Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/paravan-cloui-ist-ein-flexibles-autonomes-elektroauto-1710-130836.html    Veröffentlicht: 27.10.2017 12:02    Kurz-URL: https://glm.io/130836

Paravan

Cloui ist ein flexibles, autonomes Elektroauto

Elektromobilität und autonomes Fahren sind wichtige Trends in der Automobilindustrie. Das schwäbische Unternehmen Paravan hat mit Cloui eine Fahrzeugplattform entwickelt, die beides kann. Cloui soll in Kürze in Kleinserie gebaut werden - unter aktiver Beteiligung des Käufers.

Pkw? Bus? Transporter? Gesteuert oder autonom? Akku oder Brennstoffzelle? Cloui kann alles. Für das Fahrzeug des schwäbischen Herstellers Paravan lassen sich viele Anwendungen finden. Allerdings muss der Kunde mehr Initiative aufbringen, als sich das Auto am Konfigurator zusammenzustellen.

Denn Cloui ist kein Fahrzeug, bei dem der Kunde sich zwischen verschiedenen Farben der Karosserie oder der Innenausstattung entscheidet. Paravan liefert das Chassis, das Motionboard. Was darauf aufgebaut wird, entscheidet der Käufer.

Das Motionboard ist die Basis des Fahrzeugs: Es ist das Chassis mit dem Antriebsstrang und dem Drive-by-Wire-System. Cloui fährt elektrisch, die beiden Motoren inklusive Leistungselektronik sitzen in den Radnaben der Hinterräder. Der Akku ist im Boden des Fahrzeugs untergebracht. Alternativ kann dieses in Zukunft auch mit einer Brennstoffzelle ausgestattet werden. Außerdem sitzen im Boden diverse Sensoren: sieben Lidar- und drei Ultraschallsensoren. Optional gibt es Kameras und Radar. Das war's.

Das Auto hat keine Lenksäule

Einige der herkömmlichen Bedienelemente fehlen, etwa die Lenksäule. Gesteuert wird Cloui nämlich nicht mehr mit einer mechanischen Lenkung oder Pedalen. Die Impulse für Lenkung, Gas und Bremse werden über Kabel an die Aktoren übertragen. Das ist im Normalfall ein Joystick, kann aber auch ein Lenkrad mit einem Smartphone als Steuerrechner sein. Selbst mit Sprachsteuerung experimentiert das Unternehmen.

Space Drive nennt Paravan das Drive-by-Wire-System. Vorbild ist die Luftfahrt, wo solche elektronischen Systeme schon lange im Einsatz sind. Elektroantrieb, Sensorik und Drive-by-Wire-Technik machen Cloui attraktiv: Das ermöglicht autonomes Fahren.

Paravan baut Prototypen für autonomes Fahren

Viele Automobilhersteller interessierten sich dafür, weil sie für ihre autonomen Autos eine Ansteuerung für Gas, Bremse und Lenkung bräuchten, sagt Alexander Nerz, Marketingchef von Paravan, im Gespräch mit Golem.de. Die Unternehmen ließen sich von Paravan Prototypen für das autonome Fahren bauen. Über 200 Fahrzeuge habe Paravan für das autonome Fahren vorbereitet und ausgestattet. Neuer Partner ist Rheinmetall: Die beiden Unternehmen wollen gemeinsam teil- und vollautonome Fahrzeugplattformen für Rettungskräfte und das humanitäre Einsatzzwecke entwickeln.

Vorteil des Konzepts ist die Sicherheit: Zu dem System gehören drei unabhängige Prozessoren, die sich gegenseitig überwachen und so dafür sorgen, dass es nicht zu Fehlern oder Ausfällen kommt. "Das können wird mit unserem Drive-by-Wire-System Space Drive garantieren, weil wir schon seit vielen Jahren damit auf der Straße zugelassen sind", sagt Nerz.

Entwickelt wurde die Technik aber für einen anderen Zweck.

Paravan baut Autos barrierefrei um

"Wir kommen aus der Behindertenmobilität", sagt Nerz. "Das heißt, wir bauen Fahrzeuge so um, dass schwerstmehrfachbehinderte Menschen wieder Auto fahren können." Daher kommt auch der Name Cloui - er steht für Inklusion, also der Einbeziehung aller Menschen, in dem Fall in die Mobilität.

Je nach Behinderung passt Paravan das Fahrzeug für den Nutzer individuell an. Das kann ein System sein, bei dem ein querschnittsgelähmter Fahrer Gas- und Bremspedal mit den Händen bedient. Das kann aber auch ein System sein, bei dem der Fahrer das Fahrzeug mit einem Joystick steuert.

Der Rollstuhl-Joystick wird zum Auto-Joystick

Der Joystick muss noch nicht einmal am Fahrzeug angebracht sein: Es ist auch möglich, das Fahrzeug mit einer Docking-Station zu versehen, über die der Fahrer seinen Rollstuhl mit dem Fahrzeug koppelt. Er kann dann mit dem Joystick das Auto so steuern, wie er es vom Rollstuhl gewohnt ist.

Das System ist adaptiv. Das bedeutet, es kann in jedes Fahrzeug eingebaut werden. Da bei einem solchen System die Lenksäule wegfällt, bietet es zudem Flexibilität bei der Gestaltung des Fahrzeuginnenraums. Eine Umstellung von Fahrzeugen von Rechts- auf Linksverkehr ist einfacher. Ein Auto ohne Lenksäule bietet zudem mehr Sicherheit: Bei einem Frontalaufprall kann sich die Lenksäule in die Fahrgastzelle schieben und den Fahrer verletzen.

Space Drive hat eine Straßenzulassung

Space Drive ist laut Paravan das erste Drive-by-Wire-System mit einer Straßenzulassung. "Über 6.000 Systeme sind weltweit aktiv", sagt Nerz. Die Fahrleistung liege bei mehr als 500 Millionen km.

Eine elektronische Steuerung von Gas, Bremse und Lenkung ermöglicht aber nicht nur einen behindertengerechten Umbau von Autos. Sie ist auch die Voraussetzung für autonomes Fahren - und bereits im Einsatz.

Ein Chassis, viele Fahrzeuge

Bei Olli zum Beispiel: Das ist ein fahrerloser Kleinbus mit Elektroantrieb, den das US-Unternehmen Local Motors entwickelt hat. Das Konzept sieht vor, dass der Fahrgast den Bus per Smartphone ruft. Beim Einsteigen sagt er sein Ziel an, und der Bus fährt ihn autonom dort hin.

Olli war bereits in mehreren Feldtests im Einsatz, in den USA beispielsweise in einem Vorort der US-Hauptstadt Washington und in Las Vegas. Auch in Deutschland gab es ein Projekt mit Olli: Er fuhr auf dem Euref-Campus in Berlin-Schöneberg.

Cloui ist flexibler als Olli

Olli hat aber noch einen Nachteil: "So wie er da steht, muss man ihn nutzen", sagt Nerz. Der nächste Schritt war deshalb, das System flexibler zu gestalten. Die Idee: "Paravan liefert die Basis, und der Kunde entscheidet, welches Fahrzeug er darauf aufbauen möchte."

Herausgekommen ist das Motionboard. Es kann je nach Anforderung mit unterschiedlicher Breite und Länge gefertigt werden. Es verfügt über ein Luftfahrwerk, das es ermöglicht, das Fahrzeug für einen barrierefreien Einstieg abzusenken. Auf dieses Chassis können dann unterschiedliche Fahrzeugtypen gesetzt werden. Form und Aussehen von Karosserie und Innenraum bleiben der Entscheidung des Käufers überlassen.

Cloui kann ein Pkw sein ...

Das kann ein normaler Pkw für einen Rollstuhlfahrer sein, der relativ wenig Möglichkeiten zum automatisierten Fahren bietet. Mit Hilfe der Assistenzsysteme kann das Motionboard aber auch zu einem Taxi ausgebaut werden, das von einem behinderten Fahrer gesteuert wird.

Eine andere Variante ist ein sogenannter People Mover, also ein Kleinbus à la Olli. Darin sollen neun Insassen Platz finden. Der Kleinbus kann manuell, hoch- oder vollautomatisiert fahren - dann muss ein Fahrer an Bord sein, der in einem Notfall die Kontrolle übernehmen kann. Der Kleinbus kann aber auch für das vollständig fahrerlose Fahren ausgestattet werden. Ein solcher Kleinbus könnte beispielsweise Pendler vom Park-and-Ride-Parkplatz zum Bahnhof bringen oder über weitläufige Gelände befördern, etwa auf einer Messe, in einem Freizeitpark oder auf einem Flughafen von einem Terminal zum anderen.

... oder Lasten transportieren

Cloui muss aber nicht unbedingt Menschen befördern. Auch ein Transporter ist denkbar. Das Fahrzeug könnte auf Betriebsgeländen, Häfen oder Flughäfen fahrerlos Güter oder Gepäck transportieren.

Autonomes Fahren wollen viele Autohersteller, einige habe auch schon Ideen, wie das autonome Auto der Zukunft aussehen könnte. Doch während das lediglich Konzepte sind, ist Paravan schon einen großen Schritt weiter: Ende des Jahres soll Cloui vom TÜV abgenommen sein. Ab kommendem Jahr will das Unternehmen aus Pfronstetten-Aichelau auf der schwäbischen Alb die Plattform in Kleinserien produzieren.

"Wir haben auch die ersten Kundenanfragen, zum Beispiel von größeren Logistikunternehmen, die an dem Thema sehr interessiert sind", sagt Nerz. Wir sind gespannt, in welchen Gestalten uns Cloui wo begegnen wird.  (wp)


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