Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/netzneutralitaet-warum-die-telekom-mit-stream-on-noch-scheitern-koennte-1710-130655.html    Veröffentlicht: 18.10.2017 09:01    Kurz-URL: https://glm.io/130655

Netzneutralität

Warum die Telekom mit Stream On noch scheitern könnte

Die Bundesnetzagentur hat das Zero Rating der Deutschen Telekom prinzipiell erlaubt. Doch die Auflagen für Stream On sind alles andere als triviale Details. Auch Vodafone könnte Probleme bekommen.

Der Aufschrei unter Netzaktivisten war groß, als die Bundesnetzagentur in der vergangenen Woche den Stream-On-Tarif der Deutschen Telekom prinzipiell genehmigt hat. Die Genehmigung sei ein "schwerer Schlag gegen die Netzneutralität", hieß es auf Netzpolitik.org. Abgesehen davon, dass die Bonner Regulierungsbehörde auf Basis der Berec-Richtlinien kaum anders entscheiden konnte, sind die bislang bekanntgewordenen Auflagen in ihrer Kombination von einer Qualität, die das Geschäftsmodell von sogenannten Zero-Rating-Angeboten stark erschweren könnten. Die kostenlose Datendurchleitung für die Kunden könnte für die Provider selbst zum großen Kostenfaktor werden. Und eine Abschaffung von Stream On zum großen Ärgernis für die Kunden.

So hat die Bundesnetzagentur der Deutschen Telekom untersagt, in ihrem Tarif L die Datenübertragungsrate beim Videostreaming zu reduzieren. Zudem muss das Angebot nicht nur in Deutschland, sondern in der gesamten EU zur Verfügung stehen. Damit kann der Datentraffic der Stream-On-Nutzer zum einen deutlich größer werden als von der Telekom kalkuliert, zum anderen darf die Telekom im Ausland diesen größeren Traffic nun nicht mehr auf Kosten des Nutzers abrechnen und müsste ihn selbst bezahlen.

Vodafone hat ähnliches Konzept

Das gilt auch für das Konkurrenzangebot von Vodafone, den Vodafone Pass. In den entsprechenden FAQ heißt es bislang: "Der Vodafone Pass gilt nur für die Nutzung in Deutschland. Wenn Sie im Ausland die Partner-Apps nutzen, verbrauchen Sie ganz normal das Datenvolumen Ihres Tarifs."

Kein Wunder, dass die Telekom ankündigte, den Bescheid der Bundesnetzagentur genau zu prüfen. Bis Ende dieser Woche muss sie darauf reagieren. Da die Regulierungsbehörde ihre Entscheidung nicht veröffentlicht hat, ist nicht ganz klar, auf welcher Grundlage sie argumentiert. Die Telekom wollte auf Nachfrage von Golem.de ebenfalls keine Details nennen. Vermutlich beruft sich die Bundesnetzagentur auf Artikel 3 der EU-Verordnung zum digitalen Binnenmarkt. Demnach dürfen Verkehrsmanagementmaßnahmen "nicht auf kommerziellen Erwägungen, sondern auf objektiv unterschiedlichen technischen Anforderungen an die Dienstqualität bestimmter Datenverkehrskategorien beruhen".

Dass hinter der Drosselung beim Tarif L nur kommerzielle Gründe stecken, ist offensichtlich. Schließlich wird bei der teureren Option Music & Video Max ein Streaming in HD-Qualität angeboten. Auch beim Zero Rating gilt daher der Grundsatz der Netzneutralität, wonach gleicher Traffic nicht unterschiedlich behandelt werden darf.

HD-Video kostet Provider richtig Geld

Mit den höheren Übertragungsraten in HD-Qualität wird sich für die Telekom der Traffic im Mobilfunknetz entsprechend erhöhen. Netflix empfiehlt beispielsweise fünf MBit/s für Videos in HD-Qualität. Das wäre dreimal so viel wie bei der DVD-Qualität (1,7 Mbit/s), die bislang im Tarif L ausgeliefert wird. Wenn die Nutzer im Urlaub intensiv Videos streamen, wird das für Telekom und Vodafone richtig teuer.

Ein 90-minütiger Film in HD-Qualität benötigt bei fünf MBit/s ein Datenvolumen von 3,375 GByte. Bei einem Großhandelstarif von derzeit 7,70 Euro pro Gigabyte würde das einen Provider 26 Euro kosten. Da wäre es billiger, den Kunden im Urlaub Kinogutscheine zu spendieren.

Wegfall bedeutet kein Recht auf Sonderkündigung

Da der Verstoß gegen die Netzneutralität bei der Videoreduzierung so offensichtlich ist, könnte die Telekom schon damit gerechnet haben, die Datenrate nach Intervention der Bundesnetzagentur wieder erhöhen zu müssen. Vodafone ist von Anfang an vorsichtiger gewesen und schreibt in seinen FAQ lediglich: "Wir behalten uns aber vor, in Zukunft zur Optimierung des Verkehrsflusses und des Nutzungserlebnisses eine Komprimierung von Videostreaminginhalten auf eine Übertragungsqualität von 480p einzuführen." Diese Option dürfte nun entfallen sein. Eine entsprechende Anfrage von Golem.de hat Vodafone bislang nicht beantwortet.

Ob die Anbieter unter den gegenwärtigen Bedingungen tatsächlich das Zero-Rating aufrechterhalten können, ist daher alles andere als sicher. Dies dürfte auch davon abhängen, wie hoch die Kosten durch das Videostreaming im Ausland tatsächlich ausfallen werden. Die Telekom wird sicher nicht lange dabei zusehen, von den reisefreudigen Deutschen im Urlaub ins Minus gestreamt zu werden. Bei den vielen schlechten Hotel-WLANs wäre eine intensive Nutzung von Mobilfunk durchaus nachvollziehbar.

Wenn es dem Unternehmen nicht gelingt, die Entscheidung der Bundesnetzagentur erfolgreich vor Gericht anzufechten, könnte mit Stream On daher bald Schluss sein. Für die Kunden, die deswegen eigens den teureren Tarif genommen haben, wäre das sehr ärgerlich. Denn ein Wegfall der Option bedeute kein Recht auf Sonderkündigung, hatte die Telekom ihren Nutzern auf Anfrage erklärt. Der Imageschaden für die Telekom im besonderen und für Zero-Rating-Angebote im allgemeinen wäre beträchtlich.

Kein Zero-Rating trotz Kuhhandel?

Es wäre auch eine Ironie des Geschichte, wenn ausgerechnet das kostenlose EU-Roaming das Zero-Rating unmöglich machte. Schließlich wurden die Vorgaben zur Netzneutralität auch deswegen so schwammig formuliert, um die Provider zur vollständigen Abschaffung des Roamings zu bewegen.

Doch nun stehen die Provider vor dem Dilemma: Je erfolgreicher das Angebot ist und umso mehr Inhaltepartner und Kunden es nutzen, desto eher könnte es für sie selbst zur Kostenfalle im Ausland werden. Die Verfechter der Netzneutralität könnte man daher im nächsten Urlaub daran erkennen, dass sie ein zweites Smartphone mit Multi-SIM-Karte dabei haben und Youtube im Autoplay-Modus laufen lassen. So absurd kann der digitale Binnenmarkt in Europa inzwischen sein.

Nachtrag vom 18. Oktober 2017, 10:08 Uhr

Vodafone teilte am Mittwoch auf Anfrage von Golem.de mit: "Wir gehen davon aus, dass die Bundesnetzagentur die Prüfung des Vodafone Pass in den kommenden Wochen abschließen und uns die Ergebnisse mitteilen wird. An Spekulationen vorab werden wir uns nicht beteiligen."  (fg)


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