Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/smart-home-verbraucherschuetzer-fordern-recht-auf-analoges-wohnen-1709-129912.html    Veröffentlicht: 06.09.2017 15:46    Kurz-URL: https://glm.io/129912

Smart Home

Verbraucherschützer fordern Recht auf "analoges Wohnen"

Vernetzte Haushaltsgeräte brauchen nach Ansicht der Verbraucherschützer höhere Standards bei IT-Sicherheit, Datenschutz und Produkthaftung. Seiner Digital-Analog-Schwäche bleibt der Verband dabei treu.

Der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) fordert eine bessere rechtliche und technische Absicherung für Nutzer vernetzter Haushaltsprodukte. "Es braucht einheitliche technische Standards, damit Verbraucher nicht an einen Anbieter gebunden sind, und es muss sichergestellt werden, dass die Geräte sicher sind und Verbraucher rechtlich abgesichert", sagte VZBV-Vorstand Klaus Müller mit Blick auf das wachsende Angebot sogenannter Smart-Home-Anwendungen auf der diesjährigen Ifa. In einem 13-seitigen Hintergrundpapier konstatieren die Verbraucherschützer "dringenden Handlungsbedarf".

Demnach finden sich derzeit "am Markt überzogene Versprechungen, die in der Realität nicht umsetzbar sind oder auch intransparente Bündelangebote". Teilweise seien die Preise für den versprochenen Zusatznutzen deutlich zu hoch. Zudem stellten sich "neue Herausforderungen für Haftung, Gewährleistung, Kompatibilität, IT-Sicherheit, Datensicherheit und Datenschutz".

Haftungslücken bei lernenden Systemen

Dabei zeichnen die Verbraucherschützer das Bild eines hochkomplexen "smarten" Zuhauses, bei dem die Nutzer irgendwann nicht mehr mit Sicherheit sagen könnten, "ob die vom digitalen Produkt erzeugten Informationen vom Nutzer des Systems oder von Dritten stammen oder vom Produkt selbst kreiert wurden". Dies könne zu Problemen führen, wenn der Kühlschrank eigenständig im Supermarkt bestelle.

So könne es zu Haftungslücken kommen, wenn ein erlerntes Verhalten der Software nicht vorhersehbar gewesen sei. "Vertragsrechtliche Gewährleistungsansprüche sind davon abhängig, dass das Erlernen im konkreten Fall als Mangel anerkannt wird. Auch müssen Verbraucher nachweisen, dass der Mangel bereits zum Zeitpunkt des Kaufes bestand und dass er nicht erst nachträglich etwa durch das Zusammenspiel mit weiteren IT-Komponenten entstanden ist", heißt es in dem Papier.

Update für die gesamte Lebensdauer

Dass solche Schäden heutzutage schon passieren können, zeigt das Beispiel des Gardena Smart Garden Systems. Durch einen Serverabsturz konnten selbst die lokal gespeicherten Bewässerungspläne gelöscht werden, so dass während des Urlaubs die Pflanzen in Wohnung oder Garten vertrocknen konnten. Gardena verwies auf Anfrage von Golem.de auf die "üblichen gesetzlichen Bestimmungen bezüglich Garantie, Gewährleistung und Produkthaftung". Sollte es Anwender geben, die einen entsprechenden Schaden erlitten hätten und geltend machen wollten, sollten sich diese an das Unternehmen wenden, um den Einzelfall klären zu können.

Der VZBV kritisiert zudem, dass wegen unterschiedlicher Standards, Schnittstellen und Prozesse eine Interoperabilität zwischen den Geräten nicht immer gewährleistet ist. Aktuell müssten sich Verbraucher vor dem Kauf selbst aufwendig über kompatible Produkte informieren und Zukunftsvertrauen mitbringen, dass sich "ihr" System am Markt durchsetze oder mit neuen Systemen kompatibel sei. Aus Sicherheitsgründen sei es erforderlich, "dass Anbieter von Smart Devices verpflichtet sein müssen, für die gesamte Lebensdauer des Produktes zumindest sicherheitsrelevante Updates ohne weitere Zusatzkosten zur Verfügung zu stellen". Sonst bestehe die Gefahr, dass die Nutzungsdauer langlebiger Haushaltsgeräte wie Waschmaschinen oder Kühlschränke dadurch begrenzt werden könnte.

Das Gegenteil von vernetzt ist nicht analog

Ohnehin müsse die IT-Sicherheit "einen höheren Stellenwert bekommen", fordert der Verband. Gesetzliche Mindeststandards sowie verpflichtende Gütesiegel seien kurzfristig zu erarbeiten. Bei der Verarbeitung der Nutzerdaten sei mehr Transparenz erforderlich. Soweit Verbraucher Anwendungen oder Dienste faktisch mit Daten anstelle von Geld als Gegenleistung bezahlten, müssten sie die gleichen Rechte beim Zahlen mit Geld haben. Gleichzeitig müsse es für Verbraucher jederzeit möglich sein, der Nutzung ihrer Daten zu widersprechen.

Nach Ansicht von VZBV-Vorstand Müller muss jeder Verbraucher künftig selbst entscheiden können, ob er vernetzte Produkte nutzen möchte oder nicht. "Die Möglichkeit analog zu wohnen, muss unbedingt gewahrt bleiben", sagte Müller. In diesem Fall machen die Verbraucherschützer wieder einmal die merkwürdige Gleichsetzung von vernetzt mit digital und analog mit offline. Als seien moderne Hausautomationssysteme, Waschmaschinen oder Fernseher "analoge" Geräte, wenn sie nicht mit dem Internet verbunden sind. Selbst der Nockenschalter an einem alten Elektroherd ist nicht "analog", von der Steuerung eines modernen Induktionsherdes ganz abgesehen. Auch in der Debatte um moderne Stromzähler setzte der VZBV elektronisch mit digital gleich und elektromechanisch mit analog, obwohl beide Zählerarten über digitale Anzeigen verfügen.

Nicht jede Hausautomation ist gefährdet

Zudem krankt die Analyse etwas daran, dass sämtliche "smarten" Hausautomationssysteme und Haushaltsgeräte über einen Kamm geschoren werden. So ist es längst nicht der Fall, dass solche Geräte mit dem Internet verbunden sein müssen. Sind die smarten Geräte lediglich im lokalen Netz eingebunden und aus diesem heraus konfigurierbar, sinkt die Gefahr von Hackerangriffen deutlich. Das gilt erst recht, wenn es sich nicht um funkbasierte Anwendungen handelt, sondern um fest verkabelte Geräte einer Hausautomation. Gefährlich sind in solchen Fällen wiederum Sicherheitslücken bei internetbasierten Zugängen, wie vor einem Jahr beim österreichischen Anbieter Loxone.

Berechtigt dürfte jedoch die Forderung sein, dass künftig auch Haushaltsgeräte auf dem Markt sein sollten, die sich ohne Internetverbindung oder Smartphone-App bedienen lassen. Schließlich lässt sich in der Tat kaum garantieren, dass die Hersteller für jeden kommenden Standard noch in zehn Jahren das erforderliche Programm zur Verfügung stellen. Inwieweit es ein "Recht" auf solche Geräte geben sollte, ist jedoch eine andere Frage. Schließlich gibt es bislang auch kein Recht auf Schallplatten und analoge Musikkassetten.  (fg)


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