Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/docker-kubernetes-cloud-foundry-suse-versucht-den-frontalangriff-1709-130266.html    Veröffentlicht: 27.09.2017 14:16    Kurz-URL: https://glm.io/130266

Docker, Kubernetes, Cloud Foundry

Suse versucht den Frontalangriff

Dank geschickter Übernahmen und einer Konsolidierung rund um die Container-Orchestrierung Kubernetes bietet der Linux-Distributor Suse Produkte, die eine klare Kampfansage an das Cloud-Geschäft von Konkurrent Red Hat sind - und auch seinen eigenen Partnern langfristig das Geschäft abgraben könnte.

In den vergangenen Jahren hat es danach ausgesehen, als habe der in Deutschland gegründete Linux-Distributor Suse die großen IT-Trends der Cloud- und Container-Technologie ein wenig verschlafen und sich zu sehr auf seinen Enterprise-Server fokussiert. Hauptkonkurrent Red Hat investierte dagegen früh in die neuen Techniken wie Docker und pflegt seit mehreren Jahren mit Openshift ein Cloud-Container-Angebot. Suse positioniert nun jedoch neue Produkte, die als klare Kampfansage an Red Hat mit Openshift zu verstehen sind, auch wenn das die Verantwortlichen wohl nie so direkt benennen würden.

Zu seiner Hausmesse Susecon, die derzeit in Prag stattfindet und das 25. Firmenjubiläum feiert, stellt das Unternehmen Version 2 seiner Container-as-a-Service-Plattform (CaaS) vor und kündigt zudem die Suse Cloud Application Platform an, eine eigene Distribution der Platform-as-a-Service-Technologie (PaaS) Cloud Foundry. Die Cloud Application Platform soll noch vor Ende dieses Jahres kommerziell verfügbar sein.

Container und Kubernetes als Grundbausteine

Bei CaaS handelt es sich nicht um eine spezielle Technik, sondern um einen generischen Ansatz, bei dem verschiedene Initiativen zusammengeführt werden. Dazu gehören ein spezielles Mini-Linux, die Container-Runtime von Docker und die Orchestrierung Kubernetes. Grundlage bildet das Community-Projekt Kubic.

Die nun verfügbare zweite Version von CaaS erscheint nur knapp drei Monate, nachdem das Produkt erstmals bereitgestellt wurde. Neu ist die Unterstützung des Kubernetes-Paketmanagers Helm, mit dem containerisierte Anwendungen reproduziert gebaut und verwaltet werden können.

Darüber hinaus hat Suse sein MicroOS für die Container aktualisiert, das auf auf der Enterprise-Server-Distribution basiert, Kubernetes ist ebenso aktualisiert worden und wird nun in Version 1.7 genutzt. Laut dem zuständigen Product Manager, dem langjährigen Suse-Angestellten Andreas Jäger, soll CaaS künftig möglichst nah an den Veröffentlichungszyklus von Kubernetes angelehnt werden, auch weil sich die Technik derzeit noch sehr schnell weiterentwickelt. Vereinfacht hat das Team mit Version 2 außerdem die Verwendung von CaaS auf den Cloud-Angeboten von Amazon, Google und Microsoft.

Ähnliche Angebote wie CaaS von Suse bietet auch Red Hat mit der Openshift Container Platform, die ebenso Kubernetes und Docker nutzt wie die sogenannten Atomic Hosts als kleine Container-Distro. Die beiden altehrwürdigen Linux-Distributoren sind hier aber einer viel größeren Konkurrenz ausgesetzt als in dem klassischen Betriebssystem-Bereich. Das liegt vor allem an der neuartigen Technologie und deren extrem schnelle Weiterentwicklung.

Von Suse nichts Neues?

Der wohl derzeit wichtigste Anbieter in diesem Segment ist CoreOS mit der Kubernetes-Distribution Tectonic sowie dem hauseigenen Container Linux, was beides derzeit weit verbreitet ist. Darüber hinaus hat CoreOS mit seiner Runtime Rkt und den Arbeiten dazu für extrem viel Veränderungen rund um Container-Technologie gesorgt und damit etwa die Standardisierung in der Open Container Initiative angeregt.

Beim Blick auf diesen seit Jahren rasant wachsenden Markt entsteht - wie eingangs erwähnt - der Eindruck, dass Suse nicht nur etwas zu spät dran ist, sondern auch nur die konzeptionellen Ideen der anderen Unternehmen übernimmt. Innovation sieht eigentlich anders aus. Und wird in diesem Fall etwa massiv von CoreOS und anderen vorangetrieben.

Darauf angesprochen, widerspricht der bei Suse für Produkte und Marketing zuständige Michael Miller allerdings vehement. Natürlich sei die Technik schon einige Jahre am Markt, sehr viele Nutzer und Kunden gebe es dafür allerdings noch nicht. Vielmehr seien die meisten großen Unternehmen sowie auch die Partner und Kunden von Suse noch dabei, mit der Technik zu experimentieren und sich auf deren produktiven Einsatz vorzubereiten.

Wirklich offen

In dieser Phase kann Suse nun also ein Produkt wie CaaS anbieten und wie Miller sagt: "gemeinsam mit unseren Kunden" weiterentwickeln. Ebenso bringt sich Suse im Zuge dessen sehr stark in die Upstream-Entwicklung der Projekte wie eben Kubernetes ein. Diese Zusammenarbeit wird von den Verantwortlichen als "Open, open Source" beschrieben. Das Motto der Susecon ist dementsprechend "Open. Redefined."

Gemeint ist damit, dass Suse eben mit einer breiten Community auch anderer konkurrierender Unternehmen kooperiert und die Kunden dadurch nicht in ein Vendor-Lock-In gedrängt werden. Das sei wichtiger Teil der Firmenphilosophie. Kontrastiert wird das mit Lösungen, die zwar Open-Source-Software sind, aber eben reine In-House-Technologien, für die es lediglich einen einzigen Dienstleister gibt. Auch das ist wohl als Seitenhieb auf die vermeintlichen Insellösungen zu verstehen, wie Red Hat sie etwa mit Openshift anbietet.

Die Art und Weise der Umsetzung dieser offen erstellten Community-Technologie zu einem Enterprise-Angebot ist für Suse im Prinzip business as usual. Denn wie Suse-CEO Nils Brauckmann in der Eröffnungsansprache der Susecon sagt: "Wir sind der am längsten aktive Open-Source-Anbieter". Die in den vergangenen 25 Jahren gesammelte Erfahrung soll langfristig den erfolgreichen Umgang mit der Open-Source-Technologie sichern, unabhängig von dem konkreten Einsatzbereich.

Und überall da, wo Suse dies von innen heraus nicht selbst leisten kann, hat das Unternehmen nun, man muss schon sagen endlich, vor allem für die Cloud-Sparte die Ressourcen und Finanzen, um gezielt den Markt zu analysieren, Technik hinzuzukaufen und damit möglicherweise sogar seine eigenen Partner unter Druck zu setzen.

Zentralstelle Kubernetes

Am eindrucksvollsten zeigt sich dieser für Suse neue Ressourcen-Einsatz eben an Kubernetes und der PaaS-Lösung Cloud Foundry. Im Falle von Kubernetes könnte sich die vermeintliche Stagnation von Suse beim Anbieten von Containertechnik im Nachhinein auch als gezieltes Abwarten herausstellen.

So war etwa lange nicht absehbar, in welche Richtung sich die Container-Technologie entwickeln wird und ob hier überhaupt eine Art der Konsolidierung stattfinden kann. Denn anders als ein hippes Startup aus dem Silicon Valley mit jeder Menge Risikokapital und wenig langfristigen Geschäftsmodellen wie Docker oder CoreOS kann es sich Suse nicht leisten, auf die falsche Technik zu setzen.

Der finanziell wesentlich besser ausgestattete Konkurrent Red Hat entschied sich im Vergleich dazu sehr früh dafür, mit eigener Container-Technik die PaaS-Lösung Openshift umzusetzen. Mit Version 3 von Openshift musste Red Hat seine eigenen Techniken dafür aber aufgeben und hat sich dem Rest der Industrie beim Einsatz von Docker und Kubernetes anpassen müssen.

Ähnliche Experimente und das Verbrennen von Geld, nur um Erster am Markt zu sein, hätten Suse wegen der vergleichsweise geringen finanziellen Ausstattung sowie die zurückhaltende, um nicht zu sagen deutsch geprägte Art, das Geschäft zu führen, wohl massive Verluste beschert.

Die Konsolidierung sowie Standardisierung der Container-Technik hat nun aber stattgefunden und erfreut sich eines riesigen Interesses, was sich etwa an dem Zuspruch der Cloud Native Computing Foundation zeigt, die offiziell das Kubernetes-Projekt betreut.

Für Ralf Flaxa, den Engineering-Chef von Suse, bedeutet das, dass der Technikfokus des Unternehmens in diesem Bereich auf Kubernetes liegen muss. Das beschränkt sich jedoch nicht allein auf das bereits beschriebene CaaS, sondern eben auch auf den PaaS-Dienst Cloud Foundry.

Cloud Foundry ermöglicht es Entwicklern, ihre Anwendungen sehr schnell von Quellcode in Anwendungscontainer zu überführen, die im produktiven Einsatz sind. Dafür enthält die Software extrem viel Automatisierungstechnik wie etwa Continuous-Integration und -Delivery sowie quasi vorgefertigte Software-Stacks für .Net, Node.js, PHP, Ruby oder andere. Letzteres dient als die eigentliche Metapher der bereitgestellten Plattform in der Abkürzung PaaS. Suse baut dafür nicht nur an einem Open-Source-UI, sondern verändert auch die Architektur von dem immerhin schon mehr als sechs Jahre alten Cloud Foundry.

Großes Cloud-Geschäft dank Zukäufen

Für Suses kommende Cloud Application Platform hat das Team von Flaxa die einzelnen Bestandteile von Cloud Foundry mehr oder weniger aufgespalten und containerisiert, so dass Cloud Foundry selbst im Prinzip lediglich eine Sammlung von Anwendungen ist, die auf Suses CaaS läuft und von Kubernetes orchestriert wird.

Für Suse ergibt sich daraus der operative Vorteil, die bestehende Technik von Cloud Foundry wiederverwenden zu können, die von einer Vielzahl von Unternehmen als Community bereits erstellt worden ist. Konkurrent Red Hat baut im Gegensatz dazu bei Openshift auf eigene Technik, die zusammen mit den Kunden entsteht.

Darüber hinaus wird Cloud Foundry laut Abby Kearns, Executive Director der Cloud Foundry Foundation, inzwischen von mehr als der Hälfte der Fortune-500-Unternehmen eingesetzt. Der potenzielle Markt für Suse ist also sehr groß. Viele dieser Unternehmen verstehen Software zudem oft nur als Mittel zum Zweck für das eigentliche Geschäft. Das Auslagern an einen Dienstleister wie zum Beispiel Suse, ohne die genutzte Technik und das aufgebaute Know-how ändern zu müssen, ist dabei wohl ein sehr vielversprechendes Angebot für einige Manager.

Hinzu kommt, dass bisher große öffentliche Anbieter von Cloud Foundry - IBM, Huawei, Fujitsu und SAP - allesamt teilweise langjährige Partner von Suse sind. Deren Hauptgeschäft besteht aber nicht zwingend aus Softwaresupport und -dienstleistungen, so dass Suse hier eventuell seine Erfahrung in diesem Bereich ausspielen kann, um die Partnerschaften zu vertiefen oder gar Marktanteile der genannten Unternehmen in diesem Segment zu übernehmen.

Suse-Mutter bringt Geld für Team und Technik

Dass Suse es innerhalb von nur einem Jahr augenscheinlich geschafft hat, auch im Cloud-Geschäft in direkte Konkurrenz zu Red Hat zu treten und darüber hinaus weitere Geschäfte erreichbar erscheinen, ist wohl vor allem auf das neue Mutterunternehmen Micro Focus zurückzuführen, zu dem Suse seit etwa drei Jahren gehört.

Das Mutterunternehmen ist finanziell derart gut aufgestellt, dass im vergangenen Herbst ein wichtiger Teil der HP-Enterprise-Software-Sparte für 2,5 Millionen Dollar von Micro Focus übernommen worden ist. Viele Teile davon, wie eben Cloud Foundry oder die Cloud-Infrastruktur-Lösung Openstack, sind kurz darauf bei Suse gelandet. Darauf baut das Unternehmen nun massiv auf.

Ebenso hat Suse im vergangenen Jahr mit dem Kauf von Openattic seine erste Übernahme in der Unternehmensgeschichte durchgeführt und dadurch sein Angebot für Software Defined Storage auf Basis von Ceph sinnvoll erweitert.

Das Unternehmen kann damit nun einen ziemlich großen und weite Teile der Cloud- und Containertechnologie umfassenden Software-Stack bieten wie seine größten Konkurrenten. Bei einem jährlichen Umsatz von zuletzt rund 300 Millionen US-Dollar hätte Suse das trotz eines Wachstums von rund 20 Prozent wohl nicht ohne Unterstützung von Micro Focus stemmen können. Das gilt auch für den massiven Zuwachs von Angestellten. Laut CEO Nils Brauckmann hat das Unternehmen im vergangenen Jahr rund 300 Angestellte hinzugewinnen können. Dabei hatte Suse erst im Frühjahr dieses Jahres mehr als 1.000 Angestellte. Laut Jahresbericht ist die Zahl der Angestellten sogar um über 40 Prozent gewachsen, vor allem durch die Zukäufe.

All das zeugt von einem deutlichen und auch aggressiven Wachstumskurs, den Suse mit Unterstützung von Micro Focus umsetzt. Der könnte das Unternehmen eventuell auch für die kommenden 25 Jahre absichern.

Offenlegung: Golem.de war auf Einladung von Suse in Prag. Die Reisekosten wurden von Suse übernommen. Unsere Berichterstattung ist davon nicht beeinflusst und bleibt gewohnt neutral und kritisch. Der Artikel ist, wie alle anderen auf unserem Portal, unabhängig verfasst und unterliegt keinerlei Vorgaben Dritter; diese Offenlegung dient der Transparenz.  (sg)


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