Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/glasfaser-telekom-wegen-fehlendem-ftth-massiv-unter-druck-1709-130273.html    Veröffentlicht: 26.09.2017 18:36    Kurz-URL: https://glm.io/130273

Glasfaser

Telekom wegen fehlendem FTTH massiv unter Druck

Durch ihren radikalen Vectoring-Kurs verliert die Telekom in München, Hamburg und Köln immer mehr Kunden an die Glasfaserbetreiber der Stadtwerke. Daher musste auch Deutschlandchef van Damme gehen.

Die Deutsche Telekom steht im Festnetz massiv unter Druck durch die Stadtwerke, die durch ihren Ausbau von FTTH/B immer mehr Kunden gewinnen. Das berichtet die Wirtschaftswoche unter Berufung auf eine interne Quartalsanalyse des Unternehmens. Mit 13 Millionen DSL-Kunden und einem Marktanteil von knapp über 40 Prozent liege die Telekom bundesweit zwar immer noch auf Platz eins. Doch in Ballungszentren sei der Kundenrückgang so stark, dass ihr Marktanteil auf Werte zwischen 18 und 30 Prozent gefallen sei.

"Breitband ist noch nicht auf Zielkurs", räumt das Unternehmen in einer internen Bilanzanalyse ein. Auch Sonderangebote von monatlich 19,95 Euro im ersten Jahr helfen der Telekom bisher kaum. Im ersten Halbjahr wurden laut dem Bericht die Ziele beim Netto-Neukundenzuwachs nicht erreicht. Die Vorgabe von 13,6 Millionen Breitbandkunden bis Ende 2018 aus dem Jahr 2015 werde ebenfalls verfehlt, berichtet die Wirtschaftswoche. 600.000 Neukunden müsste die Telekom in den kommenden 15 Monaten netto dazugewinnen, was nicht mehr zu schaffen sei.

FTTH/B kommt gut bei Kunden an

Weil der große Netzbetreiber es nicht leistet, rollen Netcologne, M-net und Wilhelm.tel die Glasfaser aus. Dass die Kunden massiv zu diesen Anbietern wechseln, hat die Telekom so nicht erwartet. In Hamburg haben Wilhelm.tel und deren Partner Willy.tel schon so viele Nutzer, dass die Telekom heute nur noch jeden fünften Kunden versorgt. In München hat Dorit Bode, Geschäftsführerin der Stadtwerke-Tochter M-Net, angekündigt, dass der Anbieter noch in diesem Jahr Marktführer werden will. M-net ist dabei, die gesamte Landeshauptstadt mit FTTB (Fiber To The Building) zu versorgen. In Köln ist Netcologne seit einigen Jahren in Führung.



Stadtwerke bauen bis ans Haus aus

Netcologne und ZTE hatten auf der Branchenmesse Anga Com 2017 eine neue G.fast-Lösung mit 212 MHz präsentiert. Gezeigt wurden Datenraten von 1,8 GBit pro Sekunde, aufgeteilt in 1,6 GBit/s im Download und 0,2 GBit/s im Upload.

Bei M-Net und Huawei teilt sich eine Datenrate von 1 GBit/s auf den Download und Upload auf. Bis zum Jahr 2021 werden M-net und die Stadtwerke München (SWM) insgesamt rund 620.000 Wohneinheiten in der bayerischen Landeshauptstadt mit FTTB-Anschlüssen ausstatten. Dies entspricht knapp 70 Prozent aller privaten Wohnungen und Gewerbeeinheiten.

Telekom: Bei Giganetzen ist Telekom nicht führend

Der Telekom-Manager Jürgen Lück hatte im Juli zugegeben, dass der Konzern bei Glasfasernetzen keine starke Position habe. Lück sagte: "Bei Giganetzen hat die Telekom nicht unbedingt eine führende Position und fokussiert sich auf Kooperationen." Lück sprach für das Team von Johannes Pruchnow, dem neuen Vorstandsbeauftragten für Breitbandkooperation des Konzerns.

Niek Jan van Damme, der scheidende Chef der Telekom Deutschland, sagte auf der Ifa in Berlin: "FTTH betrifft eine ganz kleine Menge der Kunden in Deutschland. Es sind fast 700.000 Kunden zum Ende des Jahres", ergänzte er. Die Telekom habe 445.000 Kilometer Glasfaser verlegt.

Nach einer Übergangszeit im vierten Quartal dieses Jahres übernimmt im Januar 2018 Dirk Wössner den Posten von van Damme. Er kommt von Rogers Communications aus Kanada, wo 1 GBit/s nach Darstellung der Telekom flächendeckend angeboten wird. Rogers Communications ist in Kanada aktiv in den Bereichen TV-Kabelnetz, Festnetz und Mobilfunk.

Laut Informationen der Wirtschaftswoche wurden van Damme und der Chef der Geschäftskundensparte T-Systems, Reinhard Clemens, vom Konzernchef Timotheus Höttges wegen Marktanteilsverlusten ausgewechselt. Dabei ist Höttges selbst für die Vectoring-statt-FTTH-Politik des Konzerns verantwortlich. Statt selbst personelle Schlussfolgerungen zu ziehen, schickt er langjährige Weggefährten in den Vorruhestand.  (asa)


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