Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/garmin-vivoactive-3-im-test-bananaware-fuers-handgelenk-1711-131164.html    Veröffentlicht: 16.11.2017 09:00    Kurz-URL: https://glm.io/131164

Garmin Vivoactive 3 im Test

Bananaware fürs Handgelenk

Dezent, dünn und fast schon elegant mit gutem Funktionsumfang: Die Sportuhr Vivoactive 3 von Garmin hätte das Zeug zum massenmarktkompatiblen Mittelklasse-Wearable. Wegen Problemen beim Display, dem Akku und den Bluetooth-Verbindungen muss sie allerdings noch beim Kunden reifen.

Die typische Sportuhr sieht bullig, billig oder bunt aus - weil ein großer Akku rein muss, der Hersteller nur auf die Funktionen und nicht auf das Design achtet oder er seine Kernzielgruppe in kalifornischen Superathleten sieht. Zum Glück ändert sich all das gerade - was wir vermutlich auch der Apple Watch verdanken. Noch mehr wie eine klassische runde Armbanduhr mit Krone sieht die Vivoactive 3 von Garmin aus.

Mich hat das Wearable aus mehreren Gründen interessiert. So ist die Sportuhr im Winter bei eher kurzen Laufeinheiten draußen und bei Besuchen im Fitnessstudio ein komfortabler und mit 43 Gramm sehr leichter Ersatz für viel dickere und schwerere Outdoor-Wearables wie die Garmin Fenix 5 (85 Gramm, Test auf Golem.de). Mit Preisen ab 330 Euro ist die Vivoactive 3 außerdem gerade noch erschwinglich, ausreichend elegant für die Festrunde unterm Weihnachtsbaum und dank der niedrigen Bauhöhe passt sie unter jede Manschette.

Das Wearable erfasst zwar etwas weniger Daten als teurere Geräte wie die Fenix 5, aber alles für den Fitnessalltag Wesentliche ist dabei, inklusive einer Schätzung des VO2max. Die Vivoactive 3 misst die Herzfrequenz direkt am Handgelenk, und zwar sowohl beim Sport als auch im Alltag - rund um die Uhr. Sie kann GPS-Daten beim Laufen oder Radfahren erfassen. Beim Vergleich mit anderen Sportuhren mit und ohne Brustgurt hat der kleine Computer am Handgelenk einen guten Eindruck hinterlassen, Abweichungen bei den Werten waren so gut wie nicht feststellbar.

Die Vivoactive 3 kann außerdem Schritte zählen, sie misst einigermaßen zuverlässig meinen Schlaf und meinen derzeitigen körperlichen Stresslevel. Zusammen mit der Angabe des Ruhepulses kann ich so mit etwas Erfahrung ganz gut aufpassen, dass ich weder zu viel noch zu wenig trainiere. Diese Funktionen finden sich auf den meisten anderen aktuellen Sport-Wearables von Garmin in ähnlicher oder gleicher Form. Was es nicht gibt, sind weitergehende Angaben über den Leistungszustand, wie sie etwa die für Triathleten gedachte Forerunner 935 bietet - aber sehr viel Aussagekraft haben die Werte nicht, sodass mich ihr Fehlen bei der neuen Vivoactive kaum stört.

So weit wäre ich zufrieden mit dem, was die Vivoactive 3 kann. Im Alltag finde ich die sehr solide verarbeitete Hardware und den Funktionsumfang gelungen - aber über die Software habe ich mich rasch geärgert. Es fängt schon mit der Bedienung an: Die Sportuhr verfügt nur über einen einzigen Drücker, mit dem ich unter anderem die Trainingseinheiten starte. Im Normalfall nehme ich Eingaben aber über das Touch-Display aus Gorilla Glass 3 vor, und das reagiert leider extrem überempfindlich.

Es reicht schon, dass ein Stück Stoff darüberwischt. Schon geht die Hintergrundbeleuchtung an, und mit nur wenig Pech werden allerlei Einstellungen ohne mein Zutun vorgenommen. Beispielsweise habe ich mich irgendwann gewundert, wo das Feld mit meinen gelaufenen Schritten geblieben ist. Die einzige Erklärung: Irgendwie ist das Widget - so heißen diese Anzeigen bei Garmin - über mehrere Optionsmenüs hinweg entfernt worden. Das ist mir in wenigen Tagen nicht nur einmal, sondern mehrfach passiert. Die Widgets lassen sich zwar ohne großen Aufwand neu einrichten, trotzdem darf so etwas nicht so einfach passieren.

Sperrsymbol verdeckt die Sicht

Um das zu verhindern, könnte ich mit dem Drücker ein Kreismenü aufrufen und den Bildschirm sperren. Aber erstens finde ich das viel zu kompliziert - einen sinnvollen Shortcut gibt es nicht. Zweitens habe ich dann das Problem, dass etwa bei Dunkelheit (Winterzeit!), wenn die Gestensteuerung abgeschaltet ist und ich eigentlich nur die Hintergrundbeleuchtung manuell aktivieren möchte, ein großes Sperrsymbol über fast das ganze Display hinweg eingeblendet wird. Dann ist es kaum noch möglich, die Ziffern zu erkennen. Warum ist das den Entwicklern von Garmin nicht aufgefallen?

Es gibt noch eine Reihe ähnlicher Absurditäten - etwa, dass das Symbol zum Sperren des Bildschirms ziemlich klein und direkt neben dem (Touch-) Ausschalter platziert ist. Speziell beim Sport kann man sich dann leicht vertippen. Zum Glück fragt die Vivoactive 3 mich vor der Deaktivierung, ob sie wirklich ausgeschaltet werden soll, außerdem lässt sich die Belegung der Symbole verändern. Ich finde trotzdem, der Hersteller hätte das von vornherein sinnvoller gestalten sollen. Übrigens gibt es eine weitere Eingabemöglichkeit: über eine Art Riffelrand namens Side Swipe am Gehäuse - aber die habe ich rasch deaktiviert, weil sie viel zu unpräzise und auch generell unhandlich ist.

Verfügbarkeit und Fazit

Ein weiteres Problem ist das Koppeln mit Garmin Connect, also dem Datenportal von Garmin. Im Normalfall macht man das über Bluetooth LE mit seinem Smartphone oder Tablet. Bei anderen Wearables der Firma hat das bei mir immer problemlos funktioniert. Die Vivoactive 3 hingegen hat das Smartphone oft nicht gefunden, eine Synchronisierung war dann nur umständlich über das Ladekabel und den USB-Anschluss eines PCs möglich. An manchen Tagen musste ich die Drahtlosfunktion des Wearables jeden Morgen neu einrichten - was auch deshalb besonders nervig ist, weil ich dann alle Einstellungen neu vornehmen muss.

Ebenfalls Nachbesserungsbedarf gibt es beim Akku. Im GPS-Modus, also bei der Aufzeichnung von Routen etwa beim Laufen oder Radfahren, soll die Energie laut Garmin "bis zu 13 Stunden" lang ausreichen. Das würde bedeuten, dass eine Stunden Joggen etwa 8 Prozent der Akkuleistung beansprucht. In der Praxis bin ich auf deutlich höhere Werte gekommen: Meist waren es um die 12 bis 14 Prozent, manchmal sogar bis zu 22 Prozent. Damit sind maximal 8 Stunden Sport oder sogar noch deutlich weniger möglich.

Die Gründe? Unklar - laut den Foren des Herstellers gab es mit der ersten ausgelieferten Firmware ein technisches Problem, weswegen die Uhr teils sogar im Normalbetrieb nach wenigen Stunden keine Energie mehr hatte. Mit der aktuellen Firmware 2.60 soll das Problem eigentlich behoben sein, Berichte über eine schwache Akkuleistung gibt es aber nach wie vor - sie decken sich ungefähr mit meinen Erfahrungen. Ohne GPS, also im Alltag, soll die Vivoactive 3 bis zu sieben Tage schaffen. Das hat bei meinem Modell zwar nicht ganz geklappt, aber etwas mehr als fünf Tage hat das Wearable durchgehalten - das finde ich sogar noch in Ordnung.

Eine weitere Funktion der Vivosmart 3 ist derzeit übrigens gar nicht nutzbar: Eigentlich soll der Besitzer damit kontaktlos an Kreditkartenterminals bezahlen können. Der Hersteller bewirbt Garmin Pay (das heißt offiziell so) auf seinen Materialien - im Kleingedruckten steht aber dabei, dass es das erst irgendwann später geben soll; auch in den USA steht die Funktion noch nicht zur Verfügung.

Die Vivoactive 3 ist in drei Farbversionen ab 330 Euro erhältlich. Laut Hersteller ist die Sportuhr 11,7 Millimeter dick, der Durchmesser beträgt 43,4 Millimeter. Das Memory-in-Pixel-Display hat eine Größe von 1,2 Zoll und löst mit 240 x 240 Pixeln auf. Es ist die gleiche, immer sichtbare Art von Display wie bei quasi allen Garmin-Sportuhren und -Fitnesstrackern. Bei Sonneneinstrahlung ist es exzellent ablesbar, bei Dunkelheit nur mit aktivierter Hintergrundbeleuchtung.

Garmin gibt die Wasserdichtigkeit mit 5 ATM an - Schwimmen ist damit möglich (dabei wird der Puls übrigens nicht gemessen). Auf dem Gerät kann keine Musik gespeichert und abgespielt werden, allerdings lässt sich damit Musik auf dem Smartphone steuern. Wer mag, kann sich bei aktiver Kopplung die Benachrichtigungen seines Smartphones auf dem Display anzeigen lassen. Unter Android können Nachrichten mit vorgegebenen Antworten beantwortet werden, unter iOS geht das nicht. Über das Portal Garmin Connect können Sportler ziemlich gut gemachte Trainings (etwa Intervalle) auf das Gerät laden. Eine Reihe von externen Geräten wird über Bluetooth und Ant+ unterstützt.

Fazit

Ich finde, dass die Vivoactive 3 derzeit eine der schönsten Sport- und Fitnessuhren ist - oder zumindest eine der am wenigsten hässlichen. Das Wearable sieht ebenso schlicht wie elegant aus, und es trägt sich super komfortabel. Die GPS- und Herzfrequenzdaten wirken alles in allem stimmig, für Freizeit- und Hobbyathleten sind die erfassten Daten präzise und umfangreich genug für die Trainingssteuerung.

Die Freude darüber hat aber zumindest bei mir nicht sehr lange gewährt. Im Alltag stört vor allem das überempfindliche Touch-Display. Bei Aktivitäten muss ich den Bildschirm zwingend sperren, wenn ich zufällige Eingaben und damit Datenchaos vermeiden will - das hatte ich in der Form noch bei keinem anderen Wearable dieser Art. Die Bedienung mit Handschuhen und bei mehreren Kleidungsschichten ist eine sportliche Herausforderung, für die es eigentlich eine eigene App geben müsste.

Ebenfalls ärgerlich ist die zu kurze Akkulaufzeit. Besitzer einer Apple Watch träumen zwar von dem, was die Vivoactive 3 selbst im GPS-Modus schafft - trotzdem, wer im Frühling oder Sommer wieder längere Touren plant, kommt in Schwierigkeiten. Wem unterwegs dann die Energie ausgeht, hat im Normalfall wenig von den immerhin kurzen Ladezeiten. Hoffentlich bessert Garmin noch mit einer aktualisierten Firmware nach.

Dazu kommen weitere Probleme, die hoffentlich behoben werden. Mit entsprechenden Updates könnte die Vivoactive 3 irgendwann eine richtig gute Alternative zu teureren und größeren Konkurrenten sein - falls es bis dahin nicht schon wieder neue Modelle gibt. Beim aktuellen Stand der Dinge sollten Sportler aber lieber einen Bogen um das Gerät laufen, radeln oder schwimmen.  (ps)


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