Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/banana-pi-m2-berry-per-sata-wird-der-raspberry-pi-attackiert-1709-129889.html    Veröffentlicht: 06.09.2017 12:04    Kurz-URL: https://glm.io/129889

Banana Pi M2 Berry

Per SATA wird der Raspberry Pi attackiert

Echtes SATA und Gigabit-Ethernet! Das sind die Antworten auf die Frage, welche Features die Fans des Raspberry Pi gerne hätten. Der Bastelrechner Banana Pi M2 Berry bietet genau das - und kostet kaum mehr als sein Vorgänger. Wir haben uns angesehen, ob er technisch auf dem aktuellen Stand ist.

Im Juli 2017 ist der Banana Pi M2 Berry von Sinovoip erschienen. Wie der Name schon andeutet, dient der Raspberry Pi als Vorbild. Mit echtem SATA und Gigabit-Ethernet erinnert er aber auch stark an den ersten Banana Pi, der zugleich auch der erste Konkurrent des Raspberry Pi war. Dank intensiver Community-Arbeit bietet der erste Banana Pi mittlerweile einen guten Support - hinkt aber bei der Technik aktuellen Modellen deutlich hinterher. Wir haben uns angeschaut, ob der Banana Pi M2 Berry ein würdiger Nachfolger des ersten Banana Pi ist und ob er mit dem Raspberry Pi 3 konkurrieren kann.

Der Banana Pi M2 Berry basiert auf einem Allwinner-V40-Prozessor, seine vier Cortex-A7-Kerne sind mit bis zu 1,2 GHertz getaktet. Der RAM ist 1 GByte groß. Bei den Anschlüssen und Verbindungsmöglichkeiten ist er nahezu identisch zum Raspberry Pi 3, einschließlich der Position der Anschlüsse. Allerdings bietet das M2 Berry Gigabit-Ethernet und einen echten SATA-Anschluss ohne langsame USB-zu-SATA-Brücke.

Allein M2 reicht nicht für den Einkaufszettel

Beim Preisvergleich und Kauf gilt es aufzupassen. Der Hersteller Sinovoip hat in den vergangenen Monaten eine ganze Reihe von Banana-Pi-Bastelrechnern mit der Bezeichnung M2 im Namen vorgestellt, die nichts miteinander gemein haben. Es gibt nur eine Ausnahme: Der hier vorgestellte M2 Berry ist ein um einige Funktionen reduzierter und preisgünstigerer Banana Pi M2 Ultra.

Da sie auf dem gleichen Prozessor basieren, bietet Sinovoip für den Berry keine speziellen SD-Karten-Images an. Stattdessen sollen wir die Images für den Ultra nutzen. Hier sind wir zuerst positiv überrascht. Gibt es von Sinovoip normalerweise eine Vielzahl verschiedener Linux-Distributionen, finden wir diesmal nur drei vor: Ubuntu, Debian und Raspian (alle mit Kernel-Version 3.10.107). Das sonst obligatorische Android fehlte zunächst, seit Ende August ist es aber auch regulär verfügbar. Wir greifen zur aktuellen Ubuntu-Version vom August 2017. Darin sind bereits einige Verbesserungen durch die Banana-Pi-Community integriert, zum Beispiel beim Video-Decoding- und Grafik-Support.

Distributionschaos ist versteckt

Erst später stoßen wir durch einen Post im Banana-Pi-Forum auf ein Google-Drive-Verzeichnis mit einigen weiteren Linux-Distributionen und Android-Beta-Versionen.

Mit der frisch bespielten Mini-SD-Karte starten wir den M2 Berry. Der Start geht flott. Der Mate-Desktop und das Programm-Menü sind recht leer. Merkwürdigerweise sind mit Firefox und Chromium zwei Browser installiert. Allerdings funktioniert trotz apt update&upgrade nur Chromium, Firefox stürzt beim Start ab. Insgesamt machen wir gemischte Erfahrungen beim Herumprobieren. Grundsätzlich können wir flüssig arbeiten, aber zuweilen fühlt sich das System lahm an.

Videos laufen, die Bedienung ist aber nicht optimal

Mit Hilfe des installierten mpv-Videoplayers und VLC testen wir ein h.264-Video. Das wird zwar ohne Ruckler vom NAS abgespielt, aber es gibt kein Onscreen-Display-Menü und ausgeklappte Menüs werden vom Videobild verdeckt. Wir installieren Kodi. Das startet aber nicht: Der installierte UMP-Kerneltreiber ist zu neu für die installierte UMP-Bibliothek.

Mit Android zum Mediencenter

An der Stelle geben wir mit Ubuntu erst einmal auf und wollen wissen, ob wir alternativ Android für den Mediencenter-Einsatz nutzen können. Dabei müssen wir beachten, dass das Image mit Hilfe des Programms PhoenixCard auf die SD-Karte übertragen werden muss. Die sonst üblichen Werkzeuge wie "dd" oder "Win32DiskImager" erzeugen keine bootfähige SD-Karte mit Android.

Für Bastelrechner ist das installierte Android 6 eine vergleichsweise moderne Android-Variante. Googles Playstore ist bereits installiert. Ohne Probleme installieren und starten wir Kodi für Android. Hinsichtlich der Performance gilt das Gleiche wie unter Ubuntu - grundsätzlich flüssig, aber zum Beispiel Programmstarts wirken zäh.

Besser netzwerken per Kabel

Unter Ubuntu führen wir unsere Benchmarks durch. Wir nutzen Iperf, um die Geschwindigkeit von WLAN und Ethernet zu bestimmen. Mit bis zu 720 MBit/s bleibt der Gigabit-Ethernet-Anschluss deutlich unter dem maximal Möglichen. Das WLAN (nach IEEE 802.11 b/g/n) schafft knapp bis zu 39 MBit/s, ein recht mittelmäßiger Wert.

Zwei Dinge stören uns beim WLAN allerdings mehr. Zum einen dauert es lange, bis die Verbindung initial überhaupt aufgebaut wird. Zum anderen ist die Übertragungsqualität deutlich positionsabhängig. Schon ein kleiner Dreh der Platine bewirkt große Veränderungen - obwohl der WLAN-Router keine drei Meter in direkter Sichtlinie entfernt ist. Ein externer Antennenanschluss fehlt, allerdings sind entsprechende Lötstellen vorgesehen und der Anschluss kann nachgerüstet werden.

Prozessor kommt ohne Kühlung aus

Als Nächstes testen wir den Banana Pi M2 Berry mit Sysbench und Unixbench. Während der Sysbench-Wert identisch zum Raspberry Pi 3 ist, liegt er bei Unixbench deutlich unter dem des Raspberry. Wir testen erneut, schauen uns dabei aber parallel die Prozessorgeschwindigkeit und -temperatur an. Der Berry kommt ohne Lüfter aus und wir haben eine Drosselung in Verdacht. Tatsächlich springt die Taktfrequenz wild auf und ab, der Prozessor aber bleibt dabei unter 70 Grad, er fühlt sich auch nicht sehr warm an.

Wir setzen deshalb den Taktgovernor von interactive auf performance und improvisieren vorsichtshalber eine Kühlung. Trotz durchgehender Taktung mit 1,2 GHz bleibt die CPU-Temperatur dabei unter 55 Grad. Das ist durchaus respektabel.

Allerdings steigen durch die Maßnahmen die Werte nur bedingt. Beim Sysbench-Test ändert sich nichts. Der Unixbench-Gesamtindex für den M2 Berry bleibt hingegen immer noch deutlich unter dem Raspberry Pi 3. Paradoxerweise sind aber die Werte für die rechenintensiven Whetstone- und Drystone-Indexe besser als beim Pi. Bei einem direkten Vergleich aller Einzelwerte der Unixbench-Suite zeigen sich deutlich Einbrüche bei denjenigen Tests, bei denen das Betriebssystem und IO-Operationen eine stärkere Rolle spielen. Das spiegelt auch unsere Nutzererfahrung wider.

Strombedarf in Ordnung, SATA lahmt

Der Strombedarf liegt mit 0,2 bis 0,7 A bei 5,0 bis 5,15 V bei angeschlossener Tastatur, Maus und aktiviertem WLAN leicht unter dem des Raspberry Pi 3. In Hinblick auf die verfügbaren Funktionen ist das gut.

Unser Test des SATA-Anschlusses mit einer 128-GByte-SSD von Adata liefert aber recht ernüchternde Werte. Die Schreibgeschwindigkeit beträgt um die 40 MByte/s, die Lesegeschwindigkeit um die 130 MByte/s. Das ist zwar schneller als die Lese- und Schreibzugriffe auf die Micro-SD-Karte oder einen USB-Stick, und vor allem besser als die bekannten USB-zu-SATA-Lösungen. Trotzdem bleiben diese Werte deutlich hinter dem Möglichen zurück. Der Hersteller behauptet von seiner SSD, sie würde 550 MByte/s lesend und 500 MByte/s schreibend schaffen. Eine ähnliche Performance bot aber schon die SATA-Schnittstelle des ersten Banana Pi.

Trotz aller Probleme, eine Funktion des M2 Berry wollen wir unbedingt zukünftig beim Raspberry Pi und allen anderen Bastelrechnern sehen: Der Bastelrechner hat einen funktionierenden und enorm praktischen An- und Ausschalter! Die Reset-Taste wird ihrem Namen ebenfalls gerecht, und ihre Position zwischen Stromversorgung und HDMI-Anschluss verhindert im Alltag ein versehentliches Auslösen.

Verfügbarkeit

Der Banana Pi M2 Berry ist zum Preis von 40 Euro bei verschiedenen deutschen Versendern erhältlich, zum Beispiel von Innet24, der uns das Testmodell zur Verfügung gestellt hat.

Fazit

Wer echtes SATA in dieser Preisklasse will, kommt am Banana Pi M2 Berry eigentlich nicht vorbei. Die Hardware ist, abgesehen vom WLAN, insgesamt stimmig. Uns gefällt besonders, dass auch bei voller Prozessorleistung keine Kühlung erforderlich ist - auch wenn diese Leistung im Vergleich mit anderen Rechnern wie dem Raspberry Pi 3 geringer ist.

Erwartungsgemäß hapert es wieder an der Softwareanpassung. Unter Linux funktionieren zwar alle Hardwarebestandteile, aber da ist bei der Performance und Funktionalität wohl noch Luft nach oben. Sinovoip müsste eben nur einmal beginnen, an den Konfigurationen zu schrauben. Der Hersteller profitiert lediglich davon, dass der Berry den gleichen Prozessor wie das M2-Ultra-Modell hat, das bereits länger verfügbar ist und dessen Nutzerschaft zwar klein, aber engagiert ist. Die Nutzer können deshalb beim Banana Pi M2 Berry damit rechnen, dass die typischen Anfangsschwierigkeiten überwunden sind.  (am)


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