Original-URL des Artikels: https://www.golem.de/news/lenovo-thinkstation-p320-tiny-im-test-viel-leistung-in-der-zigarrenschachtel-1709-129768.html    Veröffentlicht: 05.09.2017 12:04    Kurz-URL: https://glm.io/129768

Lenovo Thinkstation P320 Tiny im Test

Viel Leistung in der Zigarrenschachtel

Was klein ist, muss nicht sehr langsam sein. Wir haben auf der Lenovo Thinkstation P320 Tiny gespielt, gerendert und geschrieben. Alle Tests kann die kleine Box gut bewältigen - sogar sechs Bildschirme parallel.

Das kleine Schwarze für den Schreibtisch: Workstation-Computer im kleinen Formfaktor sind eine in vielen Unternehmen beliebte Alternative zu größeren und klobigeren Desktop-Systemen. Bei weniger Energiebedarf und mehr Platz auf dem Arbeitstisch wundert das nicht. Außerdem sind Prozessoren und Grafikkarten im kleinen Formfaktor meist nicht wesentlich langsamer bei Büroarbeiten. Das beweist etwa HP mit seinem Slice-PC, und das will auch Lenovo mit der Thinkstation P320 Tiny erreichen, die wir als Testmuster vom Hersteller erhalten haben.

Unser Modell ist für eine solch kleine Set-Top-Box mit Windows 10 Pro in der Theorie sehr gut ausgestattet: Ein Intel-Core-i7-7700T-Prozessor und eine dedizierte Nvidia-Quadro-P600-Grafikkarte finden in dem nur 18 x 17,5 x 3,5 cm großen Quader Platz. Dazu kommen 16 GByte RAM und eine 512-GByte-SSD. Was will man mehr in so einer Zigarrenschachtel?

Lenovo meint: mehr Anschlüsse! An die Thinkstation lassen sich sechs Bildschirme gleichzeitig anschließen. Die Rückseite des kleinen PCs ist mit vier Mini-Displayport-1.4-Buchsen und zwei Displayport-1.2-Anschlüssen geradezu übersät. Dazu kommen fünf USB-A-Anschlüsse mit USB-3.0-Geschwindigkeit, davon zwei an der Front und drei auf der Rückseite. Trotzdem hat das System noch Platz für eine externe WLAN-Antenne und einen RJ-45-Anschluss mit Gigabit-Ethernet-Geschwindigkeit.

Lediglich einen USB-Typ-C-Port können wir nicht finden. Doch dieser Anschluss wird bisher fast nur bei mobilen Systemen eingesetzt. Desktop-Nutzer möchten auch Desktop-Anschlüsse und Lenovo bietet genau die in einem kleinen Paket. Erster Eindruck von der kleinen Workstation: sehr gut! Und auch beim ausführlichen Testen können wir an Lenovos Box wenig aussetzen.

Komplettpaket für direkte Installation

Mitgeliefert wird neben dem PC eine großzügige Auswahl an Zubehör. Lenovo liefert eine Maus, Tastatur, ein Kensington-Schloss-Kabel und Vesa-Halterungen für das Gehäuse und das Netzteil mit. Dabei fällt auf, dass das Netzteil an sich verhältnismäßig groß ist. Lenovo spart damit natürlich zum einen Platz im knapp bemessenen Gehäuse und zum anderen Abwärme, die vom Netzteil selbst produziert wird.

Damit hat die Thinkstation P320 Tiny alle notwendigen Teile, um nach dem Auspacken zu einem leistungsfähigen System zusammengebaut zu werden. Das spart den Firmenadministratoren viel Zeit und damit den Unternehmen Geld. Gerade durch die vielen Displayport-Buchsen ist die Box wesentlich mehr als nur eine Office-Maschine.

Multitasking auf sechs Bildschirmen gleichzeitig

Wir sind erst einmal überrascht, als wir die sechs Displayport-Buchsen an der Rückseite der Thinkstation P320 Tiny sehen. Wie viele Bildschirme kann der PC wirklich gleichzeitig ansteuern?, fragen wir uns. Denn sechs Anschlüsse bedeuten nicht unbedingt gleich, dass auch tatsächlich sechs Bildschirme daran funktionieren - vor allem, da zwei Bildschirme vom integrierten Chip und vier von der Quadro-P600-Grafikkarte angesteuert werden.

Wir suchen in unserer Redaktion sechs Monitore zusammen, die teilweise über Adapter und mit verschiedenen Auflösungen angeschlossen werden müssen. Und tatsächlich: Die Lenovo-Box kann alle sechs Bildschirme gleichzeitig ansteuern. Damit könnten wir uns das Gerät auch als Heimkino-PC mit Multi-Monitor-Leinwand oder für Programmierer vorstellen, die viel Platz auf ihrem Desktop brauchen. Aber auch als Minikonsole könnte sich die Thinkstation P320 eignen.

Zu diesem Zweck testen wir die Quadro P600 in Kombination mit dem Core i7-7700T in ein paar Spielen. Wir haben von einer Einsteiger-Grafikkarte und einem 35-Watt-Chip eigentlich keine großartigen Ergebnisse erwartet. Doch schlägt sich das System überraschend gut. Im Shooter Overwatch messen wir bei hohen Details und 1080p-Auflösung ordentliche 48 Frames pro Sekunde. Im Taktik-Shooter Counter Strike: Global Offensive sind bei hohen Details etwa 110 Frames pro Sekunde machbar. Das System ist also durchaus in der Lage, ältere und weniger anspruchsvolle Spiele flüssig darzustellen.

Geräuschlos den Prozessor kochen

Es gibt da nur ein Problem: Die Kühlung der Thinkstation ist für die dauerhafte, aber dynamische Last in Spielen nicht ausgelegt und hat damit Probleme. Das System versucht, möglichst geräuschlos zu arbeiten. Daher ist die Temperaturbelastung auf der CPU hoch. Das fällt bereits im Leerlauf auf, wenn die CPU 53 Grad Celsius warm ist - mit angeschlossenen sechs Monitoren sind es 57 Grad. Der Lüfter ist hingegen in diesem Zustand gar nicht hörbar. Auch bei leichten Büroarbeiten und dem Surfen auf Internetseiten ist das System sehr leise.

Das ist an sich sehr gut, bei Spielen hingegen dreht der kleine Lüfter hörbar auf, jedoch kann er den Prozessor trotzdem nicht genug kühlen, so dass sich dieser in regelmäßigen Abständen auf bis zu 800 MHz heruntertakten muss. Der Chip ist dann auf knapp 79 Grad erhitzt. Daraus folgt, dass in CS:GO die Frameraten auf bis zu 38 fps heruntergehen. Merkwürdig ist, dass die CPU bereits bei dieser Temperatur so stark herunterregelt.

Dadurch wird das Spiel zu einer nervigen Ruckelpartie und unspielbar. Overwatch scheint den Prozessor hingegen weniger auszulasten. Daher bleiben dort die Bildraten über 40. Wir haben auch das externe Lüftersteuerungstool Tpfancontrol ausprobiert, das bei vielen Thinkpad-Notebooks von Lenovo hilfreich ist. Leider erkennt das Programm die Thinkstation nicht.

Eine Lösung ist, das Lüftungsprofil im Bios des Geräts einzustellen. Dort können wir zwischen den drei Modi "bessere akustische Leistung", "bessere thermische Leistung" und "Full Speed" wechseln. Die Lüfter auf volle Leistung zu stellen, ist keine gute Idee. Das System klingt dadurch wie eine Flugzeugturbine auf dem Schreibtisch - unerträglich laut.

Das kühleffiziente Profil ist jedoch ein guter Kompromiss, wenn wir auf der Thinkstation Spiele spielen möchten. Die Lüftersteuerung reagiert wesentlich schneller und stärker auf hohe Chiptemperaturen, so dass der Prozessor zum Großteil auf über 3 GHz takten kann. Lediglich zu Beginn einer Partie CS:GO ruckelt es stark. Das Gute daran: Im Idle und bei leichter Büroarbeit bleibt das System trotzdem schön leise. Von daher raten wir, das System von Beginn an auf dieses Profil umzustellen.

Unter konstanter Last ist die Lüftersteuerung - unabhängig vom Profil - weniger problematisch. Dazu lassen wir das System ein Motiv in der freien 3D-Bearbeitungssoftware Blender mit der CPU rendern. Zwar dreht der Lüfter hörbar auf, so dass ein konstantes Rauschen durch das Büro hallt, jedoch drosselt die CPU dabei niemals herunter. Das kommt den Renderzeiten sehr entgegen. Mit seinen vollen 3,5 GHz auf allen vier Kernen plus Hyperthreading rendert der Core-i7-Prozessor den Blender-Benchmark 'Barcelona-Pavillon' in 28:37 Minuten. Die 35-Watt-CPU ist schnell, vorausgesetzt, sie wird gut gekühlt.

Ein Blick in die Thinkstation erklärt, warum der Lüfter solche Probleme mit der Abwärme hat. Außerdem stellen wir fest, wie ausgeklügelt Lenovo alle Komponenten in solch ein kleines Gehäuse packt. Trotzdem ist noch Platz für mehr Arbeitsspeicher und eine zweite SSD.

Wenig Raum für Luft, dafür Raum für mehr RAM

Das Aufschrauben der Lenovo Thinkstation P320 Tiny stellt sich als sehr leicht heraus. Das Gehäuse wird lediglich von einer Schraube zusammengehalten. Wir lösen diese und können anschließend den Deckel samt Frontblende nach vorn wegschieben. Der erste Blick in das Gehäuse zeigt uns die Kupfer-Heatpipes und Kühlrippen samt einem einzigen kleinen 60-mm-Lüfter. Dieser muss die Abwärme der CPU und der Grafikkarte gleichzeitig bewältigen. Es ist also kein Wunder, dass das System unter Last sehr schnell sehr laut wird.

Unter der Lüftung befinden sich die Grafikkarte, die mit einem PCI-Express-Riser-Adapter parallel zum Mainboard angebracht ist, und der LGA-1551-Sockel, in den der Prozessor geklemmt wird. Bei Bedarf lassen sich theoretisch also auch eine andere GPU und ein anderer Prozessor in das Gehäuse einbauen.

Das ist relativ ungewöhnlich für eine solche vorkonstruierte Box. Die Grafikkarte kann ausgebaut werden, indem die kleine Schraube an der Gehäuse-Rückblende gelöst wird. Danach kann sie in ein beliebiges Mainboard mit passender PCI-Express-Schnittstelle eingesetzt werden. Unter der Grafikkarte befindet sich die 8265-ac-Karte, Intels aktuelles Wi-Fi-Modell. Sie lässt sich ebenfalls ausbauen.

Die modulare Bauweise der kleinen Box ist damit aber noch nicht zu Ende. Auf der Unterseite des Gehäuses können wir das Blech wegschieben und damit Zugang zum SO-DIMM-Arbeitsspeicher und den beiden M.2-Slots für SSDs erhalten. Ein 16-GByte-RAM-Riegel und eine 512 GByte große NVMe-SSD sind bereits vorinstalliert. Trotzdem ist noch Platz für ein weiteres M.2-Laufwerk und ein zweites DDR4-RAM-Modul. Die SSD ist eine Samsung MZVLW512 alias PM961, die über NVMe gerade im sequenziellen Lesen mit 1,4 GByte pro Sekunde recht schnell ist. Im sequenziellen Schreiben erreicht sie 1,38 GByte pro Sekunde.

Modulare Bauweise für bessere Reparatur und Wartung

Obwohl es nicht ratsam ist, eine 95-Watt-CPU in den Sockel zu stecken, können defekte Komponenten jederzeit durch neue ausgetauscht werden. Für Systemadministratoren in Unternehmen ist das ein wichtiges Argument für die kleine Thinkstation. Ein netter Bonus ist, dass der Netzteilstecker mit Lenovo Thinkpads kompatibel ist. Sie lassen sich mit dem großen Netzteil der Thinkstation aufladen. Umgedreht funktioniert das jedoch nicht. Der Desktop erkennt, dass die verfügbare Leistung nicht ausreicht, und fährt gar nicht erst hoch. Der Nutzer erkennt das durch einen lauten Piepton nach dem Anschalten.

Unserem Testmuster liegen eine Maus und eine Tastatur bei. Das erleichtert die Arbeit des Admins sehr, da alle benötigten Teile bereits mitgeliefert werden. Die optische Maus liegt gut in der Hand und funktioniert gut. Sie ist mit ihren drei Tasten für Büroarbeiten gedacht. Das Gleiche gilt für die mitgelieferte Fullsize-Tastatur. Sie hat große Tastenkappen mit aufgedruckten Symbolen. Unter den Tasten befinden sich Rubberdome-Schalter. Dementsprechend ist das Tippgefühl nicht außergewöhnlich gut. Der Tastenanschlag ist ziemlich hart und beim Tippen von längeren Texten daher etwas anstrengend. Für einen Aufpreis von etwa 50 Euro für beide Produkte erwarten wir aber auch nicht viel.

Ebenfalls enthalten sind die zwei Vesa-Halterungen, mit denen der Computer an Wänden, unter Tischen oder an der Rückseite des Bildschirms befestigt werden kann. In die kleine Halterung wird das Netzteil geschoben, während die Box selbst in das breitere Blech geschoben und mit den beigelegten Schrauben fixiert wird. Dübel und Schrauben für die Wandmontage sind nicht enthalten.

Guter WLAN-Empfang im Vergleich mit einem Notebook

An die Rückseite der Station kann die externe WLAN-Antenne an die Netzwerkkarte geschraubt werden. Sie ragt sehr auffällig aus dem Gehäuse hervor, was etwas mit dem schicken minimalistischen Design bricht. Dafür leistet die Antenne in unserem Unternehmensnetzwerk eine gute Arbeit.

Dazu haben wir mit der Software Insider Home die Dämpfung des Netzwerks am Client gemessen. Daneben haben wir ein Dell XPS 13 (9360) mit Verbindung in dasselbe Netzwerk gestellt. Das Ergebnis: Während das Signal an der Thinkstation mit -50 dBm sehr gut empfangen wird, ist es am Notebook um etwa 10 dBm schlechter. Die WLAN-Verbindung ist also durchaus eine gute Alternative zum kabelgebundenen Gigabit-Ethernet, vor allem wenn die Box an der Wand oder unter einem Tisch angebracht ist.

Verfügbarkeit und Fazit

Die Thinkstation P320 Tiny gibt es in vielen Versionen. Unsere Konfiguration kostet etwa 1.500 Euro und beinhaltet die Box mit Core i7-7700T, 512-GByte-SSD und 16 GByte RAM. Dazu kommen die Vesa-Halterungen und die Maus-Tastatur-Kombination. Die Grundkonfiguration mit 6 GByte RAM und Core-i3-Prozessor ohne Zubehör kostet etwa 950 Euro. Die Box hat immer eine dedizierte Quadro-P600-Grafikkarte integriert. Außerdem hat sie drei Jahre Herstellergarantie, die ab der Ersteinrichtung läuft.

Fazit

Klein, aber fein - das trifft auch auf die Thinkstation P320 Tiny zu. Lenovo schafft es, in ein sehr kompaktes Gehäuse einen leistungsfähigen Computer zu bauen. Er hat genug Leistungsreserven für Büroarbeiten, Multitasking und sogar einige Spiele. Bei leichter Last ist er kaum hörbar.

Das System kämpft jedoch mit einer mäßigen Lüftersteuerung, die gerade in Spielen die CPU zum Heruntertakten zwingt. Dadurch stockt das gesamte System in regelmäßigen Abständen. Im Bios können wir das Lüfterprofil umstellen, wodurch die Komponenten wesentlich effizienter gekühlt werden. Der kleine 60-mm-Lüfter dreht jedoch unter Last trotzdem sehr schnell und laut, da er die Grafikkarte und den Prozessor kühlen muss.

Viel mehr können wir an dem kleinen System aber nicht bemängeln. Im Gegenteil: Für IT-Administratoren in Unternehmen ist es durch die modulare Bauweise sehr einfach zu warten. Hier ist nichts fest verlötet, sondern wie bei einem normalen PC jederzeit austauschbar. Das Netzteil kann sogar mit Lenovo-Thinkpad-Notebooks verwendet werden.

Dazu kommt, dass Lenovo für den Computer eine große Anzahl an Zubehör mitliefert. Unser Testmuster enthält Vesa-Halterungen, einen Stahldraht gegen Diebstahl und eine Maus-Tastatur-Kombo. Damit kann das System im Auslieferungszustand bereits verwendet werden, was gerade bei Ersteinrichtungen von großen Büros vorteilhaft ist.

Definitiv ein Höhepunkt ist die Möglichkeit, die Thinkstation an sechs Monitoren gleichzeitig zu betreiben. Dadurch können wir uns die Box auch als Heimkinosystem oder für Programmierer mit hohem Bedarf an Platz auf dem Desktop vorstellen. Mit der verbauten Hardware hat der PC dafür auch definitiv genug Ressourcen - mit einem extra Slot für mehr RAM und einem Slot für eine zweite M.2-SSD sogar noch Raum für mehr Leistung.  (on)


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