Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/blade-runner-2049-ein-gelungenes-update-fuer-die-zukunft-1710-130436.html    Veröffentlicht: 05.10.2017 09:24    Kurz-URL: https://glm.io/130436

Blade Runner 2049

Ein gelungenes Update für die Zukunft

Einen Science-Fiction-Kassenflop von 1982 Jahrzehnte später im Kino fortsetzen - das hat etwa bei Tron nur bedingt funktioniert. Blade Runner 2049 gelingt dies in jeder Hinsicht besser, da er sich im Geiste seines Vorgängers den Konventionen üblicher Hollywood-Blockbuster verweigert.

Wir verzichten in diesem Artikel darauf, mehr über die Filmhandlung zu verraten, als aus Trailern und Kurzfilmen hervorgeht. Was den Originalfilm angeht, halten wir uns aber nicht so sehr zurück und setzen ein grundsätzliches Vorwissen über den Inhalt des Klassikers in dieser Filmkritik voraus. Blade Runner 2049 kommt am 5. Oktober 2017 in die deutschen Kinos.

Im selben Jahr als E.T. nach Hause telefonierte, Rambo erstes Blut vergoss und bemerkenswert viele heutige Klassiker das Kinopublikum begeisterten, ließ ein Meilenstein der Filmgeschichte seine Zuschauer ratlos zurück. Erst im Laufe der Jahre wurde Blade Runner zum gefeierten Kult und mit dem sogenannten Final Cut nachträglich noch zu dem Film, den Regisseur Ridley Scott 1982 eigentlich im Sinn hatte, bevor das Studio Warner Bros. nach ersten Reaktionen bei Testvorführungen in den Schnitt eingriff. Eine traumartige Neo-Noir-Story mit mysteriösem Ende, deren atmosphärische Cyberpunk-Welt mindestens so sehr im Vordergrund steht wie ihre menschlichen und synthetischen Protagonisten.

"Im Grunde genommen haben wir fast schon einen Kunstfilm gemacht", sagte Produzent Ivor Powell später sinngemäß in einer Making-of-Dokumentation - nur eben im Blockbuster-Gewand, mit hohen Produktionskosten. Entsprechend skeptisch blickten Fans der nun erscheinenden Fortsetzung entgegen, denn im Hollywood von heute ist so ein Projekt selbst als Ausrutscher kaum noch vorstellbar. Erst vor ein paar Monaten enttäuschte die Realverfilmung von Ghost in the Shell damit, zwar viele Actionszenen, nicht aber die komplexere KI-Thematik der japanischen Vorlage adaptiert zu haben. Auch Star Trek war als Neuauflage im Kino zuletzt vor allem temporeich und voller Explosionen, während Weltraumdiplomatie und die Erforschung des Alls endgültig out zu sein scheinen.

Mit Blade Runner 2049 ist unter der Regie von Denis Villeneuve nun das totale Kontrastprogramm zu typischen Beispielen wie den oben genannten entstanden. Und damit tatsächlich auch ein richtig gutes Sequel.

Raus aus den Schatten in die Blade-Runner-Welt

Fliegende Autos, gigantische Skylines mit geradezu monumentalen Gebäuden, Neonreklamen und viele leuchtende Fenster an den Häuserfassaden - die visuelle Komposition des Los Angeles des Jahres 2019 aus Blade Runner wurde in der Science-Fiction mindestens so oft zitiert wie Philip K. Dicks lose Buchvorlage "Träumen Androiden von elektrischen Schafen?" in Artikeln über Blade Runner. Vom Urvorbild Metropolis hob sich Ridley Scotts Meisterwerk schon dadurch ab, dass seine Dystopie auch an der Oberfläche viel abgenutzter, unbehaglicher und industrieller wirkt. Dazu passend spielt die ganze Handlung bei Nacht und meistens regnet es.

Gleich zu Beginn von Blade Runner 2049 sehen wir zur Abwechslung auch mal das Tageslicht und einige Schauplatzwechsel führen uns in bisher unbekannte Gegenden, wie etwa die Wüstenruinen eines verstrahlten Las Vegas. Zwar behält der Film auch hier die melancholische Grundstimmung bei und nimmt sich immer wieder Zeit, seine wunderschönen Kulissen in Ruhe wirken zu lassen, entfernt sich aber bewusst von der omnipräsenten Neo-Noir-Optik des ersten Teils. Uns ist das besonders beim Verzicht auf allzu viele harte Schattenwürfe aufgefallen. Die Farb- und Lichtgestaltung ist weniger künstlerisch stilisiert, sondern ganz von der authentischen Darstellung der fiktiven Schauplätze motiviert.

Kombiniert mit wahrlich beeindruckenden Computereffekten bieten Denis Villeneuve und Kameramann-Legende Roger Deakins so einen vollkommen neuen, aufregenden Blick auf die in Filmen schon so häufig kopierte, atmosphärisch aber nie wirklich erreichte Welt von Blade Runner. In Teil eins betrachten wir das dystopische Los Angeles wie ein faszinierendes Kunstwerk aus einem Traum, der zweite Teil lässt die detaillierten Modelle der frühen 80er Jahre als digitale Nachbauten wie echt aussehen und holt den Traum auf diese Art sehr überzeugend in die Realität des Films. Am deutlichsten wird dies immer dann, wenn wir mit Protagonist K (Ryan Gosling) den Ausblick aus der Egoperspektive seines fliegenden Autos erleben. Nur ein VR-Headset mit Rundumsicht könnte das Mittendringefühl noch glaubhafter machen.

Zur Stimmung von Blade Runner gehört untrennbar auch der Soundtrack von Vangelis, der auf damals revolutionäre Weise klassische Kompositionen mit Synthesizern mischte. Für das Sequel hat sich der heutzutage omnipräsente Hans Zimmer wie schon bei Dunkirk mit Benjamin Wallfisch zusammengetan. Das Ergebnis hebt sich mehr als nur in Nuancen von der Vorgängermusik ab, drängt sich beispielsweise an einigen Stellen viel aggressiver in den Vordergrund, trifft aber doch genug ähnliche Töne, um noch das bekannte Blade-Runner-Gefühl zu transportieren.

Nahe Zukunft, ferne Vision

Nach Zurück in die Zukunft 2 hat die Realität bald auch Blade Runners Vision zeitlich gnadenlos eingeholt, technisch jedoch noch lange nicht. Der im alten Film zu sehende Fortschritt mit biosynthetischen Androiden und fliegenden Autos als Standardtransportmittel ist bis 2019 in unserer Welt kaum vorstellbar. Gleichzeitig hat sich unsere Wirklichkeit seit 1982 weiterentwickelt und das berücksichtigt Denis Villeneuves Update der Filmwelt nicht nur nebensächlich. Seit den Geschehnissen von Teil eins sind bis 2049 immerhin 30 Jahre vergangen.

Zu Video-Werbetafeln an den Wolkenkratzern haben sich inzwischen lebensechte Hologramme gesellt, die Passanten auch mal direkt ansprechen und etwa für das digitale Rotlichtmilieu begeistern wollen. Blade Runner K hat sogar eine virtuelle Ehefrau in seinem Apartment, die in vielen Zügen Funktionen von Siri, Alexa & Co. repräsentiert, deren künstliche Intelligenz darüber hinaus allerdings echte Gefühle mindestens sehr glaubwürdig vortäuschen kann. An mehreren Stellen in der Handlung kommen Drohnen mal als nützliche, mal als todbringende Werkzeuge zum Einsatz - um nur zwei Beispiele zu nennen, mit denen unser Zeitgeist Einzug in die aktualisierte Mythologie von Blade Runner gefunden hat.

Rick Deckard: keine Zeit zum Sterben

Um das leicht modernisierte Setting nicht all seiner nostalgischen Elemente zu berauben, bedient sich Blade Runner 2049 eines cleveren Kniffs. Ein Ereignis zwischen den Filmen hat für einen großen Blackout gesorgt, wodurch die Menschheit kurzzeitig in eine analoge Steinzeit zurückversetzt und um die meisten ihrer digital gespeicherten Daten gebracht wurde. Deswegen sehen wir die Hauptfigur K in einer Szene Lochkarten nach wichtigen Daten absuchen und musikalisch dominieren Evergreens von Frank Sinatra und Elvis die Wohnzimmer besser situierter Bürger. Die Ärmeren sind im Zuge der Katastrophe selbstverständlich noch ärmer geworden, auch von diesem Teil der Gesellschaft sehen wir im fiktiven Szenario von Blade Runner 2049 sehr viel mehr als zuvor. Schauplatz ist, wie schon erwähnt, trotz allen Fortschritts und all der erhabenen Pyramidenbauten, nach wie vor eine im Herzen hässliche Dystopie.

Hampton Fancher und Michael Green haben mit ihrem grundsätzlich sehr gelungenen Drehbuch nicht versucht, den Ur-Blade-Runner zu kopieren, dessen Handlung aber trotzdem tief in ihrer Fortsetzung verankert. Sie geben der melancholischen Liebesgeschichte zwischen Deckart und Rachael, die immer noch im Zentrum der Geschehnisse steht, neue Bedeutung und verschieben die offenen Fragen des Originals in eine vorher noch gar nicht implizierte Richtung.

Blade Runner 2049 funktioniert zwar wahrscheinlich auch für sich selbst gesehen ganz gut, wir empfehlen wegen der vielen Überschneidungen aber trotzdem unbedingt, vorher den Final Cut des ersten Teils nachzuholen und am besten auch die online veröffentlichten Kurzfilm-Handlungsbrücken zwischen den Filmen zu schauen. Wer Blade Runner von 1982 noch nie gesehen hat, wird die emotionalen Elemente einiger wieder aufgegriffener Handlungsstränge außerdem nicht unbedingt nachempfinden können.

Es fehlen neue Tränen im Regen

Während das Grundgerüst der direkten Fortsetzung durchweg überzeugt und eine spannende Geschichte erzählt, enttäuschen Nebenfiguren und gerade die Antagonisten ein wenig. Außer dem spät im Film zurückkehrenden Rick Deckard (Harrison Ford so gut wie lange nicht mehr) und dem neuen Blade Runner K sind die meisten Personen sehr stereotyp und nicht halb so interessant wie die Szenerie, in der sie leben. Ausgerechnet die Hologramm-KI Joi (verkörpert von Ana de Armas) ist die einzige weibliche Person im Film, bei der wir einen Hauch Vielschichtigkeit ausmachen konnten. Ks prinzipientreue Vorgesetzte Lieutenant Joshi (Robin Wright) bleibt dagegen genauso blass wie die Rechte-Hand-Replikantin Luv (Sylvia Hoeks) und ihr Vorgesetzter Niander Wallace (Jared Leto), dem wir als Schöpfer der neuen Replikanten-Generation mit gottgleichem Selbstverständnis nach den Trailern eine viel größere Rolle zugetraut hätten.

Zwar ist der erste Blade Runner keinesfalls für seine umfangreiche, komplexe Handlung bekannt, durch seine traumhafte Neo-Noir-Stimmung hinterlassen Figuren, Geschehnisse und auch die Dialoge allerdings einen tieferen Eindruck. Einen solch legendären Moment wie Rutger Hauers "Tränen im Regen"-Monolog hat das Sequel nirgends zu bieten. Stattdessen wirkt der ein oder andere Dialog gerade dann einen Tick zu plakativ, wenn der neue Film besonders angestrengt versucht, philosophisch zu sein.

Blade Runner 2049 endet auch nicht ansatzweise so mysteriös wie der Final Cut des Vorgängers. Die immer gut mitverfolgbare, klar verlaufende Handlung ist trotz einer Vielzahl effektiver Wendungen in sich schlüssig und findet besonders emotional gesehen einen sehr runden Abschluss für ihre Hauptfiguren. Die Tatsache, dass so gut wie gar kein Raum für Interpretation und Spekulationen bleibt, lässt Blade Runner 2049 verglichen mit dem Original letztendlich jedoch die größte Faszination einbüßen. Immerhin ist die Tür für einen dritten Teil mit Fokus auf den großen Konflikt zwischen Replikanten und ihren Schöpfern wohl nicht ganz zufällig sehr weit geöffnet worden.

Fast ein Wunder

Blade Runner 2049 mag atmosphärisch nicht an seinen brillanten Vorgänger herankommen, der ist in diesem Bereich aber zugegebenerweise ein wahrer Meilenstein. Dass Denis Villeneuve trotzdem so ein starkes Sequel gelungen ist, das die offene Handlung schlüssig fortführt und viele Gedanken des Klassikers weiterentwickelt, grenzt aus Fan-Sicht trotz kleinerer Schwächen an mehr als nur ein Wunder. Alleine die nach wie vor faszinierende Cyberpunk-Welt von Blade Runner detailgetreu in so echt wirkender Pracht zu sehen, ist für Science-Fiction-Freunde das Kinoticket wert.

Genau wie 1982 dürfen sie aber kein Actionfeuerwerk erwarten. Sie sollten bereit sein, einen Film zu sehen, der sich für seine Handlung viel Zeit nimmt und der einzelne Momente gerne lange stehen lässt. Blade Runner 1 hinterlässt auf diese Art mehr Eindruck, Villeneuves eigenes Meisterwerk Arrival ist zweifellos der bessere Science-Fiction-Film. Es gibt ansonsten aber kaum nennenswerte Genrevertreter der vergangenen Jahre, die sich mit Blade Runner 2049 als Gesamtwerk annähernd messen könnten.  (dp)


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