Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/facebook-react-ver-w-irrt-im-lizenzdschungel-1710-130449.html    Veröffentlicht: 06.10.2017 08:45    Kurz-URL: https://glm.io/130449

Facebook

React ver(w)irrt im Lizenzdschungel

Die Community beschwert sich, Facebook bleibt zunächst stur und verzichtet letztlich doch noch auf die eigene Patent-Lizenz für das Javascript-Framework React. Das macht aber nichts besser, sondern eher schlechter für alle.

Die vergangenen Monate haben am Beispiel des Javascript-Frameworks React von Facebook wieder eindrucksvoll gezeigt, wie undurchsichtig und sinnlos der Kampf um Softwarepatente und dazugehörige Lizenzen geführt wird. Die von Facebook im Streit mit der Community am Ende vorgestellte Lösung legt zwar den Streit selbst bei, lässt nun aber extrem viel Freiraum für Spekulationen und eventuell auch Klagen von Facebook.

Begonnen hat die Auseinandersetzung mit einer Frage zur Lizenzklärung in der Apache-Community. Geklärt werden sollte, ob die Kombination von Facebooks BSD-3-Clause und einer eigenen Patentlizenz kompatibel zur Apache-Lizenz ist. Notwendig war diese Kompatibilitätsprüfung, weil Facebooks Key-Value-Datenbank RocksDB in Apache Cassandra genutzt werden sollte.

Patent gegen Patent

Die Entscheidung der Apache Software Foundation (ASF) dazu war relativ eindeutig: Facebooks Patentlizenz ist zu restriktiv und damit nicht kompatibel zur Apache-Lizenz. Deshalb wandert die Patentlizenz wie auch die GPL in die Category-X.

Die Apache-Lizenz räumt explizit eine unwiderrufliche Patent-Lizenz für die genutzte Software ein. Facebook hingegen will sich mit seiner eigenen Patent-Lizenz die Möglichkeit der Terminierung des Lizenzvertrages offenhalten, um auf eine eventuelle Patentklage gegen Facebook mit eigenen Klagen kontern zu können. Laut Facebook ist das Unternehmen selbst einfach ein zu großes Ziel für derartige Vorgänge und muss sich wehren können.

Community in Aufregung

Die Situation mit RocksDB hat Facebook dadurch gelöst, dass die Software nun sowohl unter der Apache-Lizenz als auch unter der GPL zur Verfügung steht. Die Entscheidung der ASF hat aber auch andere Teile der Entwicklergemeinde in Aufruhr versetzt, die Software benutzt, welche unter der BSD-3-Clause und der Facebook-Patentlizenz steht. Das betrifft vor allem die Nutzer des Javascript-Frameworks React. Schnell entstanden teils hitzige Diskussionen zu möglichen Alternativen für React.

Dies gipfelte in der Aussage von Wordpress-Erfinder Matthew Mullenweg, dass das Wordpress-Unternehmen Automattic zwar selbst kein Problem mit der Patentlizenz von Facebook habe, aber offensichtlich viele andere. Und es sei nicht Aufgabe von Wordpress, andere von der Facebook-Lizenz zu überzeugen. Deshalb sollte Wordpress künftig auf React und weitere Software mit dieser Lizenzkombination verzichten.

Lizenzwechsel auf Druck von Wordpress

Für die Verbreitung von React und damit für eine gesunde Community hat die Entscheidung von Wordpress, auf React zu verzichten, wohl gravierende Auswirkungen. Immerhin ist Wordpress das weltweit am weitesten verbreitete Content-Management-System (CMS) überhaupt und hat damit auch eine nicht zu unterschätzende Strahlkraft auf andere Communitys, die vor der Entscheidung stehen, React zu nutzen oder nicht.

Hätte Facebook hier nicht reagiert, wäre React eventuell sehr schnell in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Vor allem der Druck von Wordpress und weiterer Teile der Community haben wohl letztlich aber dazu geführt, dass Facebook nur wenige Tage nach der Wortmeldung von Wordpress einen Lizenzwechsel für React angekündigt hat und diesen mit der aktuellen Version 16 von React auch final umgesetzt hat. Wordpress-Chef Mullenweg findet das natürlich toll und freut sich darüber, dass das CMS künftig wieder React nutzen kann.

MIT ohne Patentlizenz

Das React-Framework sowie einige wenige andere Software von Facebook nutzt künftig statt der BSD-Lizenz ausschließlich die MIT-Lizenz, die Patent-Lizenz ist ersatzlos gestrichen worden. Was das für konkrete Auswirkungen hat, ist völlig unklar. Denn aus diesem Lizenzwechsel folgen einige offenen Fragen.

Warum nutzt Facebook nun plötzlich die MIT-Lizenz und nicht mehr BSD? Immerhin sind die praktischen Unterschiede nur marginal. Hervorzuheben ist hier lediglich die bisher von Facebook genutzte sogenannte Endorsement-Klausel als Teil der BSD-Lizenz, die nun wegfällt, da diese in der MIT-Lizenz keine Entsprechung hat.

In Bezug auf die Patentsituation bleibt jedoch die Frage, ob und inwiefern etwa die MIT-Lizenz eine Patentlizenz impliziert, und wenn ja, warum die BSD-Lizenz nicht? Und wenn nicht, kann Facebook dann Patentklagen gegen theoretisch alle React-Nutzer einreichen? Wird Facebook künftig wegen dieser Gefahr erneut bedrängt und führt dann wieder eine Patentlizenz ein?

Ob diese offenen Fragen wirklich besser sind als die ziemlich eindeutige Situation zuvor, bleibt abzuwarten. Andere halten unterdessen weiter an ihren Patentlizenzen fest. Dazu gehören etwa Microsoft für das freie .Net Core mit MIT- und Patentlizenz oder das Konsortium Alliance for Open Media für den freien Videocodec AV1 mit BSD-2-Clause und Patentlizenz. Das Festhalten an dieser Kombination geschieht hier wohl aus triftigem Grund.  (sg)


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