Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/play-austria-die-kaffeehauskultur-reicht-bis-in-die-spielebranche-1709-130032.html    Veröffentlicht: 14.09.2017 08:23    Kurz-URL: https://glm.io/130032

Play Austria

Die Kaffeehauskultur reicht bis in die Spielebranche

Österreichische Games sind vielfältig: Davon können sich Besucher der Messe Play Austria überzeugen. Allerdings fehlen der Branche noch Akteure mit internationaler Strahlkraft.

Einst lagerten hier Opernkulissen, jetzt werden digitale Welten gezeigt: Am 15. und 16. September findet im Wiener Semperdepot die Play Austria statt, die laut Veranstalter "erste Messe der österreichischen Game-Szene". In dem hohen, eleganten Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste zeigen 50 einheimische Game-Designer Prototypen und fertige Spiele. "Wir wollen allen eine Plattform bieten, die in Österreich irgendwas mit Games machen", sagt Jogi Neufeld, dessen Verein Subotron die Messe organisiert. Die meisten der rund 50 Aussteller dürften jedoch nur profunden Kennern der österreichischen Spielebranche bekannt sein.

Kein Zweifel: Österreichischen Studios gelingt es immer wieder, die Aufmerksamkeit der Spielefans zu wecken. AAA-Projekte vom Format eines Assassin's Creed oder Uncharted sucht man hier allerdings vergebens. "In Österreich fehlt momentan - genau wie in Deutschland oder der Schweiz - eine Leuchtturm-Firma", konstatiert der Spieleentwickler Hannes Seifert. Kein Wunder, handelt es sich doch bei vielen Studios um Eine-Frau-, bzw. Ein-Mann-Unternehmen. Der weitaus größte Aussteller - und zugleich Österreichs führendes Entwicklerstudio - ist die Wiener Firma Sproing: Seit 2001 dabei, beschäftigte sie zwischenzeitlich über 100 Mitarbeiter, von denen nach der Insolvenz im vergangenen Jahr noch etwa die Hälfte übriggeblieben sind. Bekannt geworden ist Sproing mit Titeln wie Undercover: Operation Wintersonne und Schlag den Raab; zu den aktuellen Projekten zählen Panzer Tactics HD, Asterix and Friends, Quarantine und Nonstop Chuck Norris.

Daneben stellen bei Play Austria nur wenige Studios aus, die bereits international von sich reden machen konnten. Das bekannteste - Broken Rules aus Wien - landete 2009 mit dem Platformer And Yet It Moves einen Indie-Hit. Spätere Spiele wie Chasing Aurora oder Secrets of Raetikon waren nicht ganz so erfolgreich. Mit Old Man's Journey hat Broken Rules aber gerade ein faszinierendes Plattform-Spiel vorgelegt, das auf Steam sehr gute Kritiken erhält.

In den 80ern waren Österreichs Games erfolgreicher

Hannes Seifert erinnert sich noch an bessere Zeiten der österreichischen Computerspielebranche. Bereits 1987 programmierte Seifert seine ersten Spiele auf dem C64, 1993 gründete er zusammen mit Niki Laber und Peter Baustädter die Firma Neo Software, die 2001 von Take 2 übernommen und in Rockstar Vienna umbenannt wurde. Der Erfolg des Science-Fiction-Rollenspiels Whale's Voyage machte Neo Software Mitte der 90er Jahre tatsächlich zu einem Leuchtturm der österreichischen Games-Branche; weitere bekannte Firmen waren Max Design und JoWood.

"In den späten 80er Jahren hat sich die österreichische Branche sehr gut entwickelt", erinnert sich der 45-Jährige, der inzwischen Country Manager DACH bei Riot Games in Berlin ist . "Die Firmen waren in einem so kleinen Land natürlich gezwungen, international zu werden, einen Heimmarkt gab es nicht." Mit Whale's Voyage kam Neo Software zunächst auf den britischen und später auch auf den deutschen Markt - genug, um ordentlich Reichweite zu erzielen.

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Das Glück blieb der österreichischen Spielebranche aber nur bedingt treu. Rockstar Vienna wirkte zwar noch an Titeln wie GTA III und Max Payne 2 mit, im Jahr 2006 schloss Take 2 jedoch die Niederlassung; auch Max Design und JoWood mussten schließen. Seit dem Rockstar-Vienna-Aus hält sich die These, dass die Studioschließung eine Initialzündung für die österreichische Indie-Szene gewesen sei. Hannes Seifert relativiert das: "Natürlich gibt es viele erfolgreiche Firmen in verschiedenen Größenordnungen, die in dieser Zeit entstanden sind. Und zweifelsohne gab es in dem Team von Rockstar Vienna eine große Reihe von Talenten, die dann ihren Weg gegangen sind. Aber 'Initialzündung' halte ich für übertrieben."

Stattdessen entwickelte sich die Branche eher behutsam weiter.

Auch Games können typisch österreichisch sein

Einer der Nachfahren von Rockstar Vienna war die Firma Mi'pu'mi Games, die sich tatsächlich aus ehemaligen Mitarbeitern rekrutierte - und ab 2009 erst Spiele für DS und DSi und später dann für Browser entwickelte. Das aktuelle Projekt von Mi'pu'mi ist The Lion's Song, ein episodisches Point-and-Click-Adventure für PC, das Anfang des 20. Jahrhunderts in Österreich spielt und bekannte Persönlichkeiten wie Klimt oder Freud spielbar macht.

Jogi Neufeld sieht Games wie The Lion's Song als besonders vielversprechend an: "Mit dem Medium wird formell und inhaltlich experimentiert. Es werden auch lokale Geschichten erzählt." Ein weiteres aktuelles Beispiel ist 1700, das bei Play Austria zu sehen ist: Das Newsgame macht die Erstürmung eines besetzten Hauses in Wien interaktiv erlebbar - und erinnert gleichzeitig an den Klassiker Lemmings. "Wir wollen zeigen, dass bei der Spieleentwicklung durchaus etwas typisch Österreichisches rauskommen kann", betont Neufeld. "So wie es österreichische Literatur gibt und österreichischen Film." Neufeld denkt den Gedanken weiter: "Vielleicht gibt es irgendwann mal den Thomas Bernhard, Ulrich Seidl oder Michael Haneke des Computerspiels".

Es fehlt an Know-how

Dennoch bleibt natürlich die Frage, warum österreichische Spiele (noch) nicht im Rampenlicht stehen. "Um die Branche in größeren Schritten weiterzubringen, bräuchte es mehr spezifisches Know-how", sagt Neufeld. "Ubisoft hat kurz überlegt, in Wien ein Büro aufzumachen, sich dann aber dagegen entschieden. Das wäre wahrscheinlich ein Schritt in die richtige Richtung gewesen." Auch Neufeld sagt: Das Know-how eines AAA-Studios würde auf die gesamte Branche abstrahlen. "Und im besten Fall würden die AAA-Mitarbeiter nach ein paar Jahren eigene Studios gründen - so, wie es in Toronto oder Paris gut funktioniert."

Aber auch im Mittelfeld lässt es sich ganz gut leben. Ein Beispiel ist die Grazer Firma Bongfish, die mit rund 50 Angestellten zu den größten Arbeitgebern der österreichischen Spielebranche zählt. Bongfish hat mit Spielen wie Motocross Madness und Red Bull Racers auf sich aufmerksam gemacht - und mit dem Schlümpfe-Lizenzspiel The Smurf's Village gerade guten Erfolgt.

International bekannt ist auch die Moon Studios GmbH aus Wien: Sie landete mit Ori and the Blind Forest (2015) einen Hit und arbeitet gerade an dessen Fortsetzung: Ori and the Will of the Wisps.

Ein echter Welterfolg gelang dem Indie-Studio Kunabi Brother aus Wien: Das Mobile Game Blek (2013) wurde millionenfach für iOS und Android heruntergeladen. Auch Zuliefer- und Service-Firmen spielen in der österreichischen Games-Industrie eine immer wichtigere Rolle. Beispiele sind Rabcat, Denuvo und Hitbox. Selbst die Novomatic-Gruppe, mit rund 24.000 Mitarbeitern im Online-Gambling tätig, hat mit Greentube mittlerweile ein Spielestudio gegründet.

Warten auf den Funken

Dass die österreichische Branche gleichwohl weniger dynamisch ist als etwa die finnische oder polnische, hat aus Sicht von Jogi Neufeld auch noch mit etwas anderem zu tun: "Dieses schnelle, starke Wachsen entspricht vielleicht auch nicht der österreichischen Mentalität. Die eher gemächliche Kaffeehauskultur schlägt sich in der Branche nieder." Die Spieleförderung sei in Österreich grundsätzlich gut aufgebaut, so Neufeld, schränkt seine Aussage aber gleich ein: "Es gibt Förderungen, die bis zu 200.000 Euro gehen. Mit dem Geld können ein paar Leute ein, zwei Jahre an etwas arbeiten. Aber das ist eine Ausnahme."

Während etwa die deutschen Verbände Millionenforderungen stellen, "wollen wir häufiger mal 50.000 Euro", sagt Neufeld. Auch Hannes Seifert findet die österreichischen Fördersummen zu gering: "Das sind alles Initialförderungen, die selbst für kleine Mittelständler wirtschaftlich keine Signifikanz haben. Von einem richtigen Fördermodell wie in Kanada oder England ist Österreich noch meilenweit entfernt."

Bürokratie abbauen, Rahmenbedingungen verbessern

Lokale Firmen hätten es zudem schwer, international gute Leute zu verpflichten, sagt Jogi Neufeld. "Und das, obwohl Wien immer noch die Stadt mit der höchsten Lebensqualität ist". Neufeld glaubt, dass Österreich nur mit Bürokratieabbau und günstigeren Rahmenbedingungen - etwa bei den Lohnnebenkosten - zum Standort internationaler AAA-Produzenten werden kann. "Wenn man ein kommerzielles Spiel macht, muss man auch bereit sein, dafür Opfer zu bringen", sagt Hannes Seifert. "Der Wille dafür fehlt momentan, vielleicht auch das Geld."

Gleichwohl ist Seifert vorsichtig optimistisch: "Wir hatten damals das Glück, dass Neo Software und JoWood und Max Design ungefähr zur gleichen Zeit erfolgreich waren. Ein solcher Funken muss erst wieder entstehen - das wird er auch, und dann wird die Branche erneut wachsen." Womöglich ist Play Austria schon ein kleiner Vorgeschmack.

Die Messe Play Austria findet am 15. und 16. September jeweils von 10 bis 20 Uhr in Wien statt. An rund 60 Messeständen können viele ausgestellte Games angespielt werden, es gibt eine Retro-Ecke und eine Do-it-Yourself-Ecke sowie Vorträge. Besonderer Fokus der Messe ist Aus- und Weiterbildung. Der Eintritt ist frei, die Veranstalter rechnen mit mehreren Tausend Besuchern.  (afe)


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