Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/micropayment-eine-erweiterung-sie-alle-zu-flattern-1710-130786.html    Veröffentlicht: 24.10.2017 14:27    Kurz-URL: https://glm.io/130786

Micropayment

Eine Erweiterung, sie alle zu flattern

Dieses Konzept könnte sogar dem Axel-Springer-Verlag gefallen: Das neue Flattr-Addon vom Adblocker-Anbieter Eyeo will Webseiten eine neue Einnahmequelle verschaffen. Doch Nutzer müssen einige Nachteile in Kauf nehmen.

Gut anderthalb Jahre nach der ersten Ankündung hat der Kölner Adblock-Plus-Anbieter Eyeo sein neues Bezahlsystem für Internetseiten auf den Markt gebracht. Das neue Konzept des Micropayment-Dienstes Flattr ermöglicht es den Nutzern, ohne jeden Klick die von ihnen besuchten Medien, Blogs oder Social-Media-Profile zu unterstützen. Eine Browsererweiterung misst dazu die tatsächliche Interaktion mit den besuchten Seiten. Die beteiligten Inhalteanbieter erhalten später ihren Anteil an dem vom Nutzer bestimmten monatlichen Betrag.

Flattr-Gründer Peter Sunde hatte das Konzept im Mai 2016 auf der Republica vorgestellt. Im April 2017 hatte Eyeo den schwächelnden Bezahldienst dann übernommen.

Pornoseiten nicht dabei

Der 2010 gegründete Dienst Flattr hat die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erfüllt. Nach einem anfänglichen Hype stagnierten die Benutzerzahlen. Für Medien sind die Einnahmen durch Flattr inzwischen nicht mehr relevant. Das neue Konzept soll zwei Nachteile des alten Dienstes beseitigen: Nutzer müssen nun nicht mehr einzelne Inhalte "flattern", das heißt per Mausklick für eine Honorierung auswählen. Inhalteanbieter wiederum müssen nicht mehr entsprechende Buttons in ihre Seiten einbauen. Ihre einzige Aufgabe besteht darin, sich für den Bezahldienst anzumelden und ihre Bankverbindung anzugeben.

Den Rest erledigen die bislang nur für die Desktopversionen von Firefox und Chrome verfügbare Browsererweiterung sowie die Server von Flattr. Das Addon misst die Interaktion der Nutzer mit bestimmten Webseiten, die von Flattr für eine Honorierung ausgewählt wurden. Nicht dazu gehören standardmäßig Dienste wie Onlinebanking, Pornoseiten oder Waffenverkäufe im Internet. Unterstützt werden jedoch nicht nur kommerzielle Medien. Selbst einzelne Nutzerprofile auf Plattformen wie Twitter, Flickr, Youtube oder Wordpress können angemeldet werden.

Zahlung nur per Kreditkarte möglich

Blogger mit eigenen Domains können sich wie bisher ebenfalls anmelden. Zur Verifikation werden die Betreiber aufgefordert, ein Meta-Tag in ihre Website einzubauen, sagte Entwickler und Flattr-Chef Linus Olsson im Gespräch mit Golem.de. Facebook- und Instagram-Accounts können hingegen nicht geflattert werden. Während dies bei Instagram an der restriktiven API-Politik liegt, hat das bei Facebook andere Gründe. Da Nutzer dort viele Inhalte teilen könnten, würden nicht die eigentlichen Urheber davon profitieren, sagte Firmensprecherin Laura Dornheim auf Anfrage von Golem.de.

Nutzer müssen hingegen einige Nachteile in Kauf nehmen: So ist bislang nur eine Zahlung per Kreditkarte in US-Dollar möglich. Zudem werden zahlreiche Browserdaten an Flattr übermittelt, auch wenn die meisten Daten lokal auf dem Rechner gespeichert werden sollen. Die Erweiterung berechnet anhand der Nutzeraktion, ob eine Startseite oder ein einzelner Artikel geflattert wird. Letzteres ist beispielsweise nicht der Fall, wenn er nur in einem neuen Tab geöffnet, aber nicht gelesen wurde.

Noch keine Verknüpfung mit Adblock Plus

Reicht die Verweildauer auf einer Seite aus oder wird ein Artikel bis zum Ende durchgescrollt, kann er durch das Addon geflattert werden. Einmal täglich werden dann die entsprechenden Daten hochgeladen und am Monatsende ausgewertet. Die Verlage und Blogger erhalten dann nicht nur das Geld, sondern auch eine detaillierte Übersicht über die geflatterten Inhalte. Eyeo erhält damit zwar keine vollständige Browserhistory frei Haus geliefert, jedoch eine detailliertes Nutzungsprofil für alle von Flattr gelisteten Seiten.

Neben der Eingabe der Kreditkartendaten dürfte dies für viele Nutzer ein Grund sein, auf eine Registrierung zu verzichten. Zumindest im Inkognito-Modus des Browers werden keine Daten hochgeladen. Allerdings wird dann auch nicht geflattert. Der Bezahlvorgang selbst wird über den französischen Anbieter Mangopay abgewickelt, eine Tochterfirma der Crowdfunding- und Spendenplattform Leetchi. Die Zahlungen der Nutzer landen daher zu keinem Zeitpunkt bei Eyeo, sondern werden über virtuelle Konten direkt zu den Inhalteanbietern weitergeleitet. Es gebe zwar Gespräche mit anderen Zahlungsanbietern, doch eine Einbindung von Paypal sei vom Konzept her nicht möglich, sagte Dornheim.

Eyeo behält 7,5 Prozent

Eine direkte Verknüpfung zwischen Adblock Plus und der Flattr-Erweiterung soll es vorerst nicht geben. Vorstellbar sei jedoch, dass Adblock-Plus-Nutzer künftig auf den Bezahldienst hingewiesen werden, wenn sie häufig eine Seite nutzen, die sich flattern lässt. Verlage könnten wiederum Flattr-Nutzer erkennen und ihnen bestimmte Inhalte zugänglich machen, die sonst hinter einer Bezahlschranke versteckt sind.

Ob das neue Flattr-Konzept erfolgreicher als das alte sein wird, lässt sich schwer einschätzen. Das Unternehmen rechnet offiziell mit 100.000 Nutzern im ersten Jahr. Wenn jeder davon fünf Dollar im Monat einzahlt, ergibt dies jährliche Einnahmen von sechs Millionen Dollar. Eine sehr geringe Summe, um die Einnahmeausfälle durch Werbeblocker auch nur annähernd auszugleichen. Eyeo selbst behält 7,5 Prozent des Umsatzes.

Allerdings bietet das Konzept auch Vorteile, die bislang kein anderer Bezahldienst besitzt. So können Nutzer ohne großen Aufwand viele Angebote gleichzeitig unterstützen. Darüber hinaus können sie gezielt solche Medien und Dienste abwählen, die sie zwar nutzen, aber schon auf andere Weise unterstützen oder gar nicht unterstützen möchten. Mit einem zusätzlichen Bezahlsystem und einem höheren Datenschutz könnte die Akzeptanz vermutlich deutlich gesteigert werden. Es mag zwar für die Medien praktisch sein, eine detaillierte Flattr-Nutzung zu erhalten. Doch das nützt ihnen wenig, wenn die Nutzer aus Gründen der Privatsphäre dann erst gar nicht flattern.  (fg)


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