Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/auslastung-wenn-es-abend-wird-im-kabelnetz-1709-130142.html    Veröffentlicht: 21.09.2017 08:00    Kurz-URL: https://glm.io/130142

Auslastung

Wenn es Abend wird im Kabelnetz

Seit einigen Wochen versuchen wir von den TV-Kabelnetzbetreibern zu erfahren, was sie tun, wenn abends die Datenraten der Kunden einbrechen. Unitymedia, Tele Columbus und Vodafone nehmen nun Stellung zum Kapazitätsausbau mit Node- oder Clustersplits.

TV-Kabelnetzbetreiber haben große Probleme, die angebotenen hohen Datenübertragungsraten für ihre Privatkunden auch wirklich bereitzustellen. Das hat Golem.de aus Branchenkreisen erfahren. Laut dem Bericht zur Breitbandmessung der Bundesnetzagentur vom März 2017 fällt im Tagesverlauf besonders im Bereich 200 bis unter 500 MBit/s die Leistung in der abendlichen Peak-Zeit stark ab. Das liegt meist daran, dass zu viele Haushalte an einem Node oder Cluster hängen und sich die Kapazität teilen müssen.

Das Kabel ist ein Shared Medium, alle Haushalte in einem Netzabschnitt teilen sich die verfügbare Bandbreite. Doch laut Angaben des DSL-Tests der aktuellen Print-Ausgabe der Computerbild ist der Kabelkunde dennoch im Durchschnitt zwei- bis dreimal so schnell unterwegs wie Kunden mit klassischem DSL-Anschluss.

Der Test beruht nach den Angaben auf 7,2 Millionen Tempomessungen an deutschen Internetanschlüssen. Die höchsten Datenraten erreichten Kunden mit einem Kabelanschluss von Unitymedia. Sogar der Upload ist immer noch schneller als mit den DSL-Konkurrenten. Laut Computerbild traten solche Probleme vor allem an Kabelanschlüssen von Tele Columbus und Vodafone auf. Dabei gab es in Einzelfällen dramatische Einbrüche, insgesamt seien die Schwankungen jedoch moderat. Bei Unitymedia sei die Datenrate vergleichsweise stabil, der Betreiber holt den Testsieg.

Golem.de hat die drei großen Kabelnetzbetreiber befragt, wie sie segmentieren, wie viel Geld dort ausgegeben wird und wie viele Kunden im Durchschnitt an einem Node hängen. Auch wollten wir wissen, ab welcher Zahl der Haushalte oder bei welchem Datenvolumen segmentiert wird.

Unitymedia braucht sich nicht zu verstecken

Unitymedia hatte uns als Erster die Fragen beantwortet. Sprecher Helge Buchheister sagte Golem.de, der zweitgrößte Kabelnetzbetreiber investiere seit Jahren rund ein Viertel seines Umsatzes in sein Netz. So werde das Netz in bisher nicht versorgten Gebiete ausgebaut. "Dabei verlegen wir bis zum Kunden Glasfaser."

"Parallel zur bereits begonnenen Einführung von DOCSIS 3.1 treiben wir die Netzentwicklung und den Kapazitätsausbau weiter voran: Netzsegmente werden fortlaufend und bedarfsgerecht durch Nodesplits verkleinert und die Glasfaser so immer näher zum Kunden gebracht. Dadurch erhöhen wir sukzessive den Glasfaseranteil im Kabelnetz."

Für den Kapazitätsausbau im Kabelnetz gebe es mehrere Möglichkeiten. Damit in einem Netzabschnitt eine deutlich höhere Datenrate bereitsteht, führe der Betreiber "jedes Jahr mehrere Hundert Nodesplits durch". Bei diesen würden die Cluster-Größen hinter einem Fibernode wesentlich reduziert. "Nodesplits führen wir durch, bevor an einem Fibernode die Auslastung einen bestimmten Schwellenwert übersteigt. Von der Planung bis zur Durchführung eines Nodesplits vergehen durchschnittlich etwa neun Monate", erklärte Buchheister.



Neuer Fibernode kann dauern



In Einzelfällen habe es auch schon mal 15 Monate gedauert, bevor ein neuer Fibernode in Betrieb genommen werden konnte, so Buchheister von Unitymedia. Ursächlich für diese langen Zeitspannen seien unter anderem die erforderlichen Genehmigungsverfahren und der begrenzte Pool an verfügbaren Tiefbauern.

Ein Fibernode ist im Netz ein Bauteil, in dem das optische Signal aus der Glasfaser in ein elektrisches Signal auf Coax-Kabel umgesetzt wird. Wie viele Haushalte hinter einem Fibernode liegen, sei je nach Netzabschnitt unterschiedlich. Das könnten einige hundert Haushalte sein, aber auch mehrere tausend. Durchschnittlich seien es in dem Netz etwa 1.500 bis 2.000 Haushalte, bei denen ein Kabelanschluss verfügbar ist, aber nicht alle davon sind angeschlossene Haushalte. "Der Mittelwert für die angeschalteten Kunden (Internet & Telefonie) liegt deutlich darunter, ebenso die Schwelle, bei der ein Nodesplit durchgeführt wird", sagte Buchheister.

Bei einem Nodesplit wird im Grunde ein zusätzlicher Fibernode aufgebaut und ein Teil der Kunden des ursprünglichen Fibernodes zu einem neu errichteten Node hinübergezogen. Die Zahl der Haushalte pro Node verringert sich und es steht an beiden wieder mehr Kapazität zur Verfügung.

Buchheister: "Wesentlich häufiger als Nodesplits kommen Channel-Erweiterungen vor. Hierbei erfolgt der Kapazitätsausbau durch die Ausweitung von mehr DOCSIS-Kanälen. Durch die Abschaltung des analogen TV-Angebots können wir einige der frei gewordenen Kapazitäten beispielsweise für die Ausweitung der DOCSIS-Kanäle nutzen."

Vodafone räumt keine Probleme ein

Am längsten musste Golem.de auf eine Antwort von Vodafone zu dem Tabuthema Nodesplit warten. Laut Vodafone stimmen die Messungen der Bundesnetzagentur und der Computerbild nicht. Unternehmenssprecher Volker Petendorf sagte: "Wir haben in unserem gesamten Kabelnetz eine gute Performance und ausreichende Kapazitäten, denn wir investieren jährlich mehrere Hundert Millionen Euro in das Kabelnetz. Wir beobachten und messen durchgehend den Auslastungsgrad aller Segmente. An einem Node hängen im Durchschnitt mehrere Hundert Kabelkunden."

Wenn Vodafone eine deutliche Steigerung der Kundenzahl an einem Node erwarte oder wenn "in der Busy Hour ein bestimmter Schwellenwert der Auslastung übertroffen" werde, beginne der Konzern vorausschauend mit der Segmentierung. Hier gebe es einen Vorlauf von ein bis zwei Jahren. Bei dieser Kapazitätserweiterung reiße Vodafon Straßen auf, um mit "aufwändigen Tiefbauarbeiten" neue Glasfaserkabel zu legen, das Netz näher zum Kunden zu bringen und die nötigen Anpassungen vorzunehmen. Zuletzt habe Vodafone dies in Teilen Berlins sowie in einigen Gebieten in Nord- und Süddeutschland gemacht. "Mittelfristig werden wir in unserem Kabelnetz großflächig Gigabit-Geschwindigkeiten anbieten", sagte Petendorf.



Tele Columbus sieht sich nicht betroffen



Die Tele Columbus Gruppe sieht sich durch ihre Unternehmensgeschichte ebenfalls nicht so stark von Überlastung betroffen. "Während die Ursprünge unserer großen Mitbewerber im Kabelmarkt auf den ehemaligen NE3-Netzen der Bundespost liegen, welche eigentlich der überregionalen Signalverteilung dienten, starteten die Unternehmen der Tele Columbus Gruppe ursprünglich mit dem privatwirtschaftlichen Aufbau von Hausnetzen als reiner NE4-Betreiber", sagte Firmensprecher Mario Gongolsky.

Der Ausbau einer eigenen Netzebene 3 sei deutlich später erfolgt. Die gesamte Netzarchitektur der Tele Columbus Gruppe sei somit grundlegend durch den Aufbau kleinteiliger Strukturen geprägt, was sich heute bei der Cluster-Segmentierung als Vorteil erweise.

Gongolsky: "In der Konsequenz sind die Clustergrößen bei Tele Columbus, Primacom und Pepcom im Marktvergleich ausgesprochen klein. Die vergleichsweise junge Struktur unserer Netzebene 3 erleichtert auch eine weitere Segmentierung, weil die erforderlichen Tiefbaustrecken kürzer ausfallen können. Wo notwendig, werden die Netzwerk-Cluster also mit relativ geringem Aufwand weiter geteilt." Die spätere Erschließung der Netzebene 3 habe zudem dazu geführt, dass man die Rückkanalfähigkeit gleich mitdenken konnte. Alle rückkanalfähigen Netze seien vollständig auf 862 MHz ausgelegt.

Die Netze würden engmaschig überwacht. In Netzabschnitten, in denen ein hoher Kundenzuwachs und ein entsprechendes Ansteigen des Datentraffics beobachtet werde, würden durch Maßnahmen zur Bandbreitensteigerung, wie auch das Cluster-Splitting, ausgebaut. "Eine zusätzliche Steigerung der Bandbreiten wird künftig mit der Einführung des neuen Übertragungsstandards DOCSIS 3.1. erreicht, durch den sich die Kapazität der Downstreams etwa verachtfachen lässt."

Laut Gongolsky hat die Tele Columbus Gruppe im Jahr 2016 insgesamt über 113 Millionen Euro in technische Anlagen und Baumaßnahmen investiert. Das entsprach 32,7 Prozent der Umsätze. Auch in Zukunft seien umfangreiche Investitionen geplant.



Fazit

Keiner der drei großen Betreiber machte genauere Angaben dazu, wie viele Haushalte an einem Node hängen und ab welchen Höchstwerten ausgebaut wird. Erstmals wurden jedoch überhaupt zu dem Thema einige Angaben geliefert. Am offensten antwortete Unitymedia. Die Fragen hatte uns der Betreiber einige Wochen vor dem Test der Computerbild beantwortet.

Letztlich kostet es die Netzwerkbetreiber viel Geld, Nodesplits zu machen. Doch die Kunden haben zumindest ein moralisches Recht darauf, die gekauften Kapazitäten auch zu erhalten: Hier wird besonders von Vodafone und auch Tele Columbus trotz allen Bekundungen offenbar zu wenig getan.  (asa)


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