Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/vr-was-htc-microsoft-und-oculus-mit-autos-zu-tun-haben-1709-130169.html    Veröffentlicht: 22.09.2017 12:08    Kurz-URL: https://glm.io/130169

VR

Was HTC, Microsoft und Oculus mit Autos zu tun haben

Wie fühlt sich autonomes Fahren an? Wie sieht ein neues Fahrzeugmodell aus? Was passiert während eines Unfalls im Auto? Auf der IAA können Besucher das erleben: mit einer VR-Brille auf der Nase.

"Zukunft erleben" ist der Slogan der diesjährigen Internationalen Automobil Ausstellung (IAA). Auf der Automobilmesse in Frankfurt demonstrieren die Messeaussteller ihre Innovationskraft mit verschiedenen Studien und Prototypen. Im Sinne der Absatzförderung werden auch Produkte und Dienste ausgestellt, die aktuell und demnächst bestellt werden könnten. In diesem Jahr fällt besonders auf, dass einige Hersteller auf der Messe omnipräsent sind, ohne selbst einen eigenen Messestand zu bespielen: HTC, Microsoft, Oculus und Samsung mit ihren Vives, Hololenses, Rifts und Gear VRs sind wesentlicher Teil der großen Show.

Das liegt zum einen an dem großen Thema "autonomes Fahren", zum anderen an den vielen Vorteilen von Augmented und Virtual Reality bei der Wissensvermittlung. Dadurch können die IAA-Besucher einen Blick in die digitale Entwicklungstechnologie von morgen werfen.

BMW demonstriert automatisiertes Fahren

Die Fullservice-Agentur Yellow Design aus Köln zeigt in der Messehalle von BMW die Fahrerassistenzsysteme von BMW Personal Copilot erstmalig in Form einer multisensuellen Virtual Reality Experience in zwei Cockpit Mockups. Mittels hochauflösender und im Raum getrackter Oculus-Rift-VR-Brille befahren die Besucher im neuen BMW 6er GT eine imaginäre Strecke. Während der rund sechsminütigen Fahrt werden in entsprechenden Fahrsituationen einzelne Features des teilautonomen Fahrens demonstriert und parallel durch einen Sprecher wahlweise auf Deutsch oder Englisch kommentiert. Der extrem hohe Grad an Immersion wird im Exponat durch die Kombination von virtueller Welt und realer Umgebung erzeugt:

Die Kernelemente des Hardware-Setups, wie Fahrersitz, Lenkrad und Pedale, entsprechen dem Cockpit des virtuellen Fahrzeugs. Da dank Leap Motion Handtracking auch die Hände des VR-Brillenträgers im virtuellen Raum sichtbar sind, kann dieser wie in der Realität das Lenkrad greifen und das Fahrzeug eigenhändig steuern. Besonders wirkungsvoll werden Assistenzsysteme vermittelt, bei denen das Fahrzeug selbstständig Lenkbewegungen durchführt, wie beim Lenk- und Spurführungsassistenten oder beim Spurwechselassistenten.

Nutzer spüren Lenkbewegungen

Das Verhalten des Fahrzeugs wird nicht allein visuell dargestellt, sondern Nutzer spüren, wie das Lenkrad unter ihren Händen autonom agiert. Ulf Plihal, Projektmanager bei Yellow Design, sagt dazu: "Mit Hilfe von VR-Technologie kann der Besucher direkt auf dem Messestand erleben, was sonst nur im fahrenden Fahrzeug und in bestimmten Verkehrssituationen demonstriert werden kann."

Die Volkswagen-Tochter Skoda nutzt zur Demonstration der Zukunftsstudie Vision E ein einfacheres, dafür futuristischer aussehendes Cockpit-Mockup und zur Steigerung der Immersion die Handschuhe von Manus VR. Aus hygienischen Gründen müssen Benutzer zusätzlich weiße Einweghandschuhe anziehen. Die VR-Gloves müssen gelegentlich separat kalibriert werden, was im Messealltag schon mal zu Verzögerungen führen kann. Dafür kann fast jeder Schalter im virtuellen Raum betätigt werden.

VR bei der Fahrzeugentwicklung

Wer sich jedoch intensiver mit den Funktionsweisen der Fahrerassistenzsysteme beschäftigen möchte, sollte bei den Zulieferern vorbeischauen. Je nach Ebene innerhalb der Wertschöpfungskette werden diese als Tier-1-, Tier-2- oder Tier-3-Lieferanten bezeichnet. Sie gehen bei ihren Demonstrationen tiefer in die Details und vernachlässigen dafür das Design des Cockpit-Mockups. Beispielsweise präsentiert die VR-Simulation von Bosch in Zeitlupe einen Verkehrsunfall und erläutert mit Hilfe von Texteinblendungen das Zusammenspiel der verschiedenen Sensoren und Technologien.

Das Concept Cockpit der ZF Friedrichshafen AG zeigt vier praxisnahe Innovationsansätze für das hochautomatisierte Fahren: Integriert sind ein spezielles Lenkrad mit Hands-on/Hands-off-Erkennung, ein Display mit fühlbarer Touchoberfläche, eine neuartige Gesichts- und Emotionserkennung sowie aktiv agierende und kommunizierende Sicherheitsgurte.

Tomtom simuliert Fahrtwind

Die japanische Jtekt zeigt mit Samsung Gear VR eine einfache Demo, die VR-Novizen als Einstieg in die automobilen VR-Simulationen nutzen können. Der Navigationsspezialist Tomtom versucht, als nettes Gimmick, mit Ventilatoren den virtuellen Fahrern Fahrtwind zu suggerieren und hat ein zur Messe-Demo vergleichbares VR-Video auf Youtube bereitgestellt.

Der Industriekonzern Thyssenkrupp hingegen nutzt sein VR-Exponat als Eyecatcher, um die Interessenten mit dem virtuellen Fahrzeug über eine Sightseeing-Tour in die Zukunft der Automotive Factory zu fahren. Ähnlich wie bei den Designern von Mackevision bei Automobilen wird zuerst im virtuellen Raum die industrielle Montageanlage anhand der Kundenanforderungen gebaut. Die Fertigungsstraßen dürfen auch mit Industrierobotern und anderen Gewerken der Konkurrenz ausgestattet werden. Potenzielle Auftraggeber können dadurch noch in der Pitchphase einen umfassenden Eindruck gewinnen, wie akkurat die Bauingenieure von Thyssenkrupp die komplexen Anforderungen an solche Multi-Millionen-Projekte berücksichtigt haben.

Strömungsverläufe im Motor werden visualisiert

Der Stand der Bertrandt-Gruppe steht ganz im Zeichen der immersiven Technologien. Dort wird sowohl Hololens als auch Rift eingesetzt. Mit der AR-Brille wird gezeigt, wie während der Produktentstehung Entwicklungsschleifen gespart und Werkzeug- und Prototypenkosten reduziert werden. Sie wird auch zur Visualisierung von Strömungsverläufen im Motorraum oder bei Bremsen- und kritischer Bauteilkühlung eingesetzt.

Das VR-Pendant treibt die Gamification weiter und erweitert das im aufgestellten Fahrsimulator eingebettete IACC-System (Intelligent Adaptive Cruise Control) um spielerische Mittel. Neben der üblichen Berücksichtigung von statischen Events, etwa Tempolimits und Kurven, liegt der Fokus auf dynamisch auftretenden Ereignissen. Diese können vom Besucher über ein Touchdisplay interaktiv eingespielt werden. Sie umfassen Geisterfahrer, Baustellen und gefährliche Wetterphänomene, darunter Glatteis.

Virtuelle Schulung

In der Festhalle wirft Mercedes Benz Global Training einen Blick in die Zukunft der innerbetrieblichen Ausbildung. "Mit dem immer schnelleren Fortschritt in der Automobiltechnologie wird die Vermittlung technischer Aspekte stets umfangreicher und anspruchsvoller. Daher ist es umso wichtiger, sowohl den Kunden als auch den Mitarbeitern diesen Schritt nicht nur zu erleichtern, sondern in ein nachhaltiges Erlebnis zu verwandeln", erläutert Sascha Jaite, verantwortlich für Marketing und Kommunikation beim globalen Trainingsdienstleister:

Exklusiv und in direkter Zusammenarbeit mit Microsoft hat das Unternehmen verschiedene Anwendungsmöglichkeiten für die Hololens entwickelt. Dadurch werden animierte 3D-Holographien in den freien Raum projiziert - mit dem Ergebnis, dass beispielsweise während einer Trainingssession ganz neue Einblicke in die Technik der Produkte möglich sind. Auf dem Messestand können die Besucher mit eigenen Augen durch die Hololens einen direkten Blick auf den Motor und seine zahlreichen Komponenten werfen, die Bremsanlage im Detail untersuchen und die verschiedenen Ausstattungsmöglichkeiten bei Dachboxen bestaunen.

Avatare dirgieren Hololens-Träger

Geschickt gelöst wurde die Navigation innerhalb der Simulation. Anstatt eine Gestensteuerung zu verwenden, werden Hololens-Träger mit Symbolen und Avataren dirigiert. "Durch die MixedReality-Technik wird das Kundenverständnis erhöht, zudem können Reparaturschritte und das Training der Mitarbeiter direkt am Kundenfahrzeug zeitsparend und effizient demonstriert werden", sagt Jaite.

Für manche technische Errungenschaft wie die Erfassung der Gehirnaktivität scheint bisher kaum ein professioneller Einsatzzweck in der Automobilindustrie gefunden worden zu sein. Eines der wenigen Beispiele findet sich in der Halle der Volkwagen-Gruppe. So geht die VR-Simulation bei der VW-Kernmarke zwar noch wenig auf die Möglichkeiten des Emotiv Epoc Neuroheadsets ein, ist aber für VR-Neulinge eine interessante Erfahrung. Der Konzern möchte damit die Kaufentscheidung der Interessenten unterstützen. Bevor Kunden zum Katalog greifen, soll sie sich heute in den intuitiven "Carfinder" setzen. Dann können sie mit einer Virtual-Reality-Brille ein neunzig Sekunden langes Video schauen.

Welcher VW passt zu mir?

Dank analytischer Algorithmen erfahren Besucher anschließend, welcher von acht Volkswagen-Modellen am besten zu ihnen passt. "Das Headset misst, welche Bilder die stärksten Reaktionen hervorrufen", sagt Stefan Aust, verantwortlich für die Marketingkommunikation auf der IAA.

Bei Seat wird völlig auf die VR-Brille verzichtet, dafür werden neben dem Neuro-Headtracker noch Handflächensensoren verwendet, während der Besucher Anweisungen auf einer semi-transparenten Monitorscheibe folgt.

Lexus lädt zum Flug mit dem Raumschiff ein

In das futuristische Raumschiff Skyjet aus dem Sci-Fi-Film Valerian wird im realen Ledersessel bei Lexus per Gear VR gedüst. Early Adaptors dürfen sich schon mal vormerken: Available at your Lexus dealer in 2740.

Ein technischer Overkill ist bei Recaro Automotive Seating zu bestaunen. Dort wird ein hydraulischer Rennsimulator - mit klassischem Doppelmonitor ausgestattet - für den Besucher-Wettbewerb "Perfomance Challenge" um ein Oculus-Rift-Headset ergänzt. Die Messebesucher rasen täglich mit der Rennsimulation von iRacing.com auf dem Nürburgring für Rundenbestzeiten und Gewinne wie ein exklusives Drifttraining auf dem Hockenheimring um die Wette. Recaro hat ein kurzes Video von der Messe online gestellt.

Das Auto wird individualisiert

Die Daimler-Tochter Smart kommt dem Wunsch der Verbraucher nach Individualisierung entgegen und hat das Programm Unleash the Colour gestartet. Damit lassen sich individuelle Zierteile per 3D-Druck erstellen. Am Beispiel des Interieurs wird erlebbar, wie durch Digitalisierung und neue Drucktechnologien individuelle Designs in Kleinserien oder als Einzelstücke einfach und schnell umsetzbar sind. Der Ablauf ist durchgängig digitalisiert - vom ersten eigenen Designentwurf bis zum fertigen individuellen Zierteil. Zunächst können in einer Konfigurator-App ausgewählte Zierteile für den Innenraum wie Lüftungsdüsen, Instrumenten-Cover und Multi-Media-Interface-Blende mit eigenen Motiven gestaltet werden. Das Gesamtdesign lässt sich sofort auf dem Tablet und mit VR-Brille betrachten. Anschließend wird das Design für den Druck optimiert und farbig sowie mit haptischen Effekten auf die Oberflächen der realen Bauteile gedruckt.

Aktuell kann zwischen zwei Individualisierungsstufen gewählt werden: Verschiedene Designvorschläge liefern Anregungen zur schnellen Individualisierung, die auf dem Tablet und mit einer VR-Brille im virtuellen Fahrzeug realitätsnah betrachtet werden können. Außerdem können der Besucher ein persönliches Motiv mit der Kamera des Tablets fotografieren. Der Konfigurator überträgt das Motiv virtuell auf die Zierteile und visualisiert es in Echtzeit als Virtual Reality. So können Besucher mit Tablet und VR-Brille die mit ihrem Motiv personalisierten Zierteile direkt im Auto erleben.

Die individualisierten Zierteile werden gedruckt

Der Digitaldrucker steht in unmittelbarer Nähe, so dass die Messegäste das Bedrucken der Zierteile live sehen und sich über das Druckverfahren und seine Technologie informieren können.

Nicht ganz so weit geht die BMW-Tochter Mini. Ebenfalls per Hololens lassen sich bei ihr am realen Fahrzeug auch zu einem späteren Zeitpunkt nach dem Kauf Sonderausstattungen anzeigen und individuell konfigurieren. Sowohl Kunden als auch Verkäufer können dadurch viel individueller und nachhaltiger auf den jeweiligen Bedarf eingehen.

Jaguar zeigt AR-Anwendungen

Klassische Augmented Reality-Anwendungen mit Tablets als Monitor sind in der Minderheit. Jaguar zeigt in einem Outdoor-Pavillon die Exterieur- sowie Interieur-Perspektiven ihrer Modelle E-Pace sowie F-Pace. Getriggert werden die Visualisierungen durch auf den Tischen liegende Quader. So können die verschiedenen Features der Fahrzeuge, wie Autonomes Parken, durchlaufen werden.

In der Daimler-Halle zeigt die Frankfurter Kommunikationsagentur Atelier Markgraph auf einem längeren Tisch mit einer Modelbau-Skyline und zwei auf Plattentellern drehenden Modellautos ihre Vision für ein Mobilitäts-Ökosystem "Intuitive Mobility". Mit einem rechteckigen Lenkrad wird ein Monitor samt zwei Kameras verschoben, der das angereicherte Bild anzeigt. Mit Drehen des Tellers werden verschiedene Informationen und Situationen des E-Autos eingeblendet, während die Stadtkulisse Carsharing-Systeme und weitere Mobilitätslösungen anzeigt.

Die virtuellen Fahrzeugwelten können noch bis zum 24. September erkundet werden.  (gr)


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