Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/destiny-2-im-test-dominus-und-die-schickimicki-hueter-1709-129960.html    Veröffentlicht: 09.09.2017 07:00    Kurz-URL: https://glm.io/129960

Destiny 2 im Test

Dominus und die Schickimicki-Hüter

Ein bisschen Fortsetzung plus viel Feinschliff: Die Konsolenversion von Destiny 2 gleicht auf fast schon merkwürdige Art ihrem Vorgänger - bietet nun aber immerhin mit dem Kampf zwischen einem Darth-Vader-ähnlichen Außerirdischen und den Hütern eine gelungene Kampagne.

Einen solchen Besucher wünscht man sich eigentlich nicht: Kommt ohne Vorankündigung, sagt kein freundliches Wort, sondern kapselt sich in einer Kugel über der Erdoberfläche ein. Gemeint ist der Reisende, die geheimnisvollste Figur in der Welt von Destiny. In Destiny 2 sorgt das mysteriöse Wesen - das es vermutlich gut meint mit der Menschheit - wieder für Probleme. Eine riesige Armada außerirdischer Schiffe greift ihn und damit auch unseren Planeten an.

Anführer der Aliens ist ein grimmiger Typ namens Dominus Ghaul, der mit Umhang und Maske wie der noch bösere Bruder von Darth Vader aussieht. Diesem Monster stellen sich die Hüter entgegen - also wir. Wir sind einer dieser mit Superkräften ausgestatteten Krieger, entsprechend legendär ist unser Ruf im Sternensystem. Das führt in der Kampagne ganz selten sogar mal zu dezent humorigen Momenten. Etwa, wenn wir uns von einer Nebenfigur anhören dürfen, dass unsere Heldentaten "gar nicht so übel für einen Schickimicki-Hüter" gewesen seien.

Vor dem Start der Kampagne wählen wir aus, mit welcher Klasse wir in Destiny 2 antreten. Zur Auswahl steht der Titan, der viele Standardgegner im Nahkampf mit einem Fausthieb ausschalten kann, sowie der auf Magie spezialisierte Warlock und der auf Distanzangriffe ausgerichtete Jäger. Alle drei können aber jede Waffe und Rüstung verwenden, und alle drei verfügen über Fähigkeiten, die im Talentbaum nach und nach ausgebaut und um Spezialisierungen angereichert werden können.

Die je nach Spielweise um die zwölf Stunden lange Hauptkampagne scheucht uns kreuz und quer durch das Sonnensystem. Anfangs sind wir in der sogenannten Europäischen Todeszone unterwegs Das sind mitteleuropäisch anmutende Wälder und Ruinen - ein halb verrottetes Autobahnschild verrät sogar konkret, dass wir uns am Schweizer Berg Zervreilahorn befinden. Später gelangen wir dann noch auf andere Himmelskörper wie den Saturnmond Titan, auf dessen Oberfläche ein Ozean schwappt. Wir müssen deshalb über riesige Plattformen hopsen, um unseren Auftrag zu erledigen.

Während wir im neuen Social-Hub die Farm (Ersatz für den Turm) und in einigen ähnlichen Gebieten immer von anderen Spielern umgeben sind, kämpfen wir in den Missionen der Kampagne allein. Die Einsätze sind teils recht lang und so gut wie immer linear aufgebaut. Vor allem aber stecken sie voller Überraschungen, wie sie die Entwickler von Bungie gerne verwenden. Sprich: Wir gelangen in ein leeres Tunnelsystem - und können in dem Moment schon sicher sein, dass uns dort früher oder später Gegner angreifen. Fragt sich nur, was für welche ...?

In Destiny 2 haben wir es oft mit größeren Feindansammlungen zu tun. Das macht die Kämpfe schwierig, aber auch spannend. Wir müssen aktiv nach Deckung suchen, um den besonders starken Kommandeuren auszuweichen und uns mit voll regenerierter Gesundheitsleiste ums Fußvolk zu kümmern, Munition aufzusammeln oder die Abklingzeit etwa unserer Granaten oder Superkräfte zu überbrücken.

Galaktischer Flow

Das alles sorgt in Verbindung mit der guten Steuerung, dem Fehlen von Rucklern und dem wunderbar epischen Soundtrack für den gleichen guten Flow, der schon das erste Destiny ausgezeichnet hat: Ausweichen, angreifen, erholen, Standardgegner beseitigen und dann mit voller Kraft auf die harten Brocken mit ihren wiederaufladbaren Schilden oder Teleportationsgeräten.

Wie schon im Vorgänger gibt es ab und zu besonders gefährliche Abschnitte, in denen uns die Begleitdrohne Ghost nicht wiederbeleben kann. Dann dürfen wir nach dem Ableben nicht am Sterbeort weitermachen, sondern werden zum letzten Checkpoint zurückversetzt. Das passiert auch, wenn wir eine Mission in der Mitte abbrechen, etwa wegen Zeitmangel - manuelles freies Speichern ist leider nicht möglich.

Die Kampagne ist wesentlich aufwendiger inszeniert als im Vorgänger, immer wieder spinnen aufwendig gemachte Zwischensequenzen die Story fort. Darin geht es um Dominus Ghaul und seine Kumpels von der Rotlegion, aber auch um unseren wackeren Widerstandstrupp aus Hütern. Eine spannende Geschichte will sich trotz des spürbaren Aufwands trotzdem nicht entwickeln - wer nicht aufpasst und keine Vorkenntnisse hat, verliert sogar leicht den Faden, um was es überhaupt geht.

Neben den Hauptmissionen gibt es in Destiny 2 noch weitere Abenteuer - und das ist wörtlich gemeint: Sogenannte Abenteuer sind kleine bis mittelgroße Aufgaben, die uns im Idealfall mit einer besonders starken Rüstung oder Waffe belohnen - und natürlich mit Erfahrungspunkten, über die wir im Level steigen.

Die Nebenquests sind unterschiedlich aufwendig: Ein paar sind in wenigen Minuten erledigt, etwa wenn wir Sendetransponder in den Boden der europäischen Todeszone rammen müssen. Einige dauern durchaus bis zu einer Stunde, sodass sie grob geschätzt die Spielzeit für Solisten knapp verdoppeln.

Umfangreich sind nicht nur die Aufgaben in Destiny 2, sondern auch die Gegnertypen. Die Entwickler schicken ein paar neue schön gestaltete und sehr gut animierte Außerirdische ins Gefecht. Lustigerweise haben auch die neuen Aliens wieder leichte Ähnlichkeiten mit den Covenant aus Halo. Zum Glück hat Bungie auch die KI weiter optimiert. Die Monster verhalten sich relativ schlau, tauchen auch mal länger in Deckung ab und greifen gerne im Rudel an.

In ihren besten Momenten verhalten sich die Gegner fast wie menschliche Spieler im Multiplayermodus. Nur gelegentlich trübt sich dieser Eindruck, etwa wenn ein Alien nach dem anderen an genau die gleiche Stelle springt wie sein Kumpel gerade eben, um sich dort ebenfalls eliminieren zu lassen. Schön: Immer wieder können wir aus der Entfernung teils längeren und erbittert geführten Konfrontationen zwischen außerirdischen Fraktionen wie den Gefallenen und den Schar zuschauen.

Immer mehr Multiplayer

Wer Destiny 2 startet, kann zuerst nur die Kampagne spielen. Nach ein paar Missionen werden dann die Schmelztiegel-Matches freigeschaltet - also PvP-Multiplayerpartien für jeweils zwei kleinere Teams. Für die kooperativen Strikes müssen Spieler innerhalb der Kampagne sogar noch deutlich weiter ins Sonnensystem vorgestoßen sein.

Trotz einigen neuen Modi etwa im Schmelztiegel gibt es hier neben den neuen, gut gemachten Maps nur wenige Änderungen gegenüber Destiny. Das Matchmaking funktioniert auf Knopfdruck - das dauert dann relativ lange, nämlich um die drei bis fünf Minuten, was derzeit aber auch an den stark ausgelasteten Servern liegen könnte. Die eigentlichen Matches haben dann aber ohne spürbare Schwierigkeiten stattgefunden.

Wer viel spielt - egal ob allein oder mit und gegen andere - erhält nach und nach immer bessere Ausrüstung. Auf den ersten Blick gibt es bei den zugrunde liegenden Systemen keine nennenswerten Änderungen, sogar das Ausstattungsmenü sieht fast genauso aus wie im ersten Destiny. Hinter den Kulissen hat Bungie aber Feintuning betrieben, das beim Spielen nach und nach dann doch auffällt.

So gibt in Schatzkisten viel öfter passende Gegenstände, mit denen wir wirklich etwas anfangen können, und die sich dann stärker als die aktuell ausgerüsteten Waffen oder Schutzobjekte anfühlen. Nicht ganz so schön: Bungie verkauft eine Handvoll kosmetische Gegenstände im Itemshop. Für Empörung innerhalb der Community hat gesorgt, dass die Shader - mit denen sich die Farbe von Rüstungen ändern lässt - anders als im ersten Destiny nur einmal verwendet werden können und dann aufwendig neu erspielt oder eben gekauft werden müssen.

Seit der Veröffentlichung von Destiny 2 kann sich Entwickler Bungie noch nicht zurücklehnen, denn in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten wird es noch jede Menge Arbeit für das Team geben. Auf seinem Blog hat das Studio eine Übersicht mit den Plänen für die nächsten Tage veröffentlicht. Zwei Termine sind für Spieler besonders wichtig: Am 13. September 2017 wird der erste Raid namens Leviathan zugänglich sein.

Und am 24. Oktober 2017 erscheint eine von Vicarious Visions zusammen mit Bungie produzierte Umsetzung für Windows-PC. Dann können Spieler erstmals ganz offiziell mit Maus und Tastatur in der Welt von Destiny antreten. In der Beta Ende August 2017 hat die PC-Version einen gelungenen Eindruck gemacht.

Verfügbarkeit und Fazit

Destiny 2 ist für Xbox One und Playstation 4 erhältlich, die günstigste Version kostet knapp 60 Euro. Auf der PS4 Pro unterstützt das Programm 4K-Auflösungen, aber es verwendet die gleiche Bildrate von 30 fps wie die Standardkonsole.

Hierzulande veröffentlicht Publisher Activision eine vollständig lokalisierte Version, bei der uns die meisten deutschen Sprecher aber im Vergleich zu ihren US-Kollegen zu künstlich klingen. Von der USK hat das Actionspiel eine Freigabe ab 16 Jahren erhalten.

Fazit

Machen wir uns nichts vor: Destiny 2 ist letztlich keine Fortsetzung, sondern eine optimierte und dezent erweiterte Neuausgabe des ersten Teils. Und die für viele Spieler wohl wichtigste Neuerung, nämlich die Kampagne, wirkt nicht wie das nächste Kapitel eines epischen Krieges. Sondern wie eine völlig austauschbare und wirr erzählte Schmonzette aus dem Sci-fi-Fundus.

Trotzdem bietet Destiny 2 bei den Soloinhalten - die nur mit Onlineverbindung funktionieren - wichtige Verbesserungen. Denn die Kampagne ist zwar aus erzählerischer Sicht ein schlechter Scherz, hat uns aber mit ihren abwechslungsreichen Missionen und stimmigen Umgebungen eben doch Spaß gemacht. Es gibt viele Überraschungsmomente, und gut aussehen tut das Ganze größtenteils auch noch.

Das eigentliche Highlight sind aber die Kämpfe an sich - genau wie im ersten Destiny. Die Kombination aus toller Steuerung plus relativ guter Gegner-KI, angereichert mit taktisch einsetzbaren Ausrüstungsgegenständen und Superkräften, macht schlicht Spaß. In diesem entscheidenden Bereich sind Destiny 1 und 2 ungeschlagen. Natürlich gilt das ebenso in den Multiplayermodi, soweit wir sie bislang ausprobieren konnten. Wir sind gespannt, was Bungie da künftig noch alles anbieten wird.

Gut gefällt uns auch, dass Waffen und Ausrüstung etwa besser aufeinander abgestimmt sind als im ersten Destiny, sodass das Finden und Ausprobieren immer neuer Laserkanonen und Brustpanzer stärker als im Vorgänger motiviert. Wer sich an derlei Grinding stört, sollte allerdings besser die Finger von dem Titel lassen - wir sind nur allzu gerne in die "nur noch 15 Minuten"-Falle getappt.

Auf vielen Nebenkriegsschauplätzen von Destiny 2 sehen wir aber Verbesserungspotenzial. Einige der Menüs und die allgemeine Zugänglichkeit dieses ja eigentlich für den Massenmarkt gedachten Actionspiels stellen für Einsteiger eine erstaunlich hohe Hürde dar. Auch die Mikropayment-Elemente für kosmetische Extras und die Salamitaktik beim Veröffentlichen von Inhalten finden wir ärgerlich.

Wem das alles egal ist, weil er sich zu Recht auf die tollen Kämpfe gegen Aliens und dann auch gegen menschliche Gegner freut sowie auf Massen von Waffen und Extras: Zugreifen - in diesen Punkten macht Destiny 2 alles Entscheidende richtig.

 (ps)


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