Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/projektor-leitsysteme-in-japan-immer-den-blinkenden-pfeilen-nach-1710-130574.html    Veröffentlicht: 12.10.2017 10:59    Kurz-URL: https://glm.io/130574

Projektor-Leitsysteme in Japan

Immer den blinkenden Pfeilen nach

Sich in Japan zurechtzufinden, ist nicht nur für Besucher schwierig. Mitsubishi Electric hat ein Beamer-System entworfen, das Wege anzeigen und vielseitig einsetzbar sein soll - unter anderem auch bei Fahrstühlen. Wir haben uns in Tokio angeschaut, wie das funktionieren kann.

Wer einmal im Herzen des Bahnhofs von Shinjuku gestanden hat, weiß, dass die Orientierung in Tokio mühsam sein kann. Gerade in den großen Bahnhöfen der japanischen Hauptstadt ist es schwierig, den richtigen Weg zu finden - auch für Einheimische und Besucher, die der japanischen Sprache mächtig sind. Zu viele Linien kreuzen sich an den Bahnhöfen - für die mitunter noch unterschiedliche Fahrkarten gekauft werden müssen -, zu viele Aus- und Eingänge gibt es.

Auch in Gebäuden ist die Orientierung mitunter schwierig: Oft sind sowohl Wohn- als auch Geschäftsbereiche im gleichen Gebäude untergebracht, im Keller befindet sich zudem manchmal noch eine komplette Bahnstation. Wer auf Hilfsmittel wie einen Fahrstuhl angewiesen ist, muss meist noch länger suchen. Mitsubishi Electric will diese Orientierungslosigkeit bekämpfen: Anstelle fixer Leitlinien soll ein System aus Beamern die Menschenmassen leiten und dabei variable Informationen anzeigen können.


Das System will der japanische Hersteller in verschiedenen Formen einsetzen, unter anderem auch als Unterstützung bei der Nutzung von Fahrstühlen und bei Autos. Zum Besucheransturm während der kommenden Olympischen Spiele 2020 in Tokio hofft Mitsubishi Electric, das System erstmals großflächig einsetzen zu können.

Beamer projiziert Anweisungen auf den Boden

Die Grundidee ist einfach: Ein unauffällig positionierter, starker Beamer projiziert verschiedene Informationen auf den Boden, die auch Animationen wie blinkende Pfeile enthalten können. Diese Infos helfen Besuchern bei der Orientierung und können der jeweiligen Situation angepasst werden. Die Beamer können entweder fest verbaut sein, Mitsubishi Electric bietet aber auch mobile Beamer an. Einen derartigen Projektor hat der Hersteller unter anderem an seinem Messestand auf der Ceatec 2017 gezeigt und auch in seinem Forschungs- und Entwicklungszentrum in Ofuna bei Tokio im Einsatz.

Auf den ersten Blick ist dieser mobile Beamer nicht als solcher zu erkennen - die Box ist ungefähr 80 Zentimeter hoch. Auch die fest verbauten Projektoren sind nicht direkt zu erkennen: In seinem Showroom Metoa in Ginza hat Mitsubishi Electric einen solchen Beamer unauffällig in anderen Möbelstücken verbaut. Diese leiten die ankommenden Besucher zum Fahrstuhl, dessen Position auf den ersten Blick nicht ersichtlich ist.

Informationen können der jeweiligen Situation angepasst werden

Der Vorteil von projizierten Weganweisungen liegt auf der Hand: Neben einer besseren Sichtbarkeit können die Anweisungen je nach Situation auch geändert werden. Dies kann bei Massenveranstaltungen hilfreich sein, wenn sich viele Menschen geballt an einem Ort befinden. Ein variables System kann die Massen besser verteilen und so Ansammlungen verhindern. Besonders in Japan ebenfalls ein sehr realistisches Szenario ist auch der Katastrophenschutz: Im Falle eines Erdbebens oder Taifuns könnte ein derartiges Leitsystem zentral gesteuert vom normalen Betrieb auf die jeweilige Katastrophensituation umschalten und so beispielsweise Schutzräume und andere Mitteilungen anzeigen.

Hilfe auch bei Nutzung von Aufzügen

Mitsubishi Electric will die Beamer auch bei Fahrstühlen einsetzen: So soll Nutzern beispielsweise der Weg zum richtigen Fahrstuhl angezeigt werden. Hintergrund ist die von Mitsubishi Electric vertriebene Fahrstuhlsteuerung, bei der Nutzer im Vorfeld die gewünschte Etage eingeben. Die zentrale Steuerung wählt dann denjenigen Fahrstuhl aus, der aktuell die Besucher am effizientesten in die gewünschten Stockwerke transportiert. Ein derartiges System hat der Hersteller unter anderem schon in seiner Firmenzentrale unweit des Hauptbahnhofs Tokio im Einsatz.

Im Showroom werden mit Hilfe herkömmlicher Projektoren außerdem auch verschiedene Motive auf die Türen projiziert, beispielsweise Werke zeitgenössischer japanischer Künstler. Dabei sind die Beamer in der Decke vor den Türen des Lifts eingebaut. Im Entwicklungszentrum in Ofuna zeigt der Hersteller auch praxisbezogenere Einsatzgebiete: So können die Projektionen beispielsweise Nutzern von Rollstühlen helfen, einfacher den Fahrstuhl zu verlassen.

Projektion schafft Freiraum vor dem Fahrstuhl

Die Idee ist, dass mit der Projektion ein Freiraum vor dem Fahrstuhl geschaffen wird. Dank diesem muss sich der Rollstuhlfahrer nicht erst durch eine Menschentraube drängen, wenn viele Leute zusteigen wollen. Der Fahrstuhl erkennt, dass ein Rollstuhlfahrer an Bord ist. Bevor die Fahrstuhlkabine die Etage erreicht, in der der Rollstuhlfahrer aussteigen will, wird an der Außenseite der Türen auf diesem Stockwerk ein entsprechender Hinweis eingeblendet.

Das uns gezeigte aktuelle Konzept sieht vor, dass der Hinweis kurz vor dem Eintreffen des Fahrstuhls nach unten in den Raum vor den Türen rutscht und hier einen Freiraum anzeigt. Mitsubishi Electric zufolge haben Studien gezeigt, dass diese Animation in den meisten Fällen tatsächlich dazu führt, dass wartende Personen zur Seite gingen. In der uns gezeigten Demonstration empfanden wir ebenfalls den Drang, der Projektion auszuweichen.

Beamer-Bild soll Rollstuhlfahrer nicht unter Druck setzen

Das projizierte Bild verschwindet, sobald sich die Türen öffnen. Dies ist Absicht und soll den Rollstuhlfahrer nicht unter Druck setzen - nach dem Motto: Alle schauen auf mich. Mitsubishi Electric ist nach Gesprächen mit Rollstuhlfahrern und Psychologen vom vorigen Konzept einer Art "roten Teppichs" abgekommen, das einen längeren Weg für den Rollstuhlfahrer anzeigte und diesen auch nach Eintreffen des Fahrstuhls weiter anzeigte.

Denkbar ist natürlich auch, diese Technik bei Kinderwagen im Fahrstuhl einzusetzen. Auch bei Anlieferungen in Bürogebäuden könnte ein derartiges Platzmanagement Staus verhindern. Da Mitsubishi Electric Fahrstühle und Fahrstuhlsteuerungen selbst baut, ist es denkbar, dass das Projektionssystem Teil künftiger Fahrstuhlanlagen sein könnte. Vorausgesetzt ist natürlich immer, dass wartende Nutzer die Hinweise ernst nehmen - eine gewisse Bereitschaft der Nutzerbasis ist also Voraussetzung dafür, dass das System wie gewünscht funktioniert.

Einsatz zu Olympischen Spielen 2020 geplant

Mitsubishi Electric hofft, das Beamer-System spätestens zu den Olympischen Spielen 2020 großflächig einzusetzen und die dann zu erwartenden Besucherströme leiten zu können. Einen Namen hat das Unternehmen für das System noch nicht. Vergleichbare Beamer hat der Hersteller bereits bei seiner Fahrzeugstudie Emirai3 xDAS eingesetzt: Hier werden die Projektoren verwendet, um beispielsweise großflächige Warnhinweise auf die Straße zu projizieren - etwa beim Abbiegen oder Einparken. Ende Oktober 2017 will Mitsubishi Electric die neue Version des Fahrzeugkonzepts vorstellen.

Offenlegung: Golem.de war auf Einladung von Mitsubishi Electric in Tokio. Unsere Berichterstattung ist davon nicht beeinflusst und bleibt gewohnt neutral und kritisch. Der Artikel ist, wie alle anderen auf unserem Portal, unabhängig verfasst und unterliegt keinerlei Vorgaben Dritter; diese Offenlegung dient der Transparenz.  (tk)


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