Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/elex-im-test-schroffe-schale-und-postapokalyptischer-kern-1710-130640.html    Veröffentlicht: 16.10.2017 18:04    Kurz-URL: https://glm.io/130640

Elex im Test

Schroffe Schale und postapokalyptischer Kern

Hightech, Kampfroboter und ein Jetpack - aber trotz dieser Zutaten steht das Rollenspiel Elex von Piranha Bytes ganz in der Tradition von Fantasy-Spektakeln wie Gothic und Risen. Die offene Welt kann begeistern, Kampfsystem und Steuerung nicht.

Ein Verrat und ein Schuss reichen aus - und schon schwebt der Held von Elex nicht mehr fernab von allen echten Schwierigkeiten über dem Erdboden. Stattdessen steckt die Hauptfigur im neuen Rollenspiel des Entwicklerstudios Piranha Bytes knietief im Schlamassel. Um das mal ganz konkret zu erklären: In Elex steuern wir einen Haudegen namens Jax, der bis kurz nach dem Intro zur Fraktion der Albs gehört. Das sind hochgerüstete Superkrieger, die in Gleitern über die Welt Magalan sausen und so unter anderem die Grenzen ihres Territoriums überwachen.

In Intro des Rollenspiels überleben wir knapp und landen als schlecht ausgerüsteter Einzelkämpfer mit einer Eisenstange im Inventar inmitten einer riesigen Welt. Natürlich ist es dann unsere Aufgabe, wieder zu Ansehen und Macht zu kommen - und den Verräter zu stellen. Bis es soweit ist, müssen wir neue Verbündete finden, an Waffen und sonstige Ausrüstung sowie an Erfahrungspunkte kommen und hunderte größtenteils aufwendige Missionen bewältigen.

Die betont raubeinige Stimmung und viele spielerische Details erinnern an Gothic und Risen von Piranha Bytes. Einen großen Unterschied gibt es aber im Hinblick auf die Welt: Wir sind diesmal nicht in einem mehr oder weniger klassischen Fantasy-Szenario unterwegs, sondern in einer postapokalyptischen Welt. Die hat früher mal an unsere Erde erinnert, aber irgendwann hat ein Kometentreffer alles verändert.

Abenteuer in der alten Welt

Jax ist lange nach der Apokalypse unterwegs - ab und an erinnern zerstörte Autos und kurze Autobahnabschnitte an die mutmaßlich gute, alte Zeit früher. Der Komet hatte Nebenwirkungen: Er bestand aus dem Material Elex, das Menschen und Maschinen, Waffen und Roboter von Grund auf verändert hat. Was es damit genau auf sich hat, finden wir als Jax erst im Verlauf der Kampagne heraus. Auf schnelle Antworten können wir dabei nicht hoffen: Auch in der einfachsten der vier Schwierigkeitsstufen müssen wir mit einer Spielzeit von irgendwas zwischen 60 und 100 Stunden rechnen - eher mehr.

Wie wir hinter all die Geheimnisse kommen, bleibt uns weitgehend selbst überlassen. Zwar gibt es im Journal immer einen Reiter, der uns den Weg zum nächsten Kampagneneinsatz weist, wir können uns aber auch auf eigene Faust um Aufträge kümmern und uns frei in der Welt bewegen. Dabei gibt es keine echten Hindernisse: Selbst eine riesige Felswand, die das Reich der dezent an Fantasyritter erinnernden Berserker von den freiheitsliebenden Outlaws in einer an Mad Max erinnernden Wüste trennt, überwinden wir problemlos mit unserem Jetpack.

Die am Rücken festgeschnallte Schubdüse ist übrigens einer der auffälligsten Hinweise darauf, dass wir es mit einem anderen Szenario als in Gothic und Risen zu tun haben - wir hatten das nämlich immer wieder gerne verdrängt, weil so vieles von Elex an die früheren Spiele erinnert. So führen wir teils ausufernde (und abbrechbar) Gespräche mit anderen Figuren, bei denen es sich so gut wie immer um auffallend raubeinige und schroffe, im Herzen dann aber doch oft zuvorkommende Figuren handelt, von denen wir einige mit der Zeit fast lieb gewinnen - typisch Piranha Bytes.

Wir können uns im Spieleverlauf einer von drei Fraktionen anschließend, was natürlich Vorteile wie besonders gute Ausrüstung oder besonderen Zugriff auf von dem Kometenmaterial beflügelte Magie erlaubt. Man kann im Grunde spotten, dass Elex sich trotz frischer Ansätze fast genauso anfühlt wie die Vorgänger - aber uns hat der vertraute, von Grund auf sympathische Rahmen erneut gefallen.

Riesige Welt und fieses Kampfsystem

Neben der interessanten Welt sind die Missionen die eigentliche Stärke von Elex. Schon ein paar Stunden nach dem Einstieg haben wir fast nebenbei bereits ein gutes Dutzend an Quests absolviert - und um dreißig im Journal. Natürlich gibt es kleine Transport- und Botenjobs. Aber eben auch sehr viele komplexe und vielschichte Aufträge, die uns tief hinter die Geheimnisse der Welt blicken lassen.

So sollen wir Zeugen in Mordfällen befragen, um hinter den Täter zu kommen, ein Netz an Spionen aufbauen, die Geheimnisse der Albs aufklären und sehr viel mehr. Oft müssen wir im Missionsverlauf eigene, teils ganz schön schwierige Entscheidungen treffen - retten wir einen Verbündeten und nehmen das Scheitern des Auftrags in Kauf oder lassen wir ihn für das große Ganze notfalls auch vom Feind zu Tode foltern? Auch wenn das natürlich alles virtuell ist, mussten wir doch mehr als einmal im Handlungsverlauf schlucken.

Ein Problem bei den Missionen: Um sie zu absolvieren, müssen wir natürlich ziemlich oft mit Waffen wie dem Schwert oder einer Axt, aber auch mit Bögen oder schweren Kanonen kämpfen. Blöderweise macht das nicht so richtig Spaß, denn weder fühlen sich Treffer oder gar Siege besonders befriedigend an, noch laufen sie problemlos ab. In Nahkämpfen etwa müssen wir einen möglichst richtigen Rhythmus aus langsamen und schnellen Treffern landen, um eine besonders effektive Kombo mit vielen Schadenspunkte zu landen.

Sperriges Kampfsystem

So richtig nachvollziehbar ist es nicht, wie das funktioniert, sodass wir letztlich oft mehr auf Glück statt auf Können angewiesen sind. Das ist vor allem anfangs störend - später richten wir dann so oder so bei vielen der Standardgegner am Wegesrand genug Schaden an. Wie in allen Titeln von Piranha Bytes steigt deren Erfahrungslevel übrigens nicht mit unserem an, sondern bleibt fest voreingestellt.

Das Kampfsystem hat noch ein paar mehr Probleme - so macht die Zielaufschaltung bei mehreren Gegnern eigentlich nie das, was wir gerne hätten. Und oft ist es völlig unklar, ob ein Gegner einfach viel zu stark war oder ob er mit einem Angriff einfach Glück hatte. Die Ladezeiten nach dem Ableben hängen dann natürlich von der Hardware ab, aber zumindest auf Konsole sind sie uns mit rund einer halben Minute auf Dauer ganz schön auf die Nerven gegangen.

Piranha Byte hat Elex für Windows-PC sowie für die Playstation 4 und die Xbox One entwickelt. Die PC-Version sieht mit Abstand am besten aus - was vor allem an den feiner aufgelösten Texturen liegt. Aber auch mit den optimalen Einstellungen wirkt die Grafik über weite Strecken altbacken, allerdings gibt es immer wieder sehenswerte Sonnenuntergänge, Lichteffekte oder Panoramen an steilen Felsabhängen und dann auch eine gute Fernsicht. Die PC-Systemanforderungen sind relativ moderat.

Minimum-Systemanforderungen:


Empfohlene Systemanforderungen:


Steuerung, Verfügbarkeit und Fazit

Die Steuerung am PC folgt den gewohnten Standards und ist gelungen, aber auch auf den Konsolen sind wir vom Start weg sehr gut mit der Bedienung klargekommen. Anders als manch anderes, früher von Piranha Bytes veröffentlichte Rollenspiel ist Elex angenehm bugfrei. Unsere PS4-Version ist zwar relativ konstant einmal am Tag abgestürzt. Aber das war es dann auch schon an Ärgernissen - und selbst damit konnten wir leben, da sich der Spielstand sowohl auf PC wie auf den Konsolen jederzeit sichern lässt und das angesichts der Unwägbarkeiten beim Kampfsystem, die wir hier mal nicht als klassischen Bug führen, auch dringend empfiehlt.

Elex erscheint am 17. Oktober 2017 für Windows-PC (45 Euro) sowie für Xbox One und Playstation 4 (60 Euro). Das Spiel verfügt über keinerlei Onlinemodi. Die deutsche Sprachausgabe ist sehr aufwendig, Untertitel lassen sich einblenden. Die PC-Version gibt es bei Steam, sowie DRM-frei auf Gog.com. Auf der PS4 Pro gibt es keine besonderen technischen Vorteile bei Auflösung oder Grafikqualität - auf der Xbox One X dann vermutlich auch nicht. Von der USK hat das Programm eine Freigabe ab 12 Jahren bekommen.



Elex hat das große Glück, dass gerade kein neues The Elder Scrolls, Dragon Age oder Fallout in Sichtweite ist. Gegen derartige Großproduktionen dürfte das Rollenspiel von Piranha Bytes nämlich ziemlich alt aussehen. Damit ist nicht nur die teils hübsche, teils angestaubte Grafik gemeint, sondern auch das Spielgefühl: Elex wirkt wie aus einer anderen Zeit.

Das ist nicht unbedingt so negativ gemeint, wie es klingt. Mit seinen derben Figuren, der Handlung rund um die drei Fraktionen und der düsteren Atmosphäre spielt sich Elex trotz herumstehender Autos, Strommasten und Kampfroboter vom ersten Moment an wie ein weiteres Mitglied der Gothic- und Risen-Familie.

Die mit Abstand größte Stärke des Titels ist die ebenso lebendige wie offene Welt mit ihren Hunderten von Missionen, Geheimnissen und Abenteuern. Es macht Spaß, die unterschiedlichen Fraktionen kennenzulernen, Siedlungen und neue Abschnitte zu erkunden. Dabei geht es relativ gemächlich zur Sache. Allein schon wegen der zum Teil sehr langen, gut gemachten Dialoge fühlt sich Elex eher wie ein klassisches Rollenspiel an, weniger wie ein hektischer Actionklopper.

Probleme gibt's allerdings beim gewöhnungsbedürftigen Kampfsystem, den unkomfortablen Menüs sowie bei der generell hakeligen und unangenehmen Steuerung. Selten hat etwa das Fliegen und Springen mit einem Jetpack so undynamisch gewirkt und entsprechend wenig Spaß gemacht wie hier.

Fans von Piranha Bytes lassen sich davon natürlich nicht ernsthaft stören. Sie bekommen mit Elex die Möglichkeit, viele Stunden in einer gleichermaßen sperrigen wie schönen Welt zu verbringen.  (ps)


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