Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/indiegames-rundschau-von-weltraumpiraten-und-dem-wunderdoktor-1711-131194.html    Veröffentlicht: 20.11.2017 10:15    Kurz-URL: https://glm.io/131194

Indiegames-Rundschau

Von Weltraumpiraten und dem Wunderdoktor

Klein, aber fein: Die spannendsten Indiegames des Monats bieten Abwechslung zum vorweihnachtlichen Blockbuster-Feuerwerk. Neben Abenteuern im All geht es auch um das - wunderbar bizarr gestaltete - Heilen von Wehwehchen.

Langsam trudeln auch die letzten großen Blockbuster-Spiele zum Weihnachtsgeschäft 2017 ein. Schön für Fans von Battlefront 2 & Co - aber schlecht für Indiegames, die im Theaterdonner der großen Marketingabteilungen einen schweren Stand haben. Trotzdem wagen sich natürlich auch kleine unabhängige Entwickler auf die Spielebühne. Golem.de präsentiert eine Auswahl der interessantesten Indiegames aus den letzten Wochen.

Opus Magnum: Wahnsinnsrätselmaschinen für Profi-Alchemisten

Das winzige Entwicklerstudio Zachtronics ist seit seinen Puzzleklassikern Infinifactory, Shenzen I/O und vor allem Space Chem den Rätselfreunden auf der ganzen Welt ein Begriff. Mit seinem neusten Werk Opus Magnum richtet sich der US-Chefentwickler Zach Barth nicht nur an seine langjährige Fangemeinde, sondern auch an Einsteiger. Als Alchemist in einer Steampunk-Welt ist der Spieler gefordert, aus simplen Ausgangsmolekülen komplexe neue Elemente herzustellen. Vom schnöden Blei-zu-Gold geht es rasant zu immer komplexeren Aufgaben.

Werkzeug und zentrale Spielmechanik ist die alchemistische Transmutations-Engine. Das ist eine Art Werkbank, auf der Ausgangselemente durch cleveres Manipulieren und den Einsatz einer Vielzahl mechanischer Teile ins gewünschte Endprodukt umgewandelt werden. Wie diese Teile interagieren, wird durch verkettete Befehle festgelegt, die per Drag and Drop zusammengestellt und dann gestartet werden - eine zu Beginn einfache, schnell aber ins Knifflige ausartende Programmieraufgabe, die jedoch auch von Nicht-EDV-Begabten gelöst werden kann.

Im Gegensatz zu vielen anderen Puzzlespielen lassen sich die Rätsel von Opus Magnum auf mehrere Arten lösen, und so macht das Zusammentüfteln und Laufenlassen monströs umständlicher Riesenmechanismen auch Einsteigern Spaß. Die fertigen Werke lassen sich bequem als animierte GIFs ausgeben - und man staunt, mit welcher Eleganz und Effizienz manche Spieler dabei zum Erfolg kommen. Ein faszinierender Baukasten voller motivierender Herausforderungen, nicht nur für Puzzle-Profis. Trotz Early Access schon jetzt eine Empfehlung.

Windows-PC, MacOS und Linux, rund 20 Euro (Early Access).

Hand of Fate 2: Actionreiches Kartenabenteuer

Wie der Vorgänger ist auch Hand of Fate 2 ein origineller Hybrid: Ein wenig Kartenspiel, etwas Brettspiel, dazu Rogue-like und Choose-Your-Own-Adventure plus eine kräftige Prise Action machen das Spiel australischer Entwickler zum einzigartigen Genremix. Ein mysteriöser Spielmeister lädt zur Reise durch über 20 Abenteuer, bei denen man quasi durch die zufällig arrangierten Karten des Decks eine Fantasy-Geschichte erspielt.

Manche der Karten bieten Ereignisse, bei denen folgenschwere Entscheidungen getroffen oder das Glück per Würfelwurf versucht wird. Auf anderen finden sich hilfreiche Begegnungen, Gegenstände oder Händler. Wiederholt wird allerdings auch zur Waffe gegriffen, um in kurzen Gefechten in der Manier der Batman-Arkham-Reihe gegen eine Vielzahl von Monstern zum actionreichen Nahkampf anzutreten.

Lohn der Mühen sind weitere Karten, die sich zu Beginn jeder Quest ins Deck mischen lassen und so das zufallsgenerierte Abenteuerleben etwas berechenbarer machen. Optisch hübsch präsentiert und durch anfänglich großen Abwechslungsreichtum motiviert Hand of Fate 2 durch seine Originalität, immer wieder ins Abenteuer aufzubrechen - zumindest, bis man alle Karten gesehen und auch den letzten der vielfältigen Gegner wiederholt verprügelt hat.

Windows-PC, MacOS, Linux, Playstation 4 und Xbox One, ab 28 Euro.

High Hell: Quietschbunte Action für Speedrun-Puristen

Auf den Dächern und Terrassen luxuriöser Wolkenkratzer tritt man in High Hell unter knallpinkem Himmel gegen Mafiosi, Satanisten und Schimpansen mit Helm zum flotten Shooter-Sprint an, um sich am Schluss mit einem Fallschirm in die Tiefe zu werfen. Große Ernsthaftigkeit oder gar Subtilität darf hier nicht erwartet werden - stattdessen gibt's einen humorvoll-minimalistischen Skilltest, in dem das möglichst schnelle Absolvieren der 20 kurzen Missionen für Unterhaltung sorgt.

Nachladen, Deckung nehmen oder auch nur verschiedene Waffen bietet der Shooter nicht. Dafür zieht der rasante Sprint und das möglichst präzise und schnelle Ausschalten der absurden Gegner auch dank des Soundtracks des Underground-Hip-Hop-Künstlers Doseone in den Bann. Beim Laden zwischen den Missionen sorgen übrigens die absurdesten Minispiele aller Zeiten immer wieder für schräge Unterhaltung. High Hell ist ein überdrehter, willkommen minimalistischer, stylischer Shooter-Parcours für Speedrun-Freunde.

Windows-PC und MacOS, 10 Euro.

Space Pirates and Zombies 2: Weniger Zombies, mehr Pirates!

Auch Space Pirates and Zombies 2 (SPAZ 2) ist ein origineller Mischling: Als Weltraumkapitäne entwerfen und bauen Spieler hier zunächst ihr ganz persönliches (T)Raumschiff, mit dem sie dann in den fast endlosen Weltraum aufbrechen - der sich gerade von einer galaktischen Zombieapokalypse erholt. Die Erforschung der Welt und die Kontaktaufnahme mit Planeten, Raumstationen und Schiffen erfolgt auf einer an klassische 4X-Spiele erinnernden strategischen Karte, für die farbenprächtigen 2D-Kämpfe zoomt SPAZ 2 allerdings nahe an die Action heran. Dank unterschiedlicher Schiffskonfigurationen ist Taktik ebenso wichtig wie Reaktionsschnelligkeit.

Die Galaxis wird allerdings nicht nur von Piraten und sesshaften Völkern auf Planeten und Raumstationen belebt, sondern auch von 200 anderen Kapitänen, die autonom durchs All steuern und ihre eigenen Pläne verfolgen. Spätestens jetzt sehen sich Auskenner an den großen Indie-Klassiker Mount & Blade erinnert, der seinerseits das noch größere Pirates! als Inspiration hatte. SPAZ 2 ist randvoll und bietet neben seiner Kampagne auch im Sandboxmodus Unterhaltung für viele Stunden. Nicht vom generischen Namen abschrecken lassen!

Windows-PC, MacOS, Linux, Oculus und Vive, 20 Euro.

Wunderdoktor: Medizinmann für besondere Fälle

Manchen Spielen sieht man die Liebe, die in ihnen steckt, schon auf den ersten Blick an - Wunderdoktor ist so ein Fall. Das Spiel eines Leipziger Geschwisterpaares (das sein Studio Ghostbutter nennt) ist im Stil schöner Kinderbücher illustriert, es wartet spielerisch mit vielen witzigen Überraschungen auf. Als Wunderheiler, der in einem rollenden Wagen seine Patienten behandelt, ist es die Aufgabe des Spielers, seltsame und bizarre Wehwehchen zu erkennen und unter Zeitdruck zu behandeln.

Eine spielerische Inspiration von Wunderdoktor war zweifellose das großartige Papers Please, denn wie in diesem ist die Behandlung immer neu auftauchender Kunden nach vorher erlernten Methoden das zentrale Spielelement. Statt düster und politisch aufgeladen ist Wunderdoktor allerdings eine liebevoll gemachte Wundertüte aus herrlich ekligen Minispielen, in denen man Würmer aus der Haut zieht, mit der Lupe nach Pickeln sucht oder böse Geister per Fliegenklatsche vertreibt. Die anfangs noch simplen Behandlungen steigern sich zu immer anspruchsvoller werdenden Prozeduren, bei denen der Spieler auch schon mal etwas ins Schwitzen gerät. Viel Liebe zum Detail und außergewöhnliche Gestaltung machen Wunderdoktor zum unterhaltsamen und originellen Spaß für Groß und Klein.

Windows-PC, MacOS und Linux, 10 Euro.

Und sonst?

Zwei ganz unterschiedliche Flugabenteuer: Im atmosphärischen Aer - Memories of Old (Windows-PC, MacOS und Linux, 15 Euro) steht die Erforschung eines Archipels fliegender Inseln im Vordergrund. Die Pilgerin kann sich dabei vom Menschen zum Vogel verwandeln, um diese atmosphärische Low-Poly-Welt und ihre Geheimnisse zu erforschen. Ein bisschen erinnert das Spiel schwedischer Entwickler an das großartige Journey.

Rasanter, aber in ähnlichen Landschaften ist man im kleinen Highscore-Game Superflight (Windows-PC, um 3 Euro) unterwegs, denn in dem stürzt man sich todesverachtend mit Wingsuit in die immer neu generierten Schluchten zwischen ebenfalls fliegenden Felsbrocken. Je näher an den Felsen vorbeigerast wird, desto mehr Punkte gibt's - ein kleiner, höchst unterhaltsamer Adrenalin- und Geschwindigkeitsrausch.

Das einzigartige Strategie-Rollenspiel All Walls Must Fall (Early Access für Windows-PC, MacOS und Linux, 15 Euro) stammt nicht nur aus Berlin, sondern spielt auch dort: In einer Welt, in der die Mauer nie gefallen ist, ist man darin im Jahr 2089 als bärbeißiger Söldner in Technoclubs unterwegs und kämpft in der Tradition von Xcom gegen bewaffnete Wachen, während rundum die Clubbesucher tanzen. Für den originellen Kick sorgen eine Zeitrückspulfunktion sowie die Möglichkeit, alternativ per Gespräch mit den Gegnern ans Ziel zu kommen - noch im Early Access, aber dank regelmäßiger Updates schon jetzt ein schräger Spaß.  (rs)


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