Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/ideenzug-der-nahverkehr-soll-cool-werden-1711-131066.html    Veröffentlicht: 10.11.2017 11:56    Kurz-URL: https://glm.io/131066

Ideenzug

Der Nahverkehr soll cool werden

Die tägliche Pendelei mit dem Zug soll cool werden: Die Deutsche Bahn hat ein Konzept für den Nahverkehrszug der Zukunft vorgestellt. Der bietet Abteile zum Schlafen, aber auch Videospiele, Fernsehen und Sportgeräte.

So mancher Pendler kennt das: Die Arbeit war antrengend und hat mal wieder länger gedauert. Zu spät dran, um rechzeitig zum Anpfiff des Champions-League-Spiels zu Hause zu sein. In Zukunft soll der Pendler das Spiel unterwegs anschauen können, im Zug.

Ein Public-Viewing-Bereich ist nur eine Möglichkeit, mit der die Deutsche Bahn Pendlern die Fahrt in Nahverkehrszügen unterhaltsamer gestalten will. Eine andere ist ein Abteil mit einer Videospielkonsole oder ein Fitnessstudio. Es sind Prototypen im Ideenzug. Das ist das Modell eines Doppelstockwagens, kurz Dosto, in dem neue Konzepte für den Nahverkehrszug der Zukunft vorgestellt werden. Die Deutsche Bahn hat ihn am 7. November 2017 in der Arena in Nürnberg vorgestellt. Ziel ist, den Nahverkehr für alle möglichen Fahrgäste attraktiver zu machen - vom Pendler bis zur Familie beim Wochenendausflug.

Laut Bahn nutzen täglich knapp fünf Millionen Fahrgäste die knapp 23.000 Nahverkehrszüge. Ihnen sollen Konzepte aus dem Ideenzug die Fahrt angenehmer machen. "Wir wollen erreichen, dass sich unsere Fahrgäste im Zug wohlfühlen und ihre Zeit nutzen, die sie bei uns verbringen, damit sie nicht als verloren angesehen wird", sagt Julian Follner, Projektleiter bei der Südost-Bayern-Bahn, im Gespräch mit Golem.de. Reisezeit sei Nutzzeit, wird fast jeder Redner an diesem Abend sagen.

Was wollen die Fahrgäste?

Was aber wollen die Fahrgäste überhaupt, wenn sie im Zug zur Arbeit oder nach Hause fahren? Einen verlängerten Arbeitsplatz? Ruhe oder lieber Aktion, etwa an der Spielekonsole? Einen frischen Snack oder einen frisch aufgebrühten Cappuccino? Wie wollen sie sitzen?

Das Wohlfühlen fängt schon mit der Bestuhlung an. Viele sitzen ungern entgegen der Fahrtrichtung - und irgendwie ist es ja auch netter, beim Blick aus dem Fenster etwas auf sich zukommen als nach hinten verschwinden zu sehen. Einige Sitzbänke haben deshalb eine klappbare Rückenlehne, sodass die Fährgäste nach Vorliebe nach vorne schauen oder sich einen Vierersitz einrichten können. Andere Sitze sind drehbar und ermöglichen es, sich zum Panoramafenster zu drehen. Sie haben eine Blende rundherum, die zudem den Schall schluckt und ein relativ ungestörtes Betrachten der vorbeiziehenden Landschaft ermöglicht.

Die Türen bekommen Displays

Insgesamt 22 Module hat der Modellzug. Einige sind praktisch und ermöglichen den Fahrgästen eine reibungslose Fahrt. Etwa die Leuchtbänder um die Türen, die vor einem Bahnhof rot oder grün aufleuchten, je nachdem auf welcher Seite sich der Ausstieg befindet. Oder die Displays in den Türen, die den nächsten Halt bekanntgeben und welche Anschlüsse es dort gibt. Bildschirme an den Fenstern geben zusätzliche Informationen über den nächsten Halteort, etwa welche Sehenswürdigkeiten dort besichtigt werden können.

Die in den Türen angebrachten Displays zeigen den Fahrgästen auf dem Bahnsteig an, wohin der Zug fährt und wo er unterwegs hält. Außerdem zeigen sie den Füllstand des Wagens. Ist der sehr voll, können die Fahrgäste auf dem Bahnsteig zum nächsten Wagen gehen, statt sich auf der Suche nach einem Sitzplatz durch den vollen Wagen quetschen zu müssen.

Augmented Windows fehlen

Es fehlen allerdings die Augmented Windows, die in dem Hochgeschwindigkeitstransportmittel Hyperloop die Fenster ersetzen sollen. In ein Zugfenster wird ein Bildschirm integriert, der beispielsweise Informationen über ihren Zielort anzeigt. Die Daten werden in das Fenster eingeblendet. Der Blick nach draußen bleibt. Die Technik wurde zur Vorstellung des Ideenzugs nicht rechtzeitig fertig und soll später eingebaut werden.

Gedacht wurde auch an die Radfahrer, vor allem an die mit einem Pedelec: Das Rad kann platzsparend auf das Hinterrad gestellt werden - und zwar ohne, dass dies mit dem schweren E-Bike zu einer Kraftsportübung ausartet. Das Fahrrad wird in die Halterung eingehakt, die dann mechanisch nach oben fährt. Außerdem bietet der Wagen die Möglichkeit, den Fahrradakku zu laden.

Im Bistro gibt es frische Snacks

Andere Ideen sind verständlich: der Wunsch nach einem Bistro-Bereich etwa, in dem zur Tageszeit passende frische Snacks angeboten werden. Das soll durch Rollcontainer ermöglicht werden, die einfach ausgetauscht werden. "Somit entfällt die aufwendige Pflege im Zug und aufwendiges Befüllen", sagt Follner. Oder direkt daneben der Public-Viewing-Bereich mit einem großen Fernseher für das gemeinsame Fußballschauen.

Dann gibt es aber auch Module, die man in einem Zug eher nicht erwartet.

Sport im Zug

Den Fitnessbereich zum Beispiel. Er besteht aus einem Raum mit zwei Fahrradergometern und einer Yoga-Kabine, die allerdings etwas klein geraten scheint. Die Idee zum rollende Fitness-Studio - ebenso wie für die anderen Module - kommt nicht von Mitarbeitern der Bahn oder Designern.

"Wir haben ein Fitness-Studio verbaut, weil einige Kunden uns das als Idee gegeben haben, dass sie im Zug 20 Minuten Sport treiben wollen", erzählt Follner. Eine Dusche gibt es nicht - duschen wollten die Unterwegs-Radler zu Hause. Die Runde auf dem Fitness-Rad im Zug soll den Besuch im Fitness-Studio ersetzen, damit die Pendler abends mehr Zeit für die Familie haben.

Ein Abteil mit einer Spielekonsole

Ungewöhnlich ist auch das Spieleabteil: Hier können die Fahrgäste sich die Fahrzeit mit Videospielen an einer Konsole vertreiben. Acht Plätze hat das Abteil - und damit alle einen guten Ausblick auf den großen Bildschirm an der Wand haben, sind die Plätze in zwei kleinen Tribünen angeordnet: Die hinteren beiden Plätze sind höher als die vorderen. Eine kleine Barriere aus Plexiglas soll verhindern, dass die oben Sitzenden ihre Vorderleute nicht aus Versehen mit unkoordinierten Fußbewegungen traktieren.

Für diese neuen Angebote hat sich die Bahn auch ein neues Abrechnungsmodell ausgedacht: Der Fahrgast zieht am Automaten ein Papierticket mit einem QR-Code darauf. Der Fahrpreis wird dann beim Schaffner entrichtet, der durch den Zug geht. Wer regelmäßig pendelt, kann sich auch mit einer Chipkarte oder einer Uhr authentifizieren. Dann leuchtet am Sitz ein grünes Licht auf, das dem Schaffner signalisiert, dass er den Fahrschein nicht kontrollieren und den Fahrgast nicht aus dem Feierabend-Schläfchen wecken muss.

Ein gemütlicher Platz für das Nickerchen nach Feierabend

Apropos Schläfchen: Ein Nickerchen - heutzutage als Powernapping bezeichnet - auf dem Heimweg scheint beliebt zu sein. Entsprechend gibt es im Ideenzug auch zwei kleine, übereinander angeordnete Schlafkabinen, in die Reisende sich zurückziehen können: Sie zahlen, schlüpfen hinein und können mit Entspannungsmusik beschallt sanft einschlummern. Schläfer, die versuchten ohne zu bezahlen hineinzuschlüpfen, werden durch eine helle Lampe angestrahlt, sagt Follner. Wem die relativ enge Kabine eher Platzangst als Wohlbefinden bereitet, entspannt vielleicht besser im Massagesessel nebenan.

Wer auf der Fahrt ungestört sein will, kann sich in ein Separée mit einem bequemen Sessel zurückziehen, die My Cabin. Der Fahrgast kann die Tür hinter sich schließen und ohne Hintergrundgeräusche arbeiten oder telefonieren. Selbst Arbeit mit vertraulichen Dokumenten ist möglich: Die Glaswand des Ein-Personen-Abteils kann ähnlich wie die des Fahrstandes des ICE 3 undurchsichtig geschaltet werden.

Die Premiumangebote werden einzeln gebucht

My Cabin, Schlafkabine oder Massagesitz können nach Bedarf hinzugebucht werden. Es gibt bei der Bahn bereits ein Premium-Angebot für die Erste-Klasse-Abteile, auch in den Dostos der Nahverkehrszüge, in denen der Reisende mehr Komfort geboten bekommt. Dafür löst er vor Beginn der Fahrt einen Fahrschein für die erste Klasse und bleibt dort.

Diese strikte Trennung in erste und zweite Klasse soll im Nahverkehrszug der Zukunft aufgehoben werden. "Wir haben in diesem Zug ein neues Vertriebskonzept: Wir haben einen Grundpreis, den wir für die Fahrt selbst buchen. Alle zusätzlichen Services, wie zum Beispiele eine My Cabin, werden als Aufpreis dazugebucht. Man kann das reservieren - über Handy oder an unserem Fahrtkartenautomat im vorderen Bereich des Zugs", erzählt Follner.

Die Ideen für den Zug kamen von denen, die sie nutzen.

Arbeiten und Entspannen

Die Module wurden in Gesprächen mit Fahrgästen entwickelt, die dann in Workshops mit Schere und Papier oder mit Legosteinen gleich Prototypen davon bauen durften. Dabei habe sich beispielsweise gezeigt, dass es großen Bedarf gebe für Möglichkeiten zum ungestörten Arbeiten, aber auch zum Entspannen und Erholen, sagte Matthias Fischer vom Münchener Designstudio Neomind.



Die Konzepte sind übrigens auch nicht alle neu: Lehnen zum bequemeren Stehen gibt es beispielsweise in manchen Bussen. Die Klappsitze ohne Gelenk stammen aus kalifornischen Universitäten. Bänke mit klappbaren Lehnen finden sich in der Messe des Hamburger Museumsschiffes Rickmer Rickmers, das 1896 vom Stapel lief. Die TEE-Züge Rheingold und Rheinpfeil hatten schon in den 1960er-Jahren Wagen mit Panoramafenstern. In vielen ICE-Zügen gibt es Kinderabteile.

Kinder können sich beschäftigen

Neu ist, dass solche Module jetzt in einem Nahverkehrszug verbaut werden sollen. Dort gebe es heutzutage "eine ganz normale Reihenbestuhlung", sagt Follner. Die biete beispielsweise nur wenig Möglichkeit, die Kinder zu beschäftigen. Was unpraktisch ist, denn auch eine Fahrt im Nahverkehrszug kann eine Stunde oder zwei dauern. Wenn die Kinder in dieser Zeit sich an der Kletterwand, am Spielpilz oder an einem Tisch mit einem integrierten Bildschirm beschäftigen, ist die ganze Familie sicher entspannter, wenn sie am Zielort ankommt.

Mit solchen Konzepten wolle die Bahn das Lebensgefühl steigern und für Coolness sorgen, sagte Jörg Sandvoß, Chef von DB Regio, der Regionalverkehrsparte der Deutschen Bahn, bei der Vorstellung des Ideenzugs. Innovativ zu sein bedeute vorauszuschauen, nicht nur umzusetzen, was die Kunden wollten, sondern auch zu überlegen, was sie wollen könnten.

Was ist realistisch?

Dabei könnten auch mal "spinnerte Ideen" herauskommen, sagt Sandvoß. Ob sich die Ideen alle so, wie sie in dem Modellzug präsentiert werden, realisieren lassen, darf denn auch bezweifelt werden. Für die Bierzapfanlage im Bistro etwa wird es wohl kaum eine Jugendschutzfreigabe geben - zumal manche Nahverkehrsunternehmen inzwischen den Alkoholkonsum im Nahverkehrszug verbieten.

<#youtube id="llQqsSuD5Z0"> Auch ein Abteil mit einer Spielekonsole dürfte ohne eine Aufsicht eher schwierig umzusetzen sein. Dabei geht es nicht einmal darum, dass der Bildschirm zerkratzt, die Controller abgerissen oder die Konsole gestohlen wird. Aber eine dauerhafte Nutzung von mehreren Stunden am Tag dürfte schon hohe Ansprüche an die Haltbarkeit von Konsole und Controller stellen.

Die Südost-Bayern-Bahn will einige Module umsetzen

Dass der Ideenzug aber nur ein Modell, ein Gedankenspiel ohne Chancen auf eine Umsetzung ist, das bestreitet die Bahn. Sicher ist: Einen Dosto, so wie er in Nürnberg gezeigt wurde, wird es nicht geben. Einzelne Module hingegen schon: "Wir wollen für die Südost-Bayern-Bahn im nächsten Jahr anfangen, ein Redesign-Konzept zu erarbeiten, um die bestehende Flotte in Teilen damit auszustatten", sagt Follner.

Welche Module das sein, werden, lässt sich noch nicht sagen. Auch werden sie sich wegen Sicherheitsauflagen wohl von den Prototypen unterscheiden. In etwa drei bis vier Jahren, so vermutet Follner, werden die ersten Module im Serienzug verbaut. Welche es sein werden - My Cabin, Familienbereich, Spiele-Abteil, Fitnessbereich oder Schlafkabine? Wir sind gespannt.  (wp)


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