Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/bmw-konzept-vision-e3-way-das-zweirad-hebt-ab-1711-131267.html    Veröffentlicht: 22.11.2017 12:03    Kurz-URL: https://glm.io/131267

BMW-Konzept Vision E3 Way

Das Zweirad hebt ab

Für die Mobilität der Zukunft könnten elektrische Roller und Fahrräder eine große Rolle spielen. Mit einem in und für China entwickelten Konzept hebt BMW den Zweiradverkehr in eine neue Dimension - vielleicht auch in Europa?

Es könnte so schön sein, mit dem Fahrrad oder Roller zu fahren! Wären da nicht Fußgänger, Autofahrer und Ampeln, die sich ständig erdreisten, die schwungvolle Fahrt zu behindern und zu unterbrechen. Fahrradschnellwege wären eine Lösung für städtische Verkehrsprobleme, doch dafür fehlt im stark umkämpften Verkehrsraum in der Regel der Platz. Ein neues Konzept von BMW soll einen Ausweg aus diesem Dilemma aufzeigen: Vision E3 Way hebt das Zweiradfahren auf eine neue Ebene.



Das ist durchaus wörtlich zu verstehen. Wenn auf dem Boden kein Platz für ein schnelles Fortkommen ist, bleibt häufig nichts anders übrig, als den Verkehr unter die Erde zu verlagern oder eine Etage höher zu heben. Das ist beim Autoverkehr seit Jahrzehnten eine Selbstverständlichkeit. Im Fall von E3 Way geht es für die Zweiräder nach oben. Auf einem Hochstraßensystem sollen sich Fahrräder und Roller kreuzungsfrei fortbewegen können. E3 steht dabei für "elevated", "electric" und "efficient". Das heißt, nur Zweirädern mit Elektroantrieb soll es erlaubt werden, die Hochstraße zu nutzen. Ein ungewöhnliches Vorgehen für einen Autokonzern, der wie andere Hersteller weltweit auf der Suche nach neuen Mobilitätskonzepten ist.

Sechs Millionen Elektroroller in Schanghai

Entwickelt wurde das Konzept vom BMW Technology Office in der chinesischen Millionenmetropole Schanghai in Zusammenarbeit mit der dortigen Tongji-Universität. Die chinesischen Megastädte ächzen ebenso wie viele andere Metropolen weltweit unter der Last des Verkehrs. So werden in Schanghai die Nummernschilder für Autos in einer komplizierten Lotterieauktion vergeben. Eine der 9.000 pro Monat vergebenen Lizenzen kostet derzeit etwa 90.000 Renminbi, umgerechnet 11.500 Euro.



Gegen die Verkehrsprobleme hilft nicht einmal, dass die Stadt in den vergangenen zwei Jahrzehnten ein U-Bahn-Netz mit einer Länge von mehr als 600 Kilometern aufgebaut hat. Sechs Millionen Elektroroller soll es derzeit in der Stadt mit ihren 25 Millionen Einwohnern geben. Sie teilen sich Straßen mit Autos und Fahrrädern, wobei die Innenstadt in jüngster Zeit mit Abertausenden von Mieträdern zugepflastert wurde. Für schnellen, motorisierten Individualverkehr gibt es schlicht keinen zusätzlichen Platz mehr auf den Straßen.

Überdachter Radweg mit Solarzellen und E-Bike-Verleih

Das Konzept von BMW hat mit dem schnöden Fahrradweg der Gegenwart wenig gemein. Die Fahrbahn ist überdacht, damit sie auch bei Wind und Wetter genutzt werden kann. Das Dach könnte zudem mit Solarzellen ausgestattet werden und außerdem das Regenwasser sammeln, das in heißen Städten wie Schanghai wiederum die Strecke kühlen könnte. An den Zufahrtsrampen befinden sich Ladestationen für E-Bikes und E-Scooter, die dort auch ausgeliehen werden könnten. Die Breite der Fahrspuren in beide Richtungen kann dem Verkehrsaufkommen angepasst werden.

Dass der E3-Way von der chinesischen BMW-Mitarbeiterin Biyun Zhou konzipiert und in der vergangenen Woche in Schanghai präsentiert wurde, verwundert nicht. Wer die rasante Entwicklung der Millionenstadt in den vergangenen Jahren verfolgt hat, sieht in einem solchen Hochstraßensystem wohl wenig Revolutionäres. Selbst eine 30 Kilometer lange Transrapid-Strecke wurde dort gebaut. Alles ist möglich, heißt das Motto. Ein solches System in kurzer Zeit hochzuziehen, wäre für die chinesische Regierung ein Klacks.

Automatische Gesichtserkennung der Fahrer

Zu den aktuellen Entwicklungen in China passt auch der Vorschlag Zhous, die gebührenpflichtige Nutzung der Hochstraße automatisch per Gesichtserkennung oder Kennzeichenerkennung abzurechnen. Denn Überwachungskameras sind auf chinesischen Straßen allgegenwärtig. Inzwischen werden Verkehrsverstöße wie unerlaubtes Halten schon automatisch erfasst und die Strafzettel gleich auf das Handy gesandt.

Das neue Konzept macht deutlich, dass sich Autokonzerne wie BMW derzeit auf mehrfache Weise wandeln. So ist der chinesische Markt inzwischen so wichtig geworden, dass neue Ideen nicht aus Europa importiert werden, sondern gleich in eigenen Forschungslaboren an Ort und Stelle entwickelt werden. Das Tech Office des Münchner Konzerns in Schanghai soll Ende des Jahres rund 200 Mitarbeiter beschäftigen.

Gesichtserkennung in China kein Problem

Dabei geht längst nicht mehr darum, die eigenen Produkte beispielsweise sprachlich an den chinesischen Markt anzupassen. Gerade das Beispiel Gesichtserkennung macht deutlich, dass europäische Konzerne Konzepte übernehmen, die im Westen stark umstritten sind. Selbst eine nicht-identifizierende Gesichtserkennung im Supermarkt wird in Deutschland von zwei Dritteln aller Verbraucher abgelehnt. Datenschützer sehen sogar die Gesichtserkennung aus Sicherheitsgründen, wie derzeit im Berliner Bahnhof Südkreuz getestet, sehr skeptisch.

In China kommt noch hinzu, dass private Firmen angehalten werden sollen, ihre Nutzerdaten mit staatlichen Behörden zu teilen. Das solle unter anderem dazu dienen, Anwendungen zu Künstlicher Intelligenz und Big Data zu ermöglichen, berichtete der britische Guardian. Nicht auszuschließen, dass solche Daten am Ende in ein verpflichtendes Social-Scoring-System einfließen, das im Jahr 2014 vorgestellt wurde und bis 2020 eingeführt werden soll.

Unter Berufung auf die chinesische Zeitung The Paper berichtet die Frankfurter Allgemeine Zeitung, dass das Fahren ausländischer Oberklasseautos zu einer Abwertung im Sozialkreditpunktesystem führen soll. Ein verantwortlicher Regierungsbeamter wird mit den Worten zitiert: "Wer einen riesigen Mercedes zur Arbeit fährt, erhält weniger Punkte als derjenige, der ein Leihfahrrad nimmt." Da könnten Nutzer von E3-Way sicherlich Pluspunkte sammeln.

Wo ist das Geschäftsmodell?

Zudem beschränken sich die Autokonzerne seit geraumer Zeit nicht mehr darauf, ihre Fahrzeuge zu verkaufen. Mit Drivenow oder Car2go haben BMW und Mercedes-Benz ihre eigenen Carsharing-Flotten aufgebaut oder eigene Park- oder Mobilitäts-Apps im Angebot. Der Automobilzulieferer Bosch betreibt in Berlin und Paris einen Verleih von Elektrorollern.

Selbst in diesem Kontext erscheint das Fahrradstraßenkonzept ungewöhnlich, da sich auch bei genauerem Hinsehen kein Geschäftsmodell für BMW erkennen lässt. Wenn es darum gehen würde, den Verkauf von E-Bikes und E-Scootern anzukurbeln, dürften vor allem in China lokale Hersteller davon profitieren. In Deutschland wäre dies eher ein Markt für Bosch. Für Rainer Daude, Projektleiter Sonderprojekte und Mobilitätskonzepte bei BMW, geht es darum, "nachhaltige Mobilität zu ermöglichen". Markus Seidel, Leiter des Technologie-Büros in Schanghai, bezeichnet den E3-Way als "Visionsprojekt", für das es noch keine konkreten Umsetzungspläne gebe.

Machbarkeitsstudie entwickelt

Da BMW auch künftig keine Infrastruktur bauen will, von Ladestationen abgesehen, ist der Autokonzern für die Umsetzung des Konzepts auf die Kooperationen mit anderen Institutionen, Firmen und Regierungen angewiesen. Das erste Ergebnis einer solchen Zusammenarbeit ist eine Machbarkeitsstudie, die die Tongji-Universität erstellt hat. Dabei schlugen die Mitarbeiter der Abteilung Automotive Product Management & Marketing (AMMI) der School of Automotive Studies zwei verschiedene Routen in Schanghai vor: Eine Pendler-Strecke im Bezirk Yangpu sowie eine Touristen-Route in Pudong an der Uferpromenade des Huangpu-Flusses. Die Strecken sind zwischen neun und gut elf Kilometer lang.

Mit Hilfe eines modularen Systems mit Stahlprofilen sollen die Hochstraßen möglichst kostengünstig gebaut werden. Die Breite für eine Fahrspur soll 2,5 Meter betragen, wobei es unterschiedliche Konstruktionen je nach vorhandener Infrastruktur geben soll. Alle paar Kilometer gibt es Zufahrten und Umsteigemöglichkeiten zum ÖPNV, bei der Touristenroute zudem sechs Aussichtpunkte. Die Kosten pro Kilometer schätzt die Studie auf 17 bis 36 Millionen Renminbi (umgerechnet 2,2 Millionen bis 4,6 Millionen Euro). Bei einer Skalierung des Projektes könnten sich die Kosten zwischen 10 und 20 Prozent reduzieren.

Vorbild für Europa?

Doch wie groß sind die Chancen, dass das Projekt selbst im innovationsfreudigen China umgesetzt wird? Nach Angaben von Professor Jun Ma, Leiter der Fakultät für Automobiles Marketing und Management, gibt es bereits Gespräche mit den Behörden in Schanghai und kleinerer chinesischer Städte, wobei "kleinere Städte" wie Nanjing oder Wuhan in China schnell fünf bis zehn Millionen Einwohner haben können. Dort könnten die Hochstraßen vermutlich günstiger errichtet werden. So hat die Stadt Xiamen in diesem Jahr eine "Air Bike Lane" eröffnet, eine 7,6 Kilometer lange Fahrradhochstraße durch die Stadt. Projekte wie der gescheiterte Portalbus zeigen hingegen auch, dass selbst in China nicht alle kühnen Visionen realisierbar sind.



Aber wäre ein solches Hochstraßensystem nicht auch eine gute Idee für Europa? Schließlich gibt es auch hier überlastete Verkehrssysteme. Und Fahrradschnellwege in die Innenstädte lassen sich im Grunde nicht kreuzungsfrei ohne solche Highflyer realisieren. Dass dies ansatzweise in Europa möglich ist, zeigt die 2014 in Kopenhagen eröffnete Fahrradschlange (Cykelslangen), die sich auf einer Länge von 230 Metern durch den Stadtteil Havneholmen windet. Die Pläne für ein Radschnellwegenetz in Berlin sehen hingegen keine aufwendigen Hochstraßen vor.

Vorteil bei autonomen Autos

Sehr schwierig dürfte allerdings sein, nicht motorisierte Fahrradfahrer von der Nutzung der Hochstraßen auszuschließen. Seidel begründete die Beschränkung auf E-Bikes damit, dass in China die Fahrradfahrer deutlich langsamer als in Europa unterwegs seien. Die für den E3-Way vorgeschlagene Höchstgeschwindigkeit von 25 Kilometern würde von vielen Fahrrad- und E-Scooter-Fahrern sicherlich als einschränkend empfunden. Für die Nutzung von E-Bikes spricht hingegen, dass sich mit Unterstützung eines Motors leichter die Rampen auf die Hochstraße erklimmen lassen. Neben der auffälligen Veränderung des Stadtbildes stellt sich zudem die Frage, ob die notorisch klammen Kommunen den Bau einer solchen Straße leisten können.

Hier denkt BMW beispielsweise daran, direkte Ausfahrten in Kaufhäuser und Einkaufszentren einzuplanen. Dann könnten die Firmen den Bau der Strecke mitfinanzieren, weil sie ihnen die Kunden direkt frei Haus liefern. Inwieweit die Nutzer in Europa bereit wären, ihre Daten für vermarktbare Werbezwecke herzugeben, sei zunächst dahingestellt.

Für den Bau solcher Hochstraßen spricht zudem: Nicht nur in China, auch in Europa ist in den kommenden 10 bis 15 Jahren mit der Einführung autonomer Autos zu rechnen. Da wäre es sicherlich hilfreich, wenn die selbstfahrenden Autos gerade in wuseligen Innenstädten mit einer Gefahrenquelle weniger zu rechnen hätten. Davon würde dann sogar wieder BMW mit seinen autonomen Autos profitieren.

Offenlegung: Golem.de hat auf Einladung von BMW an der Präsentation des E3-Way-Konzeptes in Schanghai teilgenommen. Unsere Berichterstattung ist davon nicht beeinflusst und bleibt gewohnt neutral und kritisch. Der Artikel ist, wie alle anderen auf unserem Portal, unabhängig verfasst und unterliegt keinerlei Vorgaben Dritter; diese Offenlegung dient der Transparenz.  (fg)


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