Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/sputnik-piep-piep-kleiner-satellit-1710-130395.html    Veröffentlicht: 04.10.2017 09:24    Kurz-URL: https://glm.io/130395

Sputnik

Piep, piep, kleiner Satellit

Vor 60 Jahren versetzte die Sowjetunion den Westen in helle Aufregung: Sie hatte zum ersten Mal ein von Menschen konstruiertes Objekt in die Erdumlaufbahn geschossen. Aber den Amerikanern machte dabei nicht nur zu schaffen, dass sie den Wettlauf ins All verloren hatten.

Bochum, Samstag, der 30. September 2017: Kurz nach 13 Uhr verlässt ein mit Helium gefüllter Wetterballon das Gelände der Volkssternwarte. Bis auf 30 Kilometer Höhe steigt er auf, platzt schließlich und kehrt an einem Fallschirm zur Erde zurück. Eine Kugel mit einem Durchmesser von knapp 60 Zentimetern, die unter dem Ballon hängt, symbolisierte den Sputnik 1 - den ersten Satelliten der Welt, den die Sowjetunion am 4. Oktober 1957 ins All schoss. Während seiner mehrstündigen Reise funkte ein Sender ein Signal, das in Mitteleuropa zu empfangen war. Mit dieser Aktion erinnerte die Volkssternwarte an den Beginn des Raumfahrtzeitalters.

Warum gerade Bochum? Hier saß Heinz Kaminski vor 60 Jahren daheim im Vorratskeller vor seinem Kurzwellenempfänger. Damit empfing der ehemalige Marinefunker und Hobbyastronom merkwürdige Signale - mutmaßlich als Erster außerhalb der Sowjetunion. Er zeichnete sie mit einem geliehenen Tonbandgerät auf und machte den Sputnik so im Westen bekannt.

Sputnik flog mit einer Interkontinentalrakete

Am 4. Oktober 1957 um 20:28 Uhr unserer Zeit startete der Satellit, dessen Name auf Deutsch Trabant oder Begleiter bedeutet. Sein Transportvehikel war eine R-7, eine Interkontinentalrakete, die wenige Wochen zuvor, am 21. August, zum ersten Mal geflogen war und die später als Sojus bekanntwurde. An jenem Oktobertag startete die R-7 von einer Rampe in der Kasachischen Sowjetrepublik aus, an einem Ort namens Baikonur.

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Der Sputnik war eine Kugel aus einer Aluminiumlegierung mit einem Durchmesser von 58 Zentimetern. Daraus ragten vier Antennen, von denen zwei 2,40 Meter, die anderen beiden 2,90 Meter lang waren. In der Kugel befanden sich Akkus, ein Wärmeregulationssystem sowie die zwei Kurzwellensender, die Signale ausstrahlten, die Kaminiski aufnahm.

Die Ionosphäre bremste den Satelliten

Sputnik umkreiste die Erde auf einer stark elliptischen Bahn, die in einer Höhe zwischen etwa 215 Kilometern und etwa 947 Kilometern über der Erde verlief. Für einen Erdorbit brauchte der Satellit 96 Minuten und 20 Sekunden. Insgesamt umrundete er die Erde 1.440-mal. Dabei bremste die Ionosphäre den Satelliten stärker ab, als die sowjetischen Raumfahrtwissenschaftler vorhergesehen hatten, so dass er nach 92 Tagen, am 4. Januar 1958, in der Erdatmosphäre verglühte.

314,5 Sekunden nach dem Start begannen die beiden Sender auf den Frequenzen von 20,005 und 40,002 MHz, ihr berühmtes Signal auszustrahlen. Zwei Wochen lang sendeten sie ihre Piep-Signale, aus denen die Wissenschaftler in der Sowjetunion Rückschlüsse auf die Temperatur und den Druck an Bord ziehen konnten. Außerdem lieferte die Analyse der Signale neue Erkenntnisse über die Ionosphäre.

Damit war klar: Die USA hatten den Wettlauf in den Weltraum verloren. Die Sowjets waren zuerst oben.

Der Sputnikschock

Und sie legten nach: Einen Monat später, am 3. November 1957, startete Sputnik 2 und brachte das erste Lebewesen ins All: die Hündin Laika. Der erste Versuch der USA im Dezember 1957, einen Satelliten ins All zu schießen, war ein Fehlschlag: Die Rakete explodierte kurz nach dem Start. Erst am 1. Februar 1958 startete der erste US-Satellit Explorer 1.

Auch wenn sich die USA noch so sehr bemühten, die Sowjetunion behielt die Nase vorn. Anfang 1959 flog Luna 1 zum Mond, verfehlte aber das Ziel, darauf aufzuschlagen. Das gelang mit Luna 2 einige Monate später. 1960 flogen mit Korabl-Sputnik 2 die Hunde Strelka und Belka sowie einige Mäuse und Ratten ins All und kehrten wohlbehalten zur Erde zurück.

Gagarin war der erste Mensch im All

Nach dem erfolgreichen Tierversuch war Juri Gagarin im April 1961 der erste Mensch im Weltall. Die Sowjets schickten 1963 mit Walentina Tereschkowa auch die erste Frau ins All. 1965 verließ Alexei Leonow als erster Mensch das Raumschiff zu einem Weltraumspaziergang.

Erst 1969 entschieden die Amerikaner den Wettbewerb für sich, als es der US-Raumfahrtbehörde National Aeronautics And Space Administration (Nasa) gelang, mit Apollo 11 auf dem Mond zu landen und Neil Armstrong und Buzz Aldrin als erste Menschen einen fremden Himmelskörper betraten.

Die USA waren geschockt

Doch erst einmal saß der Sputnik-Schock tief. Er hatte zwei Komponenten: In ihrem Selbstverständnis waren die USA die technisch fortschrittlichste Nation und damit prädestiniert dafür, als Erste im All zu sein. Sie hatten nicht damit gerechnet, vom vermeintlich unterlegenen politischen Gegner derart düpiert zu werden.

Zu der psychologischen kam eine militärische Komponente: Die R-7 war eine modifizierte militärische Rakete. Eine Rakete, die es schaffte, den Sputnik in den Orbit zu bringen, konnte auch jeden Punkt auf der Erde erreichen.

Die USA waren bedroht

"Sputnik war unglaublich wichtig, denn er läutete den Wettlauf ins All zwischen den USA und der Sowjetunion ein", sagte der Historiker John Krige vom Georgia Institute of Technology dem Fernsehsender Euronews. "Die Leute verkennen oft seine Bedeutung, denn sie denken, es war ja nur ein Satellit. Aber die entscheidende Bedrohung war die Rakete, die ihn ins All brachte. Eine Interkontinentalrakete, die die Sowjetunion entwickelt und einen Monat zuvor erstmals getestet hatte. Und zum ersten Mal in ihrer jüngeren Geschichte fühlten die USA sich bedroht."

Heute gehört Russland weiterhin zu den etablierten Weltraumnationen. Das Land gehört zu der Gemeinschaft, die die Internationale Raumstation ISS betreibt. Russland übernimmt den Transfer der Astronauten zur Station und zurück zur Erde - immer noch von Baikonur aus. Im Frühjahr wurde der neue Raketenstartplatz an der Grenze zu China eröffnet. Zusammen mit der Europäischen Raumfahrtagentur Esa erforscht die russische Raumfahrtbehörde Roskosmos den Mars.

Außerdem arbeitet Roskosmos an dem Projekt, an dem die Sowjetunion in den 1960er Jahren scheiterte: Um das Jahr 2030 sollen Kosmonauten auf dem Mond landen.  (wp)


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