Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/unterwegs-auf-der-babymesse-eltern-vibrieren-nicht-1709-130178.html    Veröffentlicht: 22.09.2017 09:06    Kurz-URL: https://glm.io/130178

Unterwegs auf der Babymesse

"Eltern vibrieren nicht"

Unternehmen wollen die Kindererziehung umkrempeln und digitalisieren. Dabei setzen sie auf getunte Kinderwagen, Socken mit Bluetooth und Feinstaubmesser im Kinderzimmer. Es bleibt die Frage: Wollen Eltern das wirklich?

Man kann eigentlich nur hoffen, dass nicht die Hersteller von Babyzubehör bestimmen werden, wie die Eltern der Zukunft ihre Kinder erziehen. Auf der Messe Kind und Jugend 2017 in Köln wurde deutlich, dass sie vor allem auf zwei Entwicklungen setzen: dass Eltern lästige Pflichten, wie etwa ihre Kinder zu schaukeln, gern an Maschinen abtreten und gleichzeitig aus der Ferne die absolute Kontrolle über ihren Nachwuchs wünschen.

Die vielbeschworene Digitalisierung soll nun endgültig die Kinderzimmer übernehmen, das vernetzte Kinderzimmer war in diesem Jahr ein Schwerpunkt auf der Messe. Viele traditionelle Hersteller halten sich damit zwar noch zurück - bei europäischen Kinderwagenherstellern gibt es vergleichsweise wenig elektronischen Schnickschnack. Asiatische Unternehmen und jüngere Firmen zeigen dagegen, dass man praktisch jedes Produkt digitalisieren kann, wenn man nur will - und dass Eltern vom Herzschlag bis zum Atemzug jede Regung des Nachwuchses digital überwachen können, wenn man sie nur von der Sinnhaftigkeit überzeugt.

"Bewegt sich wie du"

Am Stand des Herstellers 4 Moms etwa thront etwas, was ein bisschen aussieht wie ein Babysitz fürs Auto, aber auf einem futuristischen Gestell und mit dem Hinweis auf eine App. Daneben prangt der Werbespruch des Unternehmens: "Moves Like You Do" - Bewegt sich wie du. Es handelt sich bei dem Gerät um eine Kinderwiege, die sich bewegen kann, und zwar genauso wie die Eltern. "Bei den meisten Herstellern bewegen sich die Sitze vollkommen unnatürlich und vibrieren. Aber Eltern vibrieren nicht", erklärt uns eine Mitarbeiterin. Für die Konzeption des Produktes habe man daher die Bewegungen Hunderter Eltern studiert, um diese möglichst genau nachahmen zu können.

Gesteuert wird der Babysitz Mamaroo 4 entweder über große Tasten am Fuß oder über eine Smartphone-App. Diese kommuniziert per Bluetooth, nutzt aber keine Clouddienste, um Daten zentral abzulegen. Es können verschiedene Bewegungsmuster ausgewählt werden, außerdem Geräusche, die die Kinder beruhigen sollen. Wer will, kann außerdem per Klinkenkabel andere Musikquellen nutzen. Die Lautsprecher sind aber zumindest für ausgebildete Ohren kein Genuss.

Nichts bleibt dem Zufall überlassen

Mitten in einer der Messehallen befindet sich das versprochene "vernetzte Kinderzimmer". Zwischen zwei Gängen wurden Wände aufgestellt, um ein merkwürdig fahles und ungemütliches Kinderzimmer nachzubauen, ausgestattet mit Kinderbett, Nachttisch, einer Kindersitzgruppe und einem kurzflorigen Teppich. Ein Mitarbeiter der Firma Z-Wave erläutert uns die verschiedenen Elemente: Ein Bewegungssensor zeigt, wenn das Kind nachts aufsteht, eine elektrisch regelbare Nachttischlampe gibt ihm Licht. Sensoren überwachen Türen und Fenster und messen die Luftqualität oder austretende Feuchtigkeit. Eine Steckdose signalisiert über verschiedenfarbige LEDs, ob bestimmte Sensorwerte sich im vorgegebenen Rahmen bewegen oder nicht.

Es kann aber noch viel mehr mit digitalen Helfern überwacht werden.

Überwachung im Kinderzimmer

Unzählige Stände auf der Messe bieten das notwendige Equipment, um Babys Verhalten und seine Umgebung aus der Ferne zu begutachten, vor allem: Überwachungskameras. Auch wenn all diese Geräte einige Stände auseinanderstehen, fällt auf, dass sich die immer gleichen Schwachstellen zeigen. Die meisten Produzenten nutzen Standardhardware, die Designs der Geräte sind in vielen Fällen identisch.

IT-Sicherheit spielt beim Großteil der Hersteller in der Präsentation am Stand keine Rolle. Die meisten Anbieter reagierten auf die Frage: "Hat ihr Produkt im vergangenen Jahr das Internet angegriffen" verwundert und verständnislos. Doch es gibt Ausnahmen: Der Hersteller Tattou schreibt in seinem Prospekt als besonderes Merkmal "passwortgeschützt".

Doch die Video- und Audioüberwachung des Kinderschlafzimmers ist nur der erste Schritt. Denn viele der Überwachungskameras bieten Zusatzfunktionen an. Noch relativ harmlos und bekannt sind die Übermittlung der Zimmertemperatur oder ein Nachtsichtmodus für Überwachungskameras. Verschiedene Startups wollen hingegen ein Rundumbild der Luftqualität übermitteln.

Der erste Atemzug ohne Feinstaub

Etwa First Breath, ein derzeit über Kickstarter finanziertes Projekt. Ein kleines Häuschen auf einem Holzsockel überwacht permanent zahlreiche Indikatoren für die Luftqualität. Dabei wird die Menge an Feinstaubpartikeln genauso gemessen wie der Stickstoffdioxidgehalt der Luft.

Auch die Gesamtheit der "flüchtigen organischen Verbindungen (tVOCs)" wird erfasst. Darunter fallen Rückstände von Reinigungsmitteln und von verschiedenen Baustoffen, außerdem Rückstände von Möbeln.

Diese besondere Form der Luftüberwachung soll laut First Breath helfen, "eine optimale Innenraumumgebung für ihr wachsendes Baby und die ganze Familie zu schaffen" und "wiederkehrende Probleme wie Husten und Erkältungen sowie zukünftige Allergien" zu verhindern. Verschmutzung im Innenraum könne eine "verlangsamte geistige Entwicklung" und die Entwicklung von ADHS zur Folge haben.

Was von diesen Ankündigungen zu halten ist, ist fraglich. Denn auch übertriebener Reinlichkeitswahn kann negative Folgen haben und sogar das Immunsystem schwächen. Der Mediziner Detlev Ganten sagte dazu dem Zeit Magazin: "Zum Beispiel ist unsere Immunabwehr auf eine schmutzige Welt eingerichtet." Menschen bräuchten daher "den ständigen Umgang mit Bakterien, Pilzen, Viren und Dreck, um sie zu trainieren." Von den elterlichen Sorgen um die Gesundheit ihres Kindes wollen aber viele Hersteller profitieren.

Socke mit Bluetooth

Noch einen Schritt näher ans Baby geht etwa das US-Unternehmen Owlet. Mit der "Smart Sock 2" kann der Gesundheitszustand der Heranwachsenden während des Schlafs überwacht werden. Eine kleine Socke wird dazu mit einem Sensor ausgerüstet, der den Herzschlag und die Sauerstoffsättigung des Babys misst. Die Smart Sock 2 gibt es seit März dieses Jahres, eine frühere Version seit etwa drei Jahren.

Diese Daten werden per Bluetooth an eine Basisstation übertragen. Die Reichweite gibt der Hersteller mit bis zu 35 Metern an. Die Basisstation leuchtet bunt auf und gibt auch einen Signalton aus, wenn die gemessenen Werte von der Norm abweichen. Der Hersteller legt Wert auf die Feststellung, dass hier nur medizinisch erprobte Technologie zum Einsatz komme. In mehr als hundert Fällen habe der Einsatz der smarten Socken bereits dazu geführt, dass Eltern mit dem Kind einen Arzt aufsuchten, der eine potenziell lebensbedrohliche Krankheit feststellen konnte.

"Mehr Daten, weniger Sorgen"

Eltern bekommen mit dem Kauf des Gerätes nur Zugriff auf die Echtzeitdaten. Wer auch die historischen Angaben und weitere datengestützte Analysen haben möchte, muss dafür einen Zusatzdienst abonnieren - das Motto im Prospekt: "Mehr Daten, weniger Sorgen". In den USA kostet das Gerät 299 US-Dollar ohne Steuern, in Deutschland soll es im kommenden Jahr auf den Markt kommen. Derzeit bereite man die für Europa vorgesehenen Server vor, die in Deutschland stehen sollen, teilt Owlet mit.

Die Innovationen machen auch vor den Gefährten der Kinder nicht halt. Natürlich gibt es Kinderwagen mit integriertem Akkupack, um das Smartphone aufzuladen. Ein zum Joggen geeigneter Kinderwagen der Firma Marathon geht allerdings darüber hinaus. Auf einem kleinen Display, das an einen gewöhnlichen Fahrradtacho erinnert, kann neben der Geschwindigkeit und der zurückgelegten Strecke auch die aktuelle Herzfrequenz der Eltern und die Anzahl der verbrannten Kalorien angezeigt werden. Das alles könnte natürlich auch ein kinderwagenunabhängiges Wearable erledigen.

Bei anderen Geräten hingegen stehen Entertainment und Sicherheit der Kinder im Vordergrund. Die chinesische Firma Luminex hat ein automatisches Bremssystem entwickelt. Bei diesem müssen Eltern stets den Bügel des Kinderwagens umfassen, damit dieser sich bewegen kann. Im Test funktioniert das System: Selbst wenn wir den Wagen mit viel Kraft anschieben, bleibt er nach weniger als einem Meter Fahrweg automatisch stehen. Der Bügel beherbergt außerdem Steuerelemente für die Wiedergabe von Musik per Bluetooth - über zwei kleine Lautsprecher im Passagierabteil des Wagens. Kleine LEDs am Kinderwagen werden als Sicherheitslicht angepriesen, deren Wirkung dürfte aber überschaubar bleiben.

Wenn die Schwangere ihr Baby selbst untersucht

Dass man nicht früh genug anfangen kann, das Elterndasein mit Technik zu verbinden, zeigt das donutförmige Gerät Sweetbeat von Miniland Baby. Damit können werdende Mütter das Herzklopfen ihres Babys aufzeichnen und mittels Bluetooth an eine App übertragen. Dort können die Töne später auch als Sounddatei angehört werden. Was für ausgebildete Mediziner sinnvoll sein kann, erscheint für Laien eher sinnlos. Eine kompetente Bewertung der Geräusche jedenfalls ist von dieser Seite nicht zu erwarten. Es ist zwar möglich, die Aufnahmen per App an einen Mediziner weiterzuleiten, doch die meisten Ärzte dürften Besseres zu tun haben, als sich permanent die Herztöne aller werdenden Babys in der Umgebung anzuhören.

Insgesamt drängt sich der Eindruck auf, dass hier wieder eine Branche mit großer Macht digitalisierte Produkte verkaufen will. Immer wieder versuchen IT-Unternehmen mit Marktmacht Trends zu erzeugen. Oft geht das schief, wie etwa die Kategorie der Smartwatches zeigt - vor zwei Jahren auf der Ifa der große Trend, hat sich das Segment bislang nur im Bereich der Sportuhren und Fitnesstracker wirklich entwickeln können.

Im Bereich der Kindererziehung könnten die Bemühungen mehr Erfolg haben. Nicht, weil alle Entwicklungen technisch unbedingt notwendig sind, sondern weil die Unternehmen mit den Ängsten und Sorgen oft ohnehin verunsicherter Eltern spielen, um ihre Produkte zu verkaufen. Auch sozialer Druck spielt eine Rolle. Denn wer will schon im Kindergarten zugeben, nicht alles für die Gesundheit des Babys zu tun, wenn andere Eltern über die smarte Socke sprechen. Selbst, wenn der Nutzen vieler Produkte zweifelhaft ist.  (hg)


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