Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/ip-kameras-wie-man-ein-botnetz-durch-die-firewall-baut-1711-131192.html    Veröffentlicht: 17.11.2017 11:33    Kurz-URL: https://glm.io/131192

IP-Kameras

Wie man ein Botnetz durch die Firewall baut

Wie könnte ein Botnetz auch IoT-Kameras erreichen, die nicht direkt am Internet hängen, sondern hinter einer Firewall oder einem Router? Sicherheitslücken in Clouddiensten ließen solche Angriffe zu - sagen Hacker auf der Deepsec.

Das Mirai-Botnetz könnte schon bald einen Nachfolger bekommen - ebenfalls aus IP-Kameras. Auf der Sicherheitskonferenz Deepsec in Wien demonstrierten die Hacker Balthasar Martin und Fabian Bräunlein, wie auch besser gesicherte Kameras ohne direkten Internetzugriff und ohne offene Telnet-Ports in ein Botnetz verwandelt werden können. Dazu nutzten sie Schwachstellen in den Clouddiensten der Hersteller, die zur Steuerung der Geräte verwendet werden können.

Martin und Bräunlein, die beide für die Berliner Sicherheitsfirma Security Research Labs arbeiten, wollten herausfinden, ob ein möglicher Mirai-Nachfolger auch Geräte nutzen könnte, die nicht über ganz offensichtliche Falschkonfigurationen angreifbar sind. Ihr Testobjekt war ein Gerät des Herstellers Sricam. Das Gerät steht aber nur beispielhaft für zahlreiche Kameras mit der Gwell-Firmware, die unter verschiedenen Markennamen verkauft werden.

Diese bieten eine Video-und Sprachverbindung, mit zwei Geräten ist eine Videokonferenz möglich. Außerdem können Firmware-Updates eingespielt werden. Die Verwaltung findet nicht über ein Webinterface statt, sondern über eine Smartphone-App. Zumindest auf den ersten Blick gibt es laut Referenten keine einfache Möglichkeit, der Kamera Kommandos unterzuschieben.

800.000 Geräte ließen sich fernsteuern

Und trotzdem: Nach etwas Probieren gelang es den beiden Forschern, rund 800.000 Geräte aus der Ferne zu kontrollieren. Als Einfallstor dienten aber in diesem Fall nicht die Kameras selbst, sondern die Clouddienste der Hersteller. Um sich mit dem Backend zu verbinden, sendet die Kamera regelmäßig ein UDP-Paket an den Server. Dieser weiß somit, wie die Kamera erreichbar ist. Kontrollpakete an die App werden nicht direkt von der App an die Kamera gesendet, sondern vom Backend-System gepusht. Beispiele für kompatible Backends sind videoipcamera.com und videoipcamera.cn sowie die Adressen cloud-links.net und cloudlinks.cn. Eine Verschlüsselung des Traffics mittels TLS findet nicht statt.

Jede Kamera bekommt je nach Firmwareversion eine sechs- oder siebenstellige Device-ID. Diese IDs können einfach mitgeschnitten werden, wenn der Datenverkehr der Verwaltungsapp überwacht wird. Um alle möglichen IDs herauszufinden, reicht es, eine Aufzeichnung der Antwort der App zu manipulieren und beliebige IDs mitzuschicken.

In jedem UDP-Paket können nach Angaben der Hacker 64 IDs gesendet werden. Das Backend antwortet dann mit einer Bestätigung, ob das jeweilige Gerät online ist oder nicht. Auf diesem Weg gelang es, insgesamt rund 3,4 Millionen IDs einzusammeln.

Alle Kameras können in einer Stunde durchprobiert werden

Da es kein Rate-Limiting gibt und die IDs nur eine geringe Entropie aufweisen, soll es innerhalb von nur einer Stunde möglich sein, alle möglichen Kombinationen beim Backend abzufragen. Das Problem wird aber noch größer. Denn das Backend ermöglicht es, einige Kommandos an die Kameras weiterzuleiten - ohne eine vorherige Authentifizierung. Es reicht also die zuvor eingesammelte Device-ID. Es ist dafür auch nicht notwendig, die Device-ID vorher einem festen Account zuzuweisen.

Über das Backend können außerdem ohne größere Probleme beliebige Passwörter ausprobiert werden. Dabei stellte sich schnell heraus, dass viele Kameras ein einfaches Standardpasswort verwenden. Mehr als 700.000 Geräte nutzten das Passwort 123, auch die Kombination 888888 war mehr als 60.000 Mal vorhanden.

Dem Firmwareaustausch steht nur MD5 im Wege

Um auf den Kameras tatsächlich eigenen Code auszuführen, ist es notwendig, die Firmware der Geräte zu verändern. Eine selbst gepatchte Firmware aufzuspielen, gelang zunächst nicht, daher mussten die Hacker eine Prüfung der mit DES verschlüsselten MD5-Checksumme umgehen. Sobald die manipulierte Firmware einen vermeintlich korrekten Hashwert aufweist, könnte die Installation auf fremden Kameras durch eine Manipulation der Netzwerkpfade für die Installation von Updates automatisiert werden. Angreifer könnten die Methode nutzen, um ein mächtiges Botnetz aufzusetzen. Die Hersteller reagierten auf die Kontaktversuche von Martin und Bräunlein deren Angaben zufolge nicht. Zunächst seien zahlreiche E-Mail-Anfragen unbeantwortet geblieben, beim Kontakt über den Skype-Channel eines Herstellers habe dieser nur zwei zufällige Marketingvideos gesendet. Weitere Kontaktversuche wollten die Hacker nicht mehr starten.

Um das Problem zu beheben, dürften die Kamerahersteller zum einen keine Standardpasswörter verwenden und müssten längere Device-IDs nutzen, die automatisch eine bessere Entropie aufwiesen. Außerdem sollten Befehle nicht ohne eine Authentifizierungsprüfung an die Kamera weitergegeben werden.

Auch andere wichtige Maßnahmen wie ein serverseitiges Rate-Limiting für verschiedene Anfragen fehlen bislang. Nur einer der Hersteller setzt auf ein Captcha - dieses wurde aber vom Gerät selbst bereitgestellt und könnte somit von einem Angreifer selbst herausgepatcht werden.

Offenlegung: Golem.de hat auf Einladung der Deepsec-Veranstalter an der Konferenz in Wien teilgenommen. Die Reisekosten wurden von den Veranstaltern übernommen. Unsere Berichterstattung ist davon nicht beeinflusst und bleibt gewohnt neutral und kritisch. Der Artikel ist, wie alle anderen auf unserem Portal, unabhängig verfasst und unterliegt keinerlei Vorgaben Dritter; diese Offenlegung dient der Transparenz.  (hg)


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