmen mit rund 100 Mitarbeitern ist auf besondere Aufbauten für die Getränkeindustrie und Transportlogistik spezialisiert. Und inzwischen auf die Umrüstung von Diesel-Lkw.

Automobile Herztransplantation

Vor einer Montagehalle stehen ein umgebauter 7,5-Tonner auf Basis eines Mercedes Atego sowie ein Sprinter mit den verräterischen Batteriekästen unter dem Aufbau. In der Halle selbst ist ein völlig entkernter Sprinter zu sehen, bei dem neue Kabelstränge quer durch die Führerkabine laufen. Der Dieselmotor ist bereits entfernt worden. Im Motorraum ist schon der eingebaute Elektromotor zu sehen. Auf mehreren Verstrebungen wird später die Steuerungselektronik montiert. Wie automobile Herztransplanteure müssen sich die Mechaniker vorkommen.


Der Durchgang durch die Fertigungshallen macht deutlich: Ein Massengeschäft ist die Umrüstung von Diesel-Lkws für Orten noch nicht. Ohnehin stellt sich die Frage, wie sinnvoll der Umbau solcher Fahrzeuge ist. Wäre es nicht besser, auf neue Elektro-Lkw zu warten, wie sie inzwischen von Mercedes-Benz angekündigt wurden? Oder gar einen der günstigen Streetscooter der Deutschen Post zu kaufen?

Umbau dauert sechs Monate

Firmenchef Richard Orten sieht das naturgemäß anders. "Statt weitere Jahre zu warten, können Unternehmen mit der Umrüstung des bestehenden Fuhrparks innerhalb von sechs Monaten auf E-Antrieb umstellen. Die Elektrifizierung verleiht dem Bestandsfahrzeug ein zweites Leben - mit gleicher Nutzlast und dem vertrauten Komfort des Bestandsfahrzeugs", sagt er.

Während die Fahrer des Streetscooters bisweilen an den neu entwickelten Transportern verzweifeln, müssen sie sich bei den umgerüsteten Fahrzeugen im Grunde nicht umstellen. Der ET 35M von Orten ist beispielsweise ein umgebauter Sprinter 513 CDI. Dieser verfügt über eine Lithium-Eisenphospat-Batterie mit einer Kapazität von bis zu 87 Kilowattstunden (kWh).

Besonders sichere Akkus

Diese Batterien gelten als eigensicher. Ein thermisches Durchgehen oder eine Membranschmelzung wie bei herkömmlichen Lithium-Ionen-Akkus mit Cobalt-Oxid soll ausgeschlossen sein. Entwickelt wurde das elektrische System mitsamt Steuerung von der Firma Elektrofahrzeuge-Stuttgart (Efas) in der Nähe von Göppingen. Dazu gehören unter anderem eine Ladeelektronik für einen Drehstromlader mit bis zu 22 Kilowatt, die Motorsteuerung und eine Zentraleinheit Elektronik. In der Fahrerkabine befindet sich ein zusätzliches Display, das den Batteriezustand und das komplette elektrische System überwacht.

Aus dem Fahrzeug herausgerissen werden neben Motor und Getriebe natürlich der Kraftstofftank sowie die Abgasanlage, die Lichtmaschine, der Druckluftkompressor, das Kühlwassersystem nebst Wärmetauscher und der Gangschalter. Hinzugefügt werden noch eine elektrische Servolenkung und ein elektrischer Hochdruckkompressor für das Bremssystem.

Hohes Drehmoment für Stadtverkehr

Eher improvisiert wirken die Kippschalter für den Vor- und Rückwärtsgang sowie für die Heizung. Ein Notausschalter kann das elektrische System abtrennen. Die umgebauten Lkw verfügen zudem über eine elektrische Fahrerhausheizung mit vier Kilowatt, die ans normale Stromnetz angeschlossen werden kann. Das System ermöglicht Reichweiten von bis zu 200 Kilometern bei einer Höchstgeschwindigkeit von 80 Kilometern pro Stunde.

Die Elektromotoren haben eine Leistung von bis zu 90 Kilowatt und sind direkt auf die Kardanwelle montiert. Ein Drehmoment von maximal 1.150 Newtonmetern soll ausreichen, um einen 7,5-Tonner wie den TGL von MAN oder den Atego von Mercedes-Benz schnell im Stadtverkehr zu bewegen. Eine Ausnahmeverordnung ermöglicht es zudem, elektrische Lkw mit einem zulässigen Gesamtgewicht von 4,25 Tonnen mit dem Führerschein Klasse B zu fahren.

UPS hat schon 200 Fahrzeuge umrüsten lassen

Wichtig für die Spediteure ist vor allem die Zuverlässigkeit der Fahrzeuge. Mit der Efas-Technik seien bereits mehr als 140 Fahrzeuge für den Paketzusteller UPS erfolgreich umgerüstet worden, sagt Orten. Die elektrifizierten Fahrzeuge befänden sich bereits seit 2010 unter anderem in London und Paris im täglichen Einsatz und es folgten jährlich Neu-Beauftragungen von UPS. Inzwischen scheinen auch einige Anfangsschwierigkeiten des Systems beseitigt worden zu sein.

So berichtete ein UPS-Mitarbeiter aus Düsseldorf den VDI-Nachrichten davon, dass es anfänglich Störungen in der Elektronik gegeben habe, die durch Spannungsunterschiede in den einzelnen Batteriezellen verursacht worden seien. "Wenn die Unterschiede zu groß waren, hat die Steuerung irgendwann runtergeregelt und das Fahrzeug stillgelegt", sagte er dem Bericht zufolge. Doch bei der aktuellen Fahrzeuggeneration seien diese Probleme behoben. UPS kündigte Mitte November 2017 an, auch in den USA Dieselfahrzeuge mit Elektroantrieben auszustatten, allerdings auf Basis einer anderen Technik.

Fördert Bundesregierung die hohen Umbaukosten?

Billig ist ein solcher Umbau jedoch nicht. Die Elektrifizierung eines Sprinters kostet etwa 85.000 Euro, ein umgebauter Volkswagen Caravelle T5 mit neun Sitzplätzen 110.000 Euro. Netto. Damit kostet die Umrüstung etwa doppelt so viel wie der Bus neu beim Händler. Mit Skaleneffekten rechnet Orten derzeit nicht. "Bis es ein Angebot serienreifer E-Nutzfahrzeuge auf dem Markt gibt, wird es unserer Meinung nach noch viele Jahre dauern, obwohl immer mehr Markenartikler zeitnahe nachhaltige emissionsfreie Auslieferung Ihrer Ware einfordern", sagt der Geschäftsführer.

Kein Wunder, dass die Bundesregierung den Kommunen beim Wechsel zur Elektromobilität finanziell unter die Arme greifen und beispielsweise die Mehrkosten für Elektrobusse zu 80 Prozent übernehmen will. Nach Angaben von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) will die Regierung künftig die Umstellung von Fahrzeugflotten in den Städten intensiver fördern. Nach der Förderrichtlinie Elektromobilität vom Juni 2015 können lediglich 40 Prozent der Mehrkosten bei der "Beschaffung von Fahrzeugen mit elektrischem Antrieb gegenüber von Fahrzeugen der gleichen Kategorie mit konventionellem Antrieb" finanziert werden.

Größere Montagehalle im Bau

Ob und wie künftig die Umrüstung von Dieselfahrzeugen gefördert werden kann, konnte das Umweltministerium auf Anfrage von Golem.de noch nicht sagen. "Die Details zu Förderung von Fahrzeugflotten kommunaler Fuhrparke werden gerade noch erörtert", teilte ein Sprecher mit. Voraussichtlich bis zum Ende des Jahres sollten die Modalitäten für das Förderprogramm Erneuerbar mobil feststehen.

Orten stellt sich zumindest schon auf eine größere Nachfrage ein. Man habe bereits einen großen Auftrag für die Umrüstung von mehr als 20 Transportern eines Lebensmittellogistikers und seit 2017 eine erheblich wachsende Anzahl an qualitativen Anfragen, teilt das Unternehmen mit. Deshalb werde im Frühjahr 2018 eine neue Fertigungshalle im Industriegebiet Wittlich in Betrieb genommen und die Zahl der Mitarbeiter erhöht. Zudem sollen auch Lkw mit einem größeren Gewicht als 7,5 Tonnen umgerüstet werden.

Pin wartet Wintereinsatz ab

Die Umrüstung der Pin-Transporter in Berlin ging übrigens von der Luxusmarke Gucci aus. Ob die Pin AG ihren Fuhrpark ausweitet, will das Unternehmen aber erst nach dem kommenden Winter entscheiden. Bis auf ein paar kleinere Startschwierigkeiten laufe das Fahrzeug aktuell fehlerfrei und problemlos, sagt Firmensprecher Peter Kaiser. Allerdings müsse sich im Winter zeigen, wie sich die Nutzung der Heizung und das Vorwärmen der Batterien auf die Reichweite auswirke.

Anschließend könne über eine mögliche Erweiterung der Elektro-Sprinter-Flotte nachgedacht werden. "Der Bedarf ist nicht nur im Hinblick auf unser eigenes Leitbild in Sachen Umweltschutz vorhanden, auch bei immer mehr Kunden rückt das Umweltbewusstsein in Sachen Logistik in den Vordergrund", sagt Kaiser. Es wäre sicherlich nicht im Interesse der Verbraucher, wenn es bei Dieselfahrverboten nur noch Gucci-Handtaschen zu kaufen gäbe.  (fg)


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