Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/muenchen-tschuess-limux-hallo-chaos-1711-131292.html    Veröffentlicht: 24.11.2017 07:00    Kurz-URL: https://glm.io/131292

München

Tschüss Limux, hallo Chaos!

Nach dem beschlossenen Limux-Ende in München soll in fünf Jahren von Linux zurück auf Windows migriert werden und die Stadt endlich eine effektive IT-Landschaft bekommen. Dieser Plan ist aber klar überambitioniert.

Der Münchner Stadtrat hat wie erwartet den Entschluss zum Limux-Ende des Verwaltungsausschusses bestätigt. Damit ist die Migration der Verwaltungsrechner der Stadt von Linux zurück zu Windows endgültig beschlossen. Laut Beschluss soll die Migration bis Ende des Jahres 2022 abgeschlossen sein. Dass das aber auch tatsächlich so geschieht, kann schon jetzt als extrem unwahrscheinlich gelten. Die Gründe dafür sind ebenso vielfältig wie unterschiedlich.

Die erste Migration dauerte viel länger

Um zum Beispiel zu erkennen, dass der selbst gesteckte Zeitrahmen sehr kurz ist, reicht schon ein Blick zurück auf die Anfänge des Limux-Projektes. Immerhin war auch das der Versuch einer stadtweiten Migration auf ein neues Betriebssystem. Vom Stadtratsbeschluss bis zum Ende der Testphase und damit dem Beginn der eigentlichen Migration vergingen ungefähr dreieinhalb Jahre.

Zwar veranschlagen die Verantwortlichen in München nun ebenfalls rund drei Jahre Zeit, um den sogenannten Windows-Basisclient zu erstellen. Bei der Limux-Migration hat die Stadt dann aber nochmal rund sieben Jahre benötigt, bis das System in den sogenannten Regelbetrieb überführt werden konnte. Bei der nun anstehenden Windows-Migration werden dagegen lediglich zwei Jahre für das Ausrollen der Clients angesetzt.

Dass sich die Limux-Migration derart massiv verzögerte, lag unter anderem an unerwarteten Problemen mit der Pflege und Verteilung der Software. Das Kalkül der regierenden Stadtratsfraktionen aus SPD und CSU scheint zu sein, dass diese Fehler nicht wiederholt werden, indem die Pflege und Software zur Verteilung von Windows einfach an Microsoft beziehungsweise seine Partner ausgelagert wird.

Flickenteppich Fachverfahren

Das mag zwar für das Betriebssystem selbst noch umsetzbar sein, im Grunde viel wichtiger für die sinnvolle Arbeit der Stadtverwaltung sind aber die einzelnen sogenannten Fachverfahren, also die speziell angefertigte Software für die Nutzung in den einzelnen Verwaltungsbereichen. Sofern diese nicht als standardkonforme Webanwendungen im Browser oder in der stadtweiten Virtualisierungsplattform verwendet werden, müssen sie portiert werden.

Dieser Portierungsaufwand beschränkt sich nicht allein auf den Wechsel von einer nativen Linux-Lösung hin zu Windows 10 oder einer plattformunabhängigen Lösung, die künftig bevorzugt werden soll. Ausgangspunkt für die Portierungsarbeiten sind zusätzliche Anwendungen, die ausschließlich auf Windows XP oder gar Windows 2000 laufen.

In dem Beschluss beziffert der Stadtrat die notwendige Zeit zur Portierung der rund 850 Fachverfahren auf 8.500 Personentage. Dass bei solchen Arbeiten einiges phänomenal schiefgehen kann, zeigte sich Anfang des Jahres bei der Bundesagentur für Arbeit, die sechs Jahre lang an einem Softwaregroßprojekt arbeitete, letztlich aber scheiterte und dadurch 60 Millionen Euro verbrannte.

Die Verantwortlichen haben natürlich auch bedacht, dass es bei der Migration zu Problemen kommen kann, und einige Auswege skizziert. Doch auch diese bergen Potenzial für noch mehr Chaos.

Virtualisierung und Altsystem als Notlösung

Natürlich sind die einzelnen Fachverfahren in München vom Umfang her nicht mit dem Projekt der Bundesagentur vergleichbar. Allerdings ist dieses Beispiel auch nur eines von vielen gescheiterten Softwareprojekten der öffentlichen Verwaltung. Ebenso werden viele notwendige Projekte zwar vielleicht noch erkannt, aber nie angegangen.

Dass für die Fachverfahren mitunter immer noch Betriebssysteme genutzt werden, die seit mehreren Jahren oder gar seit über einem Jahrzehnt nicht mehr offiziell gepflegt werden, sollte aber als Argument für die möglichen Probleme bei einer Portierung eigentlich reichen. Das Problem mit der Abhängigkeit zu derart veralteter Software besteht bekanntermaßen ja außerdem nicht nur München.

Für den Fall, dass die Portierungsarbeiten nicht rechtzeitig umgesetzt werden können, gibt es darüber hinaus auch den Plan, die alten Systeme einfach falls möglich virtualisiert weiter zu nutzen. Das steht aber im klaren Widerspruch zu der Idee, dank der Verwendung des einheitlichen Windows-Basisclient die IT zu modernisieren. Denn die teils chaotischen Probleme, die sich aus der Nutzung derart veralteter Software ergeben, bleiben dann natürlich bestehen.

Office-Migration wird unabhängig behandelt

Glücklicherweise, so muss man schon einwerfen, haben die für die Migration Zuständigen bedacht, dass es bei einer parallel stattfindenden Migration von Libreoffice auf Microsoft Office (auch das sind Fachverfahren) zu noch mehr Durcheinander kommen könnte. So werden zurzeit 12.000 Formulare, Vorlagen sowie "mehr als 300 komplexe Makros" in der Stadt verwendet, was eine "flächendeckende Umstellung" laut dem Beschluss "sehr aufwendig, kostspielig und langwierig" macht.

Deshalb soll Libreoffice weiterverwendet werden. Um Kompatibilitätsprobleme vor allem bei der Kommunikation mit externen Stellen zu verringern, sollen aber zusätzlich zu schon existierenden Lizenzen mindestens 6.000 weitere für Microsoft Office beschafft werden. Die Stadtverwaltung nutzt dann in extrem großen Maße zwei Office-Suiten parallel zueinander. Ob das wirklich für die angestrebte Verbesserung sorgt oder eher für massive interne Probleme bei der Interoperabilität, ist zweifelhaft.

Limux-Pflege weiter notwendig

Ebenso im Parallelbetrieb weitergeführt werden müssen Limux und Windows, bis die Windows-Migration abgeschlossen ist. "Für die erfolgreiche Migration auf Windows ist weiterhin notwendig, dass bis zum Ende des Migrationszeitraumes ein aktuelles LiMux Release für Clients verfügbar ist", heißt es dazu in dem Beschluss. Dafür soll eine Limux Version 6.0 auf Basis des kommenden Ubuntu 18.04 erstellt werden, das bis März 2023 unterstützt wird.

Derzeit basiert der Limux-Client noch auf Ubuntu 14.04, das bis 2019 offiziell unterstützt wird. Es ist davon auszugehen, dass das bereits vorbereitete Versionsupgrade auf Ubuntu 18.04 so durchgeführt werden wird, wie bereits geplant. Hier stellt sich jedoch die Frage, ob und wie lange das aktuelle Limux-Team noch mitmacht.

Mit dem beschlossenen Limux-Ende liegt es für die Beschäftigten wohl nahe, sich möglichst bald nach neuen Karriereoptionen umzusehen - sofern das nicht sogar schon geschehen ist. Mit dem in den kommenden Jahren immer näher rückenden Limux-Ende wird es wohl auch immer schwieriger, kompetenten und adäquaten Ersatz für sie zu finden. Hier gibt es auch ganz offensichtlich die Möglichkeit der Linux-Community, die Rückmigration zu Windows sehr einfach zu sabotieren: die Beteiligten könnten die Mitarbeit schlicht verweigern.

Ob das im Sinne des Projekts und der Tausenden Kollegen ist, die auf die weitere Pflege angewiesen sind, sei dahingestellt. Wer nicht mehr viel zu verlieren hat, hat aber vielleicht auch weniger Skrupel.

IT-Umbau mit internem Widerstand

Die Frage nach den Befindlichkeiten der Angestellten und Beamten stellt sich nicht nur für das Limux-Team selbst, sondern auch für den Rest der Verwaltung in München. Denn der gefällte Beschluss der Vollversammlung legt nicht nur eine Migration von Linux zu Windows fest, sondern auch eine völlige Umstrukturierung der IT-Landschaft sowie der Zuständigkeiten für die eingesetzte Technik, was nicht alle unterstützen.

Aus drei mach eins

Schon vor einem Jahr hat es nicht nur innerhalb der Stadtratsfraktionen einige Streitereien zu eben dieser geplanten Neuorganisation der IT gegeben. Wichtigster Punkt hierbei ist die Schaffung eines zentralen IT-Referats, das die bisher drei Bereiche der IT-Verantwortung zusammenfassen soll. Vor etwa einem Monat ist bereits der neue IT-Referent, Thomas Bönig, als Leiter gewählt worden. Das IT-Referat soll am 1. Januar 2018 seine Arbeit aufnehmen und idealerweise bis Anfang 2019 in den Regelbetrieb starten.

Derzeit verfügt München mit dem Strac über eine Abteilung zur strategischen Steuerung und Planung in IT-Fragen und mit it@M über einen eigenen städtischen IT-Dienstleister, der unter anderem verschiedene Backend-Dienste betreut und eben den Limux-Client sowie einen Windows-Client erstellt. Darüber hinaus ist it@M für die generelle IT-Beschaffung zuständig. Zusätzlich dazu haben die Verwaltungsreferate und Eigenbetriebe der Stadt noch dezentrale IT-Abteilung, die Dika heißen.

In der neuen Struktur sollen vor allem die bisherigen Dikas in ihrer Funktion von neuen IT-Einheiten abgelöst werden, "die sich künftig auf das fachliche Anforderungsmanagement konzentrieren" sollen. Darüber hinaus soll es an größeren Verwaltungsstandorten auch Vor-Ort-Support geben, der direkt dem IT-Referat unterstellt ist.

IT an der Belegschaft vorbei

Die Idee und das Ziel dieser Umstrukturierung ist es, Fragen zur IT der Stadt zentral steuern und vor allem auch entsprechende Lösungen schnell umsetzen zu können. Größere Vorhaben, wie etwa das Ausrollen und Verteilen neuer Limux-Versionen, scheiterten bisher unter anderem auch an der fehlenden zentralen Kontrolle und Durchsetzungsinstanz. Das IT-Referat soll genau solche Probleme lösen.

Im Prinzip ist dieser Wunsch nachvollziehbar und die Ausgestaltung erinnert an die Organisationen in großen Unternehmen, in denen die IT-Abteilung die zu nutzenden Werkzeuge vorgibt und der Rest der Belegschaft diese dann einsetzen muss. Inwiefern dieses Konzept in München aber auch wirklich zur Verbesserung beitragen wird, muss sich noch zeigen.

Großen Bedenken äußert vor allem das Kreisverwaltungsreferat (KVR), das neben Bürgerbüros, KFZ-Zulassungstellungs- und Führerscheinstellen sowie dem Standesamt auch die Gewerbeaufsicht, den Verbraucherschutz und das Veranstaltungsbüro umfasst. Ohne das KVR läuft in München quasi nichts. Zu spüren bekommen haben das die München Bürger sowohl im Jahr 2015 als auch im Jahr 2016, als zentrale Software des KVR ausfiel und dessen Betrieb damit komplett lahmlegte.

Das KVR ist einer der vehementesten Kritiker der neuen Organisationsstruktur. So befürchtet das KVR in seiner Stellungnahme "erhebliche Nachteile" für seine "ordnungsgemäße Aufgabenerledigung", falls die neue Struktur umgesetzt wird. Diese Nachteile ergeben sich wohl unter anderem aus der sowieso schon existierenden "Instabilität" des KVR, die sich durch eine organisatorische Neugestaltung wohl verstärken dürfte. Zwar erhofft sich das KVR langfristig Verbesserungen durch die Maßnahmen, erwartet zunächst aber klar eine "Verschlechterung der Leistungsfähigkeit".

Es bleibt abzuwarten, ob die Münchner das tatsächlich zu spüren bekommen. Schon jetzt steht aber fest, dass die Umgestaltung der Münchner IT noch weiter vorangetrieben werden soll. Als nächstes Projekt steht die Ausgründung des städtischen Dienstleisters it@M als GmbH an, die geprüft werden soll. Diese Idee wird prinzipiell etwa von den oppositionellen Grünen im Stadtrat unterstützt, allerdings nicht von der CSU, die gemeinsam mit der SPD die Regierung stellt.  (sg)


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